Samstag, 31. März 2012

(Ich habe nachgedacht).

Ist dort draußen etwas? Jemand? Dann erzähle ihm von dieser Welt. Die Einzelheiten. Über die Kühlschränke zum Beispiel, und dass sie Gefrierfächer haben; aber früher, vor 35 Jahren, hatten sie nur so kleine Boxen für Eiswürfel. Dass man damals keine Tiefkühlpizza in diese Eiswürfelfächer hinein legen konnte, aber dass das nicht schlimm war, denn die erste Tiefkühlpizza (von Dr Oetker) kam viel später (in den 70er Jahren) auf den Markt (Salami).
Erzähl von den Glasplatten im unteren Bereich des Kühlschranks, auf denen die Wurst und das Fleisch tiefer gekühlt wurden, weil Glas die Kälte besser aufnimmt und hält als Plastik. Erzähl von der winzigen Glühbirne, die erst anging, wenn man die Kühlschranktür öffnete.
Erzähl von der Kühlschranktür, und wie sie bei den alten Geräten einrastete, und darüber wie die Eltern immer die Kinder ermahnten: Niemals, niemals, sollst du dich in den Kühlschrank setzen, denn dann geht die Tür versehentlich zu, und von Innen bekommst du sie nie wieder auf. Und dann...

... dann musst du ersticken. (Tote Kinder, aber, nein, sie leben noch alle. Sie sitzen auf den Kühlschränken von Bosch und Siemens. Sie hören der elektrischen Kaffeemühle zu. Orange und sehr laut).

Erzähl den Ausserirdischen von den Kühlschränken.

*

Ich habe mir gerade vorgestellt, Max Brod hätte seine Pflicht getan, und ich wäre heute, in einer Flohmarktkiste, auf das dünne Büchlein eines obskuren Schriftstellers gestoßen: "Betrachtung". Ach, und da, unter dem Uta-Danella-Schmöker liegt ja noch eins. Wie heißt denn das? "Die Verwandlung"? Ganz hübscher Titel, ich glaub, das nehm ich auch noch mit. Was kosten die zusammen? Ach, jedes Buch nur 50 Cent? Hamse noch mehr von dem hier? Kafka? Keine Ahnung, nie gehört. Dahinten, bei den Groschenheften liegt vielleicht noch eins? Na, dann will ich mal nachsehen. Ich hab gerade in dieses hier reingeblättert (hält "Die Verwandlung" hoch) - liest sich ganz interessant. Ja. Ah, danke fürs Raussuchen. Mh, "Ein Hungerkünstler". Das ist aber arg angeschmutzt, und der Rücken ist halb abgeplatzt. Ach, das ist ja nett. Drei für einen Euro.
Ja, gerne.
Ach, und hamse ne Plastiktüte, es fängt gleich an zu regnen.

Nebenbei: blättert man durch die Seiten von ebay, oder wühlt in den realen Flohmarktkisten, bekommt man massive Depressionen: selbst mir sind mehr als 90 % der Autoren völlig unbekannt. Lebenswerke, Bände um Bände, damals jedes einzelne Buch mit dem Lohn von drei Stunden Arbeit bezahlt, jedes einzelne Buch: Altpapier.
Geradezu rührend, wie manch uninformierter Mensch im Internet seine Schiller-Gesamtausgabe von 1977 (Buchclubausgabe; immerhin gab´s für die Mitgliedschaft ein Telespiel mit PONG und SQUASH) für schlappe 50 Euro feil bietet. Lachhaft und eben auch rührend. Altpapier.
Keine neue Erkenntnis, aber nichtsdestotrotz frustrierend.

Das erste Buch vom Franzl ("Betrachtung") verkaufte sich so schlecht, dass die Erstausgabe noch zwölf Jahre nach Druck zu haben war. Die Auflagenhöhe war 500 Exemplare. Franzl hatte also weniger als 50 Stück im Jahr verkauft. --- Und jetzt gefällt das mehr als 500.000 Leuten bei Facebook - ihr sollt nicht Kafka mögen, ihr sollt zeitgenössische, ernste Literatur kaufen. Herrgottnochmal.

Der Hl. Franz von Generali


(Und nun lese ich gerade, dass Kafka die Lasker-Schüler nicht ausstehen konnte, weder als Person, noch als Dichterin. Zitat von Franz: "Ich kann ihre Gedichte nicht leiden".
Mir ja auch immer ein völliges Rätsel geblieben, warum fast alle die Else gut finden. Nicht nur das halbgebildete Lehrer-Publikum (und ähnliche Mollusken), sondern größtenteils auch die zeitgenössischen Dichter. Ich höre immer wieder den einen oder die andere schwärmen. In Wirklichkeit sind Else Lasker-Schülers Zeilen aber: ein selbstgefälliges, sich blähendes, mit falschen Gefühlen überzuckertes Geschreibe. Kindisch, pseudoexotisch, wenig ernsthaft oder tiefgründig.
Leichte Kost für die Art von Massen, die nach den bohemehaften, exaltierten Dichtern sucht.)


*

Stattdessen die Vita des Herrn Kafkas ab dem Jahre 1922:

Nachdem im Dezember 1922 an der Charité in Berlin das Penicillin durch Alfred Grotjahn entdeckt wurde, begab sich Franz Kafka dort unverzüglich in Behandlung. Im Zeitraum der Therapie lebte Kafka mit seiner Freundin Dora Diamant in der Grunewaldstraße 13 (Steglitz).
Nach seiner vollständigen Genesung zog er zurück zu seinen Eltern nach Prag. Da er dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen war, arbeitete er nur noch halbtags in der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt und konzentrierte sich auf sein Schreiben. 1930 erschien dann sein achtzigseitiger Kurzroman "Vor der Verhandlung" bei Ernst Rowohlt Berlin.
Im darauf folgenden Jahr zog Kafka, nach dem Tod seines Vaters, erneut nach Berlin, wo er sich auch seiner ehemaligen Geliebten Dora Diamant wieder annäherte. Die nächsten Monate wohnten die beiden in der Cranachstraße 5 in Neu-Friedenau, bevor sie sich gemeinsam mit Kafkas Freund Max Brod nach Palästina einschifften. Dieser Entschluss wurde nicht zuletzt durch den erstarkenden Antisemitismus in der Reichshauptstadt begünstigt.
In Palästina angekommen, lebten die Drei die Zeit bis zum Kriegsausbruch in dem Kibbuz Bet Sera. Kafka arbeitete nebenher als Filmkritiker für deutsche Emigrantenzeitungen und veröffentlichte 1939 - fünf Tage vor Kriegsausbruch - sein Hauptwerk, den mehr als achthundert Seiten zählenden Roman "Das Schloss" in dem kleinen Tel Aviver Verlag Salman Schocken.
1943 trennte sich Kafka von Dora Diamant und zog nach Jerusalem, wo er bis 1947 die Zeitschrift "Stern und Siegel" herausgab, die eine der wichtigsten Publikationsorte für deutschsprachige Schriftsteller in der Emigration wurde. Zugleich versank Kafka in tiefe Depressionen, da er über den Verbleib seiner Familie nichts heraus finden konnte. Erst 1946 erfuhr er über Max Brod, dass alle seine drei Schwestern in der Todesmaschinerie der Nazis umgekommen waren.
Seinen Schwestern setzte er daraufhin ein Denkmal mit dem legendären Spätwerk "Schattenlabyrinth", das Kafka in den Jahren bis 1954 schrieb, und das nach langer Verlagssuche 1957 bei Hanser in München erschien. Das Buch wurde der Überraschungserfolg der Frankfurter Buchmesse 1957, und Kafka wurde in allen großen Kulturbeilagen eingehend und begeistert als die Wiederentdeckung des Jahrzehnts besprochen.
Nicht zuletzt diese späte Anerkennung bewog den mittlerweile 74jährigen nach Europa zurückzukehren. Er wohnte die letzten Jahre seines Lebens im Münchener Stadtteil Grunwald in einer Einlieger-Wohnung der Villa eines wohlhabenden Bekannten.
1962 veröffentlichte Kafka einen letzten Band mit vier späten Erzählungen, und im selben Jahr schrieb er für die FAZ die erste deutschsprachige Kritik über eine Popgruppe, die den Namen "The Beatles" trug.
Franz Kafka starb im Alter von 81 Jahren am 1. Februar 1964 in München.
In seinem Nachlass fand sich kein einziges unveröffentlichtes Manuskript.

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