Mittwoch, 6. Juni 2012

(Den ganzen Tag an der Georg-Heym-Anthologie gesessen, die wirklich gut wird und sich vermutlich, leider, leider, wie andere Anthologien mit Gedichten - so sie nicht den Herbst oder das Meer thematisieren - mehr als schlecht verkaufen wird. Aber wir werden sehen).

Wenn man den Namen Nicolas Berggruen bei Google eingibt, findet man meinen Blog bereits auf Seite Drei. Unfassbar, dabei wird doch nicht gerade wenig über den Mann berichtet.
Seite Drei also; vielleicht liest er den Eintrag ja doch irgendwann einmal und schickt einen rettenden Boten, mit einem Scheck über 50.000 Golddukaten, unterschrieben von ihm, von Nicolas Berggruen (ich muss diesen Namen nur häufig genug schreiben, damit die Verbotene Zone noch weiter nach oben rutscht im Page-ranking; und eines Tages...)
Eines Tages dann, sitzt Nicolas Bergruen in seinem Privatjet, sein Notebook auf den Knien - ein speziell für ihn angefertigtes Notebook, mit E-Ink-Bildschirm und rot schimmernder Tastatur - und googelt wieder einmal seinen eigenen Namen: Nicolas Berggruen.
Er macht das bestimmt täglich, denn er wird doch wohl eitel genug sein, der hübsche Zen-Kapitalist.

In meinen Träumen bin ich schon bei ihm gewesen, in seiner Gulfstream IV, und er hat mich herzlich begrüßt, ein Glas mit Bionade gereicht (Hollunder mit in der Flüßigkeit schwebendem Goldstaub), und dann führte er mich durch sein Reich über den Wolken:

Gleich vorne, hinter dem Durchgang zum Cockpit und dem Aufenthaltsraum der Besatzung (weiteres Personal war nicht zu bemerken, Berggruen schien keinen großen Wert auf unnötigen Luxus zu legen), öffnete sich der Salon, in dem seidenbestickte Kissen sich um einen niedrigen Tisch gruppierten. Auf dem Tisch standen zwei riesige Wasserpfeifen, und von der Kabinendecke hingen sowohl samtne Tröddeln, als auch Sauerstoffmasken, in die jemand stark duftende Orchideen gesteckt hatte.
Mehrere große E-Book-Monitore hingen zwischen den Sichtluken, durch die orange getönt die Sonne herein schien, und dem Salon eine heitere Atmosphäre verlieh. Winzige, leicht bekleidete Elfen tanzten zwischen den Sonnenstrahlen, und Nicolas Berggruen verriet mir all ihre Namen.

Seine Schlafgemächer zeigte er mir leider nicht, das wäre wohl zu intim gewesen, aber hinter dem Wohnbereich war eine kleine Sternwarte in den Flugzeugrumpf integriert, ein schwenkbares 8-Zoll-Fernrohr, mit dem er, so erklärte er es mir, in den einsamen Nächten die Venus observierte, oder den Mars.

Im hinteren Teil gab es das Badezimmer, in dem ein Plexiglasboden eingelassen war, und in dem wiederum eine durchsichtige Wanne. Er lud mich ein, ein kurzes Bad zu nehmen, was ich auch tat, und zwischen meinen Beinen konnte ich die Wolkendecke sehen, die an einigen Stellen aufgerissen war und den Blick freigab auf eine winzige Welt aus grünen und braunen Flecken, ein Erd-Mandala.
Wenn die Menschen unten auf den Dächern (auf denen sie krumm und windzerzaust standen, wie die Sterndeuter), wenn sie also Teleskope gehabt hätten (so wie wir hier oben), wäre es ihnen möglich gewesen, meinen Arsch zu sehen, hinter dem Plexiglas der Wanne.

Nach dem erfrischenden Bad (das Wasser war mit Gänseblümchen-Öl aromatisiert gewesen), führte mich Nicolas Berggruen in das Heck der Maschine. Dort waren zwei würfelförmige, kaum drei kubikmeter große Kammern eingelassen, in denen er, so sagte es mir Nicolas Berggruen, meditieren würde, über die Welt und über den Kapitalismus (und manchmal auch über Gedichte und über die armen, verarmten Dichter). Die eine Box war vollständig mit Spiegeln ausgekleidet, so dass man sich selbst dort verfielfacht sah, die andere mit schwarzem Samt ausgeschlagen, so dass man sich dort verfielfacht wahrnahm. Nur das entfernte Heulen der Düsenmotoren störte ein wenig die Konzentration, aber Berggruen versicherte, das würde er wegmeditieren.

Natürlich erwachte ich, bevor ich mich verabschieden konnte, und rannte sofort zum Briefkasten hin, um nach der Depesche des rettenden Boten zu schauen. Aber da war nichts, nur Rechnungen und eine Aufforderung vom Jobcenter, mich zur Verfügung zu stellen. Enttäuschend. Wirklich enttäuschend, Herr Nicolas Berggruen.




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