Sonntag, 17. Juni 2012

Auf Wolken, ich lief auf Wolken. Und in mir floss der Sonnenschein durch alle meine dünnen Adern.
Ich war gerade dreizehn Jahre alt geworden, als ich zum ersten Mal Haschisch rauchte, in einem Treppenhaus, zusammen mit Joe und noch einem anderen Freund. Wir waren auf dem Weg zu einem Rollenspielabend, und wir waren sehr junge Kiffer.
Das war eine Zwischenzeit. Die Playmobilsammlung war verkauft (das Geld in einen Grundig-Radiorecorder angelegt, der noch heute neben meinem Bett steht, und mit dem ich zur Nacht ab und an Kulturradio oder den Deutschlandfunk höre), auch die Star-Wars-Figuren standen eingemottet im Schrank, aber ich spielte noch leidenschaftlich gerne Fantasy-Rollenspiele, vor allem das erste deutsche Spielsystem "Midgard" - lange Jahre lief ich in Gestalt eines Barden durch finstere Verliese, umringt von Ghouls und Drachen, auf der Suche nach Gold und Zaubertränken. Der Barde hieß Atrun, soweit ich mich entsinnen kann.
Die Ex-Wunderkinder um Joe (und mich) trafen sich auf dem Speicher seines großelterlichen Hauses, denn dort hatten wir Raum und Ruhe. Joe hatte aus Sperrmüll einen Hochsitz gebaut, der sicherlich fünf oder sechs Quadratmeter maß, und auf dem wir lagerten, hingestreckt auf alte, staubige Matratzen, überdacht von vergilbten Laken und Stoffen.
Dort spielten wir Haschen im virtuellen Mittelalter des "Schwarzen Auges" oder in der Vorzeit des "Dungeon and Dragons". Und kifften dabei. Und hörten Ougenweide.
Ougenweide hatte ich mitgebracht. In der Jugendbibliothek im Prinz-Max-Palais hatte ich sie entdeckt, dort gab es ein Regal mit Musikkassetten, die man nach Hause ausleihen konnte, im Gegensatz zu den Schallplatten, die nur vor Ort gehört werden durften, damit sie pfleglich behandelt wurden. Die ersten drei Kassetten, die ich auslieh, waren The Velvet Underground (der Bandname gefiel mir), Black Uhuru (mein großer Bruder hörte Punk und Reggae zu der Zeit) und eben das "Liederbuch" von Ougenweide, auch da weckte der Name meine Neugier.
Auf dieser Platte hörte ich zum ersten Mal ein Gedicht von Walter von der Vogelweide, durch diese Gruppe begriff ich zum ersten Mal, dass es auch Musik jenseits von Pop, Rock und Jazz gab. Was für eine Offenbarung: das Mittelalter schien sich ganz anders anzuhören (jedenfalls hielt ich mit dreizehn das, was ich dort hörte, für Musik des Mittelalters). Was ich damals noch nicht wusste war: auch die Musik auf dieser einen anderen Kassette, das Viola-Dröhnen der Velvet Underground ging zurück auf die Estampies der Trouveres. Erst mit Anfang zwanzig wurde mir die Traditionslinie klar - Conon de Béthune (und andere Trouveres des 13ten Jahrhunderts), Erik Satie, John Cage, La Monte Young, John Cale, The Velvet Underground!

Später, als ich mir auch das Kiffen abgewöhnt hatte, hörte ich die Orginale, die Ensembles, die die Musik des Mittelalters historisch informiert spielten. "Studio der frühen Musik", "Sequentia", "Hesperion XX" und viele andere. Aber noch immer höre ich ab und an gerne die Musik von Ougenweide. Und eines der liebsten Stücke war mir immer: "Ouwe" (das mit dem Vogelweide-Text).



(Und nachgedichtet habe ich das Gedicht später dann ja auch noch):

"Owê war sint verswunden alliu mîniu jâr!"
O Weh, wohin sind verschwunden all meine Jahr
träumte mir mein Leben, oder ist es wahr
Was ich wähnte, dass es wäre, ist es Wirklichkeit
habe ich geschlafen, verschlafen all die Zeit
Nun bin ich wach, es ist mir gänzlich unbekannt
was mir vertraut war, so wie die eigne Hand
Meiner Kindheit Land: dort ward ich aufgezogen
all das ist mir nun fremd, als wäre es erlogen
die Kinder die ich kannte, sind träge jetzt und alt
Verödet ist das Feld, zerhauen ist der Wald
Wenn nicht das Wasser flösse, wie es schon damals floß
dann wäre ich mir sicher, mein Unglück wäre groß
Der mich einst bestens kannte, grüßt lässig nun und träge
mit Mißgunst sind gepflastert alle meine Wege
So denke ich an manchen freudenvollen Tag
entfallen ist er mir, ins Wasser geht der Schlag
O Weh jetzt immer mehr

O Weh, wie jämmerlich die jungen Leute sind
vormals war´n sie so frohgemut, wie heute nur ein Kind
jetzt kennen sie nur Sorgen, ich frage mich wieso
wohin ich nun auch schaue, es scheint mir keiner froh
Das Tanzen und das Singen vergehn in Sorgen gar
nie hat ein Christ gesehen so jämmerliche Jahr
Schaut hin, wie all den Frauen ihr Haarkranz steht
und jeder stolze Ritter in Bauernlumpen geht
Unsanfte Briefe, die man aus Rom uns sendet
sind nur zum Trauern gut und gegen Freud gewendet
das schmerzt mich inniglich (wir lebten einst recht wohl)
dass ich nun für mein Lachen das Weinen tauschen soll
Die Vögel in der Wildnis stehn stumm vor unsrer Klage
Wen wunderts, dass ich an den Freuden schier verzage
was sprech ich dumpfer Mann in meinem bösen Zorn
wer diesem Leben folgt, hat´s andere schon verloren
O Weh jetzt immer mehr

O Weh, wie Süße hier vergiftet unser Leben
im Honig sehe ich die bittre Galle schweben
Die Welt ist außen schön: weiß, grün und rot
und innen ist sie schwarz, so finstern wie der Tod
Wen sie verführte, der sehe seine Tröstung
geringe Büße schon bringt gänzliche Erlösung
Bedenkt es, Ritter, das ist euer Ding
ihr tragt den goldnen Helm und manchen Rüstungsring
dazu das feste Schild und das geweihte Schwert
Hilf Gott, dass ich auch sei des großen Segens wert
So will ich armer Mann verdienen reichen Sold
doch mein ich nicht der Höfe und nicht der Herren Gold
Der Seligkeiten Krone will ich nun ewig tragen
die konnt ein Legionär einst mit dem Speer erjagen
Könnt ich die Kreuzfahrt machen übers Meer
so würde ich dann singen: nimmer mehr
dann nimmer mehr o Weh


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