Molekulare Gedichte:
Samstag, 19. Juli 2014
Mittwoch, 12. März 2014
Schwierig natürlich ganz und GAR (augekocht) ohne Filter zu schreiben, Gitane aller Schriftsteller (Fallensteller, Fuß in der Angel, bang wird mir ganz und gar dabei. Gans im Kochtopf. Hopp, hopp, rein ins kalte Wasser, gekocht wirst du bei 0 Grad Kelvin. Graduell ist das natürlich in erster Linie (auf dem Strich, du Nutte zu Literatur - © Rinck) ein Duell mit dem eigenen Kopfe ... wer wird siegen? Über- oder Unter-Ich. ES schreit geradezu nach einer wertigen, offenen und offenbaren Selbstdarstellung (Schauspieler-Sohn bist Schausteller geworden - Junger Mann zum Mitreisen gesucht. Nur zu alt dafür jetzt). Aber es ist natürlich ein KILLER, all die Gedanken (FETZEN, MUS) herauszuposaunen, tirilieren, abrasieren (Schweineborsten (wo kommt das jetzt her?), in einem Pinsel zusammengefasst, der ja ein grobes Bild (Tuschkasten, vielleicht auch ein Tusch von der Zirkuskapelle des LITbetriebs) pinseln könnte).
Aber die NAMEN der engsten Facebook-Kollegen (das Hirn mit Collagen aufgespritzt - ihres oder meines, das ist nicht so ganz klar) nennen? SELBSTzerstörung kann so lustig sein. Prustend sitze ich im Bett (auf dem Bett, im kann man nur liegen. Wobei, ich liege ja halb, halb zog es mich nieder (BÖSE Menschen haben keine Lieder), und draußen noch immer Licht, vor zwei Monaten war es noch dunkel, ich in DEPRESSionen sitzengelassen von meinem mir wenig wohlwollenden Selbst. FRÜHLINGSMANIE, nie habe ich dich vergessen, nun schlägst du wieder aus. RAUS aus dem Haus komme ich bald, im Schneckentempo (die Gelenke schmerzen, das Alter, ach, es schreitet, wie zu einer Pavane von LULLY)
Aber wirklich die NAMEN nennen, die ja im Kopf ungefällig umhergemurmelt werden, wie Murmeln, wie ein Murmeln. (GLASauge, Tigerauge, Halbedelstein - sei wachsam, das innere AUGE wacht, habt acht, wohl dem der hier noch FREUNDE hat). Auf FACEBOOK derweil wieder Kommentare der sinnlosesten Sorte. Alles fokusiert sich auf Leipzig, auf den zukünftig bepreisten NeulingsMITTELgroßschriftsteller. Weh, o weh, wohin sind verschwunden all meine WAREN, sinds die Bücher die noch unter den ARGUS-Augen der Entscheider dumm herumliegen, der Entscheider, die entschieden in andere Richtungen schauen.
Und wenn ich dann NAMEN nennen würde, wären die entschiedenen, die entscheidenden Blicke nicht vollends von den weisen Augendeckeln überklappt und abgeschirmt? (Sex, Eindrücke von Alltagsgeräuschen, SOUNDS, der Computer surrt leise, vor dem inneren Auge jetzt nichts, stattdessen vor dem äußeren: meine Hände, ausgedort vom Winter, überraschend faltig. Doch wenn ich die Brille ablege, dann ist alles wieder GUT. (Mechanisches Abschließen der Vorgänge. Nach Diktat dick vermilchreist. 80er-Schock, Jahre später, Werbepause, aus).
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Aber die NAMEN der engsten Facebook-Kollegen (das Hirn mit Collagen aufgespritzt - ihres oder meines, das ist nicht so ganz klar) nennen? SELBSTzerstörung kann so lustig sein. Prustend sitze ich im Bett (auf dem Bett, im kann man nur liegen. Wobei, ich liege ja halb, halb zog es mich nieder (BÖSE Menschen haben keine Lieder), und draußen noch immer Licht, vor zwei Monaten war es noch dunkel, ich in DEPRESSionen sitzengelassen von meinem mir wenig wohlwollenden Selbst. FRÜHLINGSMANIE, nie habe ich dich vergessen, nun schlägst du wieder aus. RAUS aus dem Haus komme ich bald, im Schneckentempo (die Gelenke schmerzen, das Alter, ach, es schreitet, wie zu einer Pavane von LULLY)
Aber wirklich die NAMEN nennen, die ja im Kopf ungefällig umhergemurmelt werden, wie Murmeln, wie ein Murmeln. (GLASauge, Tigerauge, Halbedelstein - sei wachsam, das innere AUGE wacht, habt acht, wohl dem der hier noch FREUNDE hat). Auf FACEBOOK derweil wieder Kommentare der sinnlosesten Sorte. Alles fokusiert sich auf Leipzig, auf den zukünftig bepreisten NeulingsMITTELgroßschriftsteller. Weh, o weh, wohin sind verschwunden all meine WAREN, sinds die Bücher die noch unter den ARGUS-Augen der Entscheider dumm herumliegen, der Entscheider, die entschieden in andere Richtungen schauen.
Und wenn ich dann NAMEN nennen würde, wären die entschiedenen, die entscheidenden Blicke nicht vollends von den weisen Augendeckeln überklappt und abgeschirmt? (Sex, Eindrücke von Alltagsgeräuschen, SOUNDS, der Computer surrt leise, vor dem inneren Auge jetzt nichts, stattdessen vor dem äußeren: meine Hände, ausgedort vom Winter, überraschend faltig. Doch wenn ich die Brille ablege, dann ist alles wieder GUT. (Mechanisches Abschließen der Vorgänge. Nach Diktat dick vermilchreist. 80er-Schock, Jahre später, Werbepause, aus).
| Collagen Doppelhelix |
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- SCHNITT -
GOPHER-SPACE.
Wenn das Internet nicht von dem WWW getüncht worden wäre, sondern von Gopher, in welchem Space würden wir uns jetzt bewegen?
Geld spielt keine Rolle. Aber Geld spielt eine Rolle. Aufgerollt die Möglichkeiten des BTX, Minitel etc pp. (Draußen im Hof kippt das Licht langsam hinter den Dachfirst). Ein Telefon von LOEWE vor mir auf dem Tisch (Tee, stark gesüßt. Mittelmäßiger Schweißausbruch lässt mich müffeln. Keine Zeit zum Duschen). Loewe, eine Firma, die es vermutlich auch nicht mehr gibt. Oder liegt das nur an meinen eingeschränkten Weltwahnnehmungen, an der fernsehlosigkeit, realitätsblödigkeit, der vergangenen Jahre, die so unregelmäßig als einzelne, aufgeteilte Streams sich in meinem TV-Kopf voneinander wegbewegen, wieder zusammentrudeln, sich aber nie mehr nicht vollständig berühren. So dass eine Erinnerung an das Jahr 2005 schon endlos lange zurückliegt, hingegen eine andere aus dem selben Jahr sich aus kürzester zeitlicher Distanz nähert. Zack.
(Zug aus der E-Zigarette, Autogeräusche draußen, Fensterrahmen, schon fast ikonenhaft oft fotografiert von mir, in den letzten Jahren, Zeit-Clustern. Lewitscharoffs missgünstiges Hausfrauengesicht nun vor dem inneren Auge (DAS INNERE AUGE - eine gänzlich lasche Selbstüberwachung. Spiegelung an die leere Leere vor mir, Luftleinwand. Aber doch recht konsistent diese grellroten Lippen der Lewitscharoff, grell, ungut - und dieser Löwe in ihrem Roman natürlich ein blödes Bild für nichts Wesentliches, eine fade Metapher, ausgewalzt zur Freude des überwiegend dümmlichen Feuilletons, das ja jetzt empört zurückrudert in seiner Weihrächerung der Mittelgroßschriftstellerin, die nun, Überraschung, Überraschung, all die Nichtigkeit ihres Vorstellungsdenkens auf ein weniger goutierbares Thema als Löwen gelenkt hat) - (Wieviele Klammern muss ich an dieser Stelle des Textes schließen?) ))) )))
Und immer diese ZEITNOT. Dem Sterben forsch entgegengeschritten. Ha, Hallo, da is er ja, kann ihn schon sehen, mit dem übergroßen Fernglas der Imagination. Aber weit weg noch eigentlich, noch nicht auf den Weg gemacht hat er sich.
Da hilft nur noch BACH. All dieser TechnikMüll auf dem Wohnzimmertisch (den ich als Schreibtisch nutze, seit ich nicht mehr rauche, und also die Wohnung volldampfen kann, mit meiner merkwürdigen E-Zigarette). Müll, der jetzt noch weltbewegend zu sein hat, mir aber, natürlich, natürlich, wir sind ja Empfindsam, für einen kurzen Moment die Sehnsucht, Sehnensucht, Muskelsucht (aufgehängt an Bogensehnen oder Klaviersaiten, oder Darmsaiten der Gitarre, die drüben, im Zimmer nebenan, ein staubiges Dasein fristet (Hey, ich könnte noch mal Lieder erbrüten, Rochstar werden, endlich Geld verdienen, mich lächerlich machen) nach allumfassender, landschaftshinterlegter, milde natureller Ruhe eingibt.
Aber das ist natürlich Schwachsinn. Das INTERNET muss ja am Laufen gehalten werden. BLOG BLOG. Ein Meckern wie von einer Ziege in mir.
Auch ein Neuananfang kann eine Niederlage sein. Eine Biederlage. Befindlichkeit: Null. Befremdlichkeit: Eins.
(Ich geh jetzt das GOPHER-Netz suchen. Vielleicht kann ich es mit dem Loewe-Telefon von 1991 erkoppeln ... ?)))
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Samstag, 8. Februar 2014
Freitag, 7. Februar 2014
(Kafka betritt das Behandlungszimmer.
Benn schaut flüchtig von seinem Schreibtisch zu ihm rüber).
Benn: Etwas Venerisches, nehme
ich an?
Kafka: Nein, Herr Doktor, nur
das Gemüt.
Benn: Ah ja. Aber wieso kommen
sie dann zu mir? Ich bin kein Nervenarzt.
Kafka: Es hieß, sie könnten
etwas verschreiben.
Benn: Sind sie mir denn
empfohlen worden?
Kafka: Ja, von Brod. Max Brod.
Kafka: Ja, von Brod. Max Brod.
Benn: Ah ja. Und wie war doch
gleich ihr Name?
Kafka: Kafka, Franz Kafka.
Benn: Kafka also. Mh. Tscheche,
nehme ich an. Ich kenn den Namen. Sind sie nicht auch Schriftsteller?
Wie dieser Brod?
Kafka: Nein, nicht in erster
Linie.
Benn: Doch, doch, sie haben bei
Wolff veröffentlicht. Jetzt hab ich's wieder. Irgendwas
merkwürdiges. Ich erinnere mich nicht an den Titel. - Insekten, oder
dergleichen.
Kafka: Nur eine unbedeutende
Arbeit.
Benn: Ja, ist unser aller Arbeit
nicht unbedeutend?
Kafka: Ich fand ihre Gedichte
bemerkenswert. Ich habe sie unlängst in den Weißen Heften gelesen.
Benn: Wie auch immer. Genug
davon. Was möchten sie denn verschrieben haben? Preludin?
Kafka: Nein, man hat mir
Pyramidon empfohlen.
Benn: Ah, eine interessante
Wahl. (Schreibt ein Rezept). Sagen sie, kennen sie nicht auch diesen
Meyrink? Gustav Meyrink? Sind sie mit dem nicht bekannt? Der ist doch
auch aus Prag.
Kafka: Nein, tut mir leid.
Benn: Ich meine, weil der auch
aus Prag ist und so ähnliche Sachen schreibt wie sie. Auch so
phantastische Geschichten.
Kafka: Ich glaube nicht.
Eigentlich sehe ich da überhaupt keine Ähnlichkeit.
Benn: Nun ja, wie auch immer.
Meine Frau liest den recht gerne. (Reicht ihm das Rezept). So, das
wäre das. (Erhebt sich). Sagen sie, was führt sie nach Berlin?
Kafka: Meine Frau, meine
zukünftige Frau.
Benn: Sehr schön. Und was macht
die Arbeit? Neues Buch in Mache?
Kafka: Ja, über einen
Landvermesser. Aber es wird nicht gut. Leider.
Benn: Keine leichte Sache,
dieses Schreiben, finden sie nicht? - Ich habe es mal zu meinem
eigenen Vergnügen durchgerechnet. Mit meinen Gedichten habe ich in
den letzten zehn Jahren Zweimarkfuffzig verdient, im Monat, im
Durchschnitt. Unglaublich blödsinnige Sache. Man weiß ja gar nicht,
warum man sich das Ganze antut. Sagt meine Frau auch. (Geht zum
Tresen, greift sich eine Flasche und zwei Gläser). Einen Cognac? Das
ist doch das Einzige, was einen in Betrieb hält.
Kafka: Ich weiß nicht.
Normalerweise trinke ich keinen Alkohol.
Benn: Einer wird sie schon nicht
umhauen.
Kafka: Ja, vermutlich.
(Beide trinken. Kafka bekommt einen
Hustenanfall).
Benn: Das hört sich aber gar
nicht gut an. Ich bin zwar kein Fachmann, aber als Mediziner im
Allgemeinen würde ich ihnen empfehlen, das untersuchen zu lassen.
Kafka: Oh, das ist nichts Neues.
Benn: TB?
Kafka: Ja.
Benn: Dumme Sache.
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Freitag, 24. Januar 2014
Am Insulaner (dem Hügel aus Weltkriegsschutt) befand ich mich heute Nachmittag in einem Brueghel, einem grau gefirnissten Barockgemälde.
Die Kinder schnellten auf ihren Schlitten den verharrschten Hang hinab, eingemummt in dicken Mänteln und Mützen, mit Dampf vor den Mündern, aus denen spitze Schreie der Begeisterung in die einsetzende Dämmerung hallten.
Eine Grisaille. Nur Grautöne waren wahnehmbar. Das feinste Perlgrau der beschneiten Wiese ging über in einen Himmel aus Granit.
Und unter diesem Himmel mein Junge und ich, auf einem Schlitten Marke Davos, mit roten Wangen und leuchtenden Augen; es hätte nicht barocker sein können.
Mit klammen, vor Kälte unter den Nägeln schmerzenden Fingern, zog ich meinen Sohn später durch die Kleingärten, und der Himmel über uns: groß und unwirklich, als wäre schon immer Winter gewesen. Glück könnte man das nennen.
Zu Hause dann fand ich einen großen Briefumschlag auf meinem Schreibtisch, den mir meine Frau hingelegt hatte. (Mein Briefkastenschlüssel schon vor Wochen verschwunden). Und sie selbst hatte sich ebenso hingelegt, zerschlagen von dem täglichen Broterwerb, aber doch auch mit glühend roten Wangen.
Im Briefumschlag eine Aufforderung des Arbeitsamts, der ich Folge zu leisten haben würde (irgendwelche Dokumente würden herbeigeschafft werden müssen), und die mir die Laune verhagelte.
Im Barock wäre ich ein Tagelöhner gewesen, oder würde in Frohn arbeiten, oder wäre bereits verhungert. Aber vielleicht mit mehr Würde.
Ach, im Barock zu leben wäre großartig gewesen. Formidabel, famos.
Der nächtliche Himmel übersät mit Sternen, die Landschaft in ein durchsichtiges Dunkelgrau gehüllt, in der Ferne ein paar Herdfeuer.
Gedichte hatten noch einen Wert, Facebook war noch nicht erfunden (das dieser Tage in einer amerikanischen Studie mit der Beulenpest verglichen wird).
Echtes Essen, direkt im Wald geschosssen (mit den ersten Flinten) oder gesammelt, auf den Feldern mit der Sense geerntet, von den Sträuchern gespflückt. Echtes Essen, wenn auch gelegentlich leicht über dem Mindeshaltbarkeitsdatum.
Keine Autobahnen, keine Windräder, keine Überlandleitungen, Hochspannungs-
masten, Maschendrahtzäune. Und rauchen durfte man in jeder Taverne, wenn auch nur Pfeife (Zigaretten sind ja noch gar nicht erfunden gewesen).
Und Wald! Viel Wald! Dichter Wald! (Mit Wölfen und Räubern).
Beulenpest! Blattern! Lepra! Englischer Schweiß (die mysteriöseste Krankheit der Menschheitsgeschichte).
Keine Antibiotika! Keine Betäubungsmittel außer Alkohol und Tollkirsche.
Ich wäre verreckt an der Meningokokken-Infektion, die mich vor fünf Jahren auf das Krankenlager warf, so wie in seiner Zeit vermutlich Mozart.
Oder ich hätte mir den Darm in einem Leistenbruch eingeklemmt, den ich mir vor drei Jahren operieren ließ (die ersten dieser Operationen wurden vor rund 130 Jahren von Eduardo Bassini durchgeführt). Ein eingeklemmter Darm ist kein Vergnügen; das Gewebe stirbt ab, wird nekrotisch. Man verfault bei lebendigen Leibe, wenn einen die Sepsis nicht vorher dahinrafft. (All die Verblichenen).
Ach, wie liebe ich das 21ste Jahrhundert! Die abgepackten, konservierten Lebensmittel, das elektrische Licht, die Gedichte der Kollegen, Wikipedea! Facebook!
Wenn ich in den Wald, wenn ich Wölfe und Räuber mit meinem Claymore-Schwert zerschlagen will, fahre ich das Notebook hoch und spiele: Vergessen. Oblivion
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Die Kinder schnellten auf ihren Schlitten den verharrschten Hang hinab, eingemummt in dicken Mänteln und Mützen, mit Dampf vor den Mündern, aus denen spitze Schreie der Begeisterung in die einsetzende Dämmerung hallten.
Eine Grisaille. Nur Grautöne waren wahnehmbar. Das feinste Perlgrau der beschneiten Wiese ging über in einen Himmel aus Granit.
Und unter diesem Himmel mein Junge und ich, auf einem Schlitten Marke Davos, mit roten Wangen und leuchtenden Augen; es hätte nicht barocker sein können.
Mit klammen, vor Kälte unter den Nägeln schmerzenden Fingern, zog ich meinen Sohn später durch die Kleingärten, und der Himmel über uns: groß und unwirklich, als wäre schon immer Winter gewesen. Glück könnte man das nennen.
Zu Hause dann fand ich einen großen Briefumschlag auf meinem Schreibtisch, den mir meine Frau hingelegt hatte. (Mein Briefkastenschlüssel schon vor Wochen verschwunden). Und sie selbst hatte sich ebenso hingelegt, zerschlagen von dem täglichen Broterwerb, aber doch auch mit glühend roten Wangen.
Im Briefumschlag eine Aufforderung des Arbeitsamts, der ich Folge zu leisten haben würde (irgendwelche Dokumente würden herbeigeschafft werden müssen), und die mir die Laune verhagelte.
Im Barock wäre ich ein Tagelöhner gewesen, oder würde in Frohn arbeiten, oder wäre bereits verhungert. Aber vielleicht mit mehr Würde.
Ach, im Barock zu leben wäre großartig gewesen. Formidabel, famos.
Der nächtliche Himmel übersät mit Sternen, die Landschaft in ein durchsichtiges Dunkelgrau gehüllt, in der Ferne ein paar Herdfeuer.
Gedichte hatten noch einen Wert, Facebook war noch nicht erfunden (das dieser Tage in einer amerikanischen Studie mit der Beulenpest verglichen wird).
Echtes Essen, direkt im Wald geschosssen (mit den ersten Flinten) oder gesammelt, auf den Feldern mit der Sense geerntet, von den Sträuchern gespflückt. Echtes Essen, wenn auch gelegentlich leicht über dem Mindeshaltbarkeitsdatum.
Keine Autobahnen, keine Windräder, keine Überlandleitungen, Hochspannungs-
masten, Maschendrahtzäune. Und rauchen durfte man in jeder Taverne, wenn auch nur Pfeife (Zigaretten sind ja noch gar nicht erfunden gewesen).
Und Wald! Viel Wald! Dichter Wald! (Mit Wölfen und Räubern).
Beulenpest! Blattern! Lepra! Englischer Schweiß (die mysteriöseste Krankheit der Menschheitsgeschichte).
Keine Antibiotika! Keine Betäubungsmittel außer Alkohol und Tollkirsche.
Ich wäre verreckt an der Meningokokken-Infektion, die mich vor fünf Jahren auf das Krankenlager warf, so wie in seiner Zeit vermutlich Mozart.
Oder ich hätte mir den Darm in einem Leistenbruch eingeklemmt, den ich mir vor drei Jahren operieren ließ (die ersten dieser Operationen wurden vor rund 130 Jahren von Eduardo Bassini durchgeführt). Ein eingeklemmter Darm ist kein Vergnügen; das Gewebe stirbt ab, wird nekrotisch. Man verfault bei lebendigen Leibe, wenn einen die Sepsis nicht vorher dahinrafft. (All die Verblichenen).
Ach, wie liebe ich das 21ste Jahrhundert! Die abgepackten, konservierten Lebensmittel, das elektrische Licht, die Gedichte der Kollegen, Wikipedea! Facebook!
Wenn ich in den Wald, wenn ich Wölfe und Räuber mit meinem Claymore-Schwert zerschlagen will, fahre ich das Notebook hoch und spiele: Vergessen. Oblivion
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| N.N. |
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Mittwoch, 22. Januar 2014
Es gibt Lichtstimmungen, die mich an meine Kindheit erinnern. Aber es ist mir trotzdem ein Rätsel, warum mich gerade dieses hellgraue Winterlicht in die Kindheit bringt, das heute vom frischen Schnee in mein Zimmer reflektiert wird.
Und dieses hohe Zimmer mit dem floralen Stuck des Jugendstils, mit dem Fischgrätparkett und den ägyptisierenden Türklinken erinnert mich ebenfalls vage an meine Vergangenheit, obwohl ich in einer ganz anderen Wohnung großgeworden bin. In den winzigen Räumen eines mittelalterlichen Hauses, in dem eine dunkel gebeizte Barocktreppe in die Hausdiele führte; mit kalten Kammern, in denen die Fenster nach außen hin öffneten. Bei Sturm schlugen die Fensterflügel gegen die Fassade, im Winter waren die Scheiben überzogen von Eisblumen.
Es gibt Bilder in meinem Kopf, die wie Ikonen an meine Schädelwand gehängt sind, aber ich weiß nichts mit ihnen anzufangen. Ein anderes Zimmer erinnere ich, da war die Stirnwand mit einer Phototapete bedeckt, ein tiefgrüner Wald, sonnendurchflutet, spätsommerlich, vielleicht auch schon herbstlich. Da hätte ich reingehen können, denkt das konservierte Kind in mir.
Aber ich bin in diesem Zimmer niemals gewesen. Ich habe jahrelang über diesen Raum nachgedacht. Ich kann mir nicht versichern, dass dieser Raum existierte. Diese Fremdheit.
Draußen vor den Fenstern das Licht in den Hängen der Häuser, der Schnee auf dem ausgeglühten Asphalt.
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Und dieses hohe Zimmer mit dem floralen Stuck des Jugendstils, mit dem Fischgrätparkett und den ägyptisierenden Türklinken erinnert mich ebenfalls vage an meine Vergangenheit, obwohl ich in einer ganz anderen Wohnung großgeworden bin. In den winzigen Räumen eines mittelalterlichen Hauses, in dem eine dunkel gebeizte Barocktreppe in die Hausdiele führte; mit kalten Kammern, in denen die Fenster nach außen hin öffneten. Bei Sturm schlugen die Fensterflügel gegen die Fassade, im Winter waren die Scheiben überzogen von Eisblumen.
Es gibt Bilder in meinem Kopf, die wie Ikonen an meine Schädelwand gehängt sind, aber ich weiß nichts mit ihnen anzufangen. Ein anderes Zimmer erinnere ich, da war die Stirnwand mit einer Phototapete bedeckt, ein tiefgrüner Wald, sonnendurchflutet, spätsommerlich, vielleicht auch schon herbstlich. Da hätte ich reingehen können, denkt das konservierte Kind in mir.
Aber ich bin in diesem Zimmer niemals gewesen. Ich habe jahrelang über diesen Raum nachgedacht. Ich kann mir nicht versichern, dass dieser Raum existierte. Diese Fremdheit.
Draußen vor den Fenstern das Licht in den Hängen der Häuser, der Schnee auf dem ausgeglühten Asphalt.
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Dienstag, 21. Januar 2014
der nepper, der schlepper
ich bin der nepper, der schlepper, der
bauernrapper
ich kill deine kuh im nu. schmu mach
ich niemals
ich bin fieser als das dickste rind,
mein kind
Ich bin der landwirt. den sand wird
keiner beackern
auf den feldern der poesie wird niemand
rackern
ich säe die buchstaben in den boden
doch es wächst keine buche, schon gar
keine oden
darum schlag ich euch mit meinem slam
in die hoden
denn ich schlag gern zu, ich mach
keinen schmu
ich weiß, kein scheiß, ich schreib
die falschen gedichte
ihr wichte. bald drück ich euch den
slam, bäm bäm
mit schwerem schock in eure rockfalten,
ihr alten penner
wie nennt man euch: lyrikkenner? (könnt
ihr behalten)
ich werd euer ich spalten. ihr macht
bald den kalten
ich bin der nepper, der schlepper, der
bauernrapper
ich kill deine kuh im nu. schmu mach
ich niemals
ich bin fieser als das dickste rind,
mein kind
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Werde ich jetzt berühmt, wird die BILD über mich schreiben? Erhält dieses Werk (das ich machte) jetzt auch 3 Millionen KLICKS, wie Julia Engelmanns nachdenkliche POETRY?
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Freitag, 20. Dezember 2013
Anders stand es bei der Lyrik –
sie war auch für Leihbüchereien kein attraktiver
Geschäftsgegenstand, und es blieb den gesamten Zeitraum hindurch
selbstverständlich, daß der Autor den Druck seiner Gedichte
entweder gänzlich selbst bezahlte und dem Verleger gegen einen hohen
Anteil am Erlös den Vertrieb überließ oder doch zumindest die
Hälfte der Druckkosten bestritt. Dieses Verfahren brachte sehr
geringe Auflagen mit sich, für die der Verfasser oft Absatzgarantien
übernehmen mußte: etwa 250 – 500 Exemplare galten als üblich.
(Reinhard Wittmann über
Lyrikproduktion im 19. Jahrhundert in „Buchmarkt und Lektüre im
18. und 19. Jahrhundert“, Tübingen 1982)
Die Schriftstellerei ist gegenwärtig
kein Amt, sondern ein Geschäft, und die freie Concurrenz, das Gesetz
der Natur, wie der ökonomische Liberalismus sie nennt, erzeugt
überall hunderttausend Bettler als Staffage eines einzigen
Millionärs.
(Joseph Lukas in „Die Presse“,
1867)
In der Meinung der „soliden“
Leute sowie der hohen Obrigkeit rangiert er zu den Vagabunden und muß
es sich gefallen lassen, gelegentlich per Schub transportiert zu
werden. Es ist so weit gekommen, daß die Bezeichnung „Literat“
von dem Begriffe der Geringschätzung, der Mißachtung unzertrennlich
ist.
(Karl Weller in „Jahrbuch deutscher
Dichtung“, 1858)
Wenn es einmal dazu kommt, daß die
deutschen Proletarier mit der Bourgeoisie und den übrigen
besitzenden Klassen die Bilanz abschließen, so werden sie es den
Herren Literaten, dieser lumpigsten aller käuflichen Klassen,
vermittelst der Laterne beweisen, inwiefern auch sie Proletarier
sind.
(Friedrich Engels in „Die wahren
Sozialisten“, 1847)
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| Flower power |
Freitag, 13. Dezember 2013
Das war ein legendärer Abend, letzte Woche in der Rumbalotte. Ruhm und Ehre gebührt den drei Dichtern Anderson, Falkner, Papenfuß, die, nach einem Viertel Jahrhundert, zum ersten Mal wieder gemeinsam auf der Bühne standen. Und den Videofilm Kling Kopf Schwingen von einer ihrer Zusammenkünfte in den 80er Jahren zeigten. Recht avantgardistischer Streifen, bei dem man größtenteils Haaransätze und Schultersegmente der Dichter sah, und schlussendlich einen toten Fisch. Was mich etwas unbefriedigt zurückließ.
Doch die Gedichte im Film und auf der Bühne, die Gedichte von damals und heute waren natürlich toll & bemerkenswert.
Der Schankraum war voll und stickig, die Nacht war dunkel, dunkel, dunkel. Alle waren besoffen. Und ich war am nächsten Morgen verkatert wie seit einem viertel Jahrhundert nicht mehr. War eine raue Nacht gewesen.
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Und noch zwei Photos, die Björn am selben Abend aufgenommen hat. Man kann ihn gut im Spiegel erkennen, mit seinem pixelschwachen Smartphone.
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Doch die Gedichte im Film und auf der Bühne, die Gedichte von damals und heute waren natürlich toll & bemerkenswert.
Der Schankraum war voll und stickig, die Nacht war dunkel, dunkel, dunkel. Alle waren besoffen. Und ich war am nächsten Morgen verkatert wie seit einem viertel Jahrhundert nicht mehr. War eine raue Nacht gewesen.
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| Peter Geist |
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| Gerhard Falkner, Sascha Anderson |
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| Gerhard Falkner, Bert Papenfuß |
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| Sascha Anderson |
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| Papenfuß, Falkner, Anderson |
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| Publikum |
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| Bert Papenfuß, Sascha Anderson |
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| Gerhard Falkner |
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| Bildunterschrift hinzufügen |
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| Sascha Anderson |
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| Sebastian Kiefer |
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| Michael Speier, Sascha Anderson Jim Rakete |
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| Björn Kuhligk, Peter Geist |
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| Björn Kuhligk |
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| Jörg Sundermeier, Krisitine Listau, Tom Schulz |
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Und noch zwei Photos, die Björn am selben Abend aufgenommen hat. Man kann ihn gut im Spiegel erkennen, mit seinem pixelschwachen Smartphone.
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| Florian Voß, Sascha Anderson, Jörg Sundermeier |
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| Florian Voß, Sascha Anderson |
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Mittwoch, 20. November 2013
Ich hatte schon immer etwas für das Makabere übrig. Für die Zerstörung, die Verstörung.
Im Bücherregal meines Vaters gab es ein schmales Taschenbuch mit Zeichnungen von Roland Topor, bitterböse Skizzen von Männern in obskuren Nöten, die sich zum Beispiel das Gehirn kämmten, oder an ihren langgezogenen Ohren schaukelten. - Ich fand das schon als Achtjähriger amüsant.
Jahre zuvor hatte ich mit Matchbox-Autos Massenkarambolagen nachgestellt, mit dem ganz großen Hammer aus der Werkzeugkiste (die nach Maschinenöl roch), später ein Autodafé mit Playmobil-Figuren veranstaltet, der kleine Großinquisitor mit dem BIC-Feuerzeug der Mutti (das meist auf dem Wohnzimmertisch lag, neben dem Päckchen ERNTE 23, das damals noch weiß und gelb war, nicht orangenfarben - das haben dann in den Achtziger Jahren die Illuminaten erzwungen).
Die Kriegslücken in den Häuserzeilen, die verlassene Schlachterei gegenüber der Heiligen-Geist-Schule, grauer Regen, Hochmoore, verlassene Heide, Totengrund. Verwesende Tiere am Wegesrand, Dabei war ich so ein bezaubernder, weizenblonder Junge mit Häschenzähnen und engelsgleichem Lächeln. (Minestrant aber nicht; das war nicht möglich in unserer existenzialistischen Familie, die nur aus Satre, Piaf und Rollkragenpullovern bestand).
Und immer wieder dieser Band von Topor. Ein seltenes Buch, schwer zu bekommen in den späten Siebziger Jahren (heute zu kaufen für ein paar Cent bei booklooker oder amazon).
Ich habe mich heute Morgen an dieses Buch erinnert, als ich vom Kindergarten zurück nach Hause ging, unter grauem, regnerischem Himmel, und darüber nachdachte, welche Bücher ich auf das oberste Regalbrett stellen soll, damit mein fünfjähriger Sohn nicht rankommt.
Er ist so weizenblond, hat ein so engelsgleiches Lächeln. Verstörung.
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Im Bücherregal meines Vaters gab es ein schmales Taschenbuch mit Zeichnungen von Roland Topor, bitterböse Skizzen von Männern in obskuren Nöten, die sich zum Beispiel das Gehirn kämmten, oder an ihren langgezogenen Ohren schaukelten. - Ich fand das schon als Achtjähriger amüsant.
Jahre zuvor hatte ich mit Matchbox-Autos Massenkarambolagen nachgestellt, mit dem ganz großen Hammer aus der Werkzeugkiste (die nach Maschinenöl roch), später ein Autodafé mit Playmobil-Figuren veranstaltet, der kleine Großinquisitor mit dem BIC-Feuerzeug der Mutti (das meist auf dem Wohnzimmertisch lag, neben dem Päckchen ERNTE 23, das damals noch weiß und gelb war, nicht orangenfarben - das haben dann in den Achtziger Jahren die Illuminaten erzwungen).
Die Kriegslücken in den Häuserzeilen, die verlassene Schlachterei gegenüber der Heiligen-Geist-Schule, grauer Regen, Hochmoore, verlassene Heide, Totengrund. Verwesende Tiere am Wegesrand, Dabei war ich so ein bezaubernder, weizenblonder Junge mit Häschenzähnen und engelsgleichem Lächeln. (Minestrant aber nicht; das war nicht möglich in unserer existenzialistischen Familie, die nur aus Satre, Piaf und Rollkragenpullovern bestand).
Und immer wieder dieser Band von Topor. Ein seltenes Buch, schwer zu bekommen in den späten Siebziger Jahren (heute zu kaufen für ein paar Cent bei booklooker oder amazon).
Ich habe mich heute Morgen an dieses Buch erinnert, als ich vom Kindergarten zurück nach Hause ging, unter grauem, regnerischem Himmel, und darüber nachdachte, welche Bücher ich auf das oberste Regalbrett stellen soll, damit mein fünfjähriger Sohn nicht rankommt.
Er ist so weizenblond, hat ein so engelsgleiches Lächeln. Verstörung.
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Montag, 9. September 2013
Einige Impressionen von einer bemerkenswerten Lesung mit Daniela Seel und Martin Piekar in der Z-Bar. Ins Besondere die Gespräche der Beiden über das vorgegebene Leben, das uns zum Beispiel IKEA unbietet, waren erhellend und kurzweilig.
![]() |
| Daniela Seel, Martin Piekar, Johannes Frank |
![]() |
| Daniela Seel, Martin Piekar |
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| Birgit Kreipe, Georg Leß |
![]() |
| Johannes Frank |
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| Dominik Ziller |
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| Trautsch, Kreipe, Frank, Piekar, Kennel |
| Florian Voß |
Donnerstag, 29. August 2013
Leeres Licht
Es twittern die Goten durch all
die Jahrhunderte unlesbares Zeug
Ein Thing, ein Ding ohne Sinn
Die Suren, Mansuben der Araber
ungelöste Rätsel in Schwarzweiß
Ein Wandelstern aus Dunst
besetzt von Bauern aus Fleisch
Der Rote Riese ist König
auf dem Brett des Alls
Hier gewinnt allzeit Schwarz
Es zwitschern die Vögel
im leeren, im blauen Raum
Kaum frei fliegen sie auf
Ein feiner Dunst aus Staub
leitet sie in das Aus
Immer noch kannst du sehen
blinden Flug der Tauben
Auguren findest du in Trauben
Post an Post im Netz
Sie angeln im leeren Licht
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Dienstag, 27. August 2013
Wolfgang Herrndorf ist tot.
Und mir stehen die Tränen in den Augen, was mir, bei einer mir fremden Person, noch nie passiert ist.
Aber ich habe ja die letzten Jahre seinen Blog gelesen, und dadurch ist er mir nahe gekommen. So jedenfalls kommt es mir vor.
Einmal habe ich ihn vor der Z-Bar gesehen. Dort saß er mit Freunden in der abgedimmten Nacht, als einziger nahezu schweigend. Ich hätte ihn gerne angesprochen, um ihm zu sagen, wie gut mir Sand gefallen hat, wie großartig ich seine Art zu Schreiben fand, aber ich wollte keinen sterbenden Mann von der Seite anstrudeln.
Was hätte dieser Autor noch schaffen können. Uns gehen vermutlich die fünf oder sechs besten Romane der 10er und 20er Jahre durch die Lappen.
Immerhin: Sand wird bleiben, da bin ich mir sicher, und natürlich auch Arbeit und Struktur.
Und jetzt gerade teilt Kathrin Passig auf Facebook mit, dass Wolfgang Herrndorf nicht an Krebs starb: "Er hat sich gestern in den späten Abendstunden am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen."
Immerhin ein selbstgewähltes Sterben. Ein letzter Sieg. (Aber es treibt mir noch mehr Tränen in die Augen).
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Und mir stehen die Tränen in den Augen, was mir, bei einer mir fremden Person, noch nie passiert ist.
Aber ich habe ja die letzten Jahre seinen Blog gelesen, und dadurch ist er mir nahe gekommen. So jedenfalls kommt es mir vor.
Einmal habe ich ihn vor der Z-Bar gesehen. Dort saß er mit Freunden in der abgedimmten Nacht, als einziger nahezu schweigend. Ich hätte ihn gerne angesprochen, um ihm zu sagen, wie gut mir Sand gefallen hat, wie großartig ich seine Art zu Schreiben fand, aber ich wollte keinen sterbenden Mann von der Seite anstrudeln.
Was hätte dieser Autor noch schaffen können. Uns gehen vermutlich die fünf oder sechs besten Romane der 10er und 20er Jahre durch die Lappen.
Immerhin: Sand wird bleiben, da bin ich mir sicher, und natürlich auch Arbeit und Struktur.
Und jetzt gerade teilt Kathrin Passig auf Facebook mit, dass Wolfgang Herrndorf nicht an Krebs starb: "Er hat sich gestern in den späten Abendstunden am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen."
Immerhin ein selbstgewähltes Sterben. Ein letzter Sieg. (Aber es treibt mir noch mehr Tränen in die Augen).
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Montag, 26. August 2013
Die meisten Kritiker - die handvoll, die sich mit meiner Produktion bislang beschäftigte - halten mich ja für einen Günstling des expressionistischen Wandelsterns, und auch viele Kollegen waren der Meinung der Einfluss Gottfried Benns (zum Beispiel) wäre auf mich ein bedeutender gewesen.
Dabei hat mich die surrealistische Dichtung der Franzosen und Tschechen in meiner Jugend, also in einer Zeit, in der ich noch beeinflussbar war, viel mehr fasziniert (wenn ich auch schon mit acht Jahren die Dichtung Georg Trakls gelesen hatte, die mich düster umfasste und mich auf den Weg in die Verwesung schickte).
Kaum ein Gedicht hat sich mir in meinem bisherigen Leben so eingeprägt, wie einige Zeilen von Philippe Soupault:
Sonntag
Das Aeroplan spinnt die Telegraphendrähte
und die Quelle singt das gleiche Lied
Im Lokal der Kutscher ist der Aperitif orangen
doch die Augen der Eisenbahner sind weiß
die Dame hat ihr Lächeln im Wald verloren
Ich fand das Gedicht in der (zumindest seinerzeit) legendären Anthologie "Das Surrealistische Gedicht", die 1985 bei dem Versandhändler Zweitausendeins publiziert wurde, und die ich mir von meinen Eltern Weihnachten 1986 schenken ließ. Dort las ich auch zum ersten Mal Antonin Artaud, dessen Pathos mich fast ins Taumeln brachte. Und Eluards traumdurchsponnenen Oden an Pariser Vormittage und dergleichen.
Das waren die Sachen, die meinem Schreiben eine Richtung gaben (nachdem es zuvor eher der amerikanische Beat gewesen war, Allen Ginsberg, Lawrence Ferlinghetti und Ed Sanders), das sitzt mir bis heute im Mark und beeinflusst meine Art, die Realität wahrzunehmen.
Den Expressionismus hingegen musste ich nicht lernen, der saß mir von Geburt... ach, was, von der Zeugung an in den Zellen.
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Dabei hat mich die surrealistische Dichtung der Franzosen und Tschechen in meiner Jugend, also in einer Zeit, in der ich noch beeinflussbar war, viel mehr fasziniert (wenn ich auch schon mit acht Jahren die Dichtung Georg Trakls gelesen hatte, die mich düster umfasste und mich auf den Weg in die Verwesung schickte).
Kaum ein Gedicht hat sich mir in meinem bisherigen Leben so eingeprägt, wie einige Zeilen von Philippe Soupault:
Sonntag
Das Aeroplan spinnt die Telegraphendrähte
und die Quelle singt das gleiche Lied
Im Lokal der Kutscher ist der Aperitif orangen
doch die Augen der Eisenbahner sind weiß
die Dame hat ihr Lächeln im Wald verloren
Ich fand das Gedicht in der (zumindest seinerzeit) legendären Anthologie "Das Surrealistische Gedicht", die 1985 bei dem Versandhändler Zweitausendeins publiziert wurde, und die ich mir von meinen Eltern Weihnachten 1986 schenken ließ. Dort las ich auch zum ersten Mal Antonin Artaud, dessen Pathos mich fast ins Taumeln brachte. Und Eluards traumdurchsponnenen Oden an Pariser Vormittage und dergleichen.
Das waren die Sachen, die meinem Schreiben eine Richtung gaben (nachdem es zuvor eher der amerikanische Beat gewesen war, Allen Ginsberg, Lawrence Ferlinghetti und Ed Sanders), das sitzt mir bis heute im Mark und beeinflusst meine Art, die Realität wahrzunehmen.
Den Expressionismus hingegen musste ich nicht lernen, der saß mir von Geburt... ach, was, von der Zeugung an in den Zellen.
| Das Surrealistische Gedicht |
Mittwoch, 14. August 2013
Also gut, ich muss es zugeben, ich habe eine Schreibkrise.
Anstatt zumindest Gedichte zu überarbeiten, saß ich am Morgen am Wohnzimmertisch und schrieb einen Wikipedia-Artikel. Über mich.
Schon 2009 hatte irgendwer einen Eintrag über meine Wenigkeit verfasst, aber der wurde umgehend gelöscht. Auf der Diskussionsebene der Plattform hieß es, ich sei ohne ersichtliche Relevanz. Es war ein Hauen und Stechen zwischen den anwesenden Mitgliedern der Wikipedia. Doch die Fraktion, die meinte, ich sei doch durch diverse Buchveröffentlichungen ausreichend ausgezeichnet für einen Eintrag, war nicht zahlreich genug. Und dem Mann, der das gewichtigste Wort führte, war nicht beizubringen, dass die Lyrikedition 2000 kein Zuzahlverlag sei. Er bestand darauf, dass Verlage die Print on Demand betreiben per se Geld von ihren Autoren kassieren würden. Was natürlich nicht den Tatsachen entspricht. Ich versuchte ihm das zu verklickern, aber er war uneinsichtig. Ich sei nicht relevant, als Schriftsteller. Also gab ich klein bei und googelte ein paar Tage später erneut meinen Namen: kein Wikipedia-Eintrag mehr. Schade.
Heute habe ich dann aus Langeweile ein paar Änderungen in verschiedenen Artikeln anderer Dichter vorgenommen. Und weil mir so langweilig war, und weil es mich noch immer ein wenig fuchste, dass ich dort nicht vorkam, und weil mittlerweile auch für den kritischsten Administrator die Relevanzkriterien erfüllt sein sollten, bastelte ich einen Eintrag zusammen und stellte ihn online. Er steht jetzt, um 23 Uhr, noch immer dort, obwohl er schon kontrolliert wurde. Und kein Löschantrag ist verzeichnet.
Der Artikel steht also noch immer da. Und ich freue mich. Ich weiß nicht genau warum, denn ich habe ihn ja selbst geschrieben, also ist er keine besondere Auszeichnung, aber wenn ich die Seite so betrachte, fühle ich mich plötzlich wichtiger als gestern.
Wenn man als Dichter keinen großen Erfolg hat, nimmt die Jagd nach dem Ruhm seltsame Wege. Immerhin konnte ich mich letzten Monat unterstehen, auf einen Brief des deutschen Who is Who zu antworten, in dem man mir einen Lexikon-Artikel zum Sonderpreis von 79 Euro anbot (oder war es noch teurer?).
Die einzige Frage, die mich jetzt noch umtreibt ist: soll ich eine Photographie einpflegen (und muss ich die Photographie vorher streicheln, um sie zu pflegen)? Und wenn ich das mache, soll sie in Sepia sein, oder eher mit dem verhaltenen Silberstich einer Daguerreotypie? Photoshop? Picassa? Verkubisiert von Picasso? - Ich könnte natürlich auch (mehr) Falten unter die Augen einfügen, dann brächte ich nicht gleich im nächsten Jahr den Eintrag zu aktualisieren.
Vielleicht sollte ich mir zudem eine schönere Herkunft zulegen: Sohn des Schwippschwagers des Kaisers von Äthiopien. Studierte altsteinzeitliche Kulte an der Kaldcisc-Universität in Botwarisc. Nahm an der Expedition zur Nilquelle im Jahr 1988 teil. (Seitdem teilweise verschollen). Voß gilt als einer der maßgeblichen Experten in der Bestimmung von Königsstäben der Larifari-Kultur (dazu veröffentlichte er auch das Standardwerk "Majestäten und ihre Taten im Land der Larifari", Heidelberg und Malzahn 1994).
In den Jahren 2001 und 2002 befand sich der Autor auf Astralreise zwischen Nirwana und Hohenschönhausen. Im Anschluss organisierte er das weithin besprochene Treffen Niederer Dämonen in der Literaturwerkstatt Berlin. Dort kam es zu einem Eklat, nachdem Voß einen bekannten Dichter des Saales verwiesen hatte, weil dieser (unangekündigt) ein Gedicht über der Engel Ordnung verlesen wollte.
Voß lebt heute zusammen mit seiner Frau, seinen fünf Sohnen und diversen Murmeltieren auf einem Einödhof in der märkischen Schweiz. (Seine Korrespondenz mit Botho Strauß erscheint 2014 im Verlag der Zwei Sterne).
Ach ja, die Änderungen in den anderen Artikeln: Ann Cotten hat jetzt eine Ausbildung als Tierkonservatorin, Hendrik Jacksons Großvater war ein Weltraumforscher und Björn Kuhligk ist in München geboren worden.
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Anstatt zumindest Gedichte zu überarbeiten, saß ich am Morgen am Wohnzimmertisch und schrieb einen Wikipedia-Artikel. Über mich.
Schon 2009 hatte irgendwer einen Eintrag über meine Wenigkeit verfasst, aber der wurde umgehend gelöscht. Auf der Diskussionsebene der Plattform hieß es, ich sei ohne ersichtliche Relevanz. Es war ein Hauen und Stechen zwischen den anwesenden Mitgliedern der Wikipedia. Doch die Fraktion, die meinte, ich sei doch durch diverse Buchveröffentlichungen ausreichend ausgezeichnet für einen Eintrag, war nicht zahlreich genug. Und dem Mann, der das gewichtigste Wort führte, war nicht beizubringen, dass die Lyrikedition 2000 kein Zuzahlverlag sei. Er bestand darauf, dass Verlage die Print on Demand betreiben per se Geld von ihren Autoren kassieren würden. Was natürlich nicht den Tatsachen entspricht. Ich versuchte ihm das zu verklickern, aber er war uneinsichtig. Ich sei nicht relevant, als Schriftsteller. Also gab ich klein bei und googelte ein paar Tage später erneut meinen Namen: kein Wikipedia-Eintrag mehr. Schade.
Heute habe ich dann aus Langeweile ein paar Änderungen in verschiedenen Artikeln anderer Dichter vorgenommen. Und weil mir so langweilig war, und weil es mich noch immer ein wenig fuchste, dass ich dort nicht vorkam, und weil mittlerweile auch für den kritischsten Administrator die Relevanzkriterien erfüllt sein sollten, bastelte ich einen Eintrag zusammen und stellte ihn online. Er steht jetzt, um 23 Uhr, noch immer dort, obwohl er schon kontrolliert wurde. Und kein Löschantrag ist verzeichnet.
Der Artikel steht also noch immer da. Und ich freue mich. Ich weiß nicht genau warum, denn ich habe ihn ja selbst geschrieben, also ist er keine besondere Auszeichnung, aber wenn ich die Seite so betrachte, fühle ich mich plötzlich wichtiger als gestern.
Wenn man als Dichter keinen großen Erfolg hat, nimmt die Jagd nach dem Ruhm seltsame Wege. Immerhin konnte ich mich letzten Monat unterstehen, auf einen Brief des deutschen Who is Who zu antworten, in dem man mir einen Lexikon-Artikel zum Sonderpreis von 79 Euro anbot (oder war es noch teurer?).
Die einzige Frage, die mich jetzt noch umtreibt ist: soll ich eine Photographie einpflegen (und muss ich die Photographie vorher streicheln, um sie zu pflegen)? Und wenn ich das mache, soll sie in Sepia sein, oder eher mit dem verhaltenen Silberstich einer Daguerreotypie? Photoshop? Picassa? Verkubisiert von Picasso? - Ich könnte natürlich auch (mehr) Falten unter die Augen einfügen, dann brächte ich nicht gleich im nächsten Jahr den Eintrag zu aktualisieren.
Vielleicht sollte ich mir zudem eine schönere Herkunft zulegen: Sohn des Schwippschwagers des Kaisers von Äthiopien. Studierte altsteinzeitliche Kulte an der Kaldcisc-Universität in Botwarisc. Nahm an der Expedition zur Nilquelle im Jahr 1988 teil. (Seitdem teilweise verschollen). Voß gilt als einer der maßgeblichen Experten in der Bestimmung von Königsstäben der Larifari-Kultur (dazu veröffentlichte er auch das Standardwerk "Majestäten und ihre Taten im Land der Larifari", Heidelberg und Malzahn 1994).
In den Jahren 2001 und 2002 befand sich der Autor auf Astralreise zwischen Nirwana und Hohenschönhausen. Im Anschluss organisierte er das weithin besprochene Treffen Niederer Dämonen in der Literaturwerkstatt Berlin. Dort kam es zu einem Eklat, nachdem Voß einen bekannten Dichter des Saales verwiesen hatte, weil dieser (unangekündigt) ein Gedicht über der Engel Ordnung verlesen wollte.
Voß lebt heute zusammen mit seiner Frau, seinen fünf Sohnen und diversen Murmeltieren auf einem Einödhof in der märkischen Schweiz. (Seine Korrespondenz mit Botho Strauß erscheint 2014 im Verlag der Zwei Sterne).
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| Subalterner Stammeshäuptling der Larifari |
Ach ja, die Änderungen in den anderen Artikeln: Ann Cotten hat jetzt eine Ausbildung als Tierkonservatorin, Hendrik Jacksons Großvater war ein Weltraumforscher und Björn Kuhligk ist in München geboren worden.
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Freitag, 9. August 2013
Ich habe einen Streifen mit Tabletten in
der Hemdtasche meines gelben Hemdes, der knistert wenn ich beim
Lesen die Seiten umschlage.
Das Hemd habe ich am frühen Abend
angezogen, weil mir ein Vogel auf mein hellgraues Lieblingshemd
geschissen hatte, als ich (zusammen mit meiner Frau) meinen Sohn vom
Spielplatz abholte.
Dort hatte er mit Freunden ein Blumenbeet
angelegt, im Sandkasten, aus abgerupften Blättern. Mit einem krummen
Stock hatte er auch Unkraut freigelegt und zum Sandkasten getragen:
ein Blumenbeet aus Blättern und Stengeln.
Die Tabletten in dem knisternden
Verpackungsstreifen sind für meinen nervösen Magen, der den Wein
weniger und weniger verträgt mit den Jahren (genau wie es bei meinem
Vater war, dem der Alkohol letzlich die Leber zerfraß und ihm einen
unschönen Tod bereitete – aber was ist schon schön am Sterben?).
Aber mein Kopf verträgt ihn noch gut – versehentlich wollte ich
schreiben: mein Tod verträgt ihn noch gut – am Abend. Am nächsten
Morgen jedoch sind die Nerven porös, und ein rote Flut von Zorn
schwappt durch mein Ich (wie ich es gemeinhin nenne, der Einfachheit
halber), das sich aufteilt zwischen Gehirn und diesem Nervenknoten
neben dem Magen, der zwar nicht denken aber hassen kann.
Man darf mir dann nicht zu nahe kommen,
denn ich bin ein böses Tier. Doch weil ich noch immer aussehe wie
ein bleicher Mittvierziger, und nicht wie ein böses Tier, und weil
kein Gitter ist zwischen mir und der Welt (obwohl das hilfreich
wäre), kommen die Leute heran und sprechen mit mir. Sie halten mir
Stöckchen hin und Blätter, aber mein Magen ist zu nervös, um das
zu essen.
Und ich schaue sie an, die Besucher, und
knurre laut.
Ich fresse meine Magentabletten und bin
voller Missgunst gegen die Welt. Aber die Besucher, sie wollen
einfach nicht verschwinden.
*
Es gefällt mir in den letzten Jahren
immer besser, in der Wohnung zu sitzen, an einem Tisch am Fenster,
und herauszuschauen in den Vormittag. Ich brauche das Außen nicht,
ich muss nicht in den Sommer hinaus gehen, ich sehe es ja von innen.
Ich lege bald meine fetten, bleichen Unterarme auf die Fensterbank
(ein gehäkeltes Kissen darunter) und grüße die Nachbarn mit einem
unverständlichen Brummeln.
Gegenüber steht ein sozialer Wohnblock
aus den späten 20ern, Hausfassaden, wie ich sie aus meiner Kindheit
kenne, mit Schatten getüncht, mit fremden Menschen bepackt. Ich habe
kein großes Interesse an diesen Menschen. Es sind nur Menschen. Sie
werden sterben, auf kurz oder lang. Warum sollte ich Interesse
entwickeln. Ich bin ein unsterblicher Rentner am Nachmittag (oder am
Vormittag), mich tangiert das nicht mehr.
Mir wird es gut gefallen im Altersheim.
Ich möchte ein helles Zimmer haben, das soll leer sein. Nur ein Bett
soll drin stehen, und ein kleiner Schreibtisch mit einem Stuhl. Keine
Bücher werden dort sein, keine Bilder, kein Kram. Ein eBook-Reader
und ein Notizbuch werden mir genügen. Etwas Musik vielleicht, von
einem MP3-Player (in erster Linie Bach und Purcell). Kräutertee und
Schokolade. Ein Blick in die Sonne. Platanen vor den Fenstern. Ab und
an eine Notiz. Und auf der Straße des Nachts der eine oder andere
Verehrer, der meine Gedichte mit heißerer Stimme intoniert.
Ich habe einmal den Kommunarden Langhans
in einer TV-Sendung gesehen. Er saß in seinem Zimmer, und in diesem
weißen Zimmer gab es nichts, außer einer Matratze, einer Handvoll
Bücher und einem Laptop. Das reicht, mehr braucht es nicht. Da will
ich hin.
(Ich muss gleich morgen 2000 Bücher
verschenken).
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