Sonntag, 29. März 2020


TOTENSOMMER [7]

+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++



 Die letzten Kilometer zwischen Bahnstation und Grautow musste er laufen, da der Bus schon in normalen Zeiten nur zwei Mal am Tag fuhr. Mittlerweile war die Linie eingestellt.
Georg stapfte verdrossen die Landstraße entlang. Nur alle paar Minuten kam ein Auto vorbei gefahren und die Fahrer schauten ihn grimmig an, als würde er durch eine Sperrzone wandern. Vielleicht war dies ja schon eine Sperrzone, dachte Georg. Ich hab vorher gar nicht im Netz nachgeschaut, ob dieser Teil Brandenburgs von der Krankheit besonders schwer betroffen ist. Vielleicht ist schon das Militär unterwegs, um solche Leute wie mich zu fangen, wegzusperren? Doch davon hatte er nichts gelesen. Militär wurde noch nicht eingesetzt. Aber konnte sich das nicht jeden Moment ändern?
Er schaute sich um, lauschte in die stille Landschaft hinein. Nur der Wind war in den Zweigen der Alleebäume zu hören, keine landwirtschaftlichen Maschinen, kein Mensch, kein Tier, nicht einmal das Singen einer Amsel, oder der Schrei eines Bussards.
Plötzlich wurde ihm der Ernst der Lage bewusst. Obwohl in Berlin viel mehr Zeichen des Ausnahmezustands erkennbar gewesen waren, wurde ihm erst hier in der menschenleeren Landschaft deutlich, was ihnen allen bevorstand: 60 bis 70 Prozent Durchseuchung, Todesrate von mindestens 4 oder 5 Prozent, wenn das Gesundheitssystem zusammenbrach. Das alles war leicht auszurechnen, dafür brauchte man kein Mathematikstudium. Die Antwort, um die sich alle zu drücken schienen, lautete: 2 Millionen Tote allein in Deutschland, wenn nicht mehr. Die Apokalypse.
Konnte diese Zahl denn stimmen? Georg wusste es nicht. Das durfte doch nicht wahr sein! Er rechnete es immer wieder durch, während er die Landstraße entlang ging. Selbst wenn die Letalität bei nur einem Prozent blieb, und das kam ihm sehr optimistisch vor, würde das eine halbe Million Tote bedeuten. Berge von Leichen. Die Friedhöfe würden überquellen. Die Welt würde niemals wieder so sein wie zuvor.
Georg blickte zum Himmel, der überirdisch blau war und völlig ohne Kondensstreifen. Keine einzige Wolke am Himmel und die Sonne strahlte ihr Licht auf die Erde, als würde sie das Land reinigen wollen.
Nur nicht die Nerven verlieren, murmelte er, alles wird gut. Aber er glaubte nicht daran.

Kurz vor Grautow kam er an einem Edeka vorbei, in den er so vorsichtig hinein ging, als würden Scharfschützengewehre auf ihn gerichtet sein.
Die spärliche Kundschaft blickte sich gegenseitig misstrauisch an und wahrte mehr Abstand, als nötig. Klopapier war selbstverständlich ausverkauft, Nudeln, Mehl und Tiefkühlwaren auch. Selbst die Regale mit Konserven waren größtenteils leer. Georg ergatterte eine Dose mit Roter Beete, zwei mit Kidneybohnen und ein Glas Sauerkraut. Ein abgepacktes Graubrot war noch zu kriegen und utlra-hocherhitzte Käseecken. Am Schnapsregal nahm er sich zwei Flaschen Doppelkorn – wer wusste schon, was man noch desinfizieren musste – und ging zur Kasse, vor der Abstandhalter auf den Boden geklebt waren.
Eine junge Frau in der Schlange drehte sich zu ihm um und schaute ihn misstrauisch an.
„Sie sind aber nich von hier, wa?“
Georg zuckte die Schultern und schwieg.
„Sind Sie nun von hier, oder nich?“
Man sah ihr an, dass sie ihm am liebsten auf den Leib gerückt wäre, um bedrohlicher zu erscheinen, sich aber nicht traute.
„Ich hab ein Haus hier, in Grautow“, sagte Georg leise.
„Kann ick mir nich vorstellen“, sagte die junge Frau und verzog ihre rosa geschminkten Lippen. „Ick wohn hier schon seit meiner Geburt, und ick hab sie noch nie gesehen.“
Ein älterer Mann, der gerade seine Einkäufe bezahlte, mischte sich ein.
„Nu lass ihn schon in Ruhe, Jennifer, der hat dir doch nix getan.“
Jennifer zog scharf die Augenbrauen hoch.
„Weißte, Karl, das überlass mal besser mir, wa? Der Typ gehört hier nich her. Wer weiß, was der alles einschleppt?“
Dann wandte sie sich wieder an Georg.
„Wir mögen keine Fremden hier, nur damit Sie‘s wissen. Is das klar? Von wegen Haus.“
Die Kassiererin blickte nun auch von ihrem Scanner auf.
„Ick hab Sie hier auch noch nie gesehen. Kann mir nich vorstellen, wo Sie ein Haus haben wollen.“
Georg zog defensiv die Schultern hoch.
„Mein Onkel hat hier ein Wochenendhaus, ich darf dort wohnen“.
Er nannte den Namen seines Onkels und der ältere Mann nickte.
„An den kann ich mich erinnern. Ein komischer Kauz, war schon seit Jahren nicht mehr hier. Dem gehört das rote Haus am Dorfrand.“
Georg nickte eifrig und die Kassiererin wandte sich wieder ihrer Arbeit zu, selbst die junge Frau war still, schaute ihn aber immer noch bitterböse an.
„Wär ja wohl noch schöner“, murmelte sie.


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