Freitag, 27. März 2020


TOTENSOMMER [6]

+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++


4. Kapitel



Am Bahnhof Straußberg fuhr sogar noch die Regionalbahn, war aber genauso leer wie die S-Bahn zuvor. Nur ein alter Mann saß in dem Waggon, in den Georg einstieg. Der Alte wischte hektisch auf seinem Smartphone herum, als Georg an ihm vorbeiging. Er hatte gerade eine Seite mit nackten Frauen angeschaut. Eher harmlose Sachen, trotzdem war Georg peinlich berührt. Deswegen nahm er die Treppe und setzte sich ins Oberdeck des doppelgeschossigen Abteils.
Auf den Feldwegen am Rand der Bahntrasse waren keine Menschen zu sehen, doch das war vermutlich normal. In Brandenburg war immer Ausnahmezustand. Aber auch Autos waren kaum unterwegs. Die Welt würde wieder so werden wie früher, wie vor seiner Geburt. Wenig Kraftfahrzeuge, viele Spaziergänger, lärmende Kinder in den Höfen, kaum Hochbetagte, Millionen von Grabsteinen auf den Friedhöfen. Und Suppenküchen, Myriaden von Suppenküchen, die nötig wären, nachdem die Weltwirtschaft zusammengebrochen sein würde.

Georg schaltete sein Smartphone an und scrollte durch die Nachrichten. Noch war in Deutschland nicht viel passiert. Aber die Warnungen prasselten über alle Kanäle auf die Leser und Zuschauer. Risikogruppe – auch du kannst dazu gehören. Sieh dich vor, der Tod kommt schleichend. Und der soziale Tod auch, dachte Georg. Denn was sollte ihm dieses weltliche Virus schon anhaben? Er war jung, er war unbesiegbar, auf seiner Visitenkarte stand Connor MacLeod.
Doch seine Mutter war in Gefahr, das war nicht zu leugnen. Und Tante Gesche auch. Sollte er die beiden anrufen und sie bitten, auch nach Grautow zu kommen? Vielleicht würden sie sich mit Jonas gut verstehen und er hätte seine Ruhe. Schön wär‘s, dachte Georg, kann ich mir abschminken. Er liebte seine Mutter – und auch Tante Gesche auf eine spezielle, spröde Art – daran war kein Zweifel, aber er konnte sie kaum länger als ein, zwei Tage um sich haben, ohne in Kindheitsmuster und Aggression zu verfallen. Besuch und Fisch … drei Tage frisch. Wenn man es genau nahm, wurden am zweiten Tag die Augen schon glasig.

Er öffnete Skype und pingte seine Mutter an. Wenigstens ein kurzes Gespräch konnte nicht schaden.
Nach dem zweiten Ton wurde ihre Kamera eingeschaltet, aber nicht sie hockte vor dem Bildschirm, sondern Tante Gesche.
„Hallo, Georg! Du rufst schon wieder an?“
Sie hatte eine Zigarette zwischen den Lippen und strich sich fahrig das schwarz gefärbte Haar zurück. Georg meinte zu hören, wie es knisterte, weil es so trocken war.
„Äh, Tante Gesche, was machst du denn da? Das ist Mamas Account.“
Seine Tante winkte ab.
„Wird sie schon nicht stören. Außerdem kann sie gerade nicht. Sie sitzt auf dem Thron.“
Georg runzelte die Stirn.
„Versteh ich nicht. Auf welchem Thron denn?“
Gesche lachte laut auf.
„Na, auf dem Klo, dem Abort … im stillen Kämmerlein. Und du weißt ja, wie lange sie immer braucht. Sie sollte weniger Weißbrot essen. Und die Schokolade hilft auch nicht weiter. Das macht den Stuhl hart wie einen Tonklumpen.“
„Tante Gesche, bitte!“ Georg verzog das Gesicht. „So plastisch musst du es mir nicht beschreiben!“
„Ist ja schon gut, Georg. Ich wusste gar nicht, dass du so zimperlich bist. Aber hör mal, ich hab da ein Anliegen, zu dem ich dich befragen wollte.“
Er wandte sich ein wenig ab und verdrehte die Augen. Er ahnte schon, was kommen würde.
„Du weißt ja, dass der Herr über uns wacht, oder?“
Tief durchatmen.
Was für seine Mutter Die hohle Erde war, war für ihre Schwester Unser lieber Jesus Christus. Eine Glaubensfrage.
„Hast du dir schon mal darüber Gedanken gemacht, dass wir justamente den Beginn der Endzeit erleben?“
„Das glaube ich kaum, Tante Gesche.“
Sie lächelte schmal und nahm noch einen tiefen Zug von ihrer Kim.
„Da könntest du recht haben, denn wir leben vermutlich nicht erst am Beginn der Endzeit, sondern mittendrin. Das Wirken Satans zeigt sich an allen Ecken. Ich spreche nicht nur von dieser aktuellen Heimsuchung, dieser schrecklichen Seuche, sondern auch von der Heuschreckenplage, die neuerlich Afrika überzieht. Dann die vielen Brände und Erdbeben, die Überflutungen. Man könnte meinen, die vier Boten reiten durch unsere Straßen. Und wenn dieser amerikanische Präsident nicht der leibhaftige Anti-Christ ist, dann weiß ich es auch nicht.“
Georg wollte sie gerade beschwichtigen, als die Verbindung schlechter wurde. Tante Gesches letzte Worte hallten völlig verzerrt durch den Äther, ihr Abbild flimmerte, dann brach die Verbindung zusammen. Schlechte Netzabdeckung in der Provinz konnte auch etwas Gutes haben.


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