Donnerstag, 26. März 2020


TOTENSOMMER [5]

+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++


Also gut, dachte Georg, sehen wir das alles als ein Abenteuer. Ich war zwar noch nie der totale Abenteurer, aber das kann ich ja noch lernen. Was gibt es zu tun, was zu planen?

Georg fühlte sich ein bisschen hilflos und auch matt, als würde er im Begriff sein, krank zu werden. Wann sollte er fahren, was sollte er mitnehmen? Um heute noch loszufahren, war es jedenfalls zu spät, schon weit nach Mittag. Und er hatte kein Auto, würde also mit Bus und Bahn reisen müssen. Ob die S-Bahn noch fuhr? Die Regionalbahn 26 von Straußberg aus?

Er holte seinen großen Rucksack, der seit Jahren auf dem Schrank verstaubte, und packte sein Notebook rein, seinen Kindle und seine Nintendo-DS. Dann noch ein paar Kleider und natürlich die zwei Rollen von dem teuren Klopapier. Wer konnte schon wissen, wann man wieder etwas auftreiben würde.
Er löschte das Licht am Schreibtisch, zog alle Stecker in der Wohnung, überprüfte den Gasherd, verließ die Wohnung und schloss zweimal um. Überprüfte dann auch noch, ob die Tür wirklich abgeschlossen war, spuckte dreimal symbolisch auf den Treppenabsatz und machte sich auf den Weg.
Kurz vorm S-Bahnhof fiel ihm ein, dass er noch Geld brauchte, also stapfte er grimmig zurück zur Commerzbank an der Ecke und ließ sich an der Maschine einen Kontoauszug ausdrucken: 58 Euro im Haben. Scheiße.
Brennen sollte das Jobcenter! Und alle Verantwortlichen an dieser Misere, an dieser Knechtschaft, die sich ALG II nannte, die sollten an Covid-19 verrecken. Und zwar langsam.

Nachdem Georg in seiner Jugend von jeder Schule runter geflogen war, hatte er sich, auf den sanften aber bestimmten Rat seiner Mutter hin, in eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann gefügt. Immerhin nicht bei Hertie, sondern bei Karstadt. Seine Spezialisierung waren Bücher und Medien und so war er in der kleinen Buchabteilung des Karstadts am Hermannplatz gelandet. Sein Lebensweg schien vorgezeichnet aber auch nicht der schlechteste zu sein. Dann war das Sortiment der Buchabteilung zusammen gestrichen worden, bis er, ein Azubi und der Abteilungsleiter nur noch Arzt-Romane, Historien-Schinken und Rätsel-Hefte verkauften. Die Umsätze brachen mehr und mehr ein. Amazon stieg zum globalen Player auf, es sah böse aus. Dann kam eine Angstblüte und Soduku-Hefte und Mandala-Malbücher retteten ein letztes Mal die Jahresbilanz. Was folgte, war abzusehen und unvermeidbar: die Abteilung wurde weg rationalisiert, der Abteilungsleiter wechselte zu den CDs und DVDs und Georg wurde betriebsbedingt entlassen. Ein Jahr Arbeitslosengeld I, anschließend das Elend. Immerhin durfte er in seiner kleinen Wohnung bleiben, die Miete war angemessen, wie ihm die Sachbearbeiterin zugestanden hatte.

Er steckte die 50 Euro ein, mehr hatte der Automat nicht hergeben wollen, und ging zum S-Bahnhof. Ein Mercedes AMG rollte langsam an ihm vorbei und aus dem runter gekurbelten Fenster tönte Dance Monkey in voller Lautstärke. You, you make me, make me, make me wanna cry
Er ging die Treppe zum Bahnsteig hoch und schaute sich um. Niemand da. Auch als die S-Bahn einfuhr und er sich in einen Waggon setzte: kein Mensch zu sehen. Die Sonne schien durch die Fenster, in die Graffiti gekratz waren, die Tags leuchteten auf den wild gemusterten Sitzbezügen und die Stimme eines Zombies schnarrte Zurückbleiben!
Georg ließ sich gegen die Trennwand sinken und schloss die Augen. Schatten und Licht morsten einen schnellen Takt durch seine Lider hindurch und die quäkende Stimme von Dance Monkey wollte ihm nicht mehr aus dem Sinn gehen … You, you make me, make me, make me wanna cry


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