Dienstag, 24. März 2020


TOTENSOMMER [3]

+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++


Genau in diesem Moment schlurfte Tante Gesche ins Bild, mager bis auf die Knochen, mit einem Gesicht das sowohl permanente Verwunderung als auch Strenge ausstrahlte. Zwischen ihren schmalen Lippen klebte eine Zigarette und ihr schwarz gefärbtes Haar war glatt zurück gebunden.
Tante Gesche, die Aufsteigerin der Familie. Sie hatte einen Ingenieur geheiratet, keine Kinder bekommen und sich ein ruhiges Leben gemacht, vor allem, nachdem ihr Mann an Lungenkrebs gestorben war. Hielt sie nicht davon ab, weiterhin Kette zu rauchen.
„Tante Gesche! Ich glaub es nicht! Du rauchst direkt neben einer Asthmatikerin? Gerade jetzt?“
Sie winkte müde in die Kamera.
„Das sind ganz leichte Zigaretten. Kim. Wirklich ganz milde, das wird schon nicht schaden.“
Georgs Mutter atmete verkniffen ein.
„Na ja ...“
„Ist ja schon gut. Ich geh auf den Balkon.“
Und mit diesen Worten trat Tante Gesche aus dem Bild, als würde sie von einer Bühne abgehen.
„Mama“, sagte Georg. „Das darfst du ihr nicht durchgehen lassen. Wenn sie schon qualmen muss ...“
Seine Mutter wiegte langsam den Kopf hin und her.
„Weißt du, Georg, wir müssen alle irgendwann sterben. Und ich war in letzter Zeit ziemlich allein. Du kommst mich ja nie besuchen.“
„Mama, bitte!“
Seine Mutter hob die Augenbrauen.
„Ist doch wahr! Und jetzt, in dieser schlimmen Zeit, kann ich noch nicht mal meine Freundinnen besuchen gehen. Ich weiß, dass Gesche ein Biest sein kann, aber sie ist meine Schwester. Ich hab sie trotzdem lieb.“
„Das lassen sie aber besser nicht wissen, sonst nutzt sie das nur aus.“
„Schatz, du sollst nicht immer das Schlechteste von den Menschen denken.“
Seine Mutter strich sich geistesabwesend die Haare zurück und schaute nach rechts aus dem Fenster. Licht fiel in ihre grauen Augen und für einen Moment sah sie wieder aus wie ein junges Mädchen. Ein sehr müdes junges Mädchen.
„Und was hast du jetzt vor, Schatz? Bleibst du in Berlin?“
„Wo soll ich denn sonst hingehen?“
Sie schaute ihn überrascht an.
„In das alte Ferienhaus von Onkel Karl!“
„Oh Gott, das existiert ja auch noch. Da war ich seit Jahren nicht mehr.“
„Ich auch nicht“, sagte seine Mutter. „Aber es steht noch, schätze ich. Du hast ja einen Schlüssel.“
Das Haus von Onkel Karl war eine Bruchbude in der tiefsten, brandenburgischen Provinz. Er hatte es kurz nach der Wende gekauft, um mal Auszuspannen, wie er es nannte. Über die Jahre war er vielleicht drei oder vier Mal dort gewesen, hatte angefangen, es zu renovieren und dann das Interesse verloren.
Vor zehn Jahren war er in Rente gegangen und nach Spanien gezogen, an die Costa del Sol. Seitdem stand das Haus leer. Georg war einmal dort gewesen, um nach dem Rechten zu schauen. Das Haus war mit schäbigen DDR-Möbeln eingerichtet, die Tapete hing in fast allen Zimmern von den Wänden und die Kachelöfen waren nur noch als Dekoration zu gebrauchen. Im Winter würde man dort erfrieren. Außerdem war mittlerweile sicher der Strom abgestellt worden.
„Da kann man doch nicht mal für ein Wochenende wohnen. Und ich hoffe, dass der Kühlschrank ausgeräumt wurde, denn ohne Strom würde da sonst eine Monster-Kolonie wachsen.“
Seine Mutter schüttelte energisch den Kopf.
„Den Strom bezahl ich regelmäßig. Wasser auch. Und Gesche war im letzten Herbst dort. Sie meinte, es sei alles ziemlich gut im Schuss.“
„Das bezweifle ich“, sagte Georg.
Im Hintergrund war die Balkontür zu hören und Tante Gesche stapfte wieder durchs Bild.
„Gudrun? Kommst du? Wir wollten doch was kochen“, rief sie.
„Du hörst es, Georg, ich muss Schluss machen. Meld dich bald wieder, ja? Und wenn dir die Decke auf den Kopf fällt, kannst du jederzeit in Onkel Karls Haus.“
„Ich kann dich besuchen kommen“, sagte Georg lahm.
„Das ist keine gute Idee, Schatz. So wenig soziale Kontakte wie möglich, haben sie heute im Fernsehen gesagt.“

Nachdem sich Georg einen Tee gemacht hatte, setzte er sich wieder an den Computern und rief die Seite von Euronews auf.
Gerade wurde ein Bericht aus Italien gezeigt, aus einem Krankenhaus in Bergamo. Dicht gedrängte Betten, steriles Licht. Alte Männer und Frauen in Krankenhaushemden, die merkwürdige Helme auf hatten, zylindrische Objekte aus durchsichtigem Kunststoff, die den ganzen Kopf umschlossen, um sie mit Sauerstoff zu versorgen. Ärzte und Pfleger liefen zwischen den Betten umher, überprüften die Sauerstoffzufuhr, notierten Werte auf Klemmbrettern. Derweil die Patienten um Luft rangen.
Ein Bild aus der Unterwelt. Es wirkte ein bisschen wie eine Radierung von Gustave Doré. Die Köpfe mit den Sauerstoffhelmen trieben auf den weißen Decken und Laken. Der Himmel im Fenster dahinter hatte sich verdunkelt.
Georg klappte das Notebook zu und lief unruhig in seinem Zimmer auf und ab. Wo sollte er nur hin? Wo war ein Zufluchtsort? Und wer würde ihn retten, wenn er die Krankheit bekam, wenn er sie womöglich schon hatte?



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