Mittwoch, 25. März 2020


TOTENSOMMER [4]

+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++


3. Kapitel

Am nächsten Morgen fühlte Georg sich zugleich eingeschlossen und ausgeschlossen. Eingeschlossen in seinem abgezirkelten Leben, ausgeschlossen von der Welt dort draußen vor dem Fenster.
Er sprang aus dem Bett, obwohl noch Fetzen von Alpträumen in den tiefsten Schichten seines Bewusstseins umher irrten, Männer in Schutzanzügen mit rot unterlaufenen Augen, Kinder mit vertrockneten Händen und ergrautem Haar, dass wie Spinnweben um ihre kleinen, ausgemergelten Gesichter wehte. Enge Gassen mit braunen Ratten in den dunklen Winkeln, Gewitterlicht, dass sich weiter oben auf nach außen geöffneten Fensterflügeln spiegelte. Der dröhnende Ton einer Glocke. Pest.

Schnell trank er einen kalten Schluck Tee von gestern und streifte sich seine Kleider über. Als er das Fenster zum Lüften öffnete, merkte er, wie kalt es draußen noch war. Kalt und sonnig. Ein klares, schneidendes Licht. Die Luft roch frisch, gar nicht nach Großstadt, nach Benzin, Gummiabrieb und Abgasen.
Fast wie auf dem Lande. Der städtische Betrieb, das ewige Machen und Tun war offenbar schon zurückgefahren worden – der Transmissionsriemen der Maschine Berlin stockte.
Georg zog seine warme Jacke an und flüchtete auf die Straße. Dann weiter zu den Kleingärten am Rande des Viertels – vielleicht konnte er dort etwas Ruhe finden. Aber es war mehr los, als sonst an einem Werktag. Jogger rannten an ihm vorbei, fast alle mit gebührendem Abstand. Kinder fuhren auf Rollern die Kieswege entlang und husteten. Rentner mit Mundschutz wichen ängstlich vor ihm zurück. Nur eine Nebelkrähe kam ihm nahe und schaute ihn neugierig an, bevor sie wieder auf eine Hecke hüpfte.
Georg zog sein Handy aus der Tasche und checkte die Nachrichten: Die Bundeskanzlerin hatte gestern Abend ein Kontaktverbot angeordnet, jeder Bürger und jede Bürgerin war dazu verpflichtet, mindestens 1,5 Meter Abstand zu den anderen Bürgern und Bürgerinnen zu halten.
Jetzt fühlte sich Georg noch stärker ausgeschlossen und eingeschlossen. Er stand unter einem weiten Himmel der blau wie auf einer Postkarte war. Überirdisches Ultramarin, fehlten nur noch die Segel von Booten am Horizont. Die Luft strömte in seine Lungen, aber trotzdem umfing ihn eine Beklemmung. Hier konnte er nicht bleiben.

Als er wieder zu Hause war, musste er erst einmal ausruhen, sich befreien von dieser merkwürdigen Klaustrophobie. Vielleicht sollte er anfangen zu meditieren. Er hatte gestern bei Facebook gesehen, dass Dutzende von Online-Kursen angeboten wurden. Sogar gratis – sein Seelenheil würde ihn keinen Cent kosten. Aber wie sollte er meditieren, wenn er lieber wegrennen wollte?
Onkel Karls Haus! Es gab keine andere Möglichkeit. Aber würde er dort nicht wahnsinnig werden vor Einsamkeit? Andererseits, hier war er auch allein.
Er könnte Jonas anrufen. Jonas, sein bester Freund, bei dem er sich den ganzen Winter nicht gemeldet hatte, weil der Winter eben der Winter war – keine gute Zeit für soziale Kontakte. Es war zu dunkel und bedrückend im Winter, zu kalt und gedämmt. Jetzt bereute er, sich nicht bei Jonas gemeldet zu haben … und bei vielen anderen.
Er wählte die Nummer und hörte dem Freizeichen zu. Keine Reaktion. Verärgert legte er das Handy beiseite und fuhr das Notebook hoch, rief ein Nachrichtenportal auf. Schon 25.000 Infizierte. Schrecklich.
Georg zuckte zusammen, als sein Handy klingelte. Jonas! Er ging ran.
Du hattest mich angerufen?“
Georg nickte, bis er sich klar darüber wurde, dass Jonas ihn natürlich nicht sehen konnte. War ja kein Skype-Call.
Ja, hab ich. Entschuldige, dass ich mich nicht gemeldet habe. Kennst mich ja … Winter und so ...“
Er konnte Jonas unterdrückt lachen hören.
Mach dir mal keine Sorgen, wir sind im Winter doch alle Trauerklöße. Also, weshalb rufst du mich an?“
„Hab ich dir schon mal von meinem Ferienhaus erzählt?“
„Du hast ein Ferienhaus?“
„Na ja, es gehört eigentlich meinem Onkel, aber der lebt in Spanien und hat mir den Schlüssel da gelassen.“
„Spanien ist nicht gut.“ Jonas Stimme klang jetzt gepresst. „Ich habe Bekannte in Valencia. Spanien ist wirklich nicht gut, bald sieht es dort aus wie in Italien. Das sag ich dir.“
Georg räusperte sich zustimmend.
„Und hier vermutlich auch. Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich muss unbedingt raus aus der Stadt, sonst ersticke ich noch.“
„Kann ich verstehen, geht mir nicht anders“
Georg zögerte kurz. War das die richtige Idee? Aber warum denn nicht?
„Hast du Lust, mit mir eine Weile aufs Land zu ziehen? Paar Wochen in dem Haus in Brandenburg. Bis der ganze Spuk vorbei ist ...“
Jonas antwortete, ohne zu zögern.
„Klar! Danke, dass du an mich gedacht hast. Das wird toll. Wir beide, wie in alten Zeiten. Wir werden die Welt aus den Angeln heben … oder zumindest die Angeln ein bisschen ölen.“
„Fantastisch“, sagte Georg. „Am liebsten würde ich schon heute hinfahren.“
„Dann mach das doch. Ich kann aber erst übermorgen los, muss vorher noch ein paar Sachen erledigen. Schick mir einfach die Adresse per SMS. Und stell schon mal die Heizung an. In den nächsten Tagen soll es recht kalt bleiben.“
Georg musste an die antiken Kachelöfen denken.
„Mach ich, Jonas. Wir sehen uns dann in zwei Tagen.“



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