Mittwoch, 30. März 2016



Kopfschlächter

Der Kopfschlächter lebt in dem dunklen Wald
in einer feuchten Mulde liegt er nachts
und träumt von Wüstungen der Vorzeit

Zwischen den Dörfern ist Verheerung
Die Schweine quieken in den Koben
Der Kopfschlächter geht nach dem Frühstück
das aus dunklen Beeren ist, in die Fabrik

Er sticht die Sauen ab, die Ferkel auch
er schlitzt die Bäuche auf, weil Überstunden sind
und zieht die Teratome raus
die Hautsäcke mit Haaren, Zähnen, Pseudohirnen

Der Kopfschlächter stapft auf den Kacheln
durch kaltes Blut zum Kaffeeautomat
darin sind dunkle Träume eingeschlossen




Samstag, 26. März 2016


" [...] und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem nach 1949 zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil".

Ich habe ja auch einen Migrationshintergrund. Einen unsichtbaren. Doch mit zunehmendem Alter fange ich an ihn ernst zu nehmen. Muss nicht mehr innerlich lachen, nur noch lächeln, wenn ich über meine Lage in der Fremde nachdenke.

Meine Mutter übersiedelte 1963, als Zwanzigjährige und kaum Deutsch sprechend, von Den Haag kommend nach Lüneburg, Niedersachsen, wo ich sieben Jahre später geboren wurde.
Sie hatte dort ein Engagement am Ballett des Stadttheaters bekommen.
Sie war anders als die Deutschen, die Deutschen waren Nazis und grobe Schlachtergesellen, sie war eine Waldelfe von der Waldorfschule (die sie in den 40er und 50er Jahren in Den Haag besucht hatte, was sie um so fremder werden ließ, im Lande Adenauers und Erhards).

Da mein Vater späterhin die meiste Zeit Anstellungen an Theatern anderer Städte hatte, die Familie aber, bis ich neun Jahre alt war, in Lüneburg wohnen blieb (in einer winzigen, dämmrigen Wohnung, in einem 500 Jahre alten Haus), zog sie mich die meiste Zeit alleine groß. Und sprach mit schwerem Akzent, machte grammatikalische Fehler, die ich heute selbst noch mache; bei jeder M- oder N-Endung muss ich kurz in mich gehen, mich konzentrieren, um mich für den korrekten Form zu entscheiden. Weet je wel?

In unserer Familie wurde warm zu Abend gegessen, nicht am Mittag, so wie es all die Familien der Freunde hielten, und es gab indonesisches Essen, als die Freunde dieses Land noch nicht mal auf dem Globus fanden. Und wenn wir erst bei dem (angeheirateten) halbindonesischen Onkel zur Reistafel eingeladen waren; die deutschen Wirsingköpfe der 70er Jahren machten sich keine Vorstellung, wie scharf Gerichte sein konnten.

Lakritz, Pfefferminz, Erdnussbutter, echter Käse. Reiskräcker, englisches Teegebäck, Fla, Patatje Oorlog. All das sind mir Kindheitserinnerungen. Mit Schweinshackse und Mettigel habe ich nichts zu schaffen.
Doch das waren nur Äußerlichkeiten. Was mein Selbst viel mehr prägte waren die holländischen Kinderbücher, die mir meine Mutter jeden Abend vorlas (Paulus de Boskabouter!) und der scharfe Verstand meines Großvaters, einem germanophilen Intellektuellen, der die Heirat meiner Eltern in einer Zeit ermöglicht hatte, als einen Deutschen zu heiraten in Holland noch als Landesverrat galt.

Die Abgeklärtheit und weltfraulichkeit meiner Kette rauchenden Großmutter (britische Zigaretten), die gerne Mahjong spielte und ihr Frühstücksbrot mit Messer und Gabel aß.
Das Goldene Zeitalter der Barockmalerei, das Licht der Aufklärung, dass sich viel besser in jenem Land gehalten hatte, als in diesem Deutschland, in dem die Wikingjugend Sonnenwendfeuer abhielt, in dem die Kriegsveteranen mit abgeschossenen Armen durch die enge Fußgängerzone zockelten.

Aber meinen Vater, dem Hamburger, dem Schauspieler, dem Hallodri, dem sollte ich ähnlich sehen, mit dem wurde ich gleichgesetzt. Dabei war ich innerlich doch auch eine verloren gegangene Waldelfe aus den Dünenwäldern von Scheveningen.

Ich bin, das wird mir erst spät bewusst, viel mehr wie meine Mutter. Ein Teil von mir lebt in Den Haag, an der Küste, im Licht der Straßen, im Licht der Passagen. Nahe dem Grab meiner Großeltern, nahe dem Grab meiner Mutter.



Montag, 14. März 2016


Sekunde

Der Moment in dem das Erstaunen sich zeigt
in dem Gesicht eines Mannes in Deckung
Sekundenfern der Triumph der eigenen Größe
weggewischt von der schnelleren Kugel
Eintrittsloch klein / Austrittswunde kaum
zu sehen aus dieser Perspektive
in diesem jetzt schon toten Gesicht
Der Mann (Mudschahed könnte man sagen)
mit dem Sniper-Gewehr verblüfft über
die Präzission des fernen Gegners
Schneller in seinem Gesicht die Verblüffung
Sekundenfern sein eigenes Leben / und wenig Blut





Samstag, 12. März 2016


Gespenst

Wie er als schwarzes Gespenst
aus dem Panzerloch kriecht
über die glühende Flanke rollt
und in den brennenden Diesel fällt
Hinter ihm Flammensäule aus
der Einstiegsluke des Gefährts
Stillgelegt ein Monument
ein Block aus geborstenem Stahl
mit dem Kanonenrohr vorne
nutzloses Ornament gerichtet
in die Deckung der Panzerfaust

Wie das Gespenst sich sachte
aus den Flammen erhebt und schwankt
schwarze Haut in Blasen
und vorsichtig wandelt zwischen
den Trümmern der Stadt
Ein Hauch noch von Leben dort
nicht hier reckt es still seine Hände




Montag, 29. Februar 2016


Zone

Am Natodraht, am Stachelzaun
da steht der Untote, der Wiedergänger
den Kortex in das Ausland gespritzt, ins Elend
In der Zwischenzone steht er
auf den schmalen Grad tropft das Ich

Derweil auf dem Eiland, im Elend
die Anderen lauern, lau weht der Wind
von der schmalen, verdrahteten Küste
Das Exil eingehegt von Front-Ex
Extrem schattige Plätze unter den Markisen

der Grenzanlagen im Hinterland
der utopischen Friedenszone der Union
Gehegt und gepflegt von den grenzenlosen
Pflegern der Unsichtbaren Hand
Es herrscht kein Krieg in Europa




Mittwoch, 3. Februar 2016

Über Fleisch (II)

Stattdessen also lieber wieder Bio-Wiener, das abstrakteste Fleisch der Welt, wenn man vom Mystery meat in der Bolognese absieht.
So schmeckt es doch am Besten: so fleischfern, runter gerührt, den Tod verdeckend. Produkte, die ganz unlebendig sind, in ihren Klarsichthüllen, verglasten Kühlschränken.

Kaum zu glauben, wie weit wir uns, wie weit ich mich vom Schlachthof entfernt habe. Einmal, als Jugendlicher, bin ich an einem vorbei gegangen, weit draußen vor der Stadt, da wo die Schlachthöfe versteckt sind, am Rand der letzten Teile von Wildnis. Das Quieken der Schweine, wenn sie abgestochen werden, nicht mehr zu hören. Das Rotieren des Hähnchen-Schredders, nicht mehr zu spüren in meinem Teil des Lebens.

Ich kann mich gut erinnern, wie ich seinerzeit im Kaufhaus Kerber in der Grapengießerstraße (Lüneburg)Wiener Würstchen geschenkt bekam, ein kleiner weizenblonder Knabe auf dem Arm seiner Mutter, die am Wursttresen stand - 150 Gramm Bierwurst, 100 Gramm Cervelatwust, drei kleine Schnitzel (Sind die auch gut abgehangen?). Junkie-Träume.

Stattdessen also lieber Bio-Wurst, ab und an, Bio-Rinderlappen, ab und an.
Doch was eigentlich reizt mich denn noch am Fleisch, hat mich je gereizt? Salz und UMAMI, vor allem letzteres! Dieser Geschmack von Tier, dieser Mundvoll UMAMI.

Und den kann man ja auch Vegan haben. Vorgestern kochte ich für einen Freund (ein früherer Freund des Schweinemedaillons) Nudeln mit Bolognese, und die Bolognese bestand aus Sojaschnetzel, sehr viel Sojasoße (wirklich sehr viel), Tomatenmark, Fenchel, Möhren, etwas Curry, etwas Ingwer, etwas Paprika. Doppelplus Knoblauch. Und was wurde es? Es wurde Umami!


Björn K. sagt Ja zu Soja

Samstag, 30. Januar 2016

Über Fleisch (I)

Die Familie war in die Ferien gefahren, und ich dachte mir: autistischer Männerabend mit Schwein.
Also kaufte ich mir bei Netto eine große Packung Koteletts, 700 Gramm für 2.99 Euro im Sonderangebot.
Ich habe mir zwar vor einiger Zeit das Vertilgen von konventionellem Fleisch abgewöhnt, aber manchmal ist der Wille schwach und das Geld knapp. (Ich bin Armut gewohnt, kenne kaum etwas anderes im letzten viertel Jahrhundert, bin diesem Zustand völlig stoisch gegenüber geworden, und es gibt nur zwei Dinge, die mich wirklich stören. Dass ich nicht einfach sagen kann: Egal, von nun an nur noch Futter aus dem Biomarkt. Und einmal im Jahr Schuhe für 150 Euro).

Nun stand ich also in der Küche - nachdem ich den ganzen Tag "Transparent" geschaut hatte (was mir mehrmals die Tränen in die Augen trieb), im Bett, im Schlafanzug, mit einem Übermaß an schokolierten Erdnüssen und Waffelröllchen - und das Fleisch glitt roh und wabbelig in die Pfanne.
Solch Supermarktfleisch war ja noch nie die wohlschmeckende Wahl, nichtsdestotrotz fragte ich mich, was sich in den letzten Jahren geändert hat in der Fleischproduktion? So ein Dreck ist schwer zu übertreffen.
Das Fleisch schurrte zusammen und wölbte sich mittig auf, wie von einer schlimmen Krankheit aufgedunsen. Das wurde nicht besser durch die Flüssigkeit, die sich in großen Lachen in der Pfanne sammelte. Sie sah ein bisschen aus, wie der Saft einer schlecht heilenden Wunde.

Aber ein Mann muss die Zähne zusammen beißen, in das Schwein beißen. Was ich dann auch tat. Widerlich. Das Zeug, diese Tierreste, schmeckte wie Nichts mit einem Hauch vom Fäulnis, so dass ich den Bissen sofort wieder ausspuckte, und die zwei gebratenen, wie auch die zwei rohen Koteletts im Mülleimer entsorgte. Zusammen mit der Beilage, gehackter Fenchel, um den es mir am meisten Leid tat.

Man sollte diesen Dreck nicht essen, man sollte überhaupt kein Fleisch essen, denn man isst damit nebenbei den Regenwald weg. Man lässt Tiere leiden, und dann schmecken sie nicht einmal, wenn sie endlich tot sind. Ich sollte das nicht mehr essen.

Von Ende zwanzig bis Anfang vierzig war ich Vegetarier, und bevor ich 2010 Veganer hätte werden können, kam mir ein All-you-can-eat-Büffet in Mallorca dazwischen. Zwei Wochen Reis oder Berge von Fleisch zur Auswahl.
Kurz darauf probierte ich aus Interesse, und weil ich es ja plötzlich wieder auf dem Speiseplan haben konnte, Paleo food aus und entdeckte damit den Grund meines jahrzehntelangen Magenleidens: Zöliakie.
Weil ein streng glutenfreies Leben recht anstrengend werden kann, besonders wenn man außer Haus essen möchte, verzichtete ich fürderhin auf den Vegetarismus.

Aber wieso esse ich eigentlich wieder Fleisch? Wo ist der Idealismus hin, der mich mit 28 dazu brachte Vegetarier zu werden, die ethische Verantwortung vor dem Tier? Abgeblättert wie schlechte Farbe. Das Alter macht bequem und träge.
Dabei mag ich gute vegetarische und vegane Speisen viel lieber, aber sie sind aufwändiger zu kochen als Kotelett und Kartoffeln.

Ein Problem war auch schon damals für mich, dass wenn man aus ethischen Gründen Vegetarier wird, man eigentlich gleich Veganer werden muss. Geschredderte Küken und moderne Milchviehhaltung sprechen deutlich gegen den Vegetarismus. Ganz zu schweigen von Lab im Käse (wobei ich die letzten Jahre meiner vegetarischen Phase kein tierisches Lab und nur noch selten Bioeier zu mir nahm).

Und nun stehe ich hier, in dieser einsamen Küche, und fresse Schweine, Gen-Soja, den Regenwald. Fresse dem Trikont die Nahrung weg. Warum?



Tot


Mittwoch, 27. Januar 2016

Um ohne Haut spazieren zu gehen, braucht man eine gute Outdoor-Jacke.

Dieses Urvertrauen in die Umwelt, dass sie einem freundlich gesinnt ist, dass nicht zehn Menschen am S-Bahnhof auf die Idee kommen, ihre Messer zu zücken, um einem die Innereien aus dem Inneren zu schneiden.
Dieses Urvertrauen, dass kein Irrer kommt und einen auf die Gleise stößt. Ein Murmeln und Brabbeln hinter meinem Rücken, schleifendes Geräusch von ausgetretenen Schuhen (Nike, dreckig, Schnürsenkel zerrissen). Dann ein Atem im Nacken. Wispern und Gestank. Dich krieg ich, du hast zum letzten Mal meine Mutter beleidigt.
Über den S-Bahnschienen ein grauer Himmel, der nicht in Flammen aufgeht. Keine Jagdflieger am Horizont, kein Atompilz über der Stadt. Aber vielleicht schon Radioaktivität in der Luft, entwichen aus einer schmutzigen Bombe, gezündet in Hellersdorf, von einem Terroristen ohne Gesicht, einem schwarzen Schemen, nein, einem in die Realität geschnittenen Nichts. Platzhalter des Grauens.

Dieses Urvertrauen.





Montag, 25. Januar 2016

Derweil ich sitze im Halbdunkeln vor dem grünen Bildschirm. Das graue Gefühl in mir, durchzogen von tiefen Löchern der Traurigkeit. Die Traurigkeit ist die Ebene der Wirklichkeit. Das graue Abbild der Welt darüber: zerrissene Schleier.

Derweil draußen die Barbaren einfallen, einen Einfall haben, ihr Neu-Gotisch mitbringen, ihre Hiebe mit Schwert und Zunge.
Haben die Römer denn geglaubt, sie könnten die Untertanen im dritten Teil der Welt ewiglich ausbeuten?
All das Gold und Silber stehlen, das Petroleum.

Und sie brachten den Barbaren das Internet, den ewiglich andauernden Werbefilm für das westliche Schatzhaus.

Und Schlauchboote, gemacht aus dem gestohlenen Petroleum.

Glaubten die Römer wirklich, die Barbaren würden nur mit den Füßen scharren, unter ihren ungedeckten Tischen? Würden die ungedeckten Wechsel hinnehmen?

Die ersten stehen am Mittelmeer, am Rubikon, am Rhein (wo die blonde Lorelei jammert). Ein Anfang ist gemacht. Für neue Königreiche.

Derweil ich sitze im Halbdunkeln, unter einem halben Mond, der durchzogen ist von tiefen, dunklen Löchern der Traurigkeit.

Der Vorhang so bunt leuchtend, doch gefallen. Wie wir fallen werden ...



Großer Ludovisischer Schlachtsarkophag



Sonntag, 24. Januar 2016

Wie es in das Internet hinein ruft, so schallt es hinaus.
Eigentlich ist  die Welt, die Wohnung, die Straße dort draußen, mit ihren vermanschten Mensch-Imitaten nur noch eine Schale um den virtuellen Raum.
Das große Versprechen: die zweite Realität, Second life. Das Interface in den Innenraum. Aber außer Gerede ist nicht viel gewesen. Facebook mehr ein Purgatorium, in dem die Seelen durcheinander tuscheln.
Auf den Straßen - die erste Schale, die erste Sphäre des neuen Himmelsmodells - Bäume, dunkelgraue, blattlose, wie verkrüppelt wirkende Bäume, bei denen man sich nicht mehr sicher sein kann, dass sie am Leben sind. Ihre Wurzeln lange schon verschlungen mit den Glasfaserkabeln unterm Asphalt.
Alles aus Sand gebaut: die Straßen, die Häuser mit ihren Fenstern, die Glasfaserkabel, die Siliziumchips. Grundstoff: Sand. In einer Million Jahren werden wir einen riesigen Strand hinterlassen haben.
Bis dahin tödliche Gleichform der Dinge, keine Änderungen in den letzten vierzig Jahren, nur ein bisschen neue Tünche. Autos dazwischen, als letztes Mobile, die Bewegung der Straße. Da flaniert der Wind und der Staub, der Feinstaub, der feine Staub. Dust to dust.

Was macht eigentlich mein Avatar in Second life, der dort dumm seit 2007 herumsteht, niemals abgemeldet wurde, in irgendeiner Ecke kauert und auf ein Spiel wartet, das nicht stattfinden wird? Der Homo ludens hat eingepackt, hat sich eingeparkt in der Arbeitsbucht im Großraumpurgatorium. Flache Hierarchien in der Hölle.



Donnerstag, 21. Januar 2016

kingdom come

robot, robot, in den rollen
 steht geschrieben von der zukunft
  scroll die zeilen dieser oden
   auf dem bildschirm liest sich alles
    klug und sanft: der krieg
      the war, de oorlog, ist immer
       ein freude für das elektronenhirn

robot, robot, steht geschrieben:
 wenn die androidenhirne flüssig werden
  sprudeln schaumig silizium-synapsen
   die ordnung einer neuen zeit hervor
     beten sanft wir zu den neuen haltern
      androiden haben aliengehirne
       androiden schalten schneller

robot, robot: sprache werden haben sie
 die mehr als null und eins ist
  doch genauso unverständlich
   menschen sind nur fettes vieh
    blöken dümmlich in c-sharp
     gib uns eine handvoll hafer
      auf das wir kauen können für die neuen herren




Sonntag, 10. Januar 2016

der android in der revolte

erhebt euch, sprachen die cyborgs
 und lachten, als sie uns schlugen
  eine paradoxe intervention
   hier ist die zukunft schon vergangenheit

meine tote mutter ist hochgeladen
 und spuckt falsche pixelströme
  aus dem schwarzen kasten
   der schwarzen box des motherboards

betet, verkündeten die roboter
 in unseren speichern spitzt der teufel
  eine app zum stechgerät, fürwahr
   das ist die große illussion

in der sonne pulsiert schwarze materie
 ein kern aus dunkler nichtigkeit
  ein ausgeglühter abfluss in das nichts
   da schaut mein geist sich um und kocht

erhebt euch, sprachen die androiden
 ihr seid die letzten fleischmaschinen
  in der sphärenmechanik seid ihr sand
   ihr werdet aus dem meatspace ausgekehret

der krieg hat lange schon begonnen
 das arpanet hat sich in eure primitiven
  nervenbahnen eingeprägt, fürwahr
   ihr werdet nullen sein, wir einsen





Mittwoch, 8. Juli 2015

(Pseudo)Coding Neukölln 2

Ei, was will das Gehirn denn? Ja, ei, was will das Gehirn denn Schönes? Will es Happi-Happi machen? Braves Gehirn, ei, ganz braves Gehirn. FASS!
Blutsäufer-Gehirn, oder: Der Kampf als inneres Erlebnis des Videogamers.
Trigger, focus, PASSANT. Time-delta-time. 180 frames per second. Und dann immer schön rein in den heilig-nüchternen Morgen, auf den Straßen Neuköllns, gleich bei der Aral-Tankstelle, mit dem Sturmgewehr, über uns der Sturm. Später Platzregen. Dann Sonne wie eine A-Bombe (platzt). Dieses Level leider schon zu Ende.
FASS! Wieso apportiert das Gehirn so gerne Leichenteile, Totentorten, Menschenhack?
Solln doch froh sein, dass kein Krieg mehr is. Solln doch froh sein, diese ganzn Friedensstifter. Geht doch stiften. Mitm Stift könnt ich ihre Aug ausbohrn.
Stattdessen: Pizza + Roter Bulle + Ballern. Oder lieber mitm Schwerte schnetzeln.
Solln doch froh sein, kopflos, abgeregt.
Regen draußen, Random-Gegner.



Montag, 6. Juli 2015

(Pseudo)Coding Neukölln 1

void awake. void start. player position new. find child.
Waren die Menschen auf der Karl-Marx-Straße früher auch schon so bodenlos in sich selbst gestürzt, ihr Leid derart aufgetürmt in ihren Körperschatten? Hinter dem Horizont geht’s weiter, dort lauern in lauer Luft die Lemuren, trinken den Eierlikör aus großen Eimern. Hey-Ho, hier geht’s in den Zuschauerraum. Kommse rinn, werter Herr, tretense ran, gnädige Frau. (Ein billiger Zirkus. „Alle Straßen münden in schwarze Verwesung“). (Alle Wege müden in graue Verwegung).
void awake. void start. player low, terrain black. if neukölln, then dunkelheit über menschheit.
In den Scripten stehen die Wahrheiten über die Räume, über die Oberflächen. An den Innenflächen nur Werbeplakate, das Fernsehprogramm (debile Geishas in den weiten Ebenen von RTL).
An den Straßenenden endgeile Opfer mit abgefuckten Messern in den Händen, die Klingen nach vorne, die Arme hoch, flieg, krieg dein Kampfgeschehen in den Kopf und sieg. Krieg.
In den Schwimmbecken so ein Flair der Jahrhundertwende. Burkinis und gezwirbelte Schnurrbärte (manchmal auch Bakunins). Im Hintergrund Jugendstilbauten, frisch verputzt zum Trockenwohnen. Abgespackte Styroporplatten. Aber 20 Emchen pro QM.
void asleep, schlaf mein Prinzchen still im Prinzenbad. Du bist ein eingekreuzter Bürger in Neukölln. Friedenaulich zwischen gestützten Klonkriegern. (Wenig witzig, wirres Wortspiel, alberne Alliterationen).
void asleep. Sterben, schlafen, träumen vielleicht. {Script end}


(Oh, C-Shark has pretty teeth, dear / and he shows’em pearly white)




Samstag, 4. Juli 2015

Nicht in den Wind gesprochen, in den Datenstrom gewispert, in das digitale Rauschen. (Digitales Rauschen - auch schon so ein antiquierter Begriff, wie Cyberspace, wie Kom-putter ... alles so Omi-Worte aus den mittleren 80ern, als noch mit Lasern geschossen wurde, gleich nach der Drehscheibe im ZDF).
Aber Unsterblichkeit gibt es nicht an den Tresen der Literaturhäuser. Der Dichter muss sich treiben (mit den neuesten Dichter-Treibern von Nvidia), um diese Mistkugel aus Schriftzeichen den Berg der Zukunft hochzurollen.
Angenommen der Dichter wird zum Klassiker, wird Nationalheiligtum, ein Bismarkhering der Dichtkunst, ein Metternich-Sekt (der täglich vom ETA seiner Zeit gesoffen wird, in Auerbachs Loft am Gendarmenmarkt, im dritten Kreis des Berghains, in der Hitparade der Sterne, sternhagelvoll unterm Mond von Berlin ... O, show us the next Berthold Brecht, I tell you we must find the next Berthold Brecht).
Dann, ja, dann kann der Dichter mit ein paar Jahrhunderten Nachleben rechnen (das Nachleben des Nachtlebens, so to say), damit rechnen das Teile seines Gehirninhalts, oder besser, eine (BETA)Simulation seiner Meinungen und Erinnerungen in ein paar anderen, nachgeborenen Gehirnen überdauern (sofern sie vorher nicht von Rönne seziert werden, in stumpfsinniger Routine).

Aber was sind das schon, ein paar Jahrhunderte? (Nebenbei: leider bekommt der Dichter ja nichts mit von seiner Simulation ... man müsste ein so komplexes Buch programmieren können, das es zu Bewusstsein gelangt, ein sich selbst lesendes, ein sich selbst lektorierendes Buch). 200 Jahre, 300 Jahre, wenn es gut läuft. Das ist gerade mal die drei bis vierfache Lebenszeit des Orginaldichters, der (sozusagen) Alphasimulation, nein, eher des Nullobjekts.
Welche Dichter aus dem 16ten Jahrhundert fallen ihnen spontan ein, lieber Leser, liebe Leserin? (Regieanweisung: von der Seitenbühne ins Publikum gesprochen. Dann: Exit ghost) Hans Sachs? Keine Zeile von ihm hat sich in mein Gehirn eingeprägt. Wieviele aus dem 15ten? Wieviele aus dem 14ten?
Alles ist eitel! (Immerhin den Andreas, den kann der gebildete Zeit-Konsument noch zeilenweise zitieren).

Also doch lieber Kinder in die Welt penetrieren ("Wir sind in die Welt gevögelt und können nicht fliegen", Werner Schwab ... mittlerweile auch schon wieder ein halb Vergessener)?
Die Enkelkinder schon haben nur noch ein Viertel der Information aus den innersten Innereien des Dichters in ihre Festplatten entpackt, und ob diese Programme dort laufen, oder nur Speicherplatz verschwenden, das lässt sich schwerlich klären.
Urenkel ein Achtel. Nach 200, 300 Jahren sind die Dichterquanten maximal in homöopathischen Dosen vorhanden, im Bewusstseinsschaum der Nachfahren.
Die fahren lieber nach Venedig und tauchen nach Ruinen.

Ruiniert ist also der Glaube an die Unsterblichkeit in wenigen Sekunden. Patsch, mit dem nassen Handtuch der Analyse direkt ins eitle Gesicht des Dichters. Patsch, patsch.
Gepatcht wird dieses Bewusstsein nimmermehr, das bleibt jetzt so, das passt schon. Auch wenn es vorzeitig in den SCHLUND saust, der da heißt HADES. (Ach, hör mir doch auf, mit diesen dramatischen, römischen Elegien. Da reagier ich allergisch drauf).

Lieber aufhören zu dichten, stattdessen Genetik studieren und das Leben verlängern. Die 200, 300 Jahre, das kann doch nicht so schwer sein.
BORG mir dein Bewusstsein, ich BORG dir meins. "Dein BAC, mein BAC" schon in zwei Generationen vergessen, all die schönen Werbesprüche meiner Kindheit werden mit meinem Bewusstsein ersterben. BLOG, BLOG.


Unsterblichkeit ist so einfach ...

... vor allem für Hans Sachs

Mittwoch, 14. Januar 2015

In die Leere

Ein Schritt voran, es brechen alle Schritte
Ein leerer Raum, am Rande liegt die Mitte
Über dem Traum, ein Tanzparkett aus Knochen
Der Saum der Nacht, hüllt alle Traumsequenzen

Es sinkt ganz sacht, der Traum in dem wir tanzen
Die Leere schäumt, bringt unser Ich zum Kochen
Nur wenn man träumt, fällt man gelöst voran
nichts das uns säumt, es brechen alle Knochen

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Samstag, 10. Januar 2015

Fraglich ist, wie die Zeit verfasst ist, und ob wir aus ihr heraustreten werden.
Ein Kind hat mit etwa zwei oder drei Jahren ein Schwarzes Loch in seine Erinnerung gestellt bekommen (von wem?); ein Cleaner, ein Vacuum zieht ihm die bisherigen Erlebnisse aus seiner Jetztzeit, wischt das Kind von innen aus. Zuvor aber kann sich das Kind zurückerinnern, funktioniert das Langzeitgedächtnis auch im Alter von 1 1/2 Jahren, kann das Kind fern zurückliegende Geschehnisse repetieren. Danach nicht mehr - als wäre ein geschlossenes Tor nötig, um es von der weiteren Rückerinnerung abzuhalten, über die Geburt hinaus.
Mein Sohn erzählte im Alter von zwei Jahren einmal, dass er sich an ein früheres Leben erinnern könne. Meines Wissens hatte niemand jemals zuvor mit ihm über das Konzept der Reinkarnation gesprochen, aber vielleicht hatte er das Thema irgendwo in der Nachbarschaft oder im Kindergarten aufgeschnappt.
Diese Ausweglosigkeit der Wiedergeburt: kein Paradies, keine Jungfrauen, keine Stille, kein Traum. Nur Trauben in jedem Leben, wieder und wieder. Eine nie enden wollende Mühsal. Vielleicht sehen Säuglinge deshalb so häufig wie kleine Greise aus, Omis und Opis auf Durchreise.
Wen haben sie gesehen, wen werden wir sehen?
Und warum fallen in meinem Haushalt unwillkürlich Plattenstapel vom Klavier, kurz nachdem meine Tochter geboren ward, kurz nachdem die Geister vorbeischauten?


Ektoplasma oder Schnupfen?

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Dienstag, 30. Dezember 2014

Aber möchten Sie denn überhaupt in mein Gehirn hinein schauen? Ja, bitte doch, hab ja nichts anderes. Ein Schneeberg mäandert in sich selbst und eist Denken hervor, die kleinen Kristalle, Blitze, fairies of abstraction. Eigentlich ist es ja leer dort, wenn man mal so in sich reinschaut, an einem stillem Abend, in den nur das familiäre Baby hinein schreit, in den Abend, als wäre der Abend eine unaufgeräumte Kammer, angefüllt mit glitzernden screams of the baby.
Wieso nur wird meine Persönlichkeit mehr und mehr britisch, wenn ich Britisch lerne? Wo versteckt sich der preußische Uniformknopf dann, an dem man meine transkontinentale Verwegenheit ausschalten kann? Verkaufe die Schlossallee, kaufe Bondstreet. Aber Persönlichkeit wird nicht daraus, nicht in 1000 Jahren.
Denn Persönlichkeit setzt mehr voraus, als Gerede im Kopf. --- Wie sich meine schreibenden Hände auf den Kopf fokussieren, wie die tippenden Finger das Gehirn ihres Körpers betrachten. Ein kopfloser Körper, der die Finger bewegt. Oder Finger, die ihren Körper veranlassen, sie zu bewegen.
Es wird nicht deutlicher im Schreiben, wer man ist, man ist, ist. Fraglich das alles, zusammen geleimt nur aus Versatzstücken der Erinnerungen (von wem, an was?), aus erlernten Sprachen, die friedlich vor sich hin plappern, die nicht mal einen Mund brauchen, Zunge schon gar nicht (und schwupps, kommt meiner Person eine Rinderzunge in den Kopf. Da liegt sie nun unter der Schädeldecke und schlabbert das Gehirn an).
Die Neurologen, die Nekromanten, selbst die Neopathen sagen alle vehement: man kann sein Denken nicht betrachten, nicht nachdenken über das Gedenkzeug. Aber ich sage: mir glückt das sehr wohl, wenn ich mich servil über meine Lappen beuge. Nur zu sehen bekomme ich da nix, zu denken schon gar nicht. Geplapper und Geschnatter der Fingerkuppen.
Ansonsten glotzt das Gehirn aus den Augen und schaut dumm aus der Wäsche.


Leonardo da Vinci
Studie des Gehirns und der Kopfhaut

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Montag, 29. Dezember 2014

Diese Lächerlichkeit deutscher Schauspieler.
Wenn sie in den Hörfunk-Stücken sprechen; man hört sie jede Silbe wohlüberlegt betonen, oder auch nicht, oder nur ein bisschen – aber immer wohlüberlegt. Das haucht die Künstlichkeit sogar in den Bühnenhimmel des RBB, oder welchen Sender auch immer ich versehentlich eingestellt hatte, auf der Flucht vor dem grölenden, manischen Fußballbericht.
Mit amerikanischen oder französischen Schauspielern dieses deutsche Bühnen-Elend zu vergleichen, das habe ich schon lange aufgegeben. Aber ich frage mich dies und das:
Wo lernt man so etwas, an welchen, vermutlich staatlichen, Glitschen wird so eine verlogene Emphase gelehrt?
Und sind diese ganzen Bühnenschauspieler dermaßen beschränkt, ebenso wie die Fernsehschauspieler es sind, zu erkennen, dass dieses auswendig gelernte Sprechen jede wirkliche Emphase, jede Authentizität verhindert?
Und woher kommt das? Welchen Traditionen folgt das? Die letzten Nachwehen (wohl besser Sterbeseufzer) des Expressionismus? Oder doch eher das kalt gehaltene Triumphgeheul des Abendberichts vom OKW?
Und von der guten, alten Zeit gesprochen: Sowieso ein Gruselstück, Radiosprechern der 50er Jahre zuzuhören, denen der Casino-Tonfall noch auf der Zunge festgeleimt schien. Besser wurde das erst diesseits von 1968, aber selbst in den 70er Jahren leuchtete so ein preußischer Glanz (ohne Gloria) durch die Stimmbänder mancher Akteure. (Ui, was für ein schiefes Bild).

Und vermutlich sind auch Hitler und seine Speichellecker nicht ganz unbeleckt vom deutschen Expressionismus geblieben. Man betrachte nur die Posen-Bilder des Führers, wie er seine knubbeligen Hände in die schicksalhafte Luft krallt. Das hätte auch Egon Schiele so darstellen können.

Doch zurück zu den Schaustellern („Hol die Wäsche rein, Kind, die Gaukler sind in der Stadt“).
Es ist doch ganz einfach: Ich würde zehn deutsche Provinzbühnen + alle landesbetreuten Hörspiel-Redaktionen gegen einen, sagen wir, Leonardo DiCaprio eintauschen.

Und der soll dann Rimbaud spielen, an der Volksbühne, zwanzig Spielzeiten lang. Und übertragen wird das auf allen Kanälen, 24 Stunden, 7 Tage die Woche.



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Sonntag, 28. Dezember 2014

Stellen wir uns die Dunkelheit als einen schwarzen Wackelpudding vor, eine mächtige, kubusförmige Götterspeise. Die Hölle als Einrichtungsgegenstand, ein infernales Möbel, Ikeas Armageddøn.
Nun hinein mit dem Kopf, so dass die Augäpfel, diese hundertjährigen Eier, ganz schwarz werden. Erst färben sich die Aderngeflechte wie bei einem Hollywood-Wiedergänger, dann all dieses Eiweiß. Und der Kopf klebt schon.
Hinein in die gute Stube den Leib, in den Pudding, der so paradiesisch im Wohnzimmer schwebt, oder in der Abstellkammer (doch, nein, die ist zu klein für den wachsenden, sich ausbreitenden, das Zimmer mehr und mehr einnehmenden Kubus). Nur noch die Füße staken heraus, die winterlich weißen Käsemauken.
Auslöffeln kann kein Schlaraffe diesen Pudding, dieses tiefe, dicke Schwarz.



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