Donnerstag, 18. Juli 2013

Ich bin das Schnitzel.
Gerade habe ich eine alte Dokumentation über Thomas Brasch gesehen, aus der Reihe Personenbeschreibung von Georg Stefan Troller.
Und die Gedanken stürmten (ballerten), ein Gewitter von Empfindungen: 1977, da war ich ein Kind in der späten Nachkriegszeit, und Nikolas Born war ein paar Jahre zuvor auf dem Bahnhof meiner Geburtsstadt Lüneburg ausgestiegen, unter einem grauen Himmel, in dem noch die Schatten der Bomber geschnitten waren. An meinem Geburtstag war er dort, und schrieb ein Gedicht. Ein ehrliches, ein graues.
Auch Thomas Brasch lebte in diesem Film in einem Grau. West-Berlin sah erhaben und zerstört aus, die Fassaden angefressen. Und ich dachte, mit der Nase dicht am Bildschirm meines internetfähigen Sony Vaio, dass diese Stadt nun keine Trümmer mehr hat, das alles geheimsnislos geworden ist in den Gassen und auch Hauptstraßen, dass die Winkel verschwunden sind, dass die Wohnungen zu vollgestopft wurden, mit Technik & Büchern (die keiner liest) & Lebensmitteln & Sterbensmitteln, und alles nur noch ein sonnenbeschienener lichtloser Ort ist.
Und ich dachte: müsste ich nicht langsam diese Stadt verlassen, richtung Land, richtung Vergangenheit – vielleicht in die Slums von Brasilien ziehen, emigrieren; doch die Slums von Brasilien werden auch schon gentrifiziert, wie ich am Nachmittag in einer Arztpraxis in einem alten Spiegelheft las (auch dieses Medium von mittlerer Größe zum Gossenkern geschrumpft).
Und mir fiel auf, dass man als Dichter immer kurz rasierte Haare tragen kann, egal welches Jahrzehnt im Kalender angeschrieben steht. Wie auch die vielen Erinnerungen angeschrieben stehen, unbezahlt. Der Wirt in der Zeitkneipe hat den Bierfilz längst zerbröselt.


Ich bin das Schnitzel, ihr seid die Gäste, doch wer ist heute mein Kellner?
Georg Stefan Troller ist ein vergessenes Genie, das würde ich in Granit schlagen. Ich habe niemals so gute Fernsehsendungen wie seine Dokumentationen gesehen. Mit dieser assozativen Kamereaarbeit, mit diesen Fragen, die sich beim Sprechen in dem Kopf des Georg Stefan Trollers zu bilden scheinen, die er noch beim Aussprechen hin und her wendet.
Und wenn ich dann die Schlusssequenz des Filmes sehe, dieses minutenlange Grübeln des Thomas Braschs, auf den die Kameralinse schaut, dann weiß ich wieder, warum ich heute keinen Fernseher mehr habe.
Der nächste Gedanke ist: warum sind nicht alle seine Dokumentationen im Netz verfügbar? Warum müssen wir nunmehr verpflichtende Rundfunkgebühren zahlen, für Mutantenstadel und Hofberichterstattung der Tagesschau; und so etwas, so etwas Graues und Kräftiges wird uns vorenthalten? Man könnte auf die Idee kommen, dass sei zu gehirnöffnend für das gemeine Volk; das Volk dürfte das nicht mehr sehen, es könnte das Volk der 70er Jahre werden, es könnte wieder auf dumme Gedanken kommen.
(Und wann endlich wird Braschs 1000-Seiten-Werk Mädchenmörder Brunke veröffentlicht?)


Wann habe ich das letzte Mal das Kürzel DDR ausgesprochen? Irgendwer hier, der dieses Akronym in den letzten zehn Jahren ausgesprochen hat?
Kaum zu glauben, dass es noch vor einer Genration einen zweiten deutschen Staat gab. Und zugleich so erschreckend, dass das schon eine Generation her ist. Es schreiben jetzt (jetzt, Jetztzeit, Gegenwart, schwere Verstörung im Sonnenschein) Dichter Gedichte, die erst nach der Wende geboren wurden. Bald ist der Mauerfall so lange vergangen, wie der Zweite Weltkrieg zum Zeitpunkt meiner Geburt.
Damals Nachkriegszeit, heute Vorkriegszeit. Ich bin das Schnitzel. Im Zeitalter des neuen Wilhelmnismus. Aber geraucht wird nicht mehr, und alles ist in Farbe. 32 Bit. Ich will, dass das alles verschwindet. Und ich will kurze Haare haben. Grau. Fade out. Black.



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Kommentare:

  1. Annäherung an Florian Voß, im Grau seines Textes, der Mauer, der grauen, zwischen ihm und Thomas Brasch.

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  2. Ich will hoffen, dass da eine Mauer steht.

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  3. (Ich meinte selbstredend die Mauer zwischen Leben und Tod.)

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  4. so selbstredent meinst du gar nicht.

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