Freitag, 12. Juli 2013

Ah, also doch, Kehlmann kann schreiben.
Nachdem ich mich bis an das Ende des Buchs Der fernste Ort gehangelt hatte, und von dem Schluss nicht einmal gelangweilt war, nahm ich mir auf Empfehlung zweier Freunde den Roman Ich und Kaminski vor.
Und plötzlich schaffte Kehlmann das, was ihm bei seiner früheren Novelle nicht gelang: er konnte mich unterhalten, er brachte mich zum Lachen. Denn hier war er offensichtlich in seinem Metier, dessen Stärke nicht die Innensicht oder die stilistische Raffinesse ist, sondern die Geschichte als solches - die mir in Der fernste Ort größtenteils fehlte. Dort schickte er einen langweiligen Protagonisten auf die Flucht, initiiert durch einen inszenierten Badeunfall, der sich gegen Ende eben nicht als inszeniert sondern real erfahren heraustellt; was keine sonderliche Überraschung war, dem Text aber doch eine gewisse Überhöhung gab, die das letzte Viertel des Buchs zum stärksten Abschnitt machte. Den Tod als Winterreise darzustellen ist zwar wenig orginell, aber Kelhmann bringt es zumindest fertig eine Stimmung des Jenseitigen zu erzeugen. Daher war ich mit Der fernste Ort fast schon versöhnt, auch wenn es letztlich kein gutes Buch ist.
Aber es hinderte mich zumindest nicht, ein weiteres in Angriff zu nehmen: Ich und Kaminski. Und das ist gut konstruiert und rasant erzählt, auch wenn der Schluss ein bisschen mager ausfällt: Der Erzähler geht ins Weite, in die leere Zukunft. Gar nicht so unähnlich, wie in der Novelle zuvor.

Ein großer Stilist scheint mir Kelhmann nach wie vor nicht zu sein, aber immerhin langweilt er mich nicht mehr, und ich muss die FLAK auf meinem Elfenbeinturm nicht neuerlich auf das deutsche Feuilleton richten, ob seiner Einfältigkeit.

Zwischendrin dann noch das erste Drittel von Don Delillos Cosmopolis (nebst zweier anderer Bücher, die ich hier nicht besprechen möchte). Der Hype um Delillo ist mir ebenfalls unverständlich geblieben. Ich habe in den letzten Jahren immer mal wieder einen Roman von ihm angefangen, und bin kaum über die ersten fünfzig Seiten hinaus gekommen. Das mag alles gut geschrieben sein, aber mitreißen will mich das nicht.
In Cosmopolis z.B. wird ein kleines Thema ausgewalzt - die Bezuglosigkeit des modernen Finanztykoons in seiner kühlen Welt - aber vor allem die (textbestimmenden) Dialoge tragen nicht; so ungewöhnlich sie in ihrer Art in einem literarischen Zusammenhang sind, sie nutzen sich schnell ab. Und mehr hat der Text nicht zu bieten. Auch hier fehlt wieder die Innensicht, die Reflektion. So bleibt eine oberflächliche Welt nur oberflächlich dargestellt.

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Kommentare:

  1. in den späten neunzigern und am anfang des jahrtausends murmelte ich ohne unterlass die namen meiner damaligen lieblingsautoren vor mich hin:
    pynchon gaddis delillo pynchon gaddis delillo ...
    weißes rauschen und mao II sind großartige romane und sehr gern mochte ich auch körperzeit.

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  2. Da dir Kaminski gefallen hat: Kehlmanns "Ruhm" ist auch sehr unterhaltsam und lohnt sich unbedingt. Da gäbe es weit gewichtigere Gründe, auf das dt. Feuilleton zu schimpfen! Mit Sicherheit. Ich schimpfe ja auch jede Woche.
    H.

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  3. "Say the words." - "I want to bottle-fuck you slowly with my sunglasses on" - Was hast du denn an solchen Dialogen auszusetzen?

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  4. Das ist ziemlich altbackener Porno-Chic. Finde ich nicht so berauschend. All die Dialoge sind schon ziemlich zusammen geklaubt. Und zwischendrin zieht´s sich.

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  5. Natürlich ist das zusammen geklaubt, darum geht's ja bei DeLillo. Originalität ist in diesem Werk kein Wert. Das ist mittelalterliche Heiligenmalerei für unsere Zeit. Und Porno-Chic arbeitet über Sinnlichkeit, während der zitierte Dialog gerade die Abstraktion derselben vollzieht.

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