Donnerstag, 23. Mai 2013

(Über das Scheitern I)

Ich lebe seit nunmehr zwanzig Jahren immer wieder über längere Strecken von Sozialhilfe, Arbeitslosenhilfe, Arbeitslosengeld II, je nachdem wie die Almosen vom Staat gerade heißen.
Das letzte Mal, dass ich nicht am Hungertuch genagt habe, war das zweite Halbjahr 2001; da war mir das Arbeitstipendium des Berliner Senats zuerkannt worden. Ich bekam sechs Monate lang jeweils 2000 Mark überwiesen. Ich war reich. Ich war für eine Weile anerkannt.
Das ist lange her. Mittlerweile lebe ich schon wieder mehr als zwei Jahre von ALG II. Meine Kleidung ist abgetragen (wie ich gerade gestern erneut auf einem Photo feststellen musste, das mein vierjähriger Sohn aufgenommen hatte), ich kann mir keine bessere leisten. Die Gedichtbände der Kollegen sind viel zu teuer für meinen Etat, so dass ich mir nur unzulänglich einen Überblick verschaffen kann. Vor einigen Tagen habe ich mir ein gebrauchtes Buch für über zwanzig Euro gekauft; ich habe sehr lange gezögert: so ein teures Buch! - Dabei brauche ich es für die Recherche zu meinem neuen Roman.

Ich habe bislang vier Bücher veröffentlicht. Drei Gedichtbände, die sich jeweils in 150, 70 und 110 Exemplaren verkauft haben (und das ist die brutale Wirklichkeit). Ein Roman, der in einer Auflage von 3000 Stück gedruckt wurde, der aber nur 380 mal über den Ladentisch ging.
Ich habe gerade meinen dritten Roman abgeschlossen. Er ist einzigartig, das Beste, was ich je geschrieben habe. Er wird sich voraussichtlich kaum mehr als der erste verkaufen.
Mein zweiter Roman ist nie publiziert worden. Seinerzeit, vor rund drei Jahren, wurde er von einer Agentur mit der Begründung abgelehnt, er wäre zu gut geschrieben, das ließe sich schlecht vermarkten.
Für meine Gedichtbände interessiert sich kein Mensch. Die wenigen Leser könnte ich auch einmal im Jahr zu einer Party einladen und ihnen dann kopierte Manuskripte in die Hand drücken (mit Handkuss und besten Empfehlungen).
Ich bekomme keine Stipendien, geschweige denn Preise, obwohl ich mich seit fünfzehn Jahren auf fast alles bewerbe. Ich werde so gut wie nie zu Lesungen eingeladen, zu Festivals erst recht nicht, im Feuilleton kommt meine Arbeit nicht vor.
Verdient habe ich mit dem Schreiben in den letzten zehn Jahren – Lesungshonorare inbegriffen – keine 5000 Euro.
Ich bin jetzt 43 Jahre alt. Ich schreibe seit mehr als dreißig Jahren. Ich bin auf ganzer Linie gescheitert.
Das Leben als Dichter. Eine belegbare Tatsache!

(Aber immerhin kann ich mir noch Bananen und Orangen leisten. Vor hundert Jahren wäre das für einen armen Mann wie mich ein Ding der Unmöglichkeit gewesen).


Südfrüchte

In einer Gesellschaft von Gewinnern ist es der größtmögliche Protest, ein Verlierer zu sein.

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Kommentare:

  1. ach wenn du ein zaharzt wärest,
    müsstest du dir bei dieser bilanz wirklich sorgen machen, für einen autor ist das ganz normal

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  2. Ich weiß. Aber kaum einer spricht darüber.

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  3. vielleicht sollte man sich grundsätzlich von dem gedanken verabschieden, von seiner kunst leben zu wollen
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    (großes) fragezeichen
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    ansonsten: falsch falsch falsch.
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    neulich in der (berliner) s-bahn. mann: "dieses smartphone -blah - kann dies und das - blah - kostet ... sechshundertirgendwas..." frau: "da müsste mir ja was fehlen, über sechshundert euro für ein telephon!" + kramt in ihrer tasche. frau: "hier, das war schon teuer für mich, fast zwanzig euro" und [ich bin gespannt, welches buch sie gleich heraus holt. sie aber ...] präsentiert ihren lippenstift.
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    ich kaufe gedichtbände. dafür gehe ich arbeiten. knochen- und brotjob. andere leute gehen arbeiten, um sich smartphones und lippenstifte zu leisten. so is dit nun mal. wir haben alle die wahl. gescheitert sind wir erst dann, wenn wir uns als gescheitert betrachten. nicht aufgrund unserer lebensumstände, für die wir in jedem moment allein verantwortlich sind.
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    was ich meine: niemand zwingt dich.

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    was ich noch meine: weitermachen. unbedingt.
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    gruß.



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  4. Asmus Trautsch24. Mai 2013 um 15:37

    Lieber Florian, ich will das hier wiederholen, denn hier unter deinen Post gehört es ja wohl hin: weitermachen! Gegen das Fressen an, denn das Gefühl, gescheitert zu sein, wirkt selbst niederträchtig, es führt da tiefer rein (kenne ich gut). Es ist so viel schwerer zu schreiben, ohne von Anerkennung gepusht oder getragen zu werden. Umso anerkennenswerter also! Los. Henry Miller dachte übrigens mit Anfang 40 auch, er sei gescheitert, seine Bücher verkauften sich noch schlechter.
    Ich bin gespannt auf Deinen neuen Roman! Ist hiermit vorbestellt zum vollen Ladenpreis, sollen sich die Verlage drum reißen.

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  5. Danke, Asmus, das lese ich natürlich gerne.

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  6. aber ein gutes stilleben

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  7. Hallo Florian,

    toll das du das Thema thematisierst. Bin via Facebook und dem Post von Adrian Kasnitz auf den Blog hier aufmerksam geworden. Machst du weiter? Dein Satz über die Verlierer gefällt mir. Wo sind deine Bücher erhältlich? Welcher Weg der Bestellung ist der Beste für dich? Sprich, über welchen Kanal profitierst du am ehesten? Wenn ich deine Antwort habe, werde ich eins kaufen.

    Ich wünsche dir viel Erfolg, Mut und weiterhin Orangen!

    Viele Grüße,
    Roma Mukherjee

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  8. Lieber Herr Voß,

    ich überlege, was Sie uns mit diesem Blog mitteilen möchten... Einen Protest gegen die Gesellschaft stelle ich mir anders vor.
    Wie wäre es, nach all den Jahren, in denen Sie mit dem Schreiben ja nun so gut wie nichts verdient haben, auf einen anderen Job umzusatteln?

    Mein Mann und ich betreiben mit Leib und Seele ein kleines Gewürzgeschäft, von dem wir aber nun einmal nicht leben können. Ergo haben wir beide - neben unseren kleinen Kindern - "Hauptjobs", die wir zwar nicht mögen, die es uns allerdings ermöglichen, anständig zu leben und niemandem auf der Tasche zu liegen. Am Wochenende kümmern wir uns dann um unsere "tatsächliche Arbeit".

    Bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihre Sicht der Dinge nicht nachvollziehen kann, aber ich denke, Sie sollten der Realität ins Auge blicken und für Ihre Lieben tatsächlich etwas leisten. Mit 43 haftet - meiner Meinung nach - dem Leben als armer und bemitleidenswerter Poet doch ein wenig der Hauch des Lächerlichen an.

    Kriegen Sie den Hintern hoch und tun Sie was. Irgendetwas!

    Ich bin gespannt auf Ihre Antwort.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Stefanie Küster

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  9. Liebe Frau Küster,
    nicht jeder kann ein monitär produktiver Teil der Gesellschaft sein. Damit müssen Sie leben.
    Darüber hinaus muss eine Gesellschaft, wenn sie Kunst und nicht nur Kunstgewerbe haben will, den (produzierenden) Künstler allimentieren. Auch das hat sich noch nie Vermeiden lassen. Früher war es der Adel, der den Zehnten der Bauern an die Dichter und Komponisten verteilte, manchmal auch die reichen Verwandten, heute ist es der Staat als übergeordnete Instanz.
    Wir können natürlich auch den Arbeitsdienst für Künstler einführen, dann aber werden Sie nie wieder so etwas wie Hölderlin, Rilke oder Benn lesen können.
    Wenn Ihnen allerdings Frank Schätzing oder Stephanie Meyer reichen, kann ich Ihre Position verstehen.
    Viele Grüße Florian Voß

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    1. Schade. Genau diese Art von Antwort hatte ich erwartet.


      "Stephanie" Küster

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  10. Hallo Roma,
    für mich selbst macht es keinen Unterschied, wo du kaufst, ich bekomme den vertraglich festgeschriebenen Prozentsatz vom Verkauf (je nach Buch etwa 10 % des Nettoladenverkaufpreis´). Aber es ist immer eine gute Idee den jeweiligen Verlag zu unterstützen, der wie das Verlagshaus J. Frank, eine phantastische Lyrikreihe publiziert. Daher sollte man/frau im Zweifelsfalle immer beim Verlag bestellen, denn der Verlag streicht dann auch das Geld ein, das sonst der Zwischenhändler (z.B. Amazon oder die Buchhandlung an der Ecke) bekommen hätte.
    Also meinen neuen Gedichtband am Besten direkt hier bestellen:

    http://www.belletristik-berlin.de/datenschatten-datenstroeme-staub/

    Viele Grüße Florian

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  11. Hallo Florian,

    besten Dank für die Antwort :-)

    Viele Grüße,
    Roma

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  12. Solange du schreibst, bist du nicht gescheitert ... vorausgesetzt das Schreiben ist das, was zählt. Für mich zählt es seit vierzig Jahren, obwohl ich noch nie was veröffentlicht habe. In den Achtzigern hab‘ ich mal was an eine Zeitschrift geschickt, mich aber schon darüber geärgert, bevor eine Reaktion zu erwarten gewesen wäre (die dann übrigens eh nicht gekommen ist). Habe es immer verweigert, meine Produktion zu verkaufen. Das können dann meine Erben tun ... Ist sicherlich eine extreme Haltung, die ich auch gar nicht empfehlen möchte, aber mich hat es vor dem Gefühl des Scheiterns bewahrt. Allerdings, das muß ich schon einräumen, verstehe ich mich nicht als Schriftsteller, der von seiner Produktion leben möchte und also von zahlendem Publikum abhängt, sondern bloß als Schreibender, dessen Scheitern im Nicht(mehr)schreiben bestünde ... aber darüber könnte man noch lange schreiben, zu lange für diesen Platz hier.
    Ach, das fällt mir grad noch ein: in unserer schönen, hochglanzpolierten Gesellschaft zu scheitern zeugt von einer gewissen Inkompatibilität mit dieser Gesellschaft ... und das hat immerhin was Sympathisches, nicht?!
    Beste Grüße, Manfred Bibiza.

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  13. Ja, das Scheitern als ultimativer Protest im auslaugenden Spätkapitalismus. So war es auch von mir gemeint. Und die Haltung, erst gar nicht an die Öffentlichkeit zu gehen, kann ich gut verstehen, auch wenn ich sie nicht teile. Dafür ist mein Sendungsbewusstsein, und vermutlich meine Eitelkeit, zu groß.
    Letztendlich werde ich mich schon durchsetzen, ich bin da noch recht zuversichtlich, auch wenn die Tage des Zweifelns & Verzweifelns mehr werden.
    Eigentlich scheitert man nur zwischenzeitlich.
    Viele Grüße Florian Voß

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    1. Sich gegenseitig beim bestmöglichen Scheitern zuzuschauen bildet immerhin, anders als bei den (finanziell, gesellschaftlich) Erfolgreichen, eine Gruppe aus, die, denke ich und hoffe ich, so etwas wie Menschlichkeit ausdünstet. Ich persönlich halte es in der Causa Scheitern ohnehin mit Samuel Beckett, dem es darum ging, immer besser zu scheitern, Worte zu sagen, solange es welche gibt. Was auch soll man sonst tun als Schriftsteller? (Ich drücke mich übrigens in diesem Moment vor der weiteren Überarbeitung meines Romans, der, natürlich, bald das Licht der Welt erblicken soll, und dieses ihn.)

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    2. Nicht scheitern = weniger Menschlichkeit?

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  14. Beckett! Ja. Als er das sagte, war er allerdings schon weltberühmt. Da lässt sich leicht scheitern.
    Aber recht hatte er natürlich trotzdem.
    Und beruhigend ist für mich auch: berühmt wurde er erst mit Ende Vierzig...

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    1. Die Mayröckerin legte auch erst mit um die Vierzig los.

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    2. Auf der anderen Seite war Puschkin mit 37 schon tot

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  15. Weltberühmt für seine Theaterstücke! Da hat er einfach sehr großes Glück gehabt, denn diese Stücke sind bei aller Brillanz "nur" zeittypisch; 'Warten auf Godot' hätte genau so gut durchfallen können. Mit seiner Prosa, und die macht für mich den eigentlichen Beckett aus, ist er aber zeitlebends den eigenen Ansprüchen nach auch gescheitert, eben dies vielfach thematisierend. Ich denke jedenfalls, je später man für seine Arbeit belohnt wird, desto mehr hat man es verdient!

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  16. Eitelkeit ist natürlich ein robuster Motor, wenn’s um’s Weitermachen geht. Die gibt ja nicht so leicht klein bei ... zumindest wenn sie primär narzisstisch gefärbt ist, wie bei mir: die Bewunderung durch sich selbst braucht nicht erkauft zu werden und ist immer verfügbar ... naja, fast immer! Selbst im Scheitern gefällt sie sich, wie Norbert treffend bemerkt. Und ja ... ich denke auch, daß sich die immer weiter zusammenschrumpfenden Überreste dessen, was man früher einmal „Menschlichkeit“ genannt hat, nur noch in den Rückzugsnischen der „Verlorenen“ aufspüren läßt.
    Und Beckett hat natürlich eine ganz feine Nase gehabt für derartige Nischen. Bringt man aber – dankbarerweise – Beckett ins Spiel, muß das Thema „Scheitern“ um eine ganze Dimension hinaufgeschraubt werden, da es bei solchen Leuten (auch bei Kafka oder Bernhard beispielsweise) nicht NUR um ein persönliches Scheitern geht, sondern um das Drama des menschlichen Scheiterns überhaupt ... will sagen, ein Mensch, der Mensch sein will, erkennt daran, daß er scheitert, daß er Mensch IST. Einer, der das Unmögliche will! Und für das Unmögliche gibt es keine Märkte.
    ... aber das wird jetzt allzu philosophisch, deshalb noch einmal kurz zurück zur Eitelkeit ... oder besser zu deinem „Sendungsbewußtsein“, das – wie mich dünkt – nur ein freches Dessoushemdchen darstellt, in das sich die „nackte“ Eitelkeit hüllt. Nun, obwohl ich mich mit den Geschmäckern des Publikums nicht so auskenne, glaube ich doch argwöhnen zu dürfen, daß die Wenigsten auf Propheten warten. Die Leute ziehen „nackte Tatsachen“ vor. Warum also nicht die Eitelkeit zur Hauptfigur erheben ... und zwar die eigene, nicht die Eitelkeit im allgemeinen: das wäre nur fades Moralisieren ...
    Uuups, jetzt habe ich fast vergessen, daß ich hier nicht für die Schublade schreibe ...
    M Bibiza

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  17. Die besser Antwort auf so ein Geschwätz wie "geh doch mal arbeiten" wäre gewesen, suchen Sie mir doch welche.

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  18. Der Ansicht, Beckett hätte eine ganz feine Nase gehabt für sozusagen literarische Nischen, kann ich nicht zustimmen, nicht erst seit der Lektüre seiner frühen Briefe (1929-1940 unter dem Titel 'Weitermachen ist mehr, als ich tun kann'). Auch Beckett wollte sozusagen "nur" erzählen, der Welt etwas hinzufügen, ihr etwas Neues schenken. Die Aussicht, ein Leben lang ohne Leser zu schreiben, entsetzte ihn. Da blieben Mißerfolge nicht aus, denen er eben nur sein Weitermachen entgegensetzte, ein fortdauerndes, aber eben meist produktives Scheitern, das sich dem Gedanken der Sinnlosigkeit allen Tuns sozusagen mit allen Sinnen und mit allen vorhandenen (Kunst-)Mitteln öffnet, immer nah am Selbstzweifel. Ein taktisches Auf-den-Markt-Zielen gibt es da nicht, obwohl Beckett natürlich, wie gesagt, Leser haben wollte und Hörer und Zuschauer. Auch Eitelkeit ist da nicht zu erkennen (anders als bei Thomas Bernhard), eher ein absolutes, leidenschaftliches Wortemachenmüssen, also keine Spur von Kunsthandwerk (gegen das nichts zu sagen ist, solange es sich nicht als Kunst ausgibt). Erstaunlich ist, daß sich Beckett sprachlich, anders als Joyce, immer mehr reduzierte, die Kontexte immer mehr vereinfachte, bis hin zu einem "Gesagt nirgendwie weiter / Said nohow on" (In: 'Aufs Schlimmste zu' / letzter Satz.)
    [Zu der herzlich-kleinbürgerlich-engstirnigen Dame mit den seltsamen Ansichten muß man übrigens gar nichts sagen, die ist offensichtlich komplett unbelastet von jeder Kenntnis des Kunstmachens, denn sie verwechselt Kunst mit Hobby und Liebhaberei. Daß sie ständig beim Lesen und beim Filmansehen und Musikhören für vergleichsweise kleines Geld von der Kunst als solcher profitiert, scheint ihr nicht in den Sinn zu kommen. Beati pauperes spiritu.]

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  19. Ja, eine schreckliche Vorstellung, ohne Publikum zu schreiben.
    Ich arbeite an meinem Werk seit nunmehr dreißig Jahren, und es scheint nicht mehr Leute zu interessieren, als 100 bis 200. Das ist natürlich mehr als ärmlich, und selbst ich bin dadurch manchmal versucht, die Kunst zum Hobby zu machen und mir einen Job zu suchen (nur welchen?)...
    Insofern wundert mich die Einlassung von Frau Küster nicht im Mindesten, ins Besondere weil selbst Familienmitglieder mir mit solchen Vorhaltungen kommen: Willst du immer ein Almosenempfänger bleiben? Schreib doch mal einen Bestseller...

    Gut, schreiben wir also alle Bestseller, oder wechseln wir den Beruf. Hohl pfeift der Wind über das sterbende Europa...

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  20. Ich meinte nicht literarische, sondern existenzielle Nischen.
    Auch habe ich nichts über Becketts oder Bernhards (oder Kafkas) – übrigens meine drei bevorzugten Götterspeisen – Eitelkeiten gesagt oder zu sagen, sondern wollte nur Florian eine Kommunikationsbrücke bauen, weil er meinte, seine Eitelkeit wäre zu groß. Aber warum nicht eitel sein?
    Zum Thema Kunstmachen fällt mir folgende Anleitung ein, die Frank Zappa Leuten gegeben hat, die Komponisten werden wollen:
    1. Erkläre deine ABSICHT, eine „Komposition“ schaffen zu wollen.
    2. Beginne ein Stück zu einem bestimmten Zeitpunkt.
    3. Sorge dafür, daß über einen gewissen Zeitraum hinweg etwas passiert (es spielt keine Rolle was, schließlich gibt es Kritiker, die uns sagen, ob es gut oder schlecht ist, also brauchen wir uns nicht den Kopf darüber zerbrechen)
    4. Beende das Stück zu einem bestimmten Zeitpunkt.
    5. Such dir einen Teilzeitjob, um mit diesem Kram weitermachen zu können.
    Genauso verfahre ich mit meiner „Schreibkunst“; einschließlich des letzten Punktes.
    Grüße M Bibiza

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    1. @M Bibiza: Existentielle Nischen! Hört sich an wie ein Widerspruch in sich selbst, denn mit der Erschaffung so einer Nische besetzt man ja sein ganzes Leben, obgleich es gar nicht in einer Nische Platz hätte. Was Frank Zappa sagt, ist ganz und gar richtig, so lange ein Teilzeitjob es einem erlaubt, seine Kunst zu machen, was aber, siehe unten, eben kaum noch möglich ist der miesen Bezahlung wegen. Gute Bezahlung gibt es nur für Vollzeitjobs, und dann hat man eher zu viel Geld und überhaupt keine Zeit mehr für anderes. Es gab ja mal Zeiten, da konnte ein Mensch allein mit normalem Beruf eine Familie ernähren und sogar Häuser bauen! Vorbei!

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    2. Leider gibts auch für Vollzeitjobs keine tolle Bezahlung, die Zeiten sind zum anbeissen gell

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  21. Leider – oder zum Glück – kann man die schon so weit gediehene Kunst nicht mehr zum Hobby machen (man ist ja keine 25 mehr), und irgendwann wird man dann auch, egal ob mit oder ohne Erfolg, von den meisten Menschen als Künstler akzeptiert, wenn man denn tatsächlich ausdauernd arbeitet und an sich selbst glaubt. Was das Jobben betrifft, so bricht bzw. bräche ja keinem Künstler ein Zacken aus der Krone, wenn er für ein angemessenes Gehalt so viel lohnarbeitet wie für den Lebensunterhalt nötig, nur leider geht das (zumindest in Berlin) kaum, weil viele Stellen mit unbezahlten Praktikanten besetzt sind oder weil sittenwidrige Löhne weit unter 10 € bezahlt werden. Dann doch lieber an seinem Werk als sich arm und krank arbeiten!

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  22. Ja, das Grundproblem des erfolglosen Künstlers ist heutzutage, dass alle Hilfsarbeiten & Nebenjobs katastrophal unterbezahlt werden.
    Da ich z.B. nichts anderes gelernt habe, als großartige Texte zu schreiben (ich weiß, das könnte ein Fehler gewesen sein), kommen für mich nur Stellen in Frage, deren Stundenlohn eher bei 6 denn 8 Euro liegt (völlig normal, hier in Berlin).
    Um nach Steuern und Sozialabgaben auf die 900 Euro zu kommen, die ich zum Leben brauche, müsste ich im Monat etwa 150 Stunden arbeiten. Also nahezu Vollzeit. Wann soll ich dann noch zum Schreiben kommen? (Ins Besondere weil ich einen Sohn habe und auch noch die Lyrikedition herausgebe). Wann soll das geschehen?
    Ich habe jetzt schon, ohne bezahlten Job, teilweise einen 10-12-Stunden-Tag. Und ich brauche auch Zeit zum Nachdenken, denn aus dem Denken entsteht mein Werk.
    Wie man es dreht und wendet, wirklich relevante Kunst kann man nur machen, wenn man sich auf diese, künstlerische Arbeit konzentrieren kann. Und ich weiß wirklich, wovon ich spreche: ich lebe ja nun nicht schon mein ganzes Leben von Almosen, ich stand vielmehr jahrelang hinter Kneipentresen und habe Biere gezapft, Cocktails gemixt, gekellnert, gekocht - teilweise in 15-Stunden-Schichten.
    In diesen Jahren habe ich zwar geschrieben, wenn auch weniger, aber vor allem bin ich auf der Stelle getreten, ich kam künstlerisch nicht voran. Ich hatte zu wenig Zeit zum Arbeiten, viel zu wenig Zeit (und Kraft) zum Nachdenken.
    Davon abgesehen: mit Mitte Vierzig, und ohne Ausbildung, findet man als Langzeitarbeitsloser in Berlin nicht gerade leicht eine Stellung.

    Was bleibt mir also? Weiterschreiben und auf den Büchnerpreis hoffen.

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  23. Deine Verkaufszahlen und Einnahmen gleichen den meinen. Das hätte ich gar nicht vermutet. Und die Begründung für die Ablehnung deines Romans kommt mir sehr bekannt vor. Ich dachte immer, ich sei so ziemlich die einzige literarisch "Gescheiterte" in meinem FB-Umfeld. Mut macht mir deine Offenheit dennoch nicht.

    Ich habe das zweifelhafte Glück, einen Vollzeitjob zu haben, den ich hasse, der mich aber ernährt. Das Schreiben findet an den Wochenenden und im Urlaub statt. Aber auch das immer weniger. Anderes wird wichtiger. Ich glaube nicht, dass ich bis ans Ende meiner Tage schreiben werde. Und, was ich mir früher nicht hätte vorstellen können: Ich glaube nicht, dass ich es vermissen werde, wenn ich es nicht mehr tue. Das, vermute ich, ist das eigentliche Scheitern.

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    1. Letztendlich bin ich da ziemlich kompromisslos. Ich würde diesen Vollzeitjob aufgeben. Was mich am Schreiben hindert, hat wenig Chancen in meiner Planung & Durchführung.
      Ich bin auch nahezu sicher, dass es mit mir kein gutes Ende nehmen würde, müsste ich das Schreiben aufgeben.
      Insofern: lieber verachtet und arm, als konform und unglücklich.

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  24. Hr. Voß - mehr Nachrichtensprecher als Hölderlin? Wenn er ein Wort, nehmen wir doch gleich das Wort >Schönheit<< verwendet, so macht es ja doch nicht die Wirkung, wie beim Dichter; viell deswegen die Quengelei. Für einen Dichter durchgehen wollen zu den Konditionen eines Nachrichtensprechers. Anders kann ich mir die Quengelei und die Hundeaugen über das Dichter-Schicksal nicht erklären. Hohl pfeift der Kleinbürger über das lebende Europa.

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  25. Es geht fast allen Schriftstellern zwischen 35 und 60 ganz genau so wie oben von Florian beschrieben, selbst denen, die relativ viele Veröffentlichungen haben. Wer (noch) gute Kontakte hat zu noch nicht pensionierten Machern bei Radio und Presse, ist allerdings ein wenig besser dran. Gut ist es natürlich auch seit je her, von irgendwoher gesponsert zu werden – das fällt dann unter das Label 'Verdientesglückhaben'.
    Was das Schreiben oder überhaupt Kunstmachen "nebenbei" angeht (obwohl man natürlich den Job nebenbei macht), so habe ich das ewig und drei Tage auch gemacht, aber je besser man über die Jahre in seiner Kunst wird, desto mehr Zeit braucht man dafür. Nichtkünstlerischtätige machen sich davon ja überhaupt keine Vorstellung! Was also tun? Nicht mehr schreiben (malen, musizieren, theaterspielen …), sich allein auf das Erwerbsleben mit seinem Belohnungssystem werfen und nichts Eigenes mehr erspinnen? Blieben dann am Ende nicht nur die übrig, die mit ihrer Kunst viel zahlendes Publikum erreichen? Ich persönlich stelle mir diese Fragen nicht ständig, aber sie stehen im Raum, wenngleich ich mit meiner optimistisch-fatalistischen Lebenseinstellung immer schön um sie drumherumtänzele.

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  26. Ist es etwa keine offene Frage, ob die Kunst ein Platz ist, den man im Leben einnehmen kann, oder doch ein Leben, in dem man keinen Platz findet? Wer hat denn nötig ein Künstler zu werden? Der mit dem Platz, oder der ohne? Was ist denn eine Kunst, aus der die Absicht spricht, Kunst zu sein? So kommen mir sehr viele "Werke" vor, sie räkeln sich, wie wenn sie welche wären. Eine Kunst, die nichts-als-der-Ausdruck ist, Kunst sein zu wollen, erinnert mich, mit Verlaub, an Projekte a la Reich3.

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  27. Scheitern ist die Möglichkeit eines noch schrecklicheren Scheiterns. Geschehen beispielsweise eute morgen um 9 Uhr im Neptunbrunnen.

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  28. Jeder Beitrag zu Diskurs ist natürlich preiswürdig. Auch dieser hier. Nur, nenne man doch nicht Offenheit, was in Wirklichkeit ein Krampf ist, oder ein Reflex. Die Frage ist, ob, wer hier schreibt, nun nicht anders kann, oder nicht anders will. Anders wollen heißt ja auch noch nicht können. Das ist wieder ein Problem. Sich auf die kleinbürgerliche Seite des Problemes festlegen kann man doch nun wirklich nicht wollen, als Künstler, nicht wahr? Mehr Wink als Gequengel, Hr. Voß!!

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  29. Das Dichter-Wohlsein zum Diskurs erhoben wird nicht politisch? Marx war ja auch ein Dichter, und was für einer! Dichter sein und sich niemals entschlossen haben zu darben? Dem Diskurs, soweit er bis jetzt da steht, fehlt doch dich Schönheit, wenn es auch nur ein klein bisschen Ironie wäre. Oder man trifft sich und legt für billigen Wein zusammen, um des Mehrwertes an Anmut willen?

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  30. Nebenbei: heute verzeichnete dieser Blog seinen 30.000sten Besucher.
    Ist das schon Erfolg, oder doch noch immer Scheitern auf mittlerem Niveau?

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  31. Und Puschkin war mit 37 tot, immerhin im Duell.

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  32. Echter Erfolg kommt von innen, denke ich, nicht per Datenübermittlung von außen. In Zeiten allerdings, wo alle Berufsgruppen sich öffentlich über die Bedingungen ihres Daseins beklagen (also bestimmt nicht nur die Künstler), ist man fast versucht, selbst die Zahlen zu bemühen. Die Nachrichten sind ja voll davon, wie schlecht die immer mit Daten unterfütterten Bedingungen sind für die mittelständischen Unternehmer, die Bauern, die Soldaten, die Lehrer, die Berufskraftfahrer, die Ärzte, die Juristen, die Erzieher usw., wobei die mit dem meisten Geld die einflußreichste Lobbyarbeit machen können und am Ende dann die besten Ergebnisse vorweisen – eben deswegen wäre ich mit Zahlen vorsichtig, wenngleich sehr viele Blogs schnell wieder eingehen, weil die Betreiber glauben, so was in der Freizeit betreiben zu können. Also sind 30.000 Besucher in jedem Fall ein Erfolg, auch wenn der von den üblichen Materialisten sicher nicht anerkannt wird. Aber da sich der Schriftsteller werden erklären muß noch sich zu rechtfertigen hat: scheiß auf die Materialisten, wenn ich das mal so sagen darf (klar darf ich!)!

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  33. Aber die Materialisten haben sich doch gar nicht zu Wort gewechselt (wo sind die?), sondern der Dichter selber war geneigt uns eine Zahl zu nennen.

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  34. Nur ganz kurz: Wer nicht seinen Namen zu seiner Meinung dazuschreibt, hat imgrunde nix gesagt. Alles weitere dann, wenn Augenhöhe hergestellt ist.

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  35. Ist das ihr Blog Herr Schlinkbach?

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