Samstag, 25. Mai 2013

(Über das Scheitern II)

Im Heyne-Verlag gab es in den frühen 80er Jahren eine Lyrikreihe. Monatlich wurden dort mit einheitlichem, weißem Umschlag Gedichtbände aus der klassischen Moderne oder sogar ein zeitgenössisches Werk publiziert, meist als Lizenzausgabe eines Verlags wie Luchterhand, Piper oder Limes (die seinerzeit noch Lyrik veröffentlichten - unglaublich aber wahr). Die Auflagen lagen teilweise bei 8000 Exemplaren (soviele werden heute nicht mal mehr von einem neuen Durs-Grünbein-Buch gedruckt).
Solche großen Publikumsverlage wie Rowohlt, Fischer und auch eben Heyne hatten Jugendbuchserien wie Panther, Boot oder Scene, die in jeder ihrer Anthologien nicht nur Kurzgeschichten (und zwar manchmal geradezu avantgardistische Kurzgeschichten) brachten, sondern auch Gedichte, und nicht wenige.
An den Kassen der Buchhandlungen lagen nicht nur die neuen Bücher von Michael Ende oder Johannes-Mario Simmel, sondern auch die von Erich Fried und Wolf Wondratschek.
Lyrik hatte Relevanz, Lyrik wurde gekauft. Ich glaube sogar: Lyrik wurde gelesen.
Das war die Athmosphäre, in der ich Gedichte zu schreiben begann, 1983, mit dreizehn Jahren. Und ich war voller Zuversicht, später damit mein Leben gestalten zu können.

Dann kam die Wende von 1989 und der Höllenritt in das Weltreich der sogenannten Globalisierung. In einem unheimlichen Tempo wurden die deutschen Literatur- und Publikumsverlage von zwei Konzernen aufgekauft (Bertelsmann und Holtzbrinck), und alles was nicht marktkonform war, wurde nicht mehr gedruckt. Es wurde einfach nicht mehr gedruckt. Vorbei. McKinsey hatte entschieden, dass das Land keine Gedichte braucht.

Und sie hatten recht: das Land brauchte keine Gedichte. Sie wurden nicht mehr in den großen Verlagen veröffentlicht, und keiner kaufte sie, auch nicht in den kleinen Verlagen, wo fortan die Dichter ein karges Asyl fanden.
Es interessierte niemand. Vorbei.

Hatte ein Debütant in den 80er Jahren üblicherweise noch 500-600 Exemplare von einem Gedichtband verkauft, sind es jetzt 100-200, wenn es gut läuft.
Ich kenne Debütanten, die verkaufen 20-30 Stück von ihrem ersten Buch, an dem sie jahrelang gefeilt haben. Ich kenne bekannte, fast berühmte Dichter, die verkaufen keine 500 Stück mehr, trotz Hymnen im Feuilleton.
Insofern ist die verkaufte Auflage meines dritten Gedichtbands von 110 Exemplaren gar nicht mal so schockierend. Sie ist eher Durchschnitt.

Und das bedeutet: das Gedicht an sich ist völlig marginalisiert, es findet in dieser Gesellschaft nicht mehr statt. Selbst die Kollegen kaufen kaum jeden neuerschienenen Band, sonst müssten die Auflagen höher sein.
Jedoch die 50 bis 150 Stück, die dann eben verkauft werden, stehen in den Regalen dieser Kollegen und vielleicht noch in denen einiger Germanisten.
Das sogenannte Bildungsbürgertum (das geistig ja völlig vernichtet wurde in den letzten zwanzig Jahren) kauft Frank Schätzing und Stephanie Meyer.
Dunkelheit legt sich über das Land.


Kartons

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Kommentare:

  1. Lieber Florian,
    ich finde deine Rufe rührend. "Das vernichtete Bildungsbürgertum" - richtig. Die literarisierte Öffentlichkeit - ein Phantom von gestern. Buchhandlungen - Kulissen.
    Immerhin speist die Elegie des Verlusts auch Identität. Dies mit Ironie und Heiterkeit zum Stil zu machen, das scheint mir deine Aufgabe, da hast du ja auch schon einiges geleistet.
    Wenn man an dieser Enthauptung der gestrigen Werte keinen Spaß entwickelt, kommt bald der Sandmann nicht mehr vorbei.
    Wärm dich mal an Hettches letztem Kapitel von "Totenberg".
    Lyrische Grüße!
    Rolf

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  2. Danke, für den Zuspruch. Und "Totenberg" werde ich mir besorgen.

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  3. Hallo Florian Voß,
    deine beiden Artikel berühren mich sehr. Ich denke, es geht vielen anderen ebenso. Aber wenn die Welt keine Lyriker und Lyrik will- eins will sie noch weniger: jammernde Lyriker! Die sind sowas von unsexy! Die Öffentlichkeit will ja Erfolgstypen: junge, gutaussehende Autoren, die man auch mal in eine Talkshow setzen kann und deren ganzes Auftreten schreit: "Seht her, ich habe mit Lyrik Geld gemacht!" (Denn nur, wer Geld macht, muss gut sein) Seit Jahren wird immer wieder von der neuen Lyrik-Welle geredet -Gedichte seien (raptechnisch, SMS-Kürze-ähnlich, Schnelllebigkeit, blabla)doch so zeitgemäß!!! Viel mehr als der zeitfressende Roman!
    Und es gibt ja erfolgreiche Lyriker! Ich nenne jetzt keine Namen, denn jeder kennt die drei? fünf? zehn? AutorInnen, die an der richtigen Schule waren und das richtige Alter und Gesicht haben, um Titelbilder beanspruchen zu dürfen. diese Autoren teilen das schmale Segment der Verlage für Lyrik, die wenige Aufmerksamkeit und alle Preise unter sich auf. Die Jurys entscheiden aus Unsicherheit immer wieder für diese Autoren und wenn ein Autor NICHT an diesem Institut war und KEINE telegene Nase vorzuweisen hat, wird es schwierig. Wir müssen uns bewußt sein, dass wir "Nischenbewohner" sind- das wäre noch nicht schlimm, aber dass die Nische für Lyrik bei ca 80 000 000 Deutschen dann nur ca 150-300 Leser groß ist, ist schon traurig.Schlicht: ich bedauere, dass die gesamte "Szene" sich extrem verschließt. Ein elitäres Denken (nicht nur nach außen, sondern auch nach innen), dass immer das Gleiche pusht und propagiert. Da ist Platz für eine Handvoll Schreiber, die gewisse Rollen erfüllen, aber von Vielfalt kann keine Rede sein. Lyriker sind Dinosaurier, die nicht merken (wollen), dass sich das Klima in letzter Zeit irgendwie geändert hat... Mir ist das sympathisch und ich werde immer weiter Gedichte schreiben und lesen- und sei es als exzentrisches Hobby. Die Hoffnung, mit Literatur seinen Lebensunterhalt zu verdienen mag gestorben sein, wenn ein Roman, an dem man 3 Jahre oder mehr gearbeitet hat, am Ende weniger als Download kostet, als jeder Kaffee bei Starbucks- es ist nur zu hoffen, dass es möglichst vielen Autoren irgendwie möglich bleibt, zu sagen: Dennoch-entgegen der Schande, dass es ist, wie es ist!Verzweiflungsphasen und Sinnfragen inbegriffen.

    die besten Wünsche
    matthias

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  4. Hallo Matthias,
    ich kann fast alles unterschreiben, was du hier sagst. Ins Besondere das Verhältnis zwischen 80 Millionen Einwohnern in Deutschland (100 Millionen im deutschsprachigen Raum) und den durchschnittlichen Lyrikauflagen von 250 Exemplaren, schockieren mich auch immer wieder.
    Die Lyrik hatte es - wir wissen es alle - schon immer schwer, aber die Lage heutzutage ist Horror & Untergang.
    Viele Grüße Florian

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