Samstag, 31. Dezember 2016

Der Geruch von Tod: wie kaltes Kalbsfleisch gemischt mit Ozon.

Wir fanden in der Küche drei leere Streifen Kopfschmerztabletten, ein halbes Glas Wasser. Die Wohnung war aufgeräumt, ist in meiner Erinnerung aber in einem Zustand der Verwüstung.
Fußstapfen waren keine zu sehen, auch kein Leichenabdruck im Flur. Dort lag der Körper, zehn Tage lang ... von der Kloschüssel durch die offene Tür gekippt. Sekundenschlaf.

Z.B. meine Mutter. Man sagt, dich soll der Schlag beim Scheißen treffen. Aber ich wüsste keinen, der ihr das gewünscht hätte.
Im Sommer, wenn die Erde weich ist für ein Spatenblatt. Aber zehn Tage im Flur hatten ihrem Körper nicht gut getan, erzählte man mir. Die Nachbarn hatten es gerochen. Kaltes Kalbsfleisch wohl nicht. Dieser Geruch hing erst in der Wohnung, nachdem das Säuberungskomando hindurch gefegt war.
Die Windspiele an den Decken, die Sonnenstrahlen zart zwischen den Glasfronten von Wohn- und Schlafzimmer. Die Hitze des Sommers.

Die Schlieren auf den Fenstern wie Eisblumen.
Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.
Sie hatte Elfen und Zwerge gesehen, sechzig Jahre zuvor, in den Wäldern im holzlosen Holland, auch im kleinen Garten hinter dem Haus, hinter dem dunklen, schattendurchfluteten Haus. Später wurde ihre Hellsicht von schwarzer Galle verdunkelt.
Die Tage in der Irrenanstalt, Licht auf den Resopaltischen, weißlackierte Türen, geschlossenes Leben. Die Notwendigkeit, eine Elfe zu sein.

Ich erinnere Eisblumen auf den Fenstern im Winter, ihre kühle Hand auf meiner Stirn, Fieberträume die sich in den Tod öffneten. Eine Wand aus rieselnder Leere, der Körper im Nichtschlaf gefangen, riesenhaft, aufgebläht. O, und die Augen, vollgestopft mit Blicken.

Z.B. meine Mutter, wie sie auf ihrer Leopardencouch sitzt und Zigaretten dreht. Die Hände flattern bei jedem Satz durch die Luft, Albinofledermäuse. Atemzüge. Sekundenschlaf.


Johanna Maria Tielens, 1964



Keine Kommentare:

Kommentar posten