Dienstag, 11. September 2012

Gestern Abend dann die Premierenlesung der Georg-Heym-Anthologie (die man im Übrigen hier kaufen kann: Link), die sehr schön aber leider nur mittelmäßig besucht war. Die rund zwanzig Leute schienen aber angetan zu sein von den Gedichten Heyms, die an diesem Abend von Birgit, Björn, Friederike und Stephan erwidert wurden.
Im Anschluss vermutlich eines der letzten Male unterm Sternenhimmel in diesem Jahr, ab morgen soll es herbstlich werden. Die Nacht war lau, der Weißwein kühl, mein Kopf war längst zu Hause.

Friedericke Scheffler

Björn Kuhligk

Friedericke Scheffler

Friedericke Scheffler

Stephan Reich

Birgit Kreipe

Georg Leß

Stephan Reich, Georg Leß

Linus Westheuser

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Montag, 10. September 2012

Nachdem ich mich nun wochenlang mit zwei nagelneuen Notebooks rumgeärgert habe - zuerst einem Sony Vaio VPC, dann einem Acer - bin ich auf die großartige Idee gekommen, mir einen gebrauchten Laptop zu kaufen. Also habe ich bei Ebay für schlappe 200 Euro genau den PC ersteigert, den auch meine Frau besitzt, und auf dem ich die letzten vier Jahre ständig gearbeitet habe: einen Sony Vaio VGN mit altem Bildschirmformat.
Allein das habe ich bei den zwei zeitgenössischen Notebooks gehasst (die ich beide retournierte vor Ablauf der Zwei-Wochen-Frist), diese neue Bildschirmgröße, die nicht für's Arbeiten, sondern für Filme glotzen und Telespiele daddeln ausgelegt ist. Auch der Klang der neuen Geräte ist in erster Linie "Wrrruuuuum", und ebenso für die junge User-Generation geschaffen.
Was mich aber am Meisten schockiert hat ist, dass selbst die Lüftung in den neuen, teuren Geräten lauter war, als in dem vier Jahre alten Modell. - Und genau so eines besitze ich nun, und ich bin geradezu glücklich damit; wenn man denn Glück von einer Maschine gespendet bekommen kann.

Seit heute Nachmittag bin ich dabei, die Maschine optimal zu konfigurieren. Die Grafik der Oberflächen, die Farben, die Symbole auf der Taskleiste, Scroll-Geschwindigkeit, Besitzer-Namen (der Vorbesitzer hieß Willi). Dann Opera und Open Office laden (und noch Dies & Das). Auch die Oberflächen dieser Programme anpassen. (Was man mit Opera so alles machen kann; ich glaube, es gibt keinen anderen Browser mit einem so offenen System). Schließlich einen Desktoplink auf die Taskleiste legen. Fertig... für heute.

Aber das Beste war: als ich das Notebook zum ersten Mal hochfuhr, stellte ich fest, dass ein Windows-Office installiert war. Davon hatten die Vorbesitzer nichts geschrieben. So ein Glück, sonst hätte ich sicher mehr als 200 Euro gezahlt.

Davon abgesehen finde ich es immer wieder verblüffend, wie schnell die Preise von Hardware verfallen. Noch vor drei Jahren hat dieser Vaio 800 Euro gekostet (und das Windows-Office zusätzlich 280). Wieso benutzen die Leute ihre Maschinen nicht länger? Wenn man nicht gerade 3-D-Spiele zocken will, sind die neuen Kisten auch nicht viel schneller.

? : 42

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Sonntag, 9. September 2012

Vorgestern eine Lesung in der Z-Bar. Birgit Kreipe und Kerstin Preiwuß saßen auf dem Podium. Die Gedichte waren beeindruckend, die Veranstaltung war schlecht besucht (kaum zwanzig Leute; wo waren sie alle nur gewesen?), und ich war hundemüde. Offenbar noch immer diese unfassbare hartnäckige Sommergrippe. Wurde dem entsprechend ziemlich fix betrunken und ging früh.
Auf dem Weg durch die Nacht: Gedankenrauschen, leichter Regen, Paare und Passanten. Vielleicht ein oder zwei Schläger auf dem Grazer Platz.

Birgit Kreipe

Birgit Kreipe, Kerstin Preiwuß

Birgit Kreipe, Kerstin Preiwuß

Johannes Frank

Birgit Kreipe, Kerstin Preiwuß

Odile Kennel, Adrijana Bohocki
Björn Kuhligk

Adrijana Bohocki, Björn Kuhligk
Andrea Schmidt

Johanna Melzow

Johanna Melzow

Dominik Ziller, Johannes Frank

Andrea Schmidt, Jan Papenfuß

Die Nacht

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Donnerstag, 6. September 2012

Ich muss euch allen von einer literarischen Entdeckung erzählen, die ich in den letzten Tagen gemacht habe, ein – zumindest in Deutschland – fast vergessener Dichter der Französischen Romantik: Gerard de Nerval.
Ich lese gerade seine Novelle „Aurelia“, und ich kann es einfach nicht begreifen, dass dieses Stück Prosa schon im Jahr 1845 geschrieben sein soll. Das Ganze liest sich so unfassbar modern, dass es selbst die Surrealisten 80 Jahre später noch überflügelt, ganz zu schweigen von Lautreamont, Rimbaud oder Baudelaire.
Es beginnt mit einem Abschnitt, den ich erst vorgestern so hätte selbst schreiben können, wenn auch Nervals Stil hier eindeutig eleganter und stringenter ist: „Der Traum ist ein zweites Leben. Ich habe nie ohne zu schaudern durch die Elfenbein- oder Horntore dringen können, die uns von der unsichtbaren Welt scheiden. Die ersten Augenblicke des Schlafes sind das Bild des Todes. Eine nebelhafte Erstarrung ergreift unsern Gedanken, und wir können den genauen Augenblick nicht feststellen, wo das Ich in einer andern Form die Tätigkeit des Daseins fortsetzt. Ein ungewisses unterirdisches Gewölbe erhellt sich allmählich und aus dem Schatten der Nacht lösen sich in ernster Unbeweglichkeit die bleichen Figuren, welche den Vorhof der Ewigkeit bewohnen...“
Ist das nicht phantastisch zeitgenössisch für unsere Ära?
Ich bin ganz gebannt von dieser Prosa, von der ich zwar in früheren Jahren am Rande gehört, gelesen hatte, die ich aber nie zur Hand nahm, bis ich, ich berichtete bereits davon, demletzt ein Kindle kaufte. Vermutlich ist das der größte Vorteil eines E-Book-Readers, man liest plötzlich Bücher, die man vorher nicht aus dem Bibliotheksregal gezogen hätte, und man entdeckt völlig unbekannte Kontinente, einstmals erschlossenes, jetzt aber wieder von der grünen Hölle der Zeitläufte überwuchtetes Gebiet.
Und hinter einem Gestrüpp aus Kletterpflanzen und Farn hockt der irre kichernde Gerard de Nerval. In seiner Biographie kann man nachlesen, dass er dem Wahnsinn verfallen war, die letzten Jahre seines Lebens, auch zu der Zeit wahnhaft durch die Straßen lief, unter freiem Himmel nächtigte, als er seine „Aurelia“ schrieb.
Mir erscheint der Text jedoch, als hätte Nerval zwei, drei Pfeifen Opium oder ein großes Fläschchen Laudanum zu viel gehabt. Der Text ist ein Traum, eine Himmelfahrt in die Hölle (oder umgekehrt), eine Phantasmagorie, die sich durch Zeit und Raum windet. Ein unheimlicher Text, völlig aus der Zeit gefallen. Und so etwas großartiges wird vermutlich nur noch von Philologen studiert. Jammerschade.
Doch den Besitzern eines E-Book-Readers ist jetzt ganz schnell Abhilfe geschaffen, denn sie können sich das Werk kostenfrei auf Gutenberg.org laden: LINK
Eine von Hedwig Kubin hervorragend übersetzte Ausgabe, üppig illustriert von ihrem berühmten Ehemann Alfred. Leute, lest das, sofort. (Oder wie wir Digital Natives sagen: Lies! Das! Jetzt!)

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Zuvor, am Nachmittag, den ich durch das wilde Südgelände streifend verbrachte, kam mir der Gedanke an unser aller Greisenzeit.
Wenn unsere Generation erst einmal im Altenpflegeheim sitzt, so um das Jahr 2050 herum, dann wird sich einiges geändert haben. Plötzlich säuselt dort aus dem Gruppenraum nicht mehr deutscher Schlager, sondern Bauhaus und The Cure (wenn wir Glück haben – eher wohl aber Madonna und Simply Red).
Und all die Extrawürste aus Tofu, das kulinarische Verlangen der Vegetarier, Veganer, Fruktarier, Zöliakie-Patienten, Laktose-Verächter. Wireless Lan in jedem Zimmer, Kampf der Apple- und Microsoft-Jünger im Frühstückssaal. Jeden Abend eine SMS an den Tod (die Enkel werden fragen: Opa, was ist denn das, eine SMS, und was hast du da für ein komisches Gerät in der Hand? Ein Was? Ein Händi?)
Aufgemotzte Rollatoren, beige Freizeitanzüge von H&M (da sei Gott vor!), und einmal die Woche Körperpflege durch die freundliche Hilfskraft aus Usbekistan. Die aber nicht den ganzen Körper enthaaren wird, sie hat noch anderes zu tun; die Körperhaare werden wieder kräftig sprießen, nach über fünfzig Jahren zähen Kampfes gegen das Gestrüpp an Beinen, Bäuchen, unter den Achseln, zwischen den Augenbrauen. Zurück zur Natur durch Tatterigkeit.

Wir können die ersten Anzeichen für das Kommende schon am Kottbusser Tor betrachten, all die alkoholisierten Punks im Frührentner-Alter. Knitterige, zockelnde Mittfünfziger, deren Irokesen müde herab hängen. Noch immer in T-Shirts, Jeans und Lederjacken, die unter ihren alten Gesichtern wie Kinderkleidung aussehen. Dann schon lieber beige Freizeitanzüge von H&M (da sei Gott vor!)

Der irre Nerval, ungefähr 45 Jahre alt

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Mittwoch, 5. September 2012

Vielleicht hat die TBC dem Doktor Kafka aber auch sieben Jahre Lebenszeit geschenkt, und uns unter anderem "Das Schloss", "Ein Hungerkünstler" und "In der Strafkolonie", denn was wäre gewesen, wenn die Kranktheit 1917 nicht endgültig ausgebrochen wäre? Man hätte Franz K. an die Front geschickt.
Zwar war er in den ersten Jahren des Krieges noch als "unersetzliche Fachkraft" unabkömmlich gestellt - auf Bitten seines Vorgesetzten, und gegen seine eigene Intension - aber schon 1915 wurde er als militärisch "voll verwendungsfähig" eingestuft, und es hätte sicher nicht mehr lang gedauert bis zu seiner Einberufung, wäre er nicht 1917 so schwer erkrankt.
Also hat ihn die TBC möglicherweise vor dem Tod an der Front bewahrt.

Vielleicht aber hätte er auch in der Etappe, in einer Schreibstube dort, überlebt. Und danach den ersten großen Anti-Kriegsroman geschrieben. Möglich wäre auch gewesen: er wandert 1912 nach Palästina aus, das Klima dort unterstützt die Ausheilung seiner Lunge, er lebt in den nächsten Jahrzehnten in einem Kibbutz und publiziert bis zu seinem Tode 1975 acht sonnendurchtränkte, lebensbejahende Erzählungen. Letzteres allerdings ist schwer vorstellbar.

Oder er heiratet im November 1917 die schöne Tilka Reiß, die er ein Jahr zuvor kennen gelernt hat, zeugt vier Kinder (zwei Buben, zwei Mädchen; eine wird später die legendäre Malerin und Weltreisende Franziska Thylia Kafka-Blomstedt), seine TBC wird durch Spontanheilung kuriert (unterstützt durch den Magnetisieur und Spiritist Dr. Valboni-Eisenhans), die Familie emigriert 1935 in die Schweiz (zusammen mit Kafkas Schwestern), Franz bekommt 1938 den Nobelpreis für Literatur zugesprochen, und alle leben glücklich und zufrieden am Genfer See. Und wenn sie nicht gestorben sind...

Tilka Reiß, 1917

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Dienstag, 4. September 2012

Kafka. Ich beschäftige mich in letzter Zeit wieder intensiv mit Kafka.
Lese in seinem Band “Betrachtung”, durchstöbere Skizzen in seinen Oktavheften, traue mich nicht so recht an seine Romane, die ich in meiner Jugend alle abgebrochen habe (da es sich um Fragmente handelt, ist das ja auch nicht so schlimm - und hier bin ich fast verleitet, die feine Ironie zu kennzeichnen, die in diesem Land so schlecht verstanden wird).
Gerade las ich in einem Buch mit Anekdoten über Kafka (R. Stach: “Ist das Kafka?”) die Broskwa-Skizze, die mich sehr beeindruckt hat, und die ich Lust hätte weiterzuführen. Aber wäre das nicht völlig sakrosankt? Kafka fortschreiben? Ich würde geschlachtet werden vom Feuilleton, die Rezensenten würden mir einen Apfel in den Rücken werfen. Die Lektoren sowieso.
Zu der Broskwa-Skizze gibt es eine hübsche Geschichte. 2007 schickten die Macher der Literaturzeitschrift “Edit” diesen halbseitigen Text an vier bekannte Verlagslektoren. Die hatten viele, viele Verbessungsvorschläge… naja, vielleicht hätte Kafka ihnen zugestimmt, er war ja geradezu fanatisch selbstkritisch.

Ich erinnere mich nur vage des Zeitpunkts, an dem ich zum ersten Mal eine Erzählung Kafkas las. Es war “Das Urteil”, ich vermutlich elf oder zwölf Jahre alt und völlig ratlos, aber auch ergriffen. Die Szenerie in dem zwielichtigen Hinterzimmer, dann auf der Brücke, ging mir Jahre nicht mehr aus dem Kopf. Wenig später las ich “Die Verwandlung” und war hingerissen, gepackt und durchgeschüttelt. Die Landarzt-Prosa allerdings langweilte mich, und durch den Process konnte ich mich nicht durchkämpfen, wenn mich auch die Szene auf dem Speicher sehr beeindruckte, sie in meinen Träumen wiederkehrte.

Auf Kafka kam ich durch Gustav Meyrink (den ich mir justamente auf meinen Kindle geladen, nachdem ich ihn, im Gegensatz zu Kafka, rund dreißig Jahre nicht mehr gelesen habe; schon die ersten Zeilen des “Grünen Gesichts” kamen mir unheimlich vertraut vor), mein älterer Bruder hatte mir Romane des Phantasten geliehen, ich las sie mit großer Leidenschaft. In einem der Bücher war wohl eine kurze Biographie Meyrinks abgedruckt, dort erfuhr ich von Franz Kafka, fand später ein Fischer-Taschenbuch des Titels “Das Urteil” im väterlichen Bücherregal und begann zu lesen.
Ich glaube Kafka war der erste ernsthafte Literat, den ich las. Und losgelassen hat er mich nicht mehr.

Es ist merkwürdig. Obwohl ich seine Bücher Jahre nicht mehr hervor holte, hing doch fast immer ein Photo von ihm über meinem Schreibtisch (das Berliner Porträt von 1924).
Merkwürdig auch, dass ich mich Kafka schon immer geradezu persönlich nahe fühlte, schon als Kind und jetzt noch immer. Merkwürdig, weil Kafka scheu war, trotzdem ihn jeder leiden mochte (ich hingegen bin vorlaut, großkotzig, rechthaberisch). Er rauchte nicht, trank, von seinem letzten Jahr abgesehen, kaum einmal ein Bier, lebte Gesund, trieb Sport, ernährte sich gut - kurz: war ein agiler, freundlicher Mensch, der der Lebensreform-Bewegung zuneigte. (Wobei, zuneigen tue ich ihr auch, ins Besondere der des Monte Veritas, aber im wirklichen Leben trinke und rauche ich zu viel, schlafe unregelmäßig, esse nicht sonderlich ausgewogen).
Hätte ihn nicht die Schwindsucht dahin gerafft, wäre er sicherlich 80 oder 90 Jahre alt geworden, und vielleicht erst zu meinen Lebzeiten gestorben, 1973 zum Beispiel, hätte die Hippie-Bewegung mitbekommen, die Beatniks, Rock’n’Roller… Nazis. Ich befürchte, Kafka wäre 1939 in Berlin ansässig gewesen und auch dort geblieben. Doch vielleicht wäre auch sein alter zionistischer Wunsch durch die braune Pest verstärkt worden, und er hätte sich schon 1934 nach Haifa eingeschifft. Hoffentlich.

Ich bin nicht sicher, ob ich mich mit ihm gut verstanden hätte, aber es wäre schön gewesen, ihn kennen zu lernen.

Franz Kafka, Selbstporträt, vermutlich 1911

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Sonntag, 2. September 2012

Heute also die Solidaritäts-Kundgebung für Daniel Alter am Grazer Platz.
Meine Familie und ich gingen kurz nach zwölf Uhr los - ich hatte gebummelt - und als wir in die Rubensstraße einbogen, sahen wir schon die Menschen hinter die Kirche, hin zur großen Wiese strömen. Ich dachte erst, dass das wohl kaum möglich wäre, dass dies alles Besucher der Kundgebung seien. Aber sie waren es. Mehr als 1500 Menschen hatten sich auf dem Platz versammelt, die Redner waren kaum auf ihrer winzigen Tribüne zu sehen, verschwanden hinter der dicht gedrängten Masse von Menschen, waren nur unzureichend zu verstehen, weil die Veranstalter wohl nicht mit so einem Andrang gerechnet, die Technik nicht dafür ausgelegt hatten.
Auch ich hatte mit vielleicht 300, bestenfalls 500 Teilnehmern gerechnet. Und dann so ein Zeichen gegen Antisemitismus. Wenn man bedenkt, dass dieser Teil Friedenaus etwa 6000-7000 Einwohner hat, wären knapp ein Viertel des Kiez' auf der großen Wiese versammelt gewesen. Ich konnte meine Rührung kaum verbergen.

Zum Ende der Veranstaltung hin, sprach Rabbiner Alter ein paar Worte, voller Größe und Zuversicht. Gut, ihn als Nachbarn zu haben.
Fortwährender Beifall war zu hören, derweil mein Sohn und die Nachbarskinder durch die Menge wuselten und nach den Polizisten Ausschau hielten, die die Kundgebung absicherten. Derweil dünne Wolken über den Platz zogen, die Sonnenstrahlen durch die breiten Baumkronen fielen. Derweil ich nahezu die Hälfte der Nachbarn aus unserem Haus begrüßte.
Ich hoffe, dass Friedenau, dass der Dürerkiez an diesem Mittag Herrn Alter gefallen hat, dass er bleibt.

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Samstag, 1. September 2012

Tocktock macht der Tod

Egal, an welchem Tag ich sterbe
es wird ein Sonntag sein im Herbst
(der Boden noch recht locker aber schwer)
Zur letzten Tagesstunde gegen five o' clock
(der Tod trinkt duldsam seinen Fencheltee)
werd ich die Schuhe schnüren um den Hals

Es gab so viele Schuhe vor den Zeiten
als ich den Schaum der Welt durchtauchte
Der linke Schuh Rimbauds zum Beispiel
hielt bis zum letzten schweren Schritt
das faulig schwarze Bein zusammen

Die Holzpantoffeln von Van Gogh
die schlugen ihm den Schädel ein
damit der Geist frei unter Krähen kreisen konnte
Und Georg Trakls mürbe Stiefel stapften
durch grauen Matsch der sterbenden Soldaten

(Die Schuhe Doktor Benns standen ganz zaghaft
halb unterm Bett verborgen und sie knarzten nicht)
Und Schuhe gab es auch am Ende der Baracke
in dunklen Haufen, still und ausgekühlt

Egal, an welchem Tag ich sterbe
es wird ein fahler Sonntag sein im Herbst
an dem die Damen ihr strahlend weißes Lächeln
verschenken unter eisenharten Eibenbäumen
die vor dem Sterbehaus platziert sind

Und alle Krähen fliegen hoch
Und alle Finger fliegen hoch
damit es still am Tische wird
damit die Sonne kälter wird

(für Peter Maiwald)

Freitag, 31. August 2012

Was alles schon verschwunden ist, auf den Straßen, in den Höfen, hinter den Häusern.
Rote Hydranten aus Eisen, Teppichklopfstangen, Mülltonnen aus Blech mit der Aufschrift „Keine heiße Asche einfüllen“. Photos in Schwarzweiß, aufgenommen von gestorbenen Müttern mit Instamatic-Kamera. (Aber dieses Format gibt es ja wieder, es heißt Instagram und ist eine Applikation in der anderen Realität).
Nicht erhaltenswert, die Einzelheiten meiner Kindheit. Stattdessen haben die öffentlichen Wasserpumpen aus der Zeit meiner Großeltern überlebt. Alle Fassaden frisch gestrichen. Nur hinterm Grazer Platz stehen noch Mietskasernen, grau und beruhigend, ein Ausblick in die Vergangenheit. (Dort wird Übermorgen eine Solidaritäts-Veranstaltung für einen Rabbiner stattfinden, der vor drei Tagen schwer geschlagen wurde, zwei Straßen weiter, von Judenhassern, die auch hier wohnen, in meinem Kiez, der mir so kindergleich unschuldig vorkam, die letzten Jahre. Merkwürdig ist: ich hab den Rabbi Daniel Alter nie bemerkt, obwohl wir nahezu Tür an Tür seit Jahren hier zusammen leben).
Auch verschwunden: Wikingjugend. Gottseidank. Ich erinnere diese kleinen, bösen Kinder, von ihren Eltern auf den falschen Weg gesetzt, wie sie seinerzeit in Lüneburg, in der Nachkriegszeit der 70er, zur Sonnwendfeier durch die Wiesen zogen. Auch verschwunden: Männer mit weggeschossenen Armen, in grauen Freizeit-Anzügen und mit schmalkrempigen Hüten auf den schwer durchkämpften Häuptern. Die krieg ich nicht aus meiner Erinnerung heraus. Die kommen immer wieder in meine Texte rein marschiert. Die waren so harmlos und 1942 junge Burschen, an der Front, oder in Babij Jar. Gottseidank weg, diese Alptraum-Gestalten in den Gassen.
Aber zugleich gab es auch banale Dinge, an die ich mich erinnern kann, denn ich war ja ein Kind, nichts weiter, nicht besonders weltgewandt, unbeleckt vom Krieg.
Verschwunden sind auch die Zeichenschablonen in den Deckeln der Nutella-Gläser, die einzelnen Pfeifen in den Cornflakes-Packungen, die man zu Panflöten zusammen setzen konnte, wenn man in einem halben Jahr zwölf Schachteln Cornflakes aufgegessen hatte.
Abgebaut auch die Telefonzellen, die öffentlichen Fernsprecher, durch deren gläserne Schächte die Groschen rollten, sichtbar für den Anrufer. „Fasse dich kurz“.
Und der Schnee lag höher und war weißer. Die Freibäder hatten gefährlichere Zehn-Meter-Bretter, und die Wespen dort waren gelber. Und ich war mehr Kind als heute.

Wieso ist mein Hirn so gebaut, dass ich mich immer erinnern muss, immer zurück in die Kindheit rutsche? Aber diese Gehirnstruktur mag der Grund sein dafür, dass ein Dichter aus mir werden musste. Denn in dem Moment, in dem ich mich zu erinnern begann, ich war Zwölf und kein Kind mehr, fing ich an zu schreiben. So bin ich ein Knecht meiner Erinnerungen geworden. Doch sie werden vergehen, ausgelöscht sein im Moment meines Todes. Zurück werden nur bleiben: Wasserpumpen, Gehwegplatten, vereinzelt Blumenkübel aus Waschbeton. Und natürlich Jüngere mit anderen Erinnerungen, an Parkuhren (die nicht mehr nach Parkuhren aussehen), an Shopping-Malls, an öffentliche Internet-Bildschirme in der Amerika-Gedenkbibliothek, die eine Generation später auch verschwunden sein werden. Alles nur ein Gleichnis. (Wer allein lebt, lebt auch im Geheimnis).

Photo: Martin Hawlisch

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Dienstag, 28. August 2012

In den letzten Monaten beschäftige ich mich zum ersten Mal seit meiner Kindheit wieder ernsthaft mit Schach. Denn irgendwann reichte mir das ewige Memory, Mensch-ärgere-dich-nicht und Mix-Max mit meinem Sohn.
Allerdings spiele ich nicht mit den von meinem Vater geerbten Figuren, die wiederum er von seinem Vater bekam, sondern schlage mich mit dem Chess-Titans-Programm auf meinem neuen Notebook (mein bisheriges war so alt, dass Schach noch nicht im Lieferumfang von Windows dabei war). Und ich muss sagen, es macht mir einen Heidenspaß, vor allem natürlich, wenn ich das Elektronengehirn so brutal vernichte, dass die Kühlung nur noch winselt:

Chess Titans, Stufe 4

Ich kann mich gut erinnern, wie mein Vater mir das Schachspiel mit etwa sechs oder sieben Jahren beigebracht hat, und wie ich verlor, und verlor, und verlor. Bis ich gegen meinen großen Bruder spielte und immerhin ab und an gewann. Dabei war mein Vater gar kein guter Schachspieler, soweit ich mich erinnere, er spielte eher in Angedenken seines früh verstorbenen Vaters, der wohl ein leidenschaftlicher Spieler war, der sogar zur Zeit des Volkssturms auf dem Marktplatz vor seinem Lieblingscafé sitzen blieb, um eine Partie nach der anderen zu spielen. (Es ging die Familienlegende, er wäre für diese Unverschämtheit zwei oder drei Tage von der Gestapo inhaftiert worden).

Und jetzt bin ich wieder dabei, schade nur, dass ich die letzten dreißig Jahre so gut wie nie mehr gespielt habe und wenn, dann angetrunken in irgendwelchen Kneipen. Also werde ich leider kein guter Schachspieler mehr werden, was mir in den letzten Tagen auch von meinem neuen Begleiter aufgezeigt wurde, einem Mephisto Maestro, der mich umgehend in fünf, sechs Zügen eingetütet hatte. Mittlerweile komme ich immerhin ins Endspiel, aber selbst auf mittlerer Stufe habe ich noch kein einziges Mal gewonnen.
Das Chess-Titans-Programm ist derweil mein Sparingspartner. Fallobst, dass man niedermetzeln kann.

Chess Titans, Stufe 4

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Samstag, 25. August 2012

Es gibt nichts, was mich zur Zeit mehr fasziniert, als der E-Book-Markt. Vor allem die Selbstverleger-Plattform Kindle direct publishing entwickelt geradezu einen magischen Sog.
Natürlich habe ich früh als ernsthafter Autor gelernt, dass publizieren ohne Verlag nicht nur rufschädigend sondern sogar ehrabschneidend sein soll. Aber muss mich das kümmern? - Bei Amazon.de werden im E-Book-Bereich seit einigen Monaten Verkaufszahlen generiert, von denen ich sogar mit einem Vertrag bei, sagen wir, Suhrkamp träumen könnte. Wieso also nicht einen Roman dort veröffentlichen, der so oder so in der Schublade liegt, und der frühestens 2015 im Printbereich veröffentlicht werden könnte.
Und dann die Tantiemen die Amazon anbietet. 70 Prozent von allen Einnahmen. Ich bin ja nicht gierig, aber ich träume ganz plötzlich von einem Urlaub in der Südsee.

Ich überlege hin und her und werde ganz nervös, ob der ungeahnten Möglichkeiten in diesem Klondike des Buchhandels. DER NEUE MARKT. Durchbruch zu unbekannten Dimensionen. Vor uns der KINDLE-Spiralnebel, hinter uns die Gutenberg-Galaxis.

Und soweit ich das überblicke, wäre ich einer der allerersten ernsthaften Autoren, die dort einen Roman ausschließlich als E-Book veröffentlichen. Davon abgesehen findet man auf dieser Plattform nur Genre-Romane und Vanity-Press (nebenbei: das E-Book wird der Todesstoß für die unzähligen Zuzahl-Verlage sein).

Aber wenn im neuen Claim nur Lehm zu finden ist, das Gold ausbleibt... dann habe ich einen Roman geschreddert, an dem ich über ein Jahr gearbeitet habe.

Ach, ich habe mich ja schon entschieden: no risk, no fun.

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Mittwoch, 22. August 2012

Seltsam, dass das Leben im mittleren Alter so gleichförmig wird. Besonders wenn die Zeit nicht schneller vergeht, mit ablaufenden Jahren, so wie sie es alle immer berichtet haben.
Stattdessen ist meine Erinnerung ein gleichförmig blubbernder Fluss ohne Stromschnellen. Das liegt an meinem Gehirn, an der Verschaltung, die mir vererbt wurde von den Jägern und Sammlern, deren genetische Reste sich in meinem Selbst, meiner ADHS-Steuereinheit, versammelt haben (am Lagerfeuer, der blitzenden Synapsen meiner Großhirnrinde).

Demletzt haben DIE FORSCHER (so Kittel tragende Eierköpfe mit schwerem deutschen Akzent... there is an alien on your roof, I have to warn you) heraus gefunden, dass bei ADHS-Schlümpfen, bei den ganz Kleinen also, die Zeit anders verläuft, sich gleichförmiger ausdehnt, als bei den anderen Kindern im großen Kindergarten unter Gottes weitem Himmel.

Mir ist das nichts Neues. Schon immer lief mein Film mit der gleichen Bildanzahl, kein Zeitraffer setzte ein, mit zunehmenden Alter.
Aber leider werden auch die langweiligen Phasen im Rückblick nicht zum Schrumpfen gebracht. Andererseits erfahre ich so das Satori an jedem späten Sommernachmittag, den Zustand also, nach dem die Vormittagsmenschen immer noch Ausschau halten.

Trotzdem: diese Gleichförmigkeit ist gewöhnungsbedürftig. Ich lebe seit vier Jahren, seit Jahrhunderten also, in ein und derselben Straße, sitze in der selben Kammer (mit Blick in den selben, immer und fortwährend dunklen Garten) und schreibe Papier voll (virtuell).
Vor gerade mal sieben Jahren ist mein erstes Buch publiziert worden, und ich fühle mich, als wäre dieser Anfang meines Werks kanonisiert, abgehakt und ausgebuht... vor langer, langer Zeit.

Und all die toten Geister, die mich umgeben; waren die schon immer hier? Kaum zu glauben, dass mir noch genauso viele Jahre bleiben, vielleicht mehr.
Wenn ich dann wieder ein anderer Mensch geworden bin, in dreißig oder vierzig Jahren, werden die ersten Menschen auf dem Mars sein, und ich nicht dabei, weil ich alt geworden sein werde, ein Jäger am Feuer, hingelagert, mit einer Sicht auf die Dinge, die hinter ihm liegen. Ein langer, sommerlicher Spätnachmittag.
Der Geist meiner Großmutter wird die Goldfäden der Sonne im Wintergarten sortieren, meine Mutter sich eine Zigarette drehen. Der Vater wird „Prost“ sagen und „Schön, dass du auch endlich da bist“.
So ein langer Nachmittag. Aber so mild.

We'll meet again, don't know where, don't know when

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Montag, 20. August 2012

Und noch ein paar Photos von Toms 42. Geburtstag.

Gerhard Falkner, Björn Kuhligk

Tom Schulz, Gerhard Falkner, Björn Kuhligk

Gerhard Falkner

Eberhard Haefner, Birgit Kreipe, Johannes Frank

Johannes Frank, Gerhard Falkner

Ruth Johanna Benrath, Synke Köhler

Eberhard Haefner, Melanie Katz

Andrea Schmidt, Melanie Katz, Joh. Frank

Björn Kuhligk

Friederike Scheffler

Friederike Scheffler, Björn Kuhligk

Florian Voß
(Photo: Johannes Frank)

Aurélie Maurin

Johannes Frank

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Völlig verkatert war ich gestern auf einer Lesung aufgeschlagen. Der Schädel fühlte sich einmal mehr fremd, fremd, fremd an. Ich musste ein Gedicht auf dem Sommerfest des Verlagshaus J. Frank lesen, und nur meine preußische Disziplin brachte mich dazu, eine S-Bahn in Richtung Mitte zu nehmen, um mich dort für 60 Sekunden auf die Freiluftbühne des Acuds zu stellen. Mit wackeligen Stecken unterm verkrampften Leib las ich ganz hervorragend, weil mir alles gleichgültig war, ich nur schnell wieder nach Hause wollte, um mich unter meiner Decke zu verkriechen.
Eine dreiviertel Stunde später war ich wieder in Sicherheit, bei einer großen Schüssel Vanilleeis (Schokolade war leider schon aufgegessen).
Der übermäßige Kater ist die Konsequenz meiner Disziplinlosigkeit am Abend zuvor gewesen. Tom hatte seinen 42. Geburtstag in einem wunderschönen Wintergarten auf dem Dach eines Hauses am Kollwitzplatz gefeiert. Eine große Terrasse gab den Blick auf den jüdischen Friedhof frei, auf dem immer wieder ein Fuchs bellte, der sich anhörte, als hätte jemand sehr schmerzhaften Sex.
Die Nacht war mild, der Wein ausreichend vorhanden, und ich wollte gegen 1 Uhr gehen, nach maximal drei, vier Glas. Es wurden dann doch vermutlich sieben, und gegen 4 Uhr schwankte ich zum Nordbahnhof zurück. (In der S-Bahn ein Zombie-Roman auf dem Kindle).
Zuvor Gespräch mit Jan (Skudlarek) über Dichtergenerationen, und ob eine Einteilung nach Alter wichtig sei. (Er: nein. Ich: ja). Ein Gespräch über Dies und Das mit Johannes, eins mit Falkner über Stipendien, eins mit Ruth über den schlechten Stil, der in den deutschen Verlagen immer mehr um sich greift. Schließlich ein Tänzchen mit Björn.
Und die Nacht über uns, und die Nacht in uns, und der Fuchs bellte.


Synke Köhler

Björn Kuhligk

Gerhard Falkner

Tom Schulz, Gerhard Falkner, Björn Kuhligk

Gerhard Falkner, Björn Kuhligk, Tom Schulz, Florian Voß
(Photo: Ruth Johanna Benrath)

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Donnerstag, 16. August 2012

Heute war der 10.000ste Besucher auf diesem Blog. Präzise gesagt fand der 10.000ste Seitenaufruf statt.
Natürlich sind das real nicht mehr als maximal 200 bis 250 Menschen, die diesen Blog verfolgen, aber wenn die allein alle meinen aktuellen Gedichtband kaufen würden... dann hätte ich endlich mal passable Verkaufszahlen. Aber die Leute, sie kaufen einfach keine Gedichtbände. Ihr Nicht-Schriftsteller dort draußen macht euch ja keine Vorstellungen, wie unfassbar wenig wir Schriftsteller verkaufen.
Soll ich mal eine Zahl nennen? Soll ich? Also  gut, Hosen runter. . .
Nein, lieber doch nicht. Sollen doch die anderen zuerst.

Stattdessen mein Kommentar zu Herrn Wowereits Kulturpolitik (ja, er ist auch unser aller Kultursenator):

CDU-Wahlplakat, 1976

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Mittwoch, 15. August 2012


 Merkwürdig, dass die 90er Jahre auch schon ganz historisch geworden sind; alle Kinder, die jetzt dort draußen herum laufen, sind erst nach jenem Jahrzehnt geboren.
„Akte X“, „The Simpsons“, „Cagney and Lacey“. Warum erinnert man sich immer zuerst an Fernseh-Serien? Wie man auch zuerst an „Raumschiff Enterprise“ denkt, wenn man sich an seine Kindheit in den 70ern erinnert, an „Mondbasis Alpha 1“ und „Die Waltons“.
Oder an Groschenromane in den 80ern: „Geisterjäger John Sinclair“, „Professor Zamorra“, „Monstrula“, „Dämonenkiller“.
Nachdem die meisten Heft-Serien (wenn auch nicht die Erstgenannten) mit dem Erscheinen des Privatfernsehens verschwunden waren, aber natürlich nicht die potenzielle Leserschaft, habe ich mich oft gefragt, wo sie hin sind, die schnell geschriebenen Geschichten, der Schund. Ich habe sie wiedergefunden. Als ich mein neues Kindle zum ersten Mal online schickte und im Kindle-Shop stöberte, so wie ich seinerzeit in Flohmarktkisten stöberte, fand ich sie alle wieder; die Zombie-Heftchen, die Space-Opera-Zyklen, das ganze Universum des Trashs. Die Arbeit all der Schriftsteller, der Lohnschreiber, die in den letzten zwei Jahrzehnten nicht mehr für Lohn schrieben, die vermutlich von ihren Ehefrauen lebten, oder von der Stütze. Hier finden sie wieder ein Publikum, das jedes noch so kurze und abgeschmackte Werk mit ausführlichen Rezensionen adelt.
Und in der Bestseller-Liste der E-Books auf Amazon stehen diese Machwerke, die schnell und unprofessionell geschriebenen Zombie-Apokalypsen zwischen den Veröffentlichungen von Heyne und Bastei-Lübbe.

Gleich nebendran die Klassiker gratis. Nehmen sie sich noch ein Pfund Goethe. Packen sie eine Schnitte Hölderlin auf ihr Triebwerk, nein, Laufwerk.
Ich sehe die Felle der Verlage davon schwimmen. Irgendwann bleibt Bastei und Suhrkamp nichts anderes mehr übrig, als, nach der großen Markbereinigung, zu fusionieren. Dann erscheinen die Horror-Romane von Schiller in einer wohlfeilen Paperback-Ausgabe mit Goldschnitt.
Ach, ich erinnere mich, damals, eine Zeit in der Hölle. Aber John Sinclair kam eine Runde vorbei und knallte die Geister und Untoten mit seiner Beretta ab. Die war geladen mit Silberkugeln. Die machten jeden kalt.
Schon in der Kindheit hatte ich mich in die Phantastische Literatur verguckt, las Jules Verne, Gustav Meyrink, Edgar Allen Poe (natürlich auch Bücher wie „Das Raumschiff der Kinder“ oder „…“) und war fasziniert, wie Herr Spock auf der Mattscheibe des Schwarz-Weiß-Fernseh-Geräts gesagt hätte.
Mit elf hörte ich dann zum ersten Mal eine Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft („The Outsider“), und auch ich war verloren an den Schund. Und kaufte mir, mein Freund Joe hatte mit das ans Herz gelegt,  jede Woche das neueste Heft des Geisterjägers. Er hatte den Namen eines Arnachists und Dichters. Und meine Eltern sahen es nicht gerne, dass ich mich täglich mit Monstern beschäftigte, und mein Großvater sagte, das würde den Charakter des Kindes verderben.
Aber was soll ich sagen; das brachte mich zum Schreiben. Und in meiner ersten Kurzgeschichte löste eine ältere Dame ihren fetten, trägen Ehemann in Salzsäure auf. – Es war ein weiter Weg von dort nach hier.
Nun sitze ich hier und schreibe an meinem Blog anstatt an meinem Roman, der seit über einem Monat liegt. Die ersten zwei Drittel sind fertig und überarbeitet, aber der Rest will sich nicht in meinem Kopf zusammenfügen, es entsteht immer nur eine Mischung aus Albert Camus, Ingeborg Bachmann und Jason Dark. Das geht natürlich nicht, aber mein Gehirn will nichts anderes denken. Ich sollte wieder Horror-Romane runter schmieren. Kindle wartet auf mich.

In den 90ern, da gab es noch kein Kindle, obwohl ich mich erinnern kann, schon in den frühen 80ern von der E-Ink-Technologie gelesen zu haben. Aber es hat ein viertel Jahrhundert gebraucht, bis ich dieses elektronische Buch in den Händen halten konnte. Und es ist genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte.
Zwischen diesen Zeiten lag das Nachwende-Jahrzehnt, in dem es noch kein Internet gab, und mobile Telefone nur von Angebern, Geschäftsmännern und Nerds benutzt wurden (dieses Wort hörte ich auch zum ersten Mal 1993, aus dem haltlosen Mund einer Prinzessin aus Yale). Was, in Gottes Namen, hat man damals den ganzen Tag gemacht, außer seinen Kater auszukurieren und Postkarten zu schreiben, die von Friedrichshain nach Kreuzberg drei Tage brauchten. Neolithikum der Kommunikation. Unsere Gehirne sind anders geworden seitdem. Electric Cro Magnon.

(They say I´m wasting time, they say that I´m no good)

Florian Voß, nachts

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Sonntag, 12. August 2012

(Scheußlich sind die Tage unter dem Virenmond. Fett ist mir die alte Erkältung in die Glieder gekrabbelt, festgebissen hat sie sich wochenlang. Erika Fuchs würde übersetzen: Hust, hust, schnief, schnief, hatschi.
Sicher schon der siebte oder achte Infekt in diesem Jahr. Es verfolgt mich dieses leichte Fieber, seit meine Mutter mich ausgespuckt hat. Ich erinnere Schnee im grauen Raum hinter meinen glühenden Augenlidern, ein Gekrissel, das sich auf das ICH legte und es eindeckte nächtelang.
Schon wieder war ich zwei Woche in dieser zeitlosen Welt der Krankheit eingewickelt, und in mir schwappte eine Sehnsucht nach Sanostol empor. Nur schade, dass man sich als ausgebildeter Vater nicht einfach hinlegen kann, dass man vielmehr dem Kind schlapp hinterher hetzen muss, denn das Kind ist nur ein Überträger, das Kind wird nie krank, weil das Kind einen gesunden Lebenswandel hat, und nicht raucht, und nicht trinkt).

Hier bin ich also wieder, zwar mit einem Ziehen und Zwacken in den Gliedern, mit einem entfernten, hölderlin-artigen Frühlingsgefühl in den Knochen, aber noch haben sie mich nicht in den Turm gesteckt.
Ich las die letzten Tage wieder – nach Jahren – seine späten Gedichte, die mich schon hingerissen haben, als ich Zwanzig war. Damals wollte ich meinem eigenen Urteil nicht trauen; ich fragte mich: hat das nicht ein Wahnsinniger geschrieben, ein Mann, dem die Synapsen durchgebrannt sind; sollten nicht die früheren, die klassischen Gedichte besser sein, kann man diesen ewigen FrühlingSommerHerbstUndWinter denn lieben?
Jetzt lese ich sie wieder, die letzten Verlautbarungen des guten Scardanelli, und es schlägt mir mitten ins Herz, schlägt gegen den Takt meiner Herzschläge an.
So eine eisige Klarheit, so ein fokussieren auf die unwesentlichen, auf die echten und übersehenen Dinge, das ist es, was diese späten Hölderlin-Gedichte ausmacht. Während der Herr Hölterlein ausgemacht war... von seiner Welt, Umwelt, Umbra Vitae. Er musste nur mal schnell austreten (das Aas treten), musste nur mal schnell neben sich her treten, in die Welt hinein treten, ganz andere Wege gehen. Und kritzelte ab und an auf Papier, so wie es gut hundert Jahre später der Herr van Hoddis tat, dem man die Papiere wegnahm, von dem nichts scardanelli-artiges übrig blieb, weil seine Lehnsherren in den Irrenasylen nichts von dem Gekritzel verstanden. Sie haben es nicht vernichtet, sie haben es einfach nur weggeschmissen, kurz bevor van Hoddis nach der Vorhölle verschifft wurde.

Ich las das auf einem Kindle (mein neues Interface in die Gutenberg-Galaxis), und es war ganz umsonst, dieser Text, diese Poesie. Die ich mir herunter lud für UMME (Hölderlin nimmt die WUMME und lässt dein Gehirn an die Raufasertapete des Turmzimmers spritzen. Spritz, spritz).
Ah, das schönste Spielzeug, ein E-Book-Reader (don´t follow leaders, watch the e-book-readers). Ich bin so glücklich und begeistert am Anfang dieses Umbruchs zu stehen, in einem Zeitalter zu leben, das es mit dem Gutenbergs aufnehmen kann. Ich habe eine Luther-Bibel in den Händen (89 Cent im Kindle-Shop), ich werde dabei gewesen sein, zu dem Zeitpunkt werde ich dabei gewesen sein, an dem die Welt eine andere wurde, als die größte intellektuelle Revolution des 21ten Jahrhunderts begann. Ihr werdet sagen: Voß, haben wir es nicht auch eine Nummer kleiner. Und ich werde sagen: Nein, ihr Ignoranten.
Ich werde auf eure Bücher spucken. Im Licht meines Kindle-Bildschirms.

Jetzt muss ich wieder husten, der Schleim löst sich schwerfällig, die Nacht ist auch erkältet – Sommer, wer bist du, dein Gesicht habe ich lange nicht mehr gesehen. Nenn mich Herbst, mein Junge, ich habe Stoppeln aus gelbem Kraut im Gesicht, meine Füße sind kalt und rau, meine letzte SMS geht an die kalte Schlampe Winter.

Aber es war ein schöner Tag, auch wenn ich Hitzewallungen hatte, hochgedrückt im Körper vom letzen Aufflammen des Fiebers.
Wir saßen am Wahnsee, wir waren auf einem Fest. Meine Frau hustete wie Franz Kafka im Frühjahr 1924. Aber das Kind, der Überträger, das war glücklich. Es lief mit den anderen Kindern unter Kastanien und Eichen zum Ufer. Von der Terrasse aus beobachtete ich ihn, schaute zu ihm hin, sah den kleinen, blonden Jungen, wie er von den größeren Kindern getragen und herum gewirbelt wurde, sah, wie er lachte und glücklich war.
Das Kind stand an einem alten Baum und zählte bis Zwanzig. Eins, zwei, drei, vier, Eckstein, alles muss versteckt sein. Ich komme!
Und die Nacht senkte sich ganz langsam, und der See glitzerte ein letztes Mal, und die Kinder sprangen in die Dämmerung.
Und ich musste an Kafkas Buch „Betrachtung“ denken, und dass diese erste Miniatur dort das atemlose, sommerwarme Gefühl von elternlosen Kindern besser beschreibt, als ich es je könnte. Das Gefühl von Sand unter den Füßen, den Eindruck, den die Schattenrisse vor dem letzten Licht machen. Am See schwanken die Segelboote auf der dunklen Fläche, und die Takelagen machen dieses Geräusch, für das es noch kein Wort gibt. Die Eltern sind weit entfernt, man hört sie kaum, nur ein verwehtes Lachen und Tuscheln. Hey, dort ist ein Zaun, und in dem Zaun ist ein Loch. Ob es dahinter wohl in eine andere Welt geht?
Ich sah mein Kind, und ich sah, dass es glücklich war, und deswegen war ich glücklich.
Ich stand auf der Terrasse und aß Roastbeef, und dort drüben, gleich hinter dem nächsten Yachtclub, da hatte Kleist ein Verhältnis mit einer Pistole gehabt, und ein Stück weiter, im kalten, kalten Winter hatte Heym nicht aufgepasst.
Aber mein Kind leuchtete mit seinen blonden Haaren in die Nacht hinein. Und war ein Leichtturm des Lebens.

Karl Friedrich Schinkel "Der Morgen"

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