Donnerstag, 2. April 2020


TOTENSOMMER [8]

+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++


 5. Kapitel

Das Haus war so runtergekommen, wie er es in Erinnerung hatte.
Drei von sechs Räumen waren leer, nur alte Blümchen-Tapete hing traurig von den Wänden und Mäusekot lag in den Ecken. Im Zimmer unterm Dach hatte es reingeregnet und der Dielenboden war aufgequollen.
Im Erdgeschoss waren nur die Küche, das Wohnzimmer und eine kleine Schlafkammer nutzbar. In der Küche stand eine antike Kochmaschine, die man mit Holz beheizen konnte, ein wackeliger Tisch mit Resopal-Platte und vier Stühle, aus deren Sitzflächen der Schaumstoff rauskam. Die Kammer wurde fast vollständig von einem alten Doppelbett eingenommen, dessen Federbetten nach Muff und dem Fett der Gänsedaunen rochen. Nur das Wohnzimmer sah einigermaßen wohnlich aus. Ein Sofa aus der Vorkriegszeit stand neben dem großen Fenster zum Garten, drei Sessel mit erbsgrünen Polstern waren um einen niedrigen Tisch aus Eichenholz gruppiert und zwischen zwei Bücherregalen hing ein Ölbild mit einer Waldszene, die gar nicht mal so kitschig wirkte. In den Regalen stapelten sich Bücher und Zeitschriften, ein halbes Dutzend Nippes-Figuren aus Porzellan und ein Wählscheiben-Telefon.
Georg sah sich die Bücher an und blies Staub von den Rücken: drei Bände Lenin, das Kapital von Marx und Engels, zwei Kochbücher, sehr viele Kriminalromane von Edgar Wallace und Agatha Christie, eine Reihe mit Klassikern der Weltliteratur und ein Taschenbuch-Lexikon in zwölf Bänden. Er dankte seinem Schöpfer, dass er seinen Kindle mitgenommen hatte.

Es war kalt im Haus, deswegen ging er raus zu einem kleinen Schuppen, der windschief an der Hausmauer lehnte, und holte eine handvoll Holzscheite. Zurück nahm er den Weg um das Haus, damit er den Garten begutachten konnte.
Hauptsächlich waren es Disteln und Giersch, die die Beete und Rasenflächen überwuchert hatten. An den Zäunen, die das Grundstück einhegten, stand dichtes Gestrüpp und die zwei Linden inmitten des Gartens waren seit Jahren nicht mehr beschnitten worden. Das Ganze sah völlig verwildert aus. Immerhin würden sich darüber die Nachbarn nicht beschweren, weil das Haus zurückgesetzt am Rand der Ortschaft stand, hinter den Zäunen schlossen nur Felder und brachliegende Weiden an. Das nächste Haus war gut hundert Meter entfernt die Dorfstraße runter.
Georg ging wieder rein und heizte den Kachelofen im Wohnzimmer an. Die kackbraun glasierten Kacheln wurden schnell warm, der Ofen zog vermeintlich gut, aber als der Wind auch nur ein bisschen auf den Schornstein drückte, war der Raum sofort mit dichtem Rauch gefüllt.
„Verdammt!“
Georg riss die Fenster auf und versuchte, möglichst flach zu atmen. Das Landleben – ein Grauen. Aber vermutlich besser, als in der Großstadt eingeschlossen zu sein.
Während der Rauch abzog ging er zur Leiter im oberen Stockwerk und kletterte zum Kriech-Speicher hinauf. Gebückt konnte er sich gerade noch bewegen und schaute sich um. In einer Ecke stand eine eingestaubte Kommode und unter der kleinen Dachluke ein steinaltes Fernsehgerät. Nordmende, sicherlich 40 oder 50 Jahre alt, vermutlich sogar noch in Schwarzweiß.
Georg zog nacheinander die drei Schubladen der Kommode auf: zerfledderte Wanderkarten, rostiges Werkzeug, mottenzerfressene Decken und zwanzig Rollen Klopapier aus DDR-Produktion. Auf der Banderole stand Werra-Krepp.
„Besser als nichts“, murmelte er.
Dann ging er wieder runter und packte seine Sachen aus. Der Rauch hatte sich mittlerweile verzogen und die Holzscheite hatten eine so große Hitze entwickelt, dass die Luft im Schornstein zuverlässig nach oben gedrückt wurde.
Georg nahm sein Laptop und ließ sich in die Sofa-Polster sinken. Die Eisenfedern knarrten und quietschten.

Als der Abend anbrach, hatte er genug Nachrichten über die Corona-Krise gelesen und startete ein Videogame. Wenn draußen in der wahren Welt nur Seuchen und Verdammnis zu finden waren, schien ihm die beste Alternative, in die Wirklichkeit eines Spiels abzutauchen.
Risen stand auf dem Start-Screen und Georg wählte den niedrigsten Schwierigkeitsgrad. Er wollte entspannen, wollte ferne Länder sehen, Monster mit einem Schwertstreich in die Hölle schicken. Er wollte jetzt Eskapismus! Realitätsflucht bis zum Abwinken!
Das Spiel begann und er fand sich in einer Bucht am Meer wieder. Die Wellen schlugen wild ans Ufer und der Gewitterhimmel wölbte sich zerklüftet über dem Wasser.
Am Ende der Bucht breitete sich ein üppiger Dschungel aus, in dem sicher gefährliche Ungeheuer lauerten.
Georg schaute sich um, indem er die Maus nach links und rechts bewegte. Am Ufer lagen tote Matrosen, die wie er Schiffbruch erlitten hatten, aber nicht so gut weggekommen waren, die nicht Helden dieses Spiels sein durften, nur leblose Charaktermodelle im pixeligen Sand.

Er durchsuchte ihre Taschen und sackte Goldstücke, Rum-Flaschen und ein Entermesser ein. Dann stieß er auf eine Frau, die ebenfalls im Sand niedergestreckt lag, die aber offenbar noch nicht ihr Leben ausgehaucht hatte. Ihr Name war Sara und sie suchte seinen Schutz.


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Sonntag, 29. März 2020


TOTENSOMMER [7]

+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++



 Die letzten Kilometer zwischen Bahnstation und Grautow musste er laufen, da der Bus schon in normalen Zeiten nur zwei Mal am Tag fuhr. Mittlerweile war die Linie eingestellt.
Georg stapfte verdrossen die Landstraße entlang. Nur alle paar Minuten kam ein Auto vorbei gefahren und die Fahrer schauten ihn grimmig an, als würde er durch eine Sperrzone wandern. Vielleicht war dies ja schon eine Sperrzone, dachte Georg. Ich hab vorher gar nicht im Netz nachgeschaut, ob dieser Teil Brandenburgs von der Krankheit besonders schwer betroffen ist. Vielleicht ist schon das Militär unterwegs, um solche Leute wie mich zu fangen, wegzusperren? Doch davon hatte er nichts gelesen. Militär wurde noch nicht eingesetzt. Aber konnte sich das nicht jeden Moment ändern?
Er schaute sich um, lauschte in die stille Landschaft hinein. Nur der Wind war in den Zweigen der Alleebäume zu hören, keine landwirtschaftlichen Maschinen, kein Mensch, kein Tier, nicht einmal das Singen einer Amsel, oder der Schrei eines Bussards.
Plötzlich wurde ihm der Ernst der Lage bewusst. Obwohl in Berlin viel mehr Zeichen des Ausnahmezustands erkennbar gewesen waren, wurde ihm erst hier in der menschenleeren Landschaft deutlich, was ihnen allen bevorstand: 60 bis 70 Prozent Durchseuchung, Todesrate von mindestens 4 oder 5 Prozent, wenn das Gesundheitssystem zusammenbrach. Das alles war leicht auszurechnen, dafür brauchte man kein Mathematikstudium. Die Antwort, um die sich alle zu drücken schienen, lautete: 2 Millionen Tote allein in Deutschland, wenn nicht mehr. Die Apokalypse.
Konnte diese Zahl denn stimmen? Georg wusste es nicht. Das durfte doch nicht wahr sein! Er rechnete es immer wieder durch, während er die Landstraße entlang ging. Selbst wenn die Letalität bei nur einem Prozent blieb, und das kam ihm sehr optimistisch vor, würde das eine halbe Million Tote bedeuten. Berge von Leichen. Die Friedhöfe würden überquellen. Die Welt würde niemals wieder so sein wie zuvor.
Georg blickte zum Himmel, der überirdisch blau war und völlig ohne Kondensstreifen. Keine einzige Wolke am Himmel und die Sonne strahlte ihr Licht auf die Erde, als würde sie das Land reinigen wollen.
Nur nicht die Nerven verlieren, murmelte er, alles wird gut. Aber er glaubte nicht daran.

Kurz vor Grautow kam er an einem Edeka vorbei, in den er so vorsichtig hinein ging, als würden Scharfschützengewehre auf ihn gerichtet sein.
Die spärliche Kundschaft blickte sich gegenseitig misstrauisch an und wahrte mehr Abstand, als nötig. Klopapier war selbstverständlich ausverkauft, Nudeln, Mehl und Tiefkühlwaren auch. Selbst die Regale mit Konserven waren größtenteils leer. Georg ergatterte eine Dose mit Roter Beete, zwei mit Kidneybohnen und ein Glas Sauerkraut. Ein abgepacktes Graubrot war noch zu kriegen und utlra-hocherhitzte Käseecken. Am Schnapsregal nahm er sich zwei Flaschen Doppelkorn – wer wusste schon, was man noch desinfizieren musste – und ging zur Kasse, vor der Abstandhalter auf den Boden geklebt waren.
Eine junge Frau in der Schlange drehte sich zu ihm um und schaute ihn misstrauisch an.
„Sie sind aber nich von hier, wa?“
Georg zuckte die Schultern und schwieg.
„Sind Sie nun von hier, oder nich?“
Man sah ihr an, dass sie ihm am liebsten auf den Leib gerückt wäre, um bedrohlicher zu erscheinen, sich aber nicht traute.
„Ich hab ein Haus hier, in Grautow“, sagte Georg leise.
„Kann ick mir nich vorstellen“, sagte die junge Frau und verzog ihre rosa geschminkten Lippen. „Ick wohn hier schon seit meiner Geburt, und ick hab sie noch nie gesehen.“
Ein älterer Mann, der gerade seine Einkäufe bezahlte, mischte sich ein.
„Nu lass ihn schon in Ruhe, Jennifer, der hat dir doch nix getan.“
Jennifer zog scharf die Augenbrauen hoch.
„Weißte, Karl, das überlass mal besser mir, wa? Der Typ gehört hier nich her. Wer weiß, was der alles einschleppt?“
Dann wandte sie sich wieder an Georg.
„Wir mögen keine Fremden hier, nur damit Sie‘s wissen. Is das klar? Von wegen Haus.“
Die Kassiererin blickte nun auch von ihrem Scanner auf.
„Ick hab Sie hier auch noch nie gesehen. Kann mir nich vorstellen, wo Sie ein Haus haben wollen.“
Georg zog defensiv die Schultern hoch.
„Mein Onkel hat hier ein Wochenendhaus, ich darf dort wohnen“.
Er nannte den Namen seines Onkels und der ältere Mann nickte.
„An den kann ich mich erinnern. Ein komischer Kauz, war schon seit Jahren nicht mehr hier. Dem gehört das rote Haus am Dorfrand.“
Georg nickte eifrig und die Kassiererin wandte sich wieder ihrer Arbeit zu, selbst die junge Frau war still, schaute ihn aber immer noch bitterböse an.
„Wär ja wohl noch schöner“, murmelte sie.


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Freitag, 27. März 2020


TOTENSOMMER [6]

+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++


4. Kapitel



Am Bahnhof Straußberg fuhr sogar noch die Regionalbahn, war aber genauso leer wie die S-Bahn zuvor. Nur ein alter Mann saß in dem Waggon, in den Georg einstieg. Der Alte wischte hektisch auf seinem Smartphone herum, als Georg an ihm vorbeiging. Er hatte gerade eine Seite mit nackten Frauen angeschaut. Eher harmlose Sachen, trotzdem war Georg peinlich berührt. Deswegen nahm er die Treppe und setzte sich ins Oberdeck des doppelgeschossigen Abteils.
Auf den Feldwegen am Rand der Bahntrasse waren keine Menschen zu sehen, doch das war vermutlich normal. In Brandenburg war immer Ausnahmezustand. Aber auch Autos waren kaum unterwegs. Die Welt würde wieder so werden wie früher, wie vor seiner Geburt. Wenig Kraftfahrzeuge, viele Spaziergänger, lärmende Kinder in den Höfen, kaum Hochbetagte, Millionen von Grabsteinen auf den Friedhöfen. Und Suppenküchen, Myriaden von Suppenküchen, die nötig wären, nachdem die Weltwirtschaft zusammengebrochen sein würde.

Georg schaltete sein Smartphone an und scrollte durch die Nachrichten. Noch war in Deutschland nicht viel passiert. Aber die Warnungen prasselten über alle Kanäle auf die Leser und Zuschauer. Risikogruppe – auch du kannst dazu gehören. Sieh dich vor, der Tod kommt schleichend. Und der soziale Tod auch, dachte Georg. Denn was sollte ihm dieses weltliche Virus schon anhaben? Er war jung, er war unbesiegbar, auf seiner Visitenkarte stand Connor MacLeod.
Doch seine Mutter war in Gefahr, das war nicht zu leugnen. Und Tante Gesche auch. Sollte er die beiden anrufen und sie bitten, auch nach Grautow zu kommen? Vielleicht würden sie sich mit Jonas gut verstehen und er hätte seine Ruhe. Schön wär‘s, dachte Georg, kann ich mir abschminken. Er liebte seine Mutter – und auch Tante Gesche auf eine spezielle, spröde Art – daran war kein Zweifel, aber er konnte sie kaum länger als ein, zwei Tage um sich haben, ohne in Kindheitsmuster und Aggression zu verfallen. Besuch und Fisch … drei Tage frisch. Wenn man es genau nahm, wurden am zweiten Tag die Augen schon glasig.

Er öffnete Skype und pingte seine Mutter an. Wenigstens ein kurzes Gespräch konnte nicht schaden.
Nach dem zweiten Ton wurde ihre Kamera eingeschaltet, aber nicht sie hockte vor dem Bildschirm, sondern Tante Gesche.
„Hallo, Georg! Du rufst schon wieder an?“
Sie hatte eine Zigarette zwischen den Lippen und strich sich fahrig das schwarz gefärbte Haar zurück. Georg meinte zu hören, wie es knisterte, weil es so trocken war.
„Äh, Tante Gesche, was machst du denn da? Das ist Mamas Account.“
Seine Tante winkte ab.
„Wird sie schon nicht stören. Außerdem kann sie gerade nicht. Sie sitzt auf dem Thron.“
Georg runzelte die Stirn.
„Versteh ich nicht. Auf welchem Thron denn?“
Gesche lachte laut auf.
„Na, auf dem Klo, dem Abort … im stillen Kämmerlein. Und du weißt ja, wie lange sie immer braucht. Sie sollte weniger Weißbrot essen. Und die Schokolade hilft auch nicht weiter. Das macht den Stuhl hart wie einen Tonklumpen.“
„Tante Gesche, bitte!“ Georg verzog das Gesicht. „So plastisch musst du es mir nicht beschreiben!“
„Ist ja schon gut, Georg. Ich wusste gar nicht, dass du so zimperlich bist. Aber hör mal, ich hab da ein Anliegen, zu dem ich dich befragen wollte.“
Er wandte sich ein wenig ab und verdrehte die Augen. Er ahnte schon, was kommen würde.
„Du weißt ja, dass der Herr über uns wacht, oder?“
Tief durchatmen.
Was für seine Mutter Die hohle Erde war, war für ihre Schwester Unser lieber Jesus Christus. Eine Glaubensfrage.
„Hast du dir schon mal darüber Gedanken gemacht, dass wir justamente den Beginn der Endzeit erleben?“
„Das glaube ich kaum, Tante Gesche.“
Sie lächelte schmal und nahm noch einen tiefen Zug von ihrer Kim.
„Da könntest du recht haben, denn wir leben vermutlich nicht erst am Beginn der Endzeit, sondern mittendrin. Das Wirken Satans zeigt sich an allen Ecken. Ich spreche nicht nur von dieser aktuellen Heimsuchung, dieser schrecklichen Seuche, sondern auch von der Heuschreckenplage, die neuerlich Afrika überzieht. Dann die vielen Brände und Erdbeben, die Überflutungen. Man könnte meinen, die vier Boten reiten durch unsere Straßen. Und wenn dieser amerikanische Präsident nicht der leibhaftige Anti-Christ ist, dann weiß ich es auch nicht.“
Georg wollte sie gerade beschwichtigen, als die Verbindung schlechter wurde. Tante Gesches letzte Worte hallten völlig verzerrt durch den Äther, ihr Abbild flimmerte, dann brach die Verbindung zusammen. Schlechte Netzabdeckung in der Provinz konnte auch etwas Gutes haben.


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Donnerstag, 26. März 2020


TOTENSOMMER [5]

+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++


Also gut, dachte Georg, sehen wir das alles als ein Abenteuer. Ich war zwar noch nie der totale Abenteurer, aber das kann ich ja noch lernen. Was gibt es zu tun, was zu planen?

Georg fühlte sich ein bisschen hilflos und auch matt, als würde er im Begriff sein, krank zu werden. Wann sollte er fahren, was sollte er mitnehmen? Um heute noch loszufahren, war es jedenfalls zu spät, schon weit nach Mittag. Und er hatte kein Auto, würde also mit Bus und Bahn reisen müssen. Ob die S-Bahn noch fuhr? Die Regionalbahn 26 von Straußberg aus?

Er holte seinen großen Rucksack, der seit Jahren auf dem Schrank verstaubte, und packte sein Notebook rein, seinen Kindle und seine Nintendo-DS. Dann noch ein paar Kleider und natürlich die zwei Rollen von dem teuren Klopapier. Wer konnte schon wissen, wann man wieder etwas auftreiben würde.
Er löschte das Licht am Schreibtisch, zog alle Stecker in der Wohnung, überprüfte den Gasherd, verließ die Wohnung und schloss zweimal um. Überprüfte dann auch noch, ob die Tür wirklich abgeschlossen war, spuckte dreimal symbolisch auf den Treppenabsatz und machte sich auf den Weg.
Kurz vorm S-Bahnhof fiel ihm ein, dass er noch Geld brauchte, also stapfte er grimmig zurück zur Commerzbank an der Ecke und ließ sich an der Maschine einen Kontoauszug ausdrucken: 58 Euro im Haben. Scheiße.
Brennen sollte das Jobcenter! Und alle Verantwortlichen an dieser Misere, an dieser Knechtschaft, die sich ALG II nannte, die sollten an Covid-19 verrecken. Und zwar langsam.

Nachdem Georg in seiner Jugend von jeder Schule runter geflogen war, hatte er sich, auf den sanften aber bestimmten Rat seiner Mutter hin, in eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann gefügt. Immerhin nicht bei Hertie, sondern bei Karstadt. Seine Spezialisierung waren Bücher und Medien und so war er in der kleinen Buchabteilung des Karstadts am Hermannplatz gelandet. Sein Lebensweg schien vorgezeichnet aber auch nicht der schlechteste zu sein. Dann war das Sortiment der Buchabteilung zusammen gestrichen worden, bis er, ein Azubi und der Abteilungsleiter nur noch Arzt-Romane, Historien-Schinken und Rätsel-Hefte verkauften. Die Umsätze brachen mehr und mehr ein. Amazon stieg zum globalen Player auf, es sah böse aus. Dann kam eine Angstblüte und Soduku-Hefte und Mandala-Malbücher retteten ein letztes Mal die Jahresbilanz. Was folgte, war abzusehen und unvermeidbar: die Abteilung wurde weg rationalisiert, der Abteilungsleiter wechselte zu den CDs und DVDs und Georg wurde betriebsbedingt entlassen. Ein Jahr Arbeitslosengeld I, anschließend das Elend. Immerhin durfte er in seiner kleinen Wohnung bleiben, die Miete war angemessen, wie ihm die Sachbearbeiterin zugestanden hatte.

Er steckte die 50 Euro ein, mehr hatte der Automat nicht hergeben wollen, und ging zum S-Bahnhof. Ein Mercedes AMG rollte langsam an ihm vorbei und aus dem runter gekurbelten Fenster tönte Dance Monkey in voller Lautstärke. You, you make me, make me, make me wanna cry
Er ging die Treppe zum Bahnsteig hoch und schaute sich um. Niemand da. Auch als die S-Bahn einfuhr und er sich in einen Waggon setzte: kein Mensch zu sehen. Die Sonne schien durch die Fenster, in die Graffiti gekratz waren, die Tags leuchteten auf den wild gemusterten Sitzbezügen und die Stimme eines Zombies schnarrte Zurückbleiben!
Georg ließ sich gegen die Trennwand sinken und schloss die Augen. Schatten und Licht morsten einen schnellen Takt durch seine Lider hindurch und die quäkende Stimme von Dance Monkey wollte ihm nicht mehr aus dem Sinn gehen … You, you make me, make me, make me wanna cry


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Mittwoch, 25. März 2020


TOTENSOMMER [4]

+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++


3. Kapitel

Am nächsten Morgen fühlte Georg sich zugleich eingeschlossen und ausgeschlossen. Eingeschlossen in seinem abgezirkelten Leben, ausgeschlossen von der Welt dort draußen vor dem Fenster.
Er sprang aus dem Bett, obwohl noch Fetzen von Alpträumen in den tiefsten Schichten seines Bewusstseins umher irrten, Männer in Schutzanzügen mit rot unterlaufenen Augen, Kinder mit vertrockneten Händen und ergrautem Haar, dass wie Spinnweben um ihre kleinen, ausgemergelten Gesichter wehte. Enge Gassen mit braunen Ratten in den dunklen Winkeln, Gewitterlicht, dass sich weiter oben auf nach außen geöffneten Fensterflügeln spiegelte. Der dröhnende Ton einer Glocke. Pest.

Schnell trank er einen kalten Schluck Tee von gestern und streifte sich seine Kleider über. Als er das Fenster zum Lüften öffnete, merkte er, wie kalt es draußen noch war. Kalt und sonnig. Ein klares, schneidendes Licht. Die Luft roch frisch, gar nicht nach Großstadt, nach Benzin, Gummiabrieb und Abgasen.
Fast wie auf dem Lande. Der städtische Betrieb, das ewige Machen und Tun war offenbar schon zurückgefahren worden – der Transmissionsriemen der Maschine Berlin stockte.
Georg zog seine warme Jacke an und flüchtete auf die Straße. Dann weiter zu den Kleingärten am Rande des Viertels – vielleicht konnte er dort etwas Ruhe finden. Aber es war mehr los, als sonst an einem Werktag. Jogger rannten an ihm vorbei, fast alle mit gebührendem Abstand. Kinder fuhren auf Rollern die Kieswege entlang und husteten. Rentner mit Mundschutz wichen ängstlich vor ihm zurück. Nur eine Nebelkrähe kam ihm nahe und schaute ihn neugierig an, bevor sie wieder auf eine Hecke hüpfte.
Georg zog sein Handy aus der Tasche und checkte die Nachrichten: Die Bundeskanzlerin hatte gestern Abend ein Kontaktverbot angeordnet, jeder Bürger und jede Bürgerin war dazu verpflichtet, mindestens 1,5 Meter Abstand zu den anderen Bürgern und Bürgerinnen zu halten.
Jetzt fühlte sich Georg noch stärker ausgeschlossen und eingeschlossen. Er stand unter einem weiten Himmel der blau wie auf einer Postkarte war. Überirdisches Ultramarin, fehlten nur noch die Segel von Booten am Horizont. Die Luft strömte in seine Lungen, aber trotzdem umfing ihn eine Beklemmung. Hier konnte er nicht bleiben.

Als er wieder zu Hause war, musste er erst einmal ausruhen, sich befreien von dieser merkwürdigen Klaustrophobie. Vielleicht sollte er anfangen zu meditieren. Er hatte gestern bei Facebook gesehen, dass Dutzende von Online-Kursen angeboten wurden. Sogar gratis – sein Seelenheil würde ihn keinen Cent kosten. Aber wie sollte er meditieren, wenn er lieber wegrennen wollte?
Onkel Karls Haus! Es gab keine andere Möglichkeit. Aber würde er dort nicht wahnsinnig werden vor Einsamkeit? Andererseits, hier war er auch allein.
Er könnte Jonas anrufen. Jonas, sein bester Freund, bei dem er sich den ganzen Winter nicht gemeldet hatte, weil der Winter eben der Winter war – keine gute Zeit für soziale Kontakte. Es war zu dunkel und bedrückend im Winter, zu kalt und gedämmt. Jetzt bereute er, sich nicht bei Jonas gemeldet zu haben … und bei vielen anderen.
Er wählte die Nummer und hörte dem Freizeichen zu. Keine Reaktion. Verärgert legte er das Handy beiseite und fuhr das Notebook hoch, rief ein Nachrichtenportal auf. Schon 25.000 Infizierte. Schrecklich.
Georg zuckte zusammen, als sein Handy klingelte. Jonas! Er ging ran.
Du hattest mich angerufen?“
Georg nickte, bis er sich klar darüber wurde, dass Jonas ihn natürlich nicht sehen konnte. War ja kein Skype-Call.
Ja, hab ich. Entschuldige, dass ich mich nicht gemeldet habe. Kennst mich ja … Winter und so ...“
Er konnte Jonas unterdrückt lachen hören.
Mach dir mal keine Sorgen, wir sind im Winter doch alle Trauerklöße. Also, weshalb rufst du mich an?“
„Hab ich dir schon mal von meinem Ferienhaus erzählt?“
„Du hast ein Ferienhaus?“
„Na ja, es gehört eigentlich meinem Onkel, aber der lebt in Spanien und hat mir den Schlüssel da gelassen.“
„Spanien ist nicht gut.“ Jonas Stimme klang jetzt gepresst. „Ich habe Bekannte in Valencia. Spanien ist wirklich nicht gut, bald sieht es dort aus wie in Italien. Das sag ich dir.“
Georg räusperte sich zustimmend.
„Und hier vermutlich auch. Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich muss unbedingt raus aus der Stadt, sonst ersticke ich noch.“
„Kann ich verstehen, geht mir nicht anders“
Georg zögerte kurz. War das die richtige Idee? Aber warum denn nicht?
„Hast du Lust, mit mir eine Weile aufs Land zu ziehen? Paar Wochen in dem Haus in Brandenburg. Bis der ganze Spuk vorbei ist ...“
Jonas antwortete, ohne zu zögern.
„Klar! Danke, dass du an mich gedacht hast. Das wird toll. Wir beide, wie in alten Zeiten. Wir werden die Welt aus den Angeln heben … oder zumindest die Angeln ein bisschen ölen.“
„Fantastisch“, sagte Georg. „Am liebsten würde ich schon heute hinfahren.“
„Dann mach das doch. Ich kann aber erst übermorgen los, muss vorher noch ein paar Sachen erledigen. Schick mir einfach die Adresse per SMS. Und stell schon mal die Heizung an. In den nächsten Tagen soll es recht kalt bleiben.“
Georg musste an die antiken Kachelöfen denken.
„Mach ich, Jonas. Wir sehen uns dann in zwei Tagen.“



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Dienstag, 24. März 2020


TOTENSOMMER [3]

+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++


Genau in diesem Moment schlurfte Tante Gesche ins Bild, mager bis auf die Knochen, mit einem Gesicht das sowohl permanente Verwunderung als auch Strenge ausstrahlte. Zwischen ihren schmalen Lippen klebte eine Zigarette und ihr schwarz gefärbtes Haar war glatt zurück gebunden.
Tante Gesche, die Aufsteigerin der Familie. Sie hatte einen Ingenieur geheiratet, keine Kinder bekommen und sich ein ruhiges Leben gemacht, vor allem, nachdem ihr Mann an Lungenkrebs gestorben war. Hielt sie nicht davon ab, weiterhin Kette zu rauchen.
„Tante Gesche! Ich glaub es nicht! Du rauchst direkt neben einer Asthmatikerin? Gerade jetzt?“
Sie winkte müde in die Kamera.
„Das sind ganz leichte Zigaretten. Kim. Wirklich ganz milde, das wird schon nicht schaden.“
Georgs Mutter atmete verkniffen ein.
„Na ja ...“
„Ist ja schon gut. Ich geh auf den Balkon.“
Und mit diesen Worten trat Tante Gesche aus dem Bild, als würde sie von einer Bühne abgehen.
„Mama“, sagte Georg. „Das darfst du ihr nicht durchgehen lassen. Wenn sie schon qualmen muss ...“
Seine Mutter wiegte langsam den Kopf hin und her.
„Weißt du, Georg, wir müssen alle irgendwann sterben. Und ich war in letzter Zeit ziemlich allein. Du kommst mich ja nie besuchen.“
„Mama, bitte!“
Seine Mutter hob die Augenbrauen.
„Ist doch wahr! Und jetzt, in dieser schlimmen Zeit, kann ich noch nicht mal meine Freundinnen besuchen gehen. Ich weiß, dass Gesche ein Biest sein kann, aber sie ist meine Schwester. Ich hab sie trotzdem lieb.“
„Das lassen sie aber besser nicht wissen, sonst nutzt sie das nur aus.“
„Schatz, du sollst nicht immer das Schlechteste von den Menschen denken.“
Seine Mutter strich sich geistesabwesend die Haare zurück und schaute nach rechts aus dem Fenster. Licht fiel in ihre grauen Augen und für einen Moment sah sie wieder aus wie ein junges Mädchen. Ein sehr müdes junges Mädchen.
„Und was hast du jetzt vor, Schatz? Bleibst du in Berlin?“
„Wo soll ich denn sonst hingehen?“
Sie schaute ihn überrascht an.
„In das alte Ferienhaus von Onkel Karl!“
„Oh Gott, das existiert ja auch noch. Da war ich seit Jahren nicht mehr.“
„Ich auch nicht“, sagte seine Mutter. „Aber es steht noch, schätze ich. Du hast ja einen Schlüssel.“
Das Haus von Onkel Karl war eine Bruchbude in der tiefsten, brandenburgischen Provinz. Er hatte es kurz nach der Wende gekauft, um mal Auszuspannen, wie er es nannte. Über die Jahre war er vielleicht drei oder vier Mal dort gewesen, hatte angefangen, es zu renovieren und dann das Interesse verloren.
Vor zehn Jahren war er in Rente gegangen und nach Spanien gezogen, an die Costa del Sol. Seitdem stand das Haus leer. Georg war einmal dort gewesen, um nach dem Rechten zu schauen. Das Haus war mit schäbigen DDR-Möbeln eingerichtet, die Tapete hing in fast allen Zimmern von den Wänden und die Kachelöfen waren nur noch als Dekoration zu gebrauchen. Im Winter würde man dort erfrieren. Außerdem war mittlerweile sicher der Strom abgestellt worden.
„Da kann man doch nicht mal für ein Wochenende wohnen. Und ich hoffe, dass der Kühlschrank ausgeräumt wurde, denn ohne Strom würde da sonst eine Monster-Kolonie wachsen.“
Seine Mutter schüttelte energisch den Kopf.
„Den Strom bezahl ich regelmäßig. Wasser auch. Und Gesche war im letzten Herbst dort. Sie meinte, es sei alles ziemlich gut im Schuss.“
„Das bezweifle ich“, sagte Georg.
Im Hintergrund war die Balkontür zu hören und Tante Gesche stapfte wieder durchs Bild.
„Gudrun? Kommst du? Wir wollten doch was kochen“, rief sie.
„Du hörst es, Georg, ich muss Schluss machen. Meld dich bald wieder, ja? Und wenn dir die Decke auf den Kopf fällt, kannst du jederzeit in Onkel Karls Haus.“
„Ich kann dich besuchen kommen“, sagte Georg lahm.
„Das ist keine gute Idee, Schatz. So wenig soziale Kontakte wie möglich, haben sie heute im Fernsehen gesagt.“

Nachdem sich Georg einen Tee gemacht hatte, setzte er sich wieder an den Computern und rief die Seite von Euronews auf.
Gerade wurde ein Bericht aus Italien gezeigt, aus einem Krankenhaus in Bergamo. Dicht gedrängte Betten, steriles Licht. Alte Männer und Frauen in Krankenhaushemden, die merkwürdige Helme auf hatten, zylindrische Objekte aus durchsichtigem Kunststoff, die den ganzen Kopf umschlossen, um sie mit Sauerstoff zu versorgen. Ärzte und Pfleger liefen zwischen den Betten umher, überprüften die Sauerstoffzufuhr, notierten Werte auf Klemmbrettern. Derweil die Patienten um Luft rangen.
Ein Bild aus der Unterwelt. Es wirkte ein bisschen wie eine Radierung von Gustave Doré. Die Köpfe mit den Sauerstoffhelmen trieben auf den weißen Decken und Laken. Der Himmel im Fenster dahinter hatte sich verdunkelt.
Georg klappte das Notebook zu und lief unruhig in seinem Zimmer auf und ab. Wo sollte er nur hin? Wo war ein Zufluchtsort? Und wer würde ihn retten, wenn er die Krankheit bekam, wenn er sie womöglich schon hatte?



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Montag, 23. März 2020



TOTENSOMMER [2]

+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++


2. Kapitel

Zurück in seiner Wohnung schien Georg wieder alles normal. War etwas? Es waren doch keine Sirenen zu hören, kein ABC-Alarm, keine Alien-Raumschiffe kreisten über den Dächern Berlins. Konnte es wirklich sein, dass eine katastrophale Welle von Viren über das Land branden und alles auslöschen würde?
Während er die Einkäufe in seine winzige Speisekammer räumte hörte er Radio. Der Nachrichtensprecher sprach von tausenden Toten in Italien und dass auch in Deutschland mit unzähligen Opfern der neuen Krankheit zu rechnen sei. Es wurde bereits von Triage berichtet.
Triage? Hörte sich in seinen Ohren an wie ein schlechter Popsong aus den 80ern. Triage, Triage, you came into my life like a hammer in a store window

Auf dem obersten Regalbrett der Speisekammer vertrocknete seit Tagen das letzte Stück eines Apfelkuchens, den seine Mutter gebacken hatte. Er war letzte Woche mit DHL angekommen und Georg hatte den größten Teil pflichtschuldig gegessen, obwohl seine Mutter eine grauenhafte Bäckerin war. Zu wenig Zucker, zu viel Zimt und die Apfelscheiben waren matschig und fad.
Wie es ihr wohl gehen mochte? Sicher hatte sie sich in ihrer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in Schöneberg verbarrikadiert und schaute rund um die Uhr NTV oder Phönix. Oder, schlimmer noch, Verschwörungs-Videos auf Youtube.
Sie war schon immer eine kluge Frau gewesen, aber ihre Intelligenz war ungerichtet, ziellos. Bis vor wenigen Jahren, als sie noch als Verkäuferin beschäftigt gewesen war, hatte die Arbeit sie halbwegs von ihren kruden Ideen abgehalten. Aber seit sie in Rente war, hatte es kein Halten mehr gegeben.
So vieles war in ihrem Leben schief gelaufen und das hatte sie bitter gemacht. Ihr Ehemann hatte sich kurz nach Georgs Geburt abgesetzt, wenig später hatte sie ihre Anstellung in einem Hertie-Warenhaus verloren, wo sie als Verkäuferin in der Damenbekleidung gearbeitet hatte. Das war 1993 gewesen. Danach blieben ihr nur noch Jobs an den Kassen diverser Supermärkte. Penny, Aldi, Bilka, Bolle – davon war sie so sehr ausgelaugt worden, dass sie vor vier Jahren vorzeitig in den Ruhestand gegangen war. Und seither beschäftigte sie sich mit Themen wie Die hohle Erde oder Versunkene Zivilisationen auf dem Mars.

Georg gab sich einen Ruck und fuhr sein Notebook hoch. Er musste einfach seine Mutter kurz sprechen und schauen, ob es ihr gut ging. Er öffnete Skype und pingte sie an.
Keine drei Sekunden später logte sich seine Mutter ein und ihr asthmatisches Husten war zu hören, aber noch kein Bild zu sehen.
„Mama, du musst die Kamera einschalten!“
„Moment ...“
Ihr keuchender Atem näherte sich dem Mikrofon und Georg konnte sie auf der Tastatur herumfuhrwerken hören. Das war doch hoffentlich nur das Asthma?
Plötzlich erschien ihr Gesicht auf dem Bildschirm. Nase und Mund waren merkwürdig verzerrt, weil sie zu nah an der Webcam stand, und ihre Augen blinzelten müde hinter den dicken Brillengläsern.
„Mama, geht‘s dir gut? Du bist doch hoffentlich nicht krank?“
Sie lächelte schwach und ließ sich in ihren Sessel plumpsen, den sie neben den Schreibtisch gerückt hatte.
„Nein-nein, nur Heuschnupfen. Die Pollen sind dieses Jahr besonders früh dran. Wegen des milden Winters. Weißt du, Georg, wenn dieses Virus uns nicht umbringt, dann der Klimawandel.“
„Seit wann glaubst du denn an den Klimawandel“, fragte Georg entgeistert.
„Man wird ja wohl noch seine Meinung ändern dürfen, oder?“
Sie wirkte aufrichtig empört und nahm die Brille ab, wischte sich fahrig über Stirn und Augen.
„Du siehst müde aus, Mama.“
„Ach, das täuscht. Ich bin einfach noch nicht geschminkt. Hat der Apfelkuchen geschmeckt?“
Georg nickte in die Kamera.
„Ja, sehr gut. Ein bisschen weniger Zimt beim nächsten Mal ...“
„Ist notiert, mein Junge. Und was hältst du von der ganzen Sache.“
„Keine Ahnung, Mama. Kommt mir alles unwirklich vor. Und du? Hast du Angst?“
Sie schüttelte langsam aber entschieden den Kopf.
„Weißt du, es ist merkwürdig. Früher hatte ich ja immer Angst, vor jedem Pieps. Drama, Drama, Drama! Aber jetzt, wo alles den Bach runtergeht, da bin ich ganz gelassen. Ich bin die Ruhe selbst!“
Georg kam ein beunruhigender Verdacht. Sie hatte doch nicht etwa wieder mit Tranquilizer angefangen?
„Bei dir ist also alles in Ordnung? Du musst keine Medikamente nehmen?“
„Georg!“
Jetzt war sie wirklich empört.
„Das liegt doch schon Jahre zurück. Ach, was sag ich, Jahrzehnte! Das Zeug werd ich nie wieder anrühren! Mach dir mal keine Sorgen.“
Vorwurfsvolles Schweigen von ihrer Seite. Georg konnte im Hintergrund eine Tür aufgehen hören.
„Ist da etwa jemand bei dir?“
Sie schaute ihn unschuldig an.
„Ja, Gesche. Sie ist auf Besuch.“
Wieder war es an Georg, entgeistert zu sein.
„Tante Gesche ist bei dir?“
„Ja, warum denn nicht. Immerhin ist sie meine Schwester. Meine einzige Schwester!“
„Aber du kannst sie nicht ausstehen!“


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Sonntag, 22. März 2020




TOTENSOMMER [1]

+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++


1. Kapitel

An einem warmen Oktobertag machte sich Georg auf den Weg in das Impf-Center in Berlin, obwohl er davon überzeugt war, die Krankheit bereits durchgemacht zu haben.
Die Sonne schien auf den wüsten Landstrich in Brandenburg, ließ die glasierten Dachziegel der Häuser in dem Dorf Grautow glitzern. Die einzige Straße – noch immer benannt nach Ernst Thälmann – lag ausgestorben vor ihm, nur auf dem dunklen Wasserspiegel des Dorfweihers zogen zwei Enten stoisch ihre Kreise.
Die Stille war groß und schwer, eine unsichtbare Last, die sich auf seine Schultern legte, in seine Lunge eindrang, die noch immer nicht richtig arbeiten wollte, so kam es ihm vor.
Georg fragte sich, wie viele Leichen sich hinter den verrammelten Türen der Häuser verbargen. Er hatte seit Wochen keinen Menschen mehr gesehen, nur seine Mutter hatte mit ihm Kontakt gehalten, obwohl sie seit Ende August in einem Notlazarett untergebracht war.
76 Einwohner lebten in Grautow, hatten in Grautow gelebt. Ob sie sich nur eingeschlossen hatten, mit ihren letzten, dürftigen Einkäufen aus dem Edeka am Dorfrand, oder ob sie längst gestorben waren, erstickt an der neuen Seuche, das war fraglich. Fast alles alte Menschen, Risikogruppe, nur noch Tote auf Urlaub.
Er blickte die Ernst-Thälmann-Straße entlang, hin zu der einzigen Bushaltestelle. Aus seinem Haus heraus hatte er die Station nicht sehen können und eigentlich war er sich sicher, dass kein Bus mehr fahren würde, trotzdem ging er langsam über das ausgetretene Pflaster in diese Richtung, die halb abgesackten Gehwegplatten entlang, die von Disteln und anderem Kraut durchbrochen waren.
Es war nicht ungewöhnlich, dass in einem so kleinen Kaff die Hauptstraße an einem Sonntagmorgen leer wie nach der Apokalypse war, aber das Wissen um die letzten Monate ließen die Szene gespenstisch erscheinen.
Georgs Hände verkrampften sich. Kein Laut war zu hören, kein Vogel, kein Insekt, selbst die zwei Enten im Weiher zogen ihre Kreise schweigend. Es roch nach vertrockneten Gräsern und den überschwemmten Auen, die die Ausläufer des Dorfs mit der Oder verbanden.
Leere Straßen, damit hatte es angefangen.

Am 20. März war ihm zum ersten Mal bewusst geworden, dass sich das Leben verändert hatte, das sich die Menschen gewandelt hatten. Frühlingsanfang in Berlin und alles Leben schien wie ausgelöscht.
Am Morgen war er noch guter Dinge gewesen, hatte sich gewaschen und rasiert, hatte eine Schüssel Haferflocken gefrühstückt, war auf seinen winzigen Balkon getreten, um eine Zigarette zu rauchen – und da war es ihm wie mit dem Hammer ins Bewusstsein getrieben worden: Sein altes Leben war vorüber, aller Leute altes Leben war vorüber. Die leere Straße unter ihm wirkte wie ein Fanal.
Nicht dass er etwas dagegen gehabt hätte, sein altes Leben abzustreifen, dass in erster Linie aus Langeweile, Videospielen und ausgedehnten Aufenthalten in der Bezirksbücherei bestand, aber stattdessen gleich sterben?
Andererseits war er ja noch jung, gerade 28 Jahre alt geworden, gesundheitlich gut in Schuss, wenn man vom Rauchen absah, aber was war zum Beispiel mit seiner Mutter? Sie war 67 Jahre alt und hatte Asthma. Und sie neigte zu unbegründeten Ängsten. Wie würde es ihr gehen, wenn die Ängste ganz und gar nicht mehr unbegründet waren?
Am Montag hatte er das letzte Mal Nachrichten im Netz gelesen und anschließend beim Abendessen Radio gehört. Das Gemeldete hatte ihn so nervös gemacht, dass er es vorzog, die nächsten Tage nur noch online zu zocken: eine Reise nach Tamriel – ein Kontinent, den man in dem Game The Elder Scrolls Online besuchen konnte – ersetzte jeden Sommerurlaub, der im realen Leben wahrscheinlich bald ausfallen würde, für ihn sowieso, denn als ALG-II-Empfänger fehlte ihm das Geld für solche Extravaganzen.
Bis gestern Abend hatte er die meiste Zeit damit verbracht, Orks zu schnetzeln, Dungeons zu erforschen und seinen Barbaren hoch zu leveln. Aber selbst der schönste Urlaub wurde irgendwann fad.
Schnell warf er sich eine Jacke über und ging auf die Straße. Er musste sowieso noch etwas einkaufen, sein Kühlschrank war leer, die Haferflocken und der Rest Milch waren die letzten Lebensmittel gewesen. Außerdem ging das Klopapier zur Neige.

Es waren noch Menschen auf den Straßen unterwegs, wenn auch nicht sehr viele. Sie liefen allein oder allenfalls zu zweit durch den Kiez, wirkten orientierungslos, sprachen, wenn überhaupt, leise, als würden sie belauscht, als würden sie verdächtigt, etwas gesetzloses zu tun.
Gab es etwa schon eine Ausgangssperre? Georg musste nachher unbedingt wieder Nachrichten hören.
Diese Stille in den Straßen war unheimlich. Dabei liebte er Stille eigentlich, hatte auch nicht viele Freunde, lebte lieber sein verborgenes Leben. Aber dieses tiefe Schweigen, dass sich in den Straßen der Großstadt breit machte, die verhuschten Blicke der Leute, die herausfinden wollten, ob der andere Passant krank aussah, ob er vielleicht sogar ein Husten unterdrückte, das löste eine Beklemmung in ihm aus.
Wie zum Trotz nickte er einem Fremden freundlich zu, der gerade aus dem Lidl-Markt an der Ecke kam, ein älterer Herr, der einen Hackenporsche hinter sich her zog, der so überladen war, dass sich der feste Stoff ausbeulte. Oben drauf waren zwei Packungen Klopapier mit einem Fahrrad-Expander geschnallt. Gab es dafür heute Rabatt?
Der ältere Herr verzog die Lippen zu einem Strich und wandte den Kopf ab.
Dann eben nicht, dachte Georg, Berlin war ja noch nie die Hauptstadt der Höflichkeit.
Er steuerte den Lidl an und schnappte sich den vorletzten Einkaufswagen. Durch das Schaufenster konnte er erkennen, dass die Kunden in einem merkwürdig großen Abstand zueinander an der Kasse standen. Und der Papierwaren-Laden neben dem Supermarkt war geschlossen. Georg schaute sich um, auch Blumenverkäufer hatte zu, an seine Ladentür war ein ausgedruckter Zettel geklebt, auf dem etwas von Corona und Verordnung stand. Also doch Ausgangssperre? Wenn man es genau betrachtete, waren eigentlich alle Geschäfte geschlossen, außer dem Lidl. Und nach wie vor kaum Menschen in den Straßen. Nur eine feiste Nebelkrähe hüpfte vor einem verrammelten Imbiss auf und ab und fraß Pommes Frites, die platt getreten auf dem Bordstein klebten.
Georg betrat den Lidl und wurde fast umgerannt, als er an den Paletten mit Klopapier und Küchenrollen vorbei ging. Drei Frauen, eine davon mit Kleinkind im Einkaufswagen, stritten sich um die letzten Packungen der Hausmarke. Georg schlängelte sich an ihnen vorbei und griff sich eine Zweier-Packung des teuersten Herstellers, von denen es noch genug gab. Das würde ein empfindliches Loch in seine Haushaltskasse brennen, aber ohne Klopapier in den Weltuntergang, das war keine Option. Und offenbar handelte es sich ja gerade um den Weltuntergang, wenn man sah, wie sich die Leute benahmen.
Die gleiche Szene an den Regalen mit Nudeln, Reis und Mehl, ebenso an den Tiefkühltruhen. Nur noch Pizza Hawaii war übrig. Georg nahm sich drei Stück und auch eine Packung mit tiefgefrorenen Bohnen. Schnell noch vier Mal Knäckebrot und zwei Mal Scheibletten-Käse, mehr war nicht zu bekommen. Dann zur Kasse, immerhin gab es dort noch Zigaretten, leider nur noch abscheuliche Marken. Aber egal, dachte er, Pall Mall wird mich schon nicht umbringen.
Georg stellte sich mit gebührendem Abstand zu dem Vordermann in die Schlange und versuchte, möglichst flach zu atmen. Es roch nach billigem After-Shave und Tod. Plötzlich drängte sich eine dicke Frau in die Lücke.
„Ähm, entschuldigen Sie“, sagte Georg.
Die Frau drehte sich halb zu ihm um und sah ihn giftig an.
„Was?“
„Äh, Sie drängeln sich gerade vor. Das ist Ihnen schon klar, oder?“
Die dicke Frau zuckte die Schultern.
„Hier ist doch noch Platz.“
Und mit diesen Worten wies sie ihm wieder den Rücken und stapelte ihre Waren aufs Band. Ein großer Stapel.




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Dienstag, 3. Januar 2017

Dies ist die Zeit, von der wir als die roboterlose berichten werden, so wie wir heute unseren Kindern von den 70er Jahren erzählen, in denen es noch keine Mobiltelefone gab, keine Homecomputer und kein Internet.

Als 8-bit-Spiele noch keine Kunst waren, sondern Notwendigkeit. Als nach Übersee nur der Jet-Set flog.
--- Als dein Großvater noch jung war.

„Aber, Opa, eine Welt ohne Roboter, da hätte ich ja kaum Freunde gehabt. Ich hätte den ganzen Tag im Realitätsraum verbringen müssen “
Ich räuspere mich bedächtig und schaue meinen Enkel an. Seit er Pyramidon nimmt, kann er endlich ruhig sitzen.
„Weißt du, Jin-Quirin, ich sage es dir nur ungern, aber Realitätsräume gab es damals auch noch nicht, nur die ersten VR-Brillen, und besonders gut war die Auflösung von denen nicht, man konnte Realität und Realitätsraum gut unterscheiden. Heutzutage kann man das kaum noch.“
Jin-Quirin lächelt: „Du vielleicht nicht, aber du bist ja schon alt“.

--- In der Jetztzeit entwickeln sich die Dinge: schon heute stellt Boston Dynamics hervorragende Menschmaschinen her, zugleich arbeitet die kalifornische Elite an künstlicher Intelligenz. Kombiniere beides mit Massenproduktion in Shenzen, und schon hast du die Zukunft vor Augen.

Die Sexroboter werden die ersten sein, so wie die Sex-Tapes bei den Homevideos die ersten waren, wie die Porn-Pages im Netz die ersten waren.

Und dann die echten Androiden für den Haushalt, als Spielkameraden für die Kinder, als Menschen auf der Straße.

Wenn ich zusammenrechne was jetzt schon mit Silikon, Chat-Bots und Robotik möglich ist, kann ich voraussagen: wir werden die neuen Menschen nur sehr schwer von den alten unterscheiden können. Jedenfalls die öffentlichen. Die Androiden in den Fabriken und Büros werden weniger lebensecht aussehen, aber um Potenzen produktiver sein als wir.
Humans need not apply.

Und diese Welt davor, in der wir noch Momente leben werden, die gilt es jetzt zu beschreiben, aus einer Perspektive, die aus der Zukunft zu uns schaut. Denn ein Blick aus dem Loch der Gegenwart wird uns später unspezifisch vorkommen, so wie mir heutzutage die Erinnerungen der Glückel von Hameln unspezifisch vorkommen, die sie vor mehr als 300 Jahren aufschrieb, und aus denen ich wenig über den Alltag ihres Lebens und des Lebens ihrer Mitmenschen erschließen kann, obwohl es doch Aufzeichnungen einer Frau aus dem Volk sind, keine abgehobenen Berichte & Betrachtungen eines Adligen. Aber ihr fehlt die Perspektive, sie sieht nur, was sie gelernt hat zu sehen.


Die Gegenwart in ihrer Fülle kann man nur mit dem Blick des Zeitreisenden erschließen.




Samstag, 31. Dezember 2016

Der Geruch von Tod: wie kaltes Kalbsfleisch gemischt mit Ozon.

Wir fanden in der Küche drei leere Streifen Kopfschmerztabletten, ein halbes Glas Wasser. Die Wohnung war aufgeräumt, ist in meiner Erinnerung aber in einem Zustand der Verwüstung.
Fußstapfen waren keine zu sehen, auch kein Leichenabdruck im Flur. Dort lag der Körper, zehn Tage lang ... von der Kloschüssel durch die offene Tür gekippt. Sekundenschlaf.

Z.B. meine Mutter. Man sagt, dich soll der Schlag beim Scheißen treffen. Aber ich wüsste keinen, der ihr das gewünscht hätte.
Im Sommer, wenn die Erde weich ist für ein Spatenblatt. Aber zehn Tage im Flur hatten ihrem Körper nicht gut getan, erzählte man mir. Die Nachbarn hatten es gerochen. Kaltes Kalbsfleisch wohl nicht. Dieser Geruch hing erst in der Wohnung, nachdem das Säuberungskomando hindurch gefegt war.
Die Windspiele an den Decken, die Sonnenstrahlen zart zwischen den Glasfronten von Wohn- und Schlafzimmer. Die Hitze des Sommers.

Die Schlieren auf den Fenstern wie Eisblumen.
Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.
Sie hatte Elfen und Zwerge gesehen, sechzig Jahre zuvor, in den Wäldern im holzlosen Holland, auch im kleinen Garten hinter dem Haus, hinter dem dunklen, schattendurchfluteten Haus. Später wurde ihre Hellsicht von schwarzer Galle verdunkelt.
Die Tage in der Irrenanstalt, Licht auf den Resopaltischen, weißlackierte Türen, geschlossenes Leben. Die Notwendigkeit, eine Elfe zu sein.

Ich erinnere Eisblumen auf den Fenstern im Winter, ihre kühle Hand auf meiner Stirn, Fieberträume die sich in den Tod öffneten. Eine Wand aus rieselnder Leere, der Körper im Nichtschlaf gefangen, riesenhaft, aufgebläht. O, und die Augen, vollgestopft mit Blicken.

Z.B. meine Mutter, wie sie auf ihrer Leopardencouch sitzt und Zigaretten dreht. Die Hände flattern bei jedem Satz durch die Luft, Albinofledermäuse. Atemzüge. Sekundenschlaf.


Johanna Maria Tielens, 1964



Freitag, 30. Dezember 2016

Aber der Tod.
Wie sprechen über das tot, die tot, der tot?
Wenn die Körpereinheit durch die Zeit klappert, grauer werdend, Metapher werdend für sich selbst im Ableben, Abspulen des Films. Schnitt. Black. Fade.

Z.B. mein Vater: starb ohne Furcht, obwohl er nicht an ein Nachleben glaubte, nur an die Schwärze im Blick, das Nichts der Zukunft. Trotzdem er seine Hände wandern ließ durch die Luft, den Äther, das Fluidum, in seinen letzten Tagen, im Hospiz, krebszerfressen, oder eher krebsgeschwängert.

Z.B. mein Vater: wisperte mit den Toten, die über ihn gekommen waren, in seinen letzten Tagen, obwohl das am Krebs gelegen haben könnte, an der zerfressenen Leber, und ursächlich daraus an der zunehmenden geistigen Wirrheit, Verwirrung ... winddurchkämmt das Gehirn, von einem Hauch geschüttelt, Prophet des Nihilismus.

(Ich fand heut kaum noch etwas von ihm, im weiten Internet, im Hades der Homepages und Kanäle (Styx). Ein toter Schauspieler, nur noch öffentlich abgebildet in einigen vergänglichen TV-Serien der 60er Jahre. Ruhm, ach, Herbst, Blätter, leichter Wind. Stattdessen eine spanische Sendung über meinen Bruder, der Spanisch sprach, und den ich nicht verstand, und der mit dem Alter mehr und mehr ausschaut wie unser Vater ... ich weniger und weniger.)

Kann man sich den Tod nicht vorstellen als einen unendlich gedehnten Moment, der vor dem endgültigen Ableben stattfindet, und der dem Bewusstsein als ein Nachleben vorkommt, das Licht, der Tunnel, das Licht. Ein Moment der ewigen Erkenntnis, der letzte Moment des Lebens spreizt sich auf an der Mauer des Todes, eine Flutwelle, gebrochen am Stein der Toteninsel.

Ach, Toteninsel, was für ein Unsinn, was kann mir Böcklin über des Sterben meines Vaters schon sagen, was über meines?

Stille Tage in der Dämmerung. Schmerzen in Friedenau. Aber kein einziges graues Haar im Spiegelbild.




(Zu sehen mein Vater Reinhold Voß im blutjungen Alter von 27 Jahren,
wie üblich als Bösewicht)


Montag, 16. Mai 2016


Am Vorabend des Krieges I

Gebannt schauen wir auf die Screens und warten auf den Scream der Barbaren. Aus dem Berberland, aus dem ganzen Libyen, vom schwarzen Kontinent; darauf dass sie driften, auf Booten, Flößen, Luftmatratzen. Schwarze Materie. Hinein in das Universum des Lichts, in die Galaxie der Aufklärung, die uns ja ganz allein gehört. Dieser schöne Kontinent, bald geraubt von einem Stier aus dem Atlasgebirge.

Gerade gab die NASA im Rundfunk durch, der April dieses Jahres sei der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen (cruel month, indeed). Und in Äthopien dorrt die Erde aus, die Menschen fallen in den Hunger zurück, fallen in den Tod zurück schon bald.

Gottgefällig, selbstgefällig, vom Geburtsrecht gepudert sitzen die heimischen Bürger heimelig an ihren Herden und Geräten, das Flackern in den Augen gespiegelt, und sind sich ganz und gar sicher: die dürfen nicht hier her, die sollen im Mittelmeer ersaufen.
Aber nur Tausende werden ersaufen, Hunderttausende werden durchkommen. Eine winzige Vorhut, eine Avantgarde der kommenden Kriege.

Wie der kleine Bürger mit dem spitzen Kopfe meint, die sogenannte Flüchtlingskatastrophe wäre eben nur eine Katastrophe, ein Zufall, der leicht zu bändigen wäre mit den richtigen Waffen an der richtigen Grenze.
Nicht mal ein Blinzeln in die Zukunft gestatten uns die paar Hunderttausend. Wenn ein ganzer Kontinent austrocknet, der nur von einer Pfütze von Mittelmeer von uns getrennt ist, dann werden alle Spielkarten und Landkarten völlig neu verteilt werden.

Eine neue Völkerwanderung steht an. Ach, was sag ich, nein, eine Kontinentaldrift ganzer Völker wird losgestoßen werden, wenn erst das Klimaziel von zwei Grad plus erreicht ist.
Und diese Menschen werden sich nehmen, was wir ihnen so lange vorenthalten, was wir ihnen gestohlen haben.

(Derweil die Fussballnationalmannschaft in Ascona/Schweiz Vanille-Kipferli futtert. In einem Kurhotel am besten Platz. (Ganz späte Lebensreformer). Die Lokalmannschaft wurde ausradiert. Ach, nein, ausquartiert.
Und in Kreuzberg: Karneval der Kulturen. Saufen bis der Witch-Doctor kommt.
Doch hier in Schöneberg ein Wechsel von Musik und Stille. Gutes glutenfreies Essen. Fröhliche Gäste, Sonnenschein. Auf Bewährung im Garten Eden).




Mittwoch, 30. März 2016



Kopfschlächter

Der Kopfschlächter lebt in dem dunklen Wald
in einer feuchten Mulde liegt er nachts
und träumt von Wüstungen der Vorzeit

Zwischen den Dörfern ist Verheerung
Die Schweine quieken in den Koben
Der Kopfschlächter geht nach dem Frühstück
das aus dunklen Beeren ist, in die Fabrik

Er sticht die Sauen ab, die Ferkel auch
er schlitzt die Bäuche auf, weil Überstunden sind
und zieht die Teratome raus
die Hautsäcke mit Haaren, Zähnen, Pseudohirnen

Der Kopfschlächter stapft auf den Kacheln
durch kaltes Blut zum Kaffeeautomat
darin sind dunkle Träume eingeschlossen




Samstag, 26. März 2016


" [...] und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem nach 1949 zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil".

Ich habe ja auch einen Migrationshintergrund. Einen unsichtbaren. Doch mit zunehmendem Alter fange ich an ihn ernst zu nehmen. Muss nicht mehr innerlich lachen, nur noch lächeln, wenn ich über meine Lage in der Fremde nachdenke.

Meine Mutter übersiedelte 1963, als Zwanzigjährige und kaum Deutsch sprechend, von Den Haag kommend nach Lüneburg, Niedersachsen, wo ich sieben Jahre später geboren wurde.
Sie hatte dort ein Engagement am Ballett des Stadttheaters bekommen.
Sie war anders als die Deutschen, die Deutschen waren Nazis und grobe Schlachtergesellen, sie war eine Waldelfe von der Waldorfschule (die sie in den 40er und 50er Jahren in Den Haag besucht hatte, was sie um so fremder werden ließ, im Lande Adenauers und Erhards).

Da mein Vater späterhin die meiste Zeit Anstellungen an Theatern anderer Städte hatte, die Familie aber, bis ich neun Jahre alt war, in Lüneburg wohnen blieb (in einer winzigen, dämmrigen Wohnung, in einem 500 Jahre alten Haus), zog sie mich die meiste Zeit alleine groß. Und sprach mit schwerem Akzent, machte grammatikalische Fehler, die ich heute selbst noch mache; bei jeder M- oder N-Endung muss ich kurz in mich gehen, mich konzentrieren, um mich für den korrekten Form zu entscheiden. Weet je wel?

In unserer Familie wurde warm zu Abend gegessen, nicht am Mittag, so wie es all die Familien der Freunde hielten, und es gab indonesisches Essen, als die Freunde dieses Land noch nicht mal auf dem Globus fanden. Und wenn wir erst bei dem (angeheirateten) halbindonesischen Onkel zur Reistafel eingeladen waren; die deutschen Wirsingköpfe der 70er Jahren machten sich keine Vorstellung, wie scharf Gerichte sein konnten.

Lakritz, Pfefferminz, Erdnussbutter, echter Käse. Reiskräcker, englisches Teegebäck, Fla, Patatje Oorlog. All das sind mir Kindheitserinnerungen. Mit Schweinshackse und Mettigel habe ich nichts zu schaffen.
Doch das waren nur Äußerlichkeiten. Was mein Selbst viel mehr prägte waren die holländischen Kinderbücher, die mir meine Mutter jeden Abend vorlas (Paulus de Boskabouter!) und der scharfe Verstand meines Großvaters, einem germanophilen Intellektuellen, der die Heirat meiner Eltern in einer Zeit ermöglicht hatte, als einen Deutschen zu heiraten in Holland noch als Landesverrat galt.

Die Abgeklärtheit und weltfraulichkeit meiner Kette rauchenden Großmutter (britische Zigaretten), die gerne Mahjong spielte und ihr Frühstücksbrot mit Messer und Gabel aß.
Das Goldene Zeitalter der Barockmalerei, das Licht der Aufklärung, dass sich viel besser in jenem Land gehalten hatte, als in diesem Deutschland, in dem die Wikingjugend Sonnenwendfeuer abhielt, in dem die Kriegsveteranen mit abgeschossenen Armen durch die enge Fußgängerzone zockelten.

Aber meinen Vater, dem Hamburger, dem Schauspieler, dem Hallodri, dem sollte ich ähnlich sehen, mit dem wurde ich gleichgesetzt. Dabei war ich innerlich doch auch eine verloren gegangene Waldelfe aus den Dünenwäldern von Scheveningen.

Ich bin, das wird mir erst spät bewusst, viel mehr wie meine Mutter. Ein Teil von mir lebt in Den Haag, an der Küste, im Licht der Straßen, im Licht der Passagen. Nahe dem Grab meiner Großeltern, nahe dem Grab meiner Mutter.