Schlecht ist, dass die allgemeine Empörung die Menschen zum Schweigen bringt, und zwar meist nicht die, die empört sind.
Da haben also ein paar mehr oder minder prominente Schauspieler und Schauspielerinnen ihren Unmut darüber kundgetan, dass so vieles geschlossen wird, marginalisiert, unnütz gemacht.
In meiner Facebook-Blase dann - die sich teils mit der Blase der Meinungsmacher der Printmedien schneidet - ein einziger Aufschrei: Wie kann man denn nur ... das wären ja fast schon Rechte ... die würden die Toten verspotten ...
Und gleich darauf zieht die erste - Heike Makatsch - ihren Beitrag zurück. Aus ihren Zeilen bei Twitter kann man die Panik fast heraushören. (Angstschweiß, Odorama-Kinntop). Jetzt nur keinen falschen Schritt, sonst ist die Karriere gecanceled. Der erste Rundfunkrat (was für ein Titel) mit Namen Garrelt Duin fordert bereits, die unverschämten Schauspieler und Schauspielerinnen von ihren Rollen im TV zu entbinden. Man könnte das auch Berufsverbot light nennen. Aber bislang ist es nur die Twitter-Forderung eines subalternen SPD-Politikers.
Diese aufschäumende Panik, die im Mantel der Wut daher kommt, im Wolfspelz - eine Meute, zwei Meuten, auf jeder Seite Meuten. Aber alle haben sie keinen Schneid. (Kleiner, preußischer Scherz, verzeihen Sie mir, ich schreibe gerade an einem Roman übers 19te Jahrhundert).
Soviele dabei, die seit Jahrzehnten den Planeten ruinieren, aber wenn irgendwer vorsichtig anfragt, ob er sein Leben zurückhaben könnte, eventuell, ganz vielleicht, wenn's nicht zuviele Umstände macht, irgendwann - dann, ja, dann reißen sie den Mund auf und geben unterthänigst zu bedenken, dass die Intensivstationen "volllaufen" würden. Schieben die Toten und Sterbenden vor wie ein Schutzschild. Alle Mann Augen geradeaus und Marsch, sonst sterben die Leute. Und wer nicht mitläuft, der killt meine Omi.
Nebenbei bemerkt: ein Land von mehr als 80 Millionen Bürgern, dass es nicht schafft, etwas mehr als 5000 Intensiv-Patienten angemessen zu behandeln und pflegen, das hat ganz andere Probleme, als nur die Pandemie. (Ich geb einen Tipp: das Problem nennt sich ungezügelter Kapitalismus - und der tötet Menschen schon seit Jahrzehnten nach Hekatomben).
Ich will nicht wissen, was in diesem Land los sein wird, wie diese Gesellschaft sich ins Schäumen bringen wird, wenn demnächst mal ein Virus vorbeischaut (Hallo, schön Sie zu sehen, Herr Nachbar), das eine Letalität von 10% hat, oder 30%. Das Vogelgrippe-Virus H7N9 wäre ein guter Kandidat. Dann können wir "The Stand" von Stephen King neu inszenieren und dann haben auch Ulrich Tukur und Jan Josef Liefers wieder eine angemessene Rolle.
Das derzeitige Virus ist ja nicht mal ne Grippe (tief durchatmen), wenn man es mit der Spanischen Grippe von 1918/19 vergleicht. Und trotzdem schon die ersten Stimmen in meinem Bekanntenkreis, dass es nie wieder Normalität geben dürfe, zumindest die Masken lebenslänglich getragen werden müssten. Und bis dahin: Zero Covid!
Freunde, ich sage es seit Monaten: das Wesen einer Pandemie ist, das man sie nicht aufhalten kann.
Aber die Impfungen, höre ich viele empört schreien, die werden uns retten. Vor der Mutante ... und der Mutante ... und der Mutante. Die Impungen werden uns retten mutatis mutandis.
(Und im Übrigen bin ich der Meinung, dass die AfD verboten gehört).
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Freitag, 23. April 2021
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Donnerstag, 2. April 2020
TOTENSOMMER [8]
+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++
5. Kapitel
Das Haus war so runtergekommen, wie er es in Erinnerung hatte.
Drei von sechs Räumen waren leer, nur alte Blümchen-Tapete hing traurig von den Wänden und Mäusekot lag in den Ecken. Im Zimmer unterm Dach hatte es rein geregnet und der Dielenboden war aufgequollen.
Im Erdgeschoss waren nur die Küche, das Wohnzimmer und eine kleine Schlafkammer nutzbar. In der Küche stand eine antike Kochmaschine, die man mit Holz beheizen konnte, ein wackeliger Tisch mit Resopal-Platte und vier Stühle, aus deren Sitzflächen der Schaumstoff rauskam. Die Kammer wurde fast vollständig von einem alten Doppelbett eingenommen, dessen Federbetten nach Muff und dem Fett der Gänsedaunen rochen. Nur das Wohnzimmer sah einigermaßen wohnlich aus. Ein Sofa aus der Vorkriegszeit stand neben dem großen Fenster zum Garten, drei Sessel mit erbsgrünen Polstern waren um einen niedrigen Tisch aus Eichenholz gruppiert und zwischen zwei Bücherregalen hing ein Ölbild mit einer Waldszene, die gar nicht mal so kitschig wirkte. In den Regalen stapelten sich Bücher und Zeitschriften, ein halbes Dutzend Nippes-Figuren aus Porzellan und ein Wählscheiben-Telefon.
Georg sah sich die Bücher an und blies Staub von den Rücken: drei Bände Lenin, das Kapital von Marx und Engels, zwei Kochbücher, sehr viele Kriminalromane von Edgar Wallace und Agatha Christie, eine Reihe mit Klassikern der Weltliteratur und ein Taschenbuch-Lexikon in zwölf Bänden. Er dankte seinem Schöpfer, dass er seinen Kindle mitgenommen hatte.
Es war kalt im Haus, deswegen ging er raus zu einem kleinen Schuppen, der windschief an der Hausmauer lehnte, und holte eine handvoll Holzscheite. Zurück nahm er den Weg um das Haus, damit er den Garten begutachten konnte.
Hauptsächlich waren es Disteln und Giersch, die die Beete und Rasenflächen überwuchert hatten. An den Zäunen, die das Grundstück einhegten, stand dichtes Gestrüpp und die zwei Linden inmitten des Gartens waren seit Jahren nicht mehr beschnitten worden. Das Ganze sah völlig verwildert aus. Immerhin würden sich darüber die Nachbarn nicht beschweren, weil das Haus zurückgesetzt am Rand der Ortschaft stand, hinter den Zäunen schlossen nur Felder und brachliegende Weiden an. Das nächste Haus war gut hundert Meter entfernt die Dorfstraße runter.
Georg ging wieder rein und heizte den Kachelofen im Wohnzimmer an. Die kackbraun glasierten Kacheln wurden schnell warm, der Ofen zog vermeintlich gut, aber als der Wind auch nur ein bisschen auf den Schornstein drückte, war der Raum sofort mit dichtem Rauch gefüllt.
„Verdammt!“
Georg riss die Fenster auf und versuchte, möglichst flach zu atmen. Das Landleben – ein Grauen. Aber vermutlich besser, als in der Großstadt eingeschlossen zu sein.
Während der Rauch abzog ging er zur Leiter im oberen Stockwerk und kletterte zum Kriech-Speicher hinauf. Gebückt konnte er sich gerade noch bewegen und schaute sich um. In einer Ecke stand eine eingestaubte Kommode und unter der kleinen Dachluke ein steinaltes Fernsehgerät. Nordmende, sicherlich 40 oder 50 Jahre alt, vermutlich sogar noch in Schwarzweiß.
Georg zog nacheinander die drei Schubladen der Kommode auf: zerfledderte Wanderkarten, rostiges Werkzeug, mottenzerfressene Decken und zwanzig Rollen Klopapier aus DDR-Produktion. Auf der Banderole stand Werra-Krepp.
„Besser als nichts“, murmelte er.
Dann ging er wieder runter und packte seine Sachen aus. Der Rauch hatte sich mittlerweile verzogen und die Holzscheite hatten eine so große Hitze entwickelt, dass die Luft im Schornstein zuverlässig nach oben gedrückt wurde.
Georg nahm sein Laptop und ließ sich in die Sofa-Polster sinken. Die Eisenfedern knarrten und quietschten.
Als der Abend anbrach, hatte er genug Nachrichten über die Corona-Krise gelesen und startete ein Videogame. Wenn draußen in der wahren Welt nur Seuchen und Verdammnis zu finden waren, schien ihm die beste Alternative, in die Wirklichkeit eines Spiels abzutauchen.
Risen stand auf dem Start-Screen und Georg wählte den niedrigsten Schwierigkeitsgrad. Er wollte entspannen, wollte ferne Länder sehen, Monster mit einem Schwertstreich in die Hölle schicken. Er wollte jetzt Eskapismus! Realitätsflucht bis zum Abwinken!
Das Spiel begann und er fand sich in einer Bucht am Meer wieder. Die Wellen schlugen wild ans Ufer und der Gewitterhimmel wölbte sich zerklüftet über dem Wasser.
Am Ende der Bucht breitete sich ein üppiger Dschungel aus, in dem sicher gefährliche Ungeheuer lauerten.
Georg schaute sich um, indem er die Maus nach links und rechts bewegte. Am Ufer lagen tote Matrosen, die wie er Schiffbruch erlitten hatten, aber nicht so gut weggekommen waren, die nicht Helden dieses Spiels sein durften, nur leblose Charaktermodelle im pixeligen Sand.
Er durchsuchte ihre Taschen und sackte Goldstücke, Rum-Flaschen und ein Entermesser ein. Dann stieß er auf eine Frau, die ebenfalls im Sand niedergestreckt lag, die aber offenbar noch nicht ihr Leben ausgehaucht hatte. Ihr Name war Sara und sie suchte seinen Schutz.
Nachdem er drei Stunden lang Monster geschnetzelt hatte, war es immer noch Tag und er ließ sich zu einem Spaziergang hinreißen, auch wenn er es eigentlich vermeiden wollte, irgendwelche Dörfler zu treffen.
Die Sonne stand knapp über den Dachfirsten und schickte ihre grellen Strahlen die Ernst-Thälmann-Straße hinab. Das Kopfsteinpflaster glänzte im Licht und das schlichte Stahlkreuz, dass auf dem Zweckbau der Kirche stand, wurde von einer Aureole umgeben.
An der Fassade des Gotteshaus war in Mosaiktechnik ein Sinnspruch eingelassen. Herr bleib bei uns, denn es will Abend werden. Merkwürdig, dass in einem sozialistischen Land offensichtlich noch in den frühen 60er Jahren neue Gotteshäuser gebaut worden waren, zumal in so einem Kaff wie Grautow.
Georg näherte sich der Kirche, ging am Dorfanger vorbei, auf dem eine einsame Ente paddelte und ab und an den Kopf unter Wasser streckte, um nach einem Fisch zu schnappen. Georg legte die Stirn in Falten – aßen Enten überhaupt Fisch? Er wusste es nicht, er war ein Großstadtkind.
Die Kirchentür war verrammelt, die Fenster von innen mit Pappe abgedeckt. Nur an einem war ein Spalt zwischen Pappe und Fensterrahmen. Georg drückte die Nase an die Scheibe und linste durchs Glas. Nichts zu erkennen, außer Schatten die sich auf Schatten türmten.
Plötzlich tippte ihm jemand auf die Schulter.
„Verzeihung, darf ich stören?“
Georg drehte sich abrupt um und schaute in das lächelnde Gesicht des älteren Mannes, den er schon bei Edeka gesehen hatte, der ihn dort vor den geifernden Dorfbewohnern in Schutz genommen hatte, jedenfalls ein wenig.
Der Mann streckte ihm die Hand entgegen.
„Friedrich Reißer. Sie müssen nochmals entschuldigen, dass Jennifer Sie so angegangen ist. Sie hat es wirklich nicht leicht.“
Georg schaute ihn kühl an.
„Wer immer diese Dame auch ist, sie hat sich schwer im Ton vergriffen, würde ich sagen.“
Reißer nickte.
„Ja, hat sie. Aber das liegt an der Anspannung, an der Angst. Die Krankheit … erfüllt sie mit Schrecken. Jennifer ist kaum noch sie selbst.“
Georg zuckte die Schultern. Er wollte eigentlich gar nicht über diese impertinente Person reden. Aber er konnte kaum das Gespräch abbrechen, ohne mehr als unhöflich zu sein.
„Wieso? Diese Jennifer ist doch noch jung. Kaum Dreißig, würde ich schätzen.“
Wieder nickte Reißer.
„Aber sie lebt mit ihrem alten Vater zusammen. Dort vorne, in dem alten Haus.“
Er deutete auf ein Fachwerkhaus, das etwas zurückgesetzt von der Straße stand und von wildem Flieder und hohem Farn umgeben war. Es sah fast ein wenig verwunschen aus.
„Sie müssen das verstehen, Herr ...“
„Georg, Sie können mich Georg nennen.“
„Fein, ich bin der Fritz.“
Wieder streckte er ihm die Hand entgegen und dieses Mal nahm sie Georg und schüttelte sie.
„Jennifers Vater war früher im Bergbau tätig“, sagte Reißer. „Wismut AG, in Schneeberg und Oberschlema. Hat Uran abgebaut, der Rüdiger, gut drei Jahrzehnte, später auch Quecksilber. Ich kann Ihnen sagen, dass hat seiner Lunge nicht gut getan. Silikose!“
Georg schaute ihn verständnislos an.
„Silikose?“
Reißer klopfte sich auf den Brustkorb und verzog den Mund.
„Staublunge. Kann kaum noch schnaufen, der Rüdiger. Liegt fast den ganzen Tag im Bett. Jennifer versorgt ihn. Und sie hat Angst um ihn. Ist ihr letzter Angehöriger.“
„Und die Mutter“, fragte Georg.
„Traurige Geschichte“, sagte Reißer. „Hat auch für die Wismut AG gearbeitet, als Sekretärin, ist trotzdem an Lungenkrebs gestorben, zu viel Radon vermutlich.“
Er zögerte kurz und strich sich fahrig seine dünnen, stahlgrauen Haare zurück.
„Geraucht hat sie natürlich auch, Cabinet, manchmal auch Juwel. Die gute Astrid. War eine Dorfschönheit. Jeder war hinter ihr her. Aber Rüdiger hat das Rennen gemacht.“
„Interessant“, sagte Georg zögerlich.
„Ist dann gestorben, nicht lange nach der Wende und ein halbes Jahr nach Jennifers Geburt. Tragische Sache, wie ich schon sagte.“
„Ja“, sagte Georg.
Reißer schaute ihn betrübt an.
„Und was machen Sie so“, fragte Georg.
Das Gesicht des alten Mannes erhellte sich.
„Oh, ich war hier früher mal der Pfarrer. Das ist meine Kirche. Ist sie jedenfalls gewesen, bis vor fünf Jahren. Seitdem bin ich in Rente und schreibe an einem Buch.“
„An einem Buch?“
„Über die Geschichte des Landkreises Grautow.“
Georg schaute ihn verblüfft an.
„Das Kaff hat einen eigenen Kreis?“
Reißer nickte eifrig.
„Ja, sicher, es gehören noch drei Gemeinden dazu. Frießnau, Schwedfurt und Schwallow. War alles Teil meines Sprengels. Hab ihn allen Kirchen gepredigt, immer abwechselnd, an jedem Sonntag in einer anderen. Tempi passati. Jetzt stehn sie alle leer. Keiner will mehr auf dem platten Land eine Gemeinde betreuen. Schade drum.“
Georg nickte höflich.
„Aber jetzt muss ich weiter“, sagte Reißer. „Will noch nach dem Adler schauen.“
Er tippte auf ein Fernglas, das vor seiner Brust baumelte.
Nachdem sich Georg in den Feldern hinter dem Dorf noch ein wenig die Beine vertreten hatte, kehrte er zurück in sein Haus.
Mein Haus, dachte er, wohl kaum. Andererseits – irgendwann gehört das alles dir, mein Sohn. Unwillkürlich musste er grinsen.
Dann ging er in die Küche, öffnete das Fenster und lauschte. Hier war es so still wie in der Großstadt. Die Corona-Krise machte jeden Teil des Landes zu einem Ort ohne viel Geräusche. Aber es war eine Stille, die ihn in der Stadt nervös machte, hier hingegen ließ sie ihn zur Ruhe kommen. Vorerst jedenfalls.
Er ging zum Herd, heizte mit drei Scheiten Holz an und machte sich eine Dosensuppe warm. Chinesischer Hühnereintopf Bihun.
Nachdem er sie in eine angeschlagenen Schüssel gekippt hatte, setzte er sich ins Wohnzimmer ans Fenster und klappte sein Notebook auf.
Lust zu zocken hatte er nicht, er konnte jetzt einfach nur schwer die künstliche Natur in dem Videospiel ertragen. Stattdessen öffnete er Skype und rief seine Mutter an. Tante Gesche erschien innerhalb von Sekunden auf dem Bildschirm.
„Georg! Was für eine Freude“, rief sie.
Er verschluckte sich fast an seiner Bihun-Suppe.
„Sag mal, Tante Gesche, du musst dir wirklich abgewöhnen, einfach so den Account deiner Schwester zu nutzen. Das ist privat.“
„Papperlapapp“, sagte Gesche. „Wir sind doch fast wie Zwillinge. Zwischen uns passt nicht mal ein Blatt Papier.“
Georg seufzte laut auf.
„Und? Wie geht es dir, Tante Gesche?“
Sie steckte sich eine Kim zwischen die Lippen und entzündete sie mit einem eleganten Feuerzeug aus Silber.
„Ach, Georg, wird schon. Mir geht‘s prächtig.“
„Und wo ist Mama?“
Gesche wiegte den Kopf bedächtig hin und her.
„Die ist einkaufen. Schon seit Stunden. Ich glaube, sie versucht mich zu meiden. Warum auch immer.“
Ihre Mundwinkel zuckten melancholisch. Georg befürchtete beinahe, dass sie im nächsten Moment in Tränen ausbrechen könnte. Tante Gesche hatte eine dramatische Ader und war gut in solchen Dingen.
Schnell versuchte Georg sie abzulenken.
„Und was machst du so, den lieben langen Tag, Tante Gesche?“
Sie zog die Augenbrauen nach oben.
„Was ich so mache? Ich mache mir Gedanken ...“
„Und was für welche?“
Sie schob sich eine glänzend schwarze Strähne aus der Stirn und zog an ihrer Damen-Zigarette.
„Das willst du wirklich wissen?“
„Sonst würde ich ja nicht fragen.“
„Also gut“, sagte sie. „Dann will ich dir meine Gedanken nicht vorenthalten.“
Gesche machte eine bedeutsame Pause.
„Hast du schon von der Heuschreckenplage in Afrika gehört?“
„Ja, hab ich. Stört es dich, wenn ich esse?“
Er ahnte schon, was kommen würde.
„Nein, gar nicht. Du musst ja bei Kräften bleiben, gerade in Zeiten wie diesen.“
Sie drückte ihre halb aufgerauchte Kim aus.
„Diese Heuschreckenplage ist jedenfalls ein Zeichen, davon bin ich fest überzeugt. Und jetzt diese grässliche Krankheit! Die Verrohung der Sitten, die Erderwärmung!“
„Was hat denn jetzt die Erderwärmung damit zu tun?“
„Kind, ich glaube nicht, dass du das wirklich verstehen kannst, aber das alles ist ein Zeichen Gottes. Es geht auf das Ende zu!“
Georg löffelte weiter seine Bihun-Suppe.
„Ach, Tante Gesche, wieso sollte Gott denn die Heizung aufdrehen?“
„Weil wir in Sünde leben!“
Ihr Gesichtsausdruck duldete keine Widerrede.
„Wir haben uns von Gott abgewandt. Das ist nun seine Art, wieder auf sich aufmerksam zu machen. Es werden bald die Posaunen im Himmel erschallen!“
Georg legte den Löffel beiseite und musterte seine Tante skeptisch.
„Das würde mich wundern.“
„Denk an meine Worte, Georg. Denk an meine Worte, die letzten Tage sind angebrochen!“
Später zog er sich in eine dunkle Ecke des verwilderten Gartens zurück. Die Sonne war schon hinter dem Horizont verschwunden, aber noch immer strahlten die Schichten des Himmels in glühenden Farbtönen von Orange über Rot zu Violett. Als wäre am anderen Ende der Welt ein Vulkan ausgebrochen und seine Asche würden in den oberen Schichten der Atmosphäre treiben, dachte Georg. Wie vor 200 Jahren, als Mary Shelley über das menschliche Monster schrieb, in einem Jahr ohne Sommer, an einem See in der Schweiz, als der Vulkan Tambora im fernen Java ausgebrochen war und das abendländische Firmament eingefärbt hatte.
Georg glaubte, jetzt unter einem ähnlichen Himmel zu sitzen, auch wenn er ihn nie würde beschreiben können wie ihn Mary Shelley beschrieben hatte, in ihrem Roman über den neuen Prometheus, dessen Name Frankenstein war.
Langsam dunkelte der Himmel ein und Georg nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas. Er hatte in einer Kammer den Vorrat Onkel Karls entdeckt und sich zwei Flaschen Rotwein von der Krim gegriffen, die schwer nach Kopfschmerzen schmeckten.
Er trank, bis der Himmel schwarz geworden war, er trank, bis er nicht mehr konnte.
Am nächsten Morgen wachte er verkatert auf und griff als Erstes nach seinem Handy, dessen Diode eine neue Nachricht signalisierte. Es war eine SMS von Jonas.
„Hi Georg, ich kann morgen leider doch noch nicht kommen. Ich bin da an was dran, was mich endlich sanieren könnte. Kohle ohne Ende. Aber ich werd dich später besuchen, in deinem Provinzkaff. Und dann bring ich Champagner mit! Bis dahin: halt die Ohren steif, altes Kaninchen. LG Jonas ...“
Georg schälte sich aus den Laken und ging in die Küche. Da es im Haus kein Bad gab, wusch er sich an der Spüle. Dann machte er sich einen Kaffee mit der DDR-Kaffeemaschine, die brodelte wie ein Geysir.
Er setzte sich mit seinem E-Bookreader in den Garten und las ein wenig in einem Buch von H.P. Lovecraft, aber sein Kopf war noch von dem krim‘schen Rotwein so vernebelt, dass er es bald aufgab. Stattdessen schloss er die Augen und ließ sich die Morgensonne ins Gesicht scheinen.
Sein Kopf war völlig leer. Kurz vorm Satori, dachte er. Man brauch gar nicht zu meditieren, man muss nur genug saufen.
Ein Insekt summte an seinem Ohr vorbei, er öffnete die Augenlider zu Schlitzen. Das war eine Hummel, die gemächlich durch die Luft tuckerte, auf dem Weg zu besseren Blumen.
Georg stand auf und schaute über die Felder. Hier war wirklich nichts heile geblieben, was man Natur nennen konnte. Felder um Felder, die meisten brach liegend. In der Ferne ein paar Wellblech-Baracken, vermutlich alte Silos für Getreide. Strommasten und Windräder. Ab und an ein Baum an buckeligen Landstraßen. Nur der Himmel wirkte noch echt. Unverdorben, ungeschändet.
Was machte er eigentlich hier? Georg spuckte über den Zaun. Wieso bin ich in die Provinz geflohen? Hier werde ich an Langeweile sterben. Wenn mich nicht diese Jennifer mit der Mistgabel aufspießt.
6. Kapitel
Die Wochen zogen gleichförmig ins Land. Der Rest des März erst, dann der ganze April.
Jonas schickte alle paar Tage eine SMS, in der stand, dass er später kommen würde. Mit einem Haufen Kohle.
Georg spürte, wie mehr und mehr das Leben aus ihm wich. Er fühlte sich nicht krank oder schwach, aber sein Gehirn schaltete jeden Tag einen weiteren Gang runter, bis ihm selbst komplexere Videospiele zu viel wurden. Er hatte tagelang in Anno 1404 an einer mittelalterlichen Stadt gebaut, Warenkreisläufe optimiert, sinnlose Aufträge für den Kaiser erfüllt, doch irgendwann war sein Geist so stumpf geworden, dass er nur noch mordend durch Skyrim zog und Banditen mit der mächtigen Barbaren-Axt köpfte.
Immerhin ließ er die Finger vom Krim-Wein, so dass er die Tage relativ frisch damit verbrachte, ausgedehnte Wanderungen in der Umgebung zu machen. Er schaute sich die Sehenswürdigkeiten der Käffer an. In Schwallow gab es ein Heimatmuseum in einer Scheune, in dem eine kaputte Kutsche aus dem 18. Jahrhundert präsentiert wurde und ein Butterfass unbekannter Herkunft. Dazu einige Stiche von Landschafts-Szenen, die vage etwas mit den Dörfern des Kreises zu haben sollten.
Da war der alte Wenden-Friedhof bei Schwedfurt schon interessanter. Es standen dort zwar nur drei Grabsteine und die waren auch noch so verwittert, dass man die Inschriften nicht entziffern konnte, aber immerhin: ein Wenden-Friedhof. Sogar mit einer Informationstafel am Eingang. Aber auch die konnte Georg nicht lesen, weil die Dorfjugend sie mit ihren Tags zugesprüht hatte.
Was gab es noch zu tun?
[Abgebrochen]
.
Sonntag, 29. März 2020
TOTENSOMMER [7]
+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++
Die letzten Kilometer zwischen Bahnstation und Grautow musste er
laufen, da der Bus schon in normalen Zeiten nur zwei Mal am Tag fuhr.
Mittlerweile war die Linie eingestellt.
Georg
stapfte verdrossen die Landstraße entlang. Nur alle paar Minuten kam
ein Auto vorbei gefahren und die Fahrer schauten ihn grimmig an, als
würde er durch eine Sperrzone wandern. Vielleicht war dies ja schon
eine Sperrzone, dachte Georg. Ich hab vorher gar nicht im Netz
nachgeschaut, ob dieser Teil Brandenburgs von der Krankheit besonders
schwer betroffen ist. Vielleicht ist schon das Militär unterwegs, um
solche Leute wie mich zu fangen, wegzusperren? Doch davon hatte er
nichts gelesen. Militär wurde noch nicht eingesetzt. Aber konnte
sich das nicht jeden Moment ändern?
Er
schaute sich um, lauschte in die stille Landschaft hinein. Nur der
Wind war in den Zweigen der Alleebäume zu hören, keine
landwirtschaftlichen Maschinen, kein Mensch, kein Tier, nicht einmal
das Singen einer Amsel, oder der Schrei eines Bussards.
Plötzlich
wurde ihm der Ernst der Lage bewusst. Obwohl in Berlin viel mehr
Zeichen des Ausnahmezustands erkennbar gewesen waren, wurde ihm erst
hier in der menschenleeren Landschaft deutlich, was ihnen allen
bevorstand: 60 bis 70 Prozent Durchseuchung, Todesrate von mindestens
4 oder 5 Prozent, wenn das Gesundheitssystem zusammenbrach. Das alles
war leicht auszurechnen, dafür brauchte man kein Mathematikstudium.
Die Antwort, um die sich alle zu drücken schienen, lautete: 2
Millionen Tote allein in Deutschland, wenn nicht mehr. Die
Apokalypse.
Konnte
diese Zahl denn stimmen? Georg wusste es nicht. Das durfte doch nicht
wahr sein! Er rechnete es immer wieder durch, während er die
Landstraße entlang ging. Selbst wenn die Letalität bei nur einem
Prozent blieb, und das kam ihm sehr optimistisch vor, würde das eine
halbe Million Tote bedeuten. Berge von Leichen. Die Friedhöfe würden
überquellen. Die Welt würde niemals wieder so sein wie zuvor.
Georg
blickte zum Himmel, der überirdisch blau war und völlig ohne
Kondensstreifen. Keine einzige Wolke am Himmel und die Sonne strahlte
ihr Licht auf die Erde, als würde sie das Land reinigen wollen.
Nur
nicht die Nerven verlieren, murmelte er, alles wird gut. Aber er
glaubte nicht daran.
Kurz
vor Grautow kam er an einem Edeka vorbei, in den er so vorsichtig
hinein ging, als würden Scharfschützengewehre auf ihn gerichtet
sein.
Die
spärliche Kundschaft blickte sich gegenseitig misstrauisch an und
wahrte mehr Abstand, als nötig. Klopapier war selbstverständlich
ausverkauft, Nudeln, Mehl und Tiefkühlwaren auch. Selbst die Regale
mit Konserven waren größtenteils leer. Georg ergatterte eine Dose
mit Roter Beete, zwei mit Kidneybohnen und ein Glas Sauerkraut. Ein
abgepacktes Graubrot war noch zu kriegen und utlra-hocherhitzte
Käseecken. Am Schnapsregal nahm er sich zwei Flaschen
Doppelkorn – wer wusste schon, was man noch desinfizieren musste –
und ging zur Kasse, vor der Abstandhalter auf den Boden geklebt
waren.
Eine
junge Frau in der Schlange drehte sich zu ihm um und schaute ihn
misstrauisch an.
„Sie
sind aber nich von hier, wa?“
Georg
zuckte die Schultern und schwieg.
„Sind
Sie nun von hier, oder nich?“
Man
sah ihr an, dass sie ihm am liebsten auf den Leib gerückt wäre, um
bedrohlicher zu erscheinen, sich aber nicht traute.
„Ich
hab ein Haus hier, in Grautow“, sagte Georg leise.
„Kann
ick mir nich vorstellen“, sagte die junge Frau und verzog ihre rosa
geschminkten Lippen. „Ick wohn hier schon seit meiner Geburt, und
ick hab sie noch nie gesehen.“
Ein
älterer Mann, der gerade seine Einkäufe bezahlte, mischte sich ein.
„Nu
lass ihn schon in Ruhe, Jennifer, der hat dir doch nix getan.“
Jennifer
zog scharf die Augenbrauen hoch.
„Weißte,
Karl, das überlass mal besser mir, wa? Der Typ gehört hier nich
her. Wer weiß, was der alles einschleppt?“
Dann
wandte sie sich wieder an Georg.
„Wir
mögen keine Fremden hier, nur damit Sie‘s wissen. Is das klar? Von
wegen Haus.“
Die
Kassiererin blickte nun auch von ihrem Scanner auf.
„Ick
hab Sie hier auch noch nie gesehen. Kann mir nich vorstellen, wo Sie
ein Haus haben wollen.“
Georg
zog defensiv die Schultern hoch.
„Mein
Onkel hat hier ein Wochenendhaus, ich darf dort wohnen“.
Er
nannte den Namen seines Onkels und der ältere Mann nickte.
„An
den kann ich mich erinnern. Ein komischer Kauz, war schon seit Jahren
nicht mehr hier. Dem gehört das rote Haus am Dorfrand.“
Georg
nickte eifrig und die Kassiererin wandte sich wieder ihrer Arbeit zu,
selbst die junge Frau war still, schaute ihn aber immer noch
bitterböse an.
„Wär
ja wohl noch schöner“, murmelte sie.
.
Freitag, 27. März 2020
TOTENSOMMER [6]
+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++
4. Kapitel
Am
Bahnhof Straußberg fuhr sogar noch die Regionalbahn, war aber
genauso leer wie die S-Bahn zuvor. Nur ein alter Mann saß in dem
Waggon, in den Georg einstieg. Der Alte wischte hektisch auf seinem
Smartphone herum, als Georg an ihm vorbeiging. Er hatte gerade eine
Seite mit nackten Frauen angeschaut. Eher harmlose Sachen, trotzdem
war Georg peinlich berührt. Deswegen nahm er die Treppe und setzte
sich ins Oberdeck des doppelgeschossigen Abteils.
Auf
den Feldwegen am Rand der Bahntrasse waren keine Menschen zu sehen,
doch das war vermutlich normal. In Brandenburg war immer
Ausnahmezustand. Aber auch Autos waren kaum unterwegs. Die Welt würde
wieder so werden wie früher, wie vor seiner Geburt. Wenig
Kraftfahrzeuge, viele Spaziergänger, lärmende Kinder in den Höfen,
kaum Hochbetagte, Millionen von Grabsteinen auf den Friedhöfen. Und
Suppenküchen, Myriaden von Suppenküchen, die nötig wären, nachdem
die Weltwirtschaft zusammengebrochen sein würde.
Georg
schaltete sein Smartphone an und scrollte durch die Nachrichten. Noch
war in Deutschland nicht viel passiert. Aber die Warnungen prasselten
über alle Kanäle auf die Leser und Zuschauer. Risikogruppe – auch
du kannst dazu gehören. Sieh dich vor, der Tod kommt schleichend.
Und der soziale Tod auch, dachte Georg. Denn was sollte ihm dieses
weltliche Virus schon anhaben? Er war jung, er war unbesiegbar, auf
seiner Visitenkarte stand Connor MacLeod.
Doch
seine Mutter war in Gefahr, das war nicht zu leugnen. Und Tante
Gesche auch. Sollte er die beiden anrufen und sie bitten, auch nach
Grautow zu kommen? Vielleicht würden sie sich mit Jonas gut
verstehen und er hätte seine Ruhe. Schön wär‘s, dachte Georg,
kann ich mir abschminken. Er liebte seine Mutter – und auch Tante
Gesche auf eine spezielle, spröde Art – daran war kein Zweifel,
aber er konnte sie kaum länger als ein, zwei Tage um sich haben,
ohne in Kindheitsmuster und Aggression zu verfallen. Besuch und Fisch
… drei Tage frisch. Wenn man es genau nahm, wurden am zweiten Tag
die Augen schon glasig.
Er
öffnete Skype und pingte seine Mutter an. Wenigstens ein kurzes
Gespräch konnte nicht schaden.
Nach
dem zweiten Ton wurde ihre Kamera eingeschaltet, aber nicht sie
hockte vor dem Bildschirm, sondern Tante Gesche.
„Hallo,
Georg! Du rufst schon wieder an?“
Sie
hatte eine Zigarette zwischen den Lippen und strich sich fahrig das
schwarz gefärbte Haar zurück. Georg meinte zu hören, wie es
knisterte, weil es so trocken war.
„Äh,
Tante Gesche, was machst du denn da? Das ist Mamas Account.“
Seine
Tante winkte ab.
„Wird
sie schon nicht stören. Außerdem kann sie gerade nicht. Sie sitzt
auf dem Thron.“
Georg
runzelte die Stirn.
„Versteh
ich nicht. Auf welchem Thron denn?“
Gesche
lachte laut auf.
„Na,
auf dem Klo, dem Abort … im stillen Kämmerlein. Und du weißt ja,
wie lange sie immer braucht. Sie sollte weniger Weißbrot essen. Und
die Schokolade hilft auch nicht weiter. Das macht den Stuhl hart wie
einen Tonklumpen.“
„Tante
Gesche, bitte!“ Georg verzog das Gesicht. „So plastisch musst du
es mir nicht beschreiben!“
„Ist
ja schon gut, Georg. Ich wusste gar nicht, dass du so zimperlich
bist. Aber hör mal, ich hab da ein Anliegen, zu dem ich dich
befragen wollte.“
Er
wandte sich ein wenig ab und verdrehte die Augen. Er ahnte schon, was
kommen würde.
„Du
weißt ja, dass der Herr über uns wacht, oder?“
Tief
durchatmen.
Was
für seine Mutter Die hohle Erde war, war für ihre Schwester
Unser lieber Jesus Christus. Eine Glaubensfrage.
„Hast
du dir schon mal darüber Gedanken gemacht, dass wir justamente den
Beginn der Endzeit erleben?“
„Das
glaube ich kaum, Tante Gesche.“
Sie
lächelte schmal und nahm noch einen tiefen Zug von ihrer Kim.
„Da
könntest du recht haben, denn wir leben vermutlich nicht erst am
Beginn der Endzeit, sondern mittendrin. Das Wirken Satans
zeigt sich an allen Ecken. Ich spreche nicht nur von dieser aktuellen
Heimsuchung, dieser schrecklichen Seuche, sondern auch von der
Heuschreckenplage, die neuerlich Afrika überzieht. Dann die vielen
Brände und Erdbeben, die Überflutungen. Man könnte meinen, die
vier Boten reiten durch unsere Straßen. Und wenn dieser
amerikanische Präsident nicht der leibhaftige Anti-Christ ist, dann
weiß ich es auch nicht.“
Georg
wollte sie gerade beschwichtigen, als die Verbindung schlechter
wurde. Tante Gesches letzte Worte hallten völlig verzerrt durch den
Äther, ihr Abbild flimmerte, dann brach die Verbindung zusammen.
Schlechte Netzabdeckung in der Provinz konnte auch etwas Gutes haben.
.
Donnerstag, 26. März 2020
TOTENSOMMER [5]
+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++
.
Also gut, dachte Georg, sehen wir das alles als ein Abenteuer. Ich
war zwar noch nie der totale Abenteurer, aber das kann ich ja noch
lernen. Was gibt es zu tun, was zu planen?
Georg
fühlte sich ein bisschen hilflos und auch matt, als würde er im
Begriff sein, krank zu werden. Wann sollte er fahren, was sollte er
mitnehmen? Um heute noch loszufahren, war es jedenfalls zu spät,
schon weit nach Mittag. Und er hatte kein Auto, würde also mit Bus
und Bahn reisen müssen. Ob die S-Bahn noch fuhr? Die Regionalbahn 26
von Straußberg aus?
Er
holte seinen großen Rucksack, der seit Jahren auf dem Schrank
verstaubte, und packte sein Notebook rein, seinen Kindle und seine
Nintendo-DS. Dann noch ein paar Kleider und natürlich die zwei
Rollen von dem teuren Klopapier. Wer konnte schon wissen, wann man
wieder etwas auftreiben würde.
Er
löschte das Licht am Schreibtisch, zog alle Stecker in der Wohnung,
überprüfte den Gasherd, verließ die Wohnung und schloss zweimal
um. Überprüfte dann auch noch, ob die Tür wirklich abgeschlossen
war, spuckte dreimal symbolisch auf den Treppenabsatz und machte sich
auf den Weg.
Kurz
vorm S-Bahnhof fiel ihm ein, dass er noch Geld brauchte, also stapfte
er grimmig zurück zur Commerzbank an der Ecke und ließ sich an der
Maschine einen Kontoauszug ausdrucken: 58 Euro im Haben. Scheiße.
Brennen
sollte das Jobcenter! Und alle Verantwortlichen an dieser Misere, an
dieser Knechtschaft, die sich ALG II nannte, die sollten an Covid-19
verrecken. Und zwar langsam.
Nachdem
Georg in seiner Jugend von jeder Schule runter geflogen war, hatte er
sich, auf den sanften aber bestimmten Rat seiner Mutter hin, in eine
Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann gefügt. Immerhin nicht bei
Hertie, sondern bei Karstadt. Seine Spezialisierung waren Bücher und
Medien und so war er in der kleinen Buchabteilung des Karstadts am
Hermannplatz gelandet. Sein Lebensweg schien vorgezeichnet aber auch
nicht der schlechteste zu sein. Dann war das Sortiment der
Buchabteilung zusammen gestrichen worden, bis er, ein Azubi und der
Abteilungsleiter nur noch Arzt-Romane, Historien-Schinken und
Rätsel-Hefte verkauften. Die Umsätze brachen mehr und mehr ein.
Amazon stieg zum globalen Player auf, es sah böse aus. Dann kam eine
Angstblüte und Soduku-Hefte und Mandala-Malbücher retteten ein
letztes Mal die Jahresbilanz. Was folgte, war abzusehen und
unvermeidbar: die Abteilung wurde weg rationalisiert, der
Abteilungsleiter wechselte zu den CDs und DVDs und Georg wurde
betriebsbedingt entlassen. Ein Jahr Arbeitslosengeld I, anschließend
das Elend. Immerhin durfte er in seiner kleinen Wohnung bleiben, die
Miete war angemessen, wie ihm die Sachbearbeiterin zugestanden hatte.
Er
steckte die 50 Euro ein, mehr hatte der Automat nicht hergeben
wollen, und ging zum S-Bahnhof. Ein Mercedes AMG rollte langsam an
ihm vorbei und aus dem runter gekurbelten Fenster tönte Dance Monkey
in voller Lautstärke. You, you make me, make me, make me wanna
cry …
Er
ging die Treppe zum Bahnsteig hoch und schaute sich um. Niemand da.
Auch als die S-Bahn einfuhr und er sich in einen Waggon setzte: kein
Mensch zu sehen. Die Sonne schien durch die Fenster, in die Graffiti
gekratz waren, die Tags leuchteten auf den wild gemusterten
Sitzbezügen und die Stimme eines Zombies schnarrte Zurückbleiben!
Georg
ließ sich gegen die Trennwand sinken und schloss die Augen. Schatten
und Licht morsten einen schnellen Takt durch seine Lider hindurch und
die quäkende Stimme von Dance Monkey wollte ihm nicht mehr aus dem
Sinn gehen … You, you make me, make me, make me wanna cry …
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Mittwoch, 25. März 2020
TOTENSOMMER [4]
+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++
3. Kapitel
Am
nächsten Morgen fühlte Georg sich zugleich eingeschlossen und
ausgeschlossen. Eingeschlossen in seinem abgezirkelten Leben,
ausgeschlossen von der Welt dort draußen vor dem Fenster.
Er
sprang aus dem Bett, obwohl noch Fetzen von Alpträumen in den
tiefsten Schichten seines Bewusstseins umher irrten, Männer in
Schutzanzügen mit rot unterlaufenen Augen, Kinder mit vertrockneten
Händen und ergrautem Haar, dass wie Spinnweben um ihre kleinen,
ausgemergelten Gesichter wehte. Enge Gassen mit braunen Ratten in
den dunklen Winkeln,
Gewitterlicht, dass sich weiter
oben auf nach außen
geöffneten Fensterflügeln spiegelte. Der dröhnende Ton einer
Glocke. Pest.
Schnell
trank er einen kalten Schluck Tee von gestern und streifte sich seine
Kleider über. Als er das Fenster zum Lüften öffnete, merkte er,
wie kalt es draußen noch war. Kalt und sonnig. Ein klares,
schneidendes Licht. Die Luft roch frisch, gar nicht nach Großstadt,
nach Benzin, Gummiabrieb und Abgasen.
Fast
wie auf dem Lande. Der städtische Betrieb, das ewige Machen
und Tun war offenbar schon zurückgefahren worden – der
Transmissionsriemen der Maschine Berlin stockte.
Georg
zog seine warme Jacke an und flüchtete auf die Straße. Dann weiter
zu den Kleingärten am Rande des Viertels – vielleicht konnte er
dort etwas Ruhe finden. Aber es war mehr los, als sonst an einem
Werktag. Jogger rannten an ihm vorbei, fast alle mit gebührendem
Abstand. Kinder fuhren auf Rollern die Kieswege entlang und husteten.
Rentner mit Mundschutz wichen ängstlich vor ihm zurück. Nur eine
Nebelkrähe kam ihm nahe und schaute ihn neugierig an, bevor sie
wieder auf eine Hecke hüpfte.
Georg
zog sein Handy aus der Tasche und checkte die Nachrichten: Die
Bundeskanzlerin hatte gestern Abend ein Kontaktverbot angeordnet,
jeder Bürger und jede Bürgerin war dazu verpflichtet, mindestens
1,5 Meter Abstand zu den anderen Bürgern
und Bürgerinnen zu halten.
Jetzt
fühlte sich Georg noch stärker ausgeschlossen
und eingeschlossen. Er stand
unter einem weiten Himmel der blau wie auf einer Postkarte war.
Überirdisches Ultramarin, fehlten nur noch die Segel von Booten am
Horizont. Die Luft strömte in seine Lungen, aber trotzdem umfing ihn
eine Beklemmung. Hier konnte er nicht bleiben.
Als
er wieder zu Hause war, musste er erst einmal ausruhen, sich befreien
von dieser merkwürdigen Klaustrophobie. Vielleicht sollte er
anfangen zu meditieren. Er hatte gestern bei Facebook gesehen, dass
Dutzende von Online-Kursen angeboten wurden. Sogar gratis – sein
Seelenheil würde ihn keinen Cent kosten. Aber wie sollte er
meditieren, wenn er lieber wegrennen wollte?
Onkel
Karls Haus! Es gab keine andere Möglichkeit. Aber würde er dort
nicht wahnsinnig werden vor Einsamkeit? Andererseits, hier war er
auch allein.
Er
könnte Jonas anrufen. Jonas, sein bester Freund, bei dem er sich den
ganzen Winter nicht gemeldet hatte, weil der Winter eben der Winter
war – keine gute Zeit für soziale Kontakte. Es war zu dunkel und
bedrückend im Winter, zu kalt und gedämmt. Jetzt bereute er, sich
nicht bei Jonas gemeldet zu haben … und bei vielen anderen.
Er
wählte die Nummer und hörte dem Freizeichen zu. Keine Reaktion.
Verärgert legte er das Handy beiseite und fuhr das Notebook hoch,
rief ein Nachrichtenportal auf. Schon
25.000 Infizierte. Schrecklich.
Georg
zuckte zusammen, als sein Handy klingelte. Jonas! Er ging ran.
„Du
hattest mich angerufen?“
Georg
nickte, bis er sich klar darüber wurde, dass Jonas ihn natürlich
nicht sehen konnte. War ja kein Skype-Call.
„Ja,
hab ich. Entschuldige, dass ich mich nicht gemeldet habe. Kennst mich
ja … Winter und so ...“
Er
konnte Jonas unterdrückt lachen hören.
„Mach
dir mal keine Sorgen, wir sind im Winter doch alle Trauerklöße.
Also, weshalb rufst du mich an?“
„Hab
ich dir schon mal von meinem Ferienhaus erzählt?“
„Du
hast ein Ferienhaus?“
„Na
ja, es gehört eigentlich meinem Onkel, aber der lebt in Spanien und
hat mir den Schlüssel da gelassen.“
„Spanien
ist nicht gut.“ Jonas Stimme klang jetzt gepresst. „Ich habe
Bekannte in Valencia. Spanien ist wirklich nicht gut, bald sieht es
dort aus wie in Italien. Das sag ich dir.“
Georg
räusperte sich zustimmend.
„Und
hier vermutlich auch. Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich
muss unbedingt raus aus der Stadt, sonst ersticke ich noch.“
„Kann
ich verstehen, geht mir nicht anders“
Georg
zögerte kurz. War das die richtige Idee? Aber warum denn nicht?
„Hast
du Lust, mit mir eine Weile aufs Land zu ziehen? Paar Wochen in dem
Haus in Brandenburg. Bis der ganze Spuk vorbei ist ...“
Jonas
antwortete, ohne zu zögern.
„Klar!
Danke, dass du an mich gedacht hast. Das wird toll. Wir beide, wie in
alten Zeiten. Wir werden die Welt aus den Angeln heben … oder
zumindest die Angeln ein bisschen ölen.“
„Fantastisch“,
sagte Georg. „Am liebsten würde ich schon heute hinfahren.“
„Dann
mach das doch. Ich kann aber erst übermorgen los, muss vorher noch
ein paar Sachen erledigen. Schick mir einfach die Adresse per SMS.
Und stell schon mal die Heizung an. In den nächsten Tagen soll es
recht kalt bleiben.“
Georg
musste an die antiken Kachelöfen denken.
„Mach
ich, Jonas. Wir sehen uns dann in zwei Tagen.“
.
Dienstag, 24. März 2020
TOTENSOMMER [3]
+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++
Genau in diesem Moment schlurfte Tante Gesche ins Bild, mager bis auf
die Knochen, mit einem Gesicht das sowohl permanente Verwunderung als
auch Strenge ausstrahlte. Zwischen ihren schmalen Lippen klebte eine
Zigarette und ihr schwarz gefärbtes Haar war glatt zurück gebunden.
Tante Gesche, die Aufsteigerin der Familie. Sie hatte einen Ingenieur
geheiratet, keine Kinder bekommen und sich ein ruhiges Leben gemacht,
vor allem, nachdem ihr Mann an Lungenkrebs gestorben war. Hielt sie
nicht davon ab, weiterhin Kette zu rauchen.
„Tante Gesche! Ich glaub es nicht! Du rauchst direkt neben einer
Asthmatikerin? Gerade jetzt?“
Sie winkte müde in die Kamera.
„Das sind ganz leichte Zigaretten. Kim. Wirklich ganz milde,
das wird schon nicht schaden.“
Georgs Mutter atmete verkniffen ein.
„Na ja ...“
„Ist ja schon gut. Ich geh auf den Balkon.“
Und mit diesen Worten trat Tante Gesche aus dem Bild, als würde sie
von einer Bühne abgehen.
„Mama“, sagte Georg. „Das darfst du ihr nicht durchgehen
lassen. Wenn sie schon qualmen muss ...“
Seine Mutter wiegte langsam den Kopf hin und her.
„Weißt du, Georg, wir müssen alle irgendwann sterben. Und ich war
in letzter Zeit ziemlich allein. Du kommst mich ja nie besuchen.“
„Mama, bitte!“
Seine Mutter hob die Augenbrauen.
„Ist doch wahr! Und jetzt, in dieser schlimmen Zeit, kann ich noch
nicht mal meine Freundinnen besuchen gehen. Ich weiß, dass Gesche
ein Biest sein kann, aber sie ist meine Schwester. Ich hab sie
trotzdem lieb.“
„Das lassen sie aber besser nicht wissen, sonst nutzt sie das nur
aus.“
„Schatz, du sollst nicht immer das Schlechteste von den Menschen
denken.“
Seine Mutter strich sich geistesabwesend die Haare zurück und
schaute nach rechts aus dem Fenster. Licht fiel in ihre grauen Augen
und für einen Moment sah sie wieder aus wie ein junges Mädchen. Ein
sehr müdes junges Mädchen.
„Und was hast du jetzt vor, Schatz? Bleibst du in Berlin?“
„Wo soll ich denn sonst hingehen?“
Sie schaute ihn überrascht an.
„In das alte Ferienhaus von Onkel Karl!“
„Oh Gott, das existiert ja auch noch. Da war ich seit Jahren nicht
mehr.“
„Ich auch nicht“, sagte seine Mutter. „Aber es steht noch,
schätze ich. Du hast ja einen Schlüssel.“
Das Haus von Onkel Karl war eine Bruchbude in der tiefsten,
brandenburgischen Provinz. Er hatte es kurz nach der Wende gekauft,
um mal Auszuspannen, wie er es nannte. Über die Jahre war er
vielleicht drei oder vier Mal dort gewesen, hatte angefangen, es zu
renovieren und dann das Interesse verloren.
Vor zehn Jahren war er in Rente gegangen und nach Spanien gezogen, an
die Costa del Sol. Seitdem stand das Haus leer. Georg war einmal dort
gewesen, um nach dem Rechten zu schauen. Das Haus war mit schäbigen
DDR-Möbeln eingerichtet, die Tapete hing in fast allen Zimmern von
den Wänden und die Kachelöfen waren nur noch als Dekoration zu
gebrauchen. Im Winter würde man dort erfrieren. Außerdem war
mittlerweile sicher der Strom abgestellt worden.
„Da kann man doch nicht mal für ein Wochenende wohnen. Und ich
hoffe, dass der Kühlschrank ausgeräumt wurde, denn ohne Strom würde
da sonst eine Monster-Kolonie wachsen.“
Seine Mutter schüttelte energisch den Kopf.
„Den Strom bezahl ich regelmäßig. Wasser auch. Und Gesche war im
letzten Herbst dort. Sie meinte, es sei alles ziemlich gut im
Schuss.“
„Das bezweifle ich“, sagte Georg.
Im Hintergrund war die Balkontür zu hören und Tante Gesche stapfte
wieder durchs Bild.
„Gudrun? Kommst du? Wir wollten doch was kochen“, rief sie.
„Du hörst es, Georg, ich muss Schluss machen. Meld dich bald
wieder, ja? Und wenn dir die Decke auf den Kopf fällt, kannst du
jederzeit in Onkel Karls Haus.“
„Ich kann dich besuchen kommen“, sagte Georg lahm.
„Das ist keine gute Idee, Schatz. So wenig soziale Kontakte wie
möglich, haben sie heute im Fernsehen gesagt.“
Nachdem sich Georg einen Tee gemacht hatte, setzte er sich wieder an
den Computern und rief die Seite von Euronews auf.
Gerade wurde ein Bericht aus Italien gezeigt, aus einem Krankenhaus
in Bergamo. Dicht gedrängte Betten, steriles Licht. Alte Männer und
Frauen in Krankenhaushemden, die merkwürdige Helme auf hatten,
zylindrische Objekte aus durchsichtigem Kunststoff, die den ganzen
Kopf umschlossen, um sie mit Sauerstoff zu versorgen. Ärzte und
Pfleger liefen zwischen den Betten umher, überprüften die
Sauerstoffzufuhr, notierten Werte auf Klemmbrettern. Derweil die
Patienten um Luft rangen.
Ein Bild aus der Unterwelt. Es wirkte ein bisschen wie eine Radierung
von Gustave Doré. Die Köpfe mit den Sauerstoffhelmen trieben auf
den weißen Decken und Laken. Der Himmel im Fenster dahinter hatte
sich verdunkelt.
Georg klappte das Notebook zu und lief unruhig in seinem Zimmer auf
und ab. Wo sollte er nur hin? Wo war ein Zufluchtsort? Und wer würde
ihn retten, wenn er die Krankheit bekam, wenn er sie womöglich schon
hatte?
.
Montag, 23. März 2020
TOTENSOMMER [2]
+++ Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++
2. Kapitel
Zurück
in seiner Wohnung schien Georg wieder alles normal. War etwas? Es
waren doch keine Sirenen zu hören, kein ABC-Alarm, keine
Alien-Raumschiffe kreisten über den Dächern Berlins. Konnte es
wirklich sein, dass eine katastrophale Welle von Viren über das Land
branden und alles auslöschen würde?
Während
er die Einkäufe in seine winzige Speisekammer räumte hörte er
Radio. Der Nachrichtensprecher sprach von tausenden Toten in Italien
und dass auch in Deutschland mit unzähligen Opfern der neuen
Krankheit zu rechnen sei. Es wurde bereits von Triage berichtet.
Triage?
Hörte sich in seinen Ohren an wie ein schlechter Popsong aus den
80ern. Triage, Triage, you came into my life like a hammer in
a store window …
Auf dem obersten Regalbrett der Speisekammer vertrocknete seit Tagen
das letzte Stück eines Apfelkuchens, den seine Mutter gebacken
hatte. Er war letzte Woche mit DHL angekommen und Georg hatte den
größten Teil pflichtschuldig gegessen, obwohl seine Mutter eine
grauenhafte Bäckerin war. Zu wenig Zucker, zu viel Zimt und die
Apfelscheiben waren matschig und fad.
Wie es ihr wohl gehen mochte? Sicher hatte sie sich in ihrer kleinen
Zwei-Zimmer-Wohnung in Schöneberg verbarrikadiert und schaute rund
um die Uhr NTV oder Phönix. Oder, schlimmer noch,
Verschwörungs-Videos auf Youtube.
Sie war schon immer eine kluge Frau gewesen, aber ihre Intelligenz
war ungerichtet, ziellos. Bis vor wenigen Jahren, als sie noch als
Verkäuferin beschäftigt gewesen war, hatte die Arbeit sie halbwegs
von ihren kruden Ideen abgehalten. Aber seit sie in Rente war, hatte
es kein Halten mehr gegeben.
So vieles war in ihrem Leben schief gelaufen und das hatte sie bitter
gemacht. Ihr Ehemann hatte sich kurz nach Georgs Geburt abgesetzt,
wenig später hatte sie ihre Anstellung in einem Hertie-Warenhaus
verloren, wo sie als Verkäuferin in der Damenbekleidung gearbeitet
hatte. Das war 1993 gewesen. Danach blieben ihr nur noch Jobs an den
Kassen diverser Supermärkte. Penny, Aldi, Bilka, Bolle – davon war
sie so sehr ausgelaugt worden, dass sie vor vier Jahren vorzeitig in
den Ruhestand gegangen war. Und seither beschäftigte sie sich mit
Themen wie Die hohle Erde oder Versunkene Zivilisationen
auf dem Mars.
Georg gab sich einen Ruck und fuhr sein Notebook hoch. Er musste
einfach seine Mutter kurz sprechen und schauen, ob es ihr gut ging.
Er öffnete Skype und pingte sie an.
Keine drei Sekunden später logte sich seine Mutter ein und ihr
asthmatisches Husten war zu hören, aber noch kein Bild zu sehen.
„Mama, du musst die Kamera einschalten!“
„Moment ...“
Ihr keuchender Atem näherte sich dem Mikrofon und Georg konnte sie
auf der Tastatur herumfuhrwerken hören. Das war doch hoffentlich nur
das Asthma?
Plötzlich erschien ihr Gesicht auf dem Bildschirm. Nase und Mund
waren merkwürdig verzerrt, weil sie zu nah an der Webcam stand, und
ihre Augen blinzelten müde hinter den dicken Brillengläsern.
„Mama, geht‘s dir gut? Du bist doch hoffentlich nicht krank?“
Sie lächelte schwach und ließ sich in ihren Sessel plumpsen, den
sie neben den Schreibtisch gerückt hatte.
„Nein-nein, nur Heuschnupfen. Die Pollen sind dieses Jahr besonders
früh dran. Wegen des milden Winters. Weißt du, Georg, wenn dieses
Virus uns nicht umbringt, dann der Klimawandel.“
„Seit wann glaubst du denn an den Klimawandel“, fragte Georg
entgeistert.
„Man wird ja wohl noch seine Meinung ändern dürfen, oder?“
Sie wirkte aufrichtig empört und nahm die Brille ab, wischte sich
fahrig über Stirn und Augen.
„Du siehst müde aus, Mama.“
„Ach, das täuscht. Ich bin einfach noch nicht geschminkt. Hat der
Apfelkuchen geschmeckt?“
Georg nickte in die Kamera.
„Ja, sehr gut. Ein bisschen weniger Zimt beim nächsten Mal ...“
„Ist notiert, mein Junge. Und was hältst du von der ganzen Sache.“
„Keine Ahnung, Mama. Kommt mir alles unwirklich vor. Und du? Hast
du Angst?“
Sie schüttelte langsam aber entschieden den Kopf.
„Weißt du, es ist merkwürdig. Früher hatte ich ja immer Angst,
vor jedem Pieps. Drama, Drama, Drama! Aber jetzt, wo alles den Bach
runtergeht, da bin ich ganz gelassen. Ich bin die Ruhe selbst!“
Georg kam ein beunruhigender Verdacht. Sie hatte doch nicht etwa
wieder mit Tranquilizer angefangen?
„Bei dir ist also alles in Ordnung? Du musst keine Medikamente
nehmen?“
„Georg!“
Jetzt war sie wirklich empört.
„Das liegt doch schon Jahre zurück. Ach, was sag ich, Jahrzehnte!
Das Zeug werd ich nie wieder anrühren! Mach dir mal keine Sorgen.“
Vorwurfsvolles Schweigen von ihrer Seite. Georg konnte im Hintergrund
eine Tür aufgehen hören.
„Ist da etwa jemand bei dir?“
Sie schaute ihn unschuldig an.
„Ja, Gesche. Sie ist auf Besuch.“
Wieder war es an Georg, entgeistert zu sein.
„Tante Gesche ist bei dir?“
„Ja, warum denn nicht. Immerhin ist sie meine Schwester. Meine
einzige Schwester!“
„Aber du kannst sie nicht ausstehen!“
.
Sonntag, 22. März 2020
TOTENSOMMER [1]
+++
Live-Kolportage-Roman aus dem Jahr 2020 +++
1. Kapitel
An einem warmen
Oktobertag machte sich Georg auf den Weg in das Impf-Center in
Berlin, obwohl er davon überzeugt war, die Krankheit bereits
durchgemacht zu haben.
Die Sonne schien auf
den wüsten Landstrich in Brandenburg, ließ die glasierten
Dachziegel der Häuser in dem Dorf Grautow glitzern. Die einzige
Straße – noch immer benannt nach Ernst Thälmann – lag
ausgestorben vor ihm, nur auf dem dunklen Wasserspiegel des
Dorfweihers zogen zwei Enten stoisch ihre Kreise.
Die Stille war groß
und schwer, eine unsichtbare Last, die sich auf seine Schultern
legte, in seine Lunge eindrang, die noch immer nicht richtig arbeiten
wollte, so kam es ihm vor.
Georg fragte sich,
wie viele Leichen sich hinter den verrammelten Türen der Häuser
verbargen. Er hatte seit Wochen keinen Menschen mehr gesehen, nur
seine Mutter hatte mit ihm Kontakt gehalten, obwohl sie seit Ende
August in einem Notlazarett untergebracht war.
76 Einwohner lebten
in Grautow, hatten in Grautow gelebt. Ob sie sich nur eingeschlossen
hatten, mit ihren letzten, dürftigen Einkäufen aus dem Edeka am
Dorfrand, oder ob sie längst gestorben waren, erstickt an der neuen
Seuche, das war fraglich. Fast alles alte Menschen, Risikogruppe, nur
noch Tote auf Urlaub.
Er blickte die
Ernst-Thälmann-Straße entlang, hin zu der einzigen Bushaltestelle.
Aus seinem Haus heraus hatte er die Station nicht sehen können und
eigentlich war er sich sicher, dass kein Bus mehr fahren würde,
trotzdem ging er langsam über das ausgetretene Pflaster in diese
Richtung, die halb abgesackten Gehwegplatten entlang, die von Disteln
und anderem Kraut durchbrochen waren.
Es war nicht
ungewöhnlich, dass in einem so kleinen Kaff die Hauptstraße an
einem Sonntagmorgen leer wie nach der Apokalypse war, aber das Wissen
um die letzten Monate ließen die Szene gespenstisch erscheinen.
Georgs Hände
verkrampften sich. Kein Laut war zu hören, kein Vogel, kein Insekt,
selbst die zwei Enten im Weiher zogen ihre Kreise schweigend. Es roch
nach vertrockneten Gräsern und den überschwemmten Auen, die die
Ausläufer des Dorfs mit der Oder verbanden.
Leere Straßen,
damit hatte es angefangen.
Am 20. März war ihm
zum ersten Mal bewusst geworden, dass sich das Leben verändert
hatte, das sich die Menschen gewandelt hatten. Frühlingsanfang in Berlin und alles Leben schien wie ausgelöscht.
Am Morgen war er
noch guter Dinge gewesen, hatte sich gewaschen und rasiert, hatte
eine Schüssel Haferflocken gefrühstückt, war auf seinen winzigen
Balkon getreten, um eine Zigarette zu rauchen – und da war es ihm
wie mit dem Hammer ins Bewusstsein getrieben worden: Sein altes Leben
war vorüber, aller Leute altes Leben war vorüber. Die leere Straße
unter ihm wirkte wie ein Fanal.
Nicht dass er etwas
dagegen gehabt hätte, sein altes Leben abzustreifen, dass in erster
Linie aus Langeweile, Videospielen und ausgedehnten Aufenthalten in
der Bezirksbücherei bestand, aber stattdessen gleich sterben?
Andererseits war er
ja noch jung, gerade 28 Jahre alt geworden, gesundheitlich gut in
Schuss, wenn man vom Rauchen absah, aber was war zum Beispiel mit
seiner Mutter? Sie war 67 Jahre alt und hatte Asthma. Und sie neigte
zu unbegründeten Ängsten. Wie würde es ihr gehen, wenn die Ängste
ganz und gar nicht mehr unbegründet waren?
Am Montag hatte er
das letzte Mal Nachrichten im Netz gelesen und anschließend beim
Abendessen Radio gehört. Das Gemeldete hatte ihn so nervös gemacht,
dass er es vorzog, die nächsten Tage nur noch online zu zocken: eine
Reise nach Tamriel – ein Kontinent, den man in dem Game The
Elder Scrolls Online besuchen konnte – ersetzte jeden
Sommerurlaub, der im realen Leben wahrscheinlich bald ausfallen
würde, für ihn sowieso, denn als ALG-II-Empfänger fehlte ihm das
Geld für solche Extravaganzen.
Bis gestern Abend
hatte er die meiste Zeit damit verbracht, Orks zu schnetzeln,
Dungeons zu erforschen und seinen Barbaren hoch zu leveln. Aber
selbst der schönste Urlaub wurde irgendwann fad.
Schnell warf er sich
eine Jacke über und ging auf die Straße. Er musste sowieso noch
etwas einkaufen, sein Kühlschrank war leer, die Haferflocken und der
Rest Milch waren die letzten Lebensmittel gewesen. Außerdem ging das
Klopapier zur Neige.
Es waren noch
Menschen auf den Straßen unterwegs, wenn auch nicht sehr viele. Sie
liefen allein oder allenfalls zu zweit durch den Kiez, wirkten
orientierungslos, sprachen, wenn überhaupt, leise, als würden sie
belauscht, als würden sie verdächtigt, etwas gesetzloses zu tun.
Gab es etwa schon
eine Ausgangssperre? Georg musste nachher unbedingt wieder
Nachrichten hören.
Diese Stille in den
Straßen war unheimlich. Dabei liebte er Stille eigentlich, hatte
auch nicht viele Freunde, lebte lieber sein verborgenes Leben. Aber
dieses tiefe Schweigen, dass sich in den Straßen der Großstadt
breit machte, die verhuschten Blicke der Leute, die herausfinden
wollten, ob der andere Passant krank aussah, ob er vielleicht sogar
ein Husten unterdrückte, das löste eine Beklemmung in ihm aus.
Wie zum Trotz nickte
er einem Fremden freundlich zu, der gerade aus dem Lidl-Markt an der
Ecke kam, ein älterer Herr, der einen Hackenporsche hinter sich her
zog, der so überladen war, dass sich der feste Stoff ausbeulte. Oben
drauf waren zwei Packungen Klopapier mit einem Fahrrad-Expander
geschnallt. Gab es dafür heute Rabatt?
Der ältere Herr
verzog die Lippen zu einem Strich und wandte den Kopf ab.
Dann eben nicht,
dachte Georg, Berlin war ja noch nie die Hauptstadt der Höflichkeit.
Er steuerte den Lidl
an und schnappte sich den vorletzten Einkaufswagen. Durch das
Schaufenster konnte er erkennen, dass die Kunden in einem merkwürdig
großen Abstand zueinander an der Kasse standen. Und der
Papierwaren-Laden neben dem Supermarkt war geschlossen. Georg schaute
sich um, auch Blumenverkäufer hatte zu, an seine Ladentür war ein
ausgedruckter Zettel geklebt, auf dem etwas von Corona und
Verordnung stand. Also doch Ausgangssperre? Wenn man es genau
betrachtete, waren eigentlich alle Geschäfte geschlossen, außer dem
Lidl. Und nach wie vor kaum Menschen in den Straßen. Nur eine feiste
Nebelkrähe hüpfte vor einem verrammelten Imbiss auf und ab und fraß
Pommes Frites, die platt getreten auf dem Bordstein klebten.
Georg betrat den
Lidl und wurde fast umgerannt, als er an den Paletten mit Klopapier
und Küchenrollen vorbei ging. Drei Frauen, eine davon mit Kleinkind
im Einkaufswagen, stritten sich um die letzten Packungen der
Hausmarke. Georg schlängelte sich an ihnen vorbei und griff sich
eine Zweier-Packung des teuersten Herstellers, von denen es noch
genug gab. Das würde ein empfindliches Loch in seine Haushaltskasse
brennen, aber ohne Klopapier in den Weltuntergang, das war keine
Option. Und offenbar handelte es sich ja gerade um den Weltuntergang,
wenn man sah, wie sich die Leute benahmen.
Die gleiche Szene an
den Regalen mit Nudeln, Reis und Mehl, ebenso an den Tiefkühltruhen.
Nur noch Pizza Hawaii war übrig. Georg nahm sich drei Stück und
auch eine Packung mit tiefgefrorenen Bohnen. Schnell noch vier Mal
Knäckebrot und zwei Mal Scheibletten-Käse, mehr war nicht zu
bekommen. Dann zur Kasse, immerhin gab es dort noch Zigaretten,
leider nur noch abscheuliche Marken. Aber egal, dachte er, Pall
Mall wird mich schon nicht umbringen.
Georg stellte sich
mit gebührendem Abstand zu dem Vordermann in die Schlange und
versuchte, möglichst flach zu atmen. Es roch nach billigem
After-Shave und Tod. Plötzlich drängte sich eine dicke Frau in die
Lücke.
„Ähm,
entschuldigen Sie“, sagte Georg.
Die Frau drehte sich
halb zu ihm um und sah ihn giftig an.
„Was?“
„Äh, Sie drängeln
sich gerade vor. Das ist Ihnen schon klar, oder?“
Die dicke Frau
zuckte die Schultern.
„Hier ist doch
noch Platz.“
Und mit diesen
Worten wies sie ihm wieder den Rücken und stapelte ihre Waren aufs
Band. Ein großer Stapel.
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