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Freitag, 7. Februar 2014

(Kafka betritt das Behandlungszimmer. Benn schaut flüchtig von seinem Schreibtisch zu ihm rüber).

Benn: Etwas Venerisches, nehme ich an?
Kafka: Nein, Herr Doktor, nur das Gemüt.
Benn: Ah ja. Aber wieso kommen sie dann zu mir? Ich bin kein Nervenarzt.
Kafka: Es hieß, sie könnten etwas verschreiben.
Benn: Sind sie mir denn empfohlen worden?
Kafka: Ja, von Brod. Max Brod.
Benn: Ah ja. Und wie war doch gleich ihr Name?
Kafka: Kafka, Franz Kafka.
Benn: Kafka also. Mh. Tscheche, nehme ich an. Ich kenn den Namen. Sind sie nicht auch Schriftsteller? Wie dieser Brod?
Kafka: Nein, nicht in erster Linie.
Benn: Doch, doch, sie haben bei Wolff veröffentlicht. Jetzt hab ich's wieder. Irgendwas merkwürdiges. Ich erinnere mich nicht an den Titel. - Insekten, oder dergleichen.
Kafka: Nur eine unbedeutende Arbeit.
Benn: Ja, ist unser aller Arbeit nicht unbedeutend?
Kafka: Ich fand ihre Gedichte bemerkenswert. Ich habe sie unlängst in den Weißen Heften gelesen.
Benn: Wie auch immer. Genug davon. Was möchten sie denn verschrieben haben? Preludin?
Kafka: Nein, man hat mir Pyramidon empfohlen.
Benn: Ah, eine interessante Wahl. (Schreibt ein Rezept). Sagen sie, kennen sie nicht auch diesen Meyrink? Gustav Meyrink? Sind sie mit dem nicht bekannt? Der ist doch auch aus Prag.
Kafka: Nein, tut mir leid.
Benn: Ich meine, weil der auch aus Prag ist und so ähnliche Sachen schreibt wie sie. Auch so phantastische Geschichten.
Kafka: Ich glaube nicht. Eigentlich sehe ich da überhaupt keine Ähnlichkeit.
Benn: Nun ja, wie auch immer. Meine Frau liest den recht gerne. (Reicht ihm das Rezept). So, das wäre das. (Erhebt sich). Sagen sie, was führt sie nach Berlin?
Kafka: Meine Frau, meine zukünftige Frau.
Benn: Sehr schön. Und was macht die Arbeit? Neues Buch in Mache?
Kafka: Ja, über einen Landvermesser. Aber es wird nicht gut. Leider.
Benn: Keine leichte Sache, dieses Schreiben, finden sie nicht? - Ich habe es mal zu meinem eigenen Vergnügen durchgerechnet. Mit meinen Gedichten habe ich in den letzten zehn Jahren Zweimarkfuffzig verdient, im Monat, im Durchschnitt. Unglaublich blödsinnige Sache. Man weiß ja gar nicht, warum man sich das Ganze antut. Sagt meine Frau auch. (Geht zum Tresen, greift sich eine Flasche und zwei Gläser). Einen Cognac? Das ist doch das Einzige, was einen in Betrieb hält.
Kafka: Ich weiß nicht. Normalerweise trinke ich keinen Alkohol.
Benn: Einer wird sie schon nicht umhauen.
Kafka: Ja, vermutlich.
(Beide trinken. Kafka bekommt einen Hustenanfall).
Benn: Das hört sich aber gar nicht gut an. Ich bin zwar kein Fachmann, aber als Mediziner im Allgemeinen würde ich ihnen empfehlen, das untersuchen zu lassen.
Kafka: Oh, das ist nichts Neues.
Benn: TB?
Kafka: Ja.
Benn: Dumme Sache.



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Mittwoch, 15. Mai 2013

Robert Musil war ein ganz harter Hund. Das lässt sich ohne Weiteres belegen.
Musil konnte Kung-Fu und hat einmal Franz Kafka auf die Nase gehauen. Aber Kafka konnte Kendo und haute Musil so doll zurück, dass dem der Rücken noch Wochen später weh tat.
Doch Robert Musil jammerte kein bisschen und auch nicht für eine Sekunde. Musil war nämlich keine Heulnase, sondern ein ganz harter Hund.
Das alles geschah in Berlin. 16. Jänner 1924.
Eine belegbare Tatsache!

Kung-Fu-Robbie

Kendo-Franzl


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Donnerstag, 13. September 2012

Kierling bei Klosterneuburg, Sommer 1924


1.

Der Blutauswurf in kleinen Flecken
auf dem Schnee des Taschentuchs

Der Doktor in dem weißen Kittel
unter dem sich seine Rippen wölben

Ein Traumdeuter aus Wien
oder einer andren dunklen Stadt

hinter einem andren hellen Fluss
auf dem der Doktor seinen Nachen

gemächlich an das Ufer stakt
Auf den Brücken drehen sich die Schatten

Das Blut steigt langsam auf
in den Chitinflügeln der Lunge

Und draußen tanzt die Sonne eine Polka
zwischen Geländerstreben des Balkons

Die Sommervögel kreischen
Die Kurkapelle wälzt ihr Blechgestöhn

So blickt mein Ich auf mich und sagt
etwas vom Sommerbad, vom Wasser

Vom Bier, das ich mit meinem Vater trank
Sein Bauch im Wasser schwebend


2.

Kaum ein Junge war so klein
neben seinem riesenhaften, schweren Vater
der als Festung in dem Becken stand
der Badeanstalt am Ufer unsres Stroms
Und diese Biere, in zwei feuchten Gläsern
standen groß am Beckenrand und wollten
von uns beiden bald getrunken sein

Die aufgestobnen Wassertropfen glänzten
auf den Schultern der dunklen Badegäste
Entfernt konnt ich ein Schachspiel sehen
die weißen und die schwarzen Felder
am Beckenrand, entfernt von unsren Bieren
Der Himmel summte überm Glas der Moldau
Das Leben war nicht mehr zu sehen


3.

Ich sollte bald ertrunken sein
im Schatten der Mansarden-Räume
wo Schreibmaschinen mir dann tiefe
Lettern in die Hände hackten

Da lag das Fräulein Bürstner
der Rock war leicht verrutscht
und gab ein Stück der Beine frei
ganz weißes Fleisch im Schatten

Unter einer trüben Dachluke
schwebte ein Film aus Staub
die Sonnenstrahlen fächerten
die Einzelbilder auseinander

Auf der Staub-Leinwand
konnte ich den Rabbi sehen
wie er mit kantig großer Geste
das Aleph in den Lehm einschrieb

Konnte in dem Sonnenfächer
ganz neue Blitze schauen
Totenlicht und Leuchtspuren
überm stark gefurchten Boden

Zwischen den Holzplanken
taten sich die Schattenlöcher auf
und ich ertrank im Schlamm
am Grund der Gräben



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Mittwoch, 5. September 2012

Vielleicht hat die TBC dem Doktor Kafka aber auch sieben Jahre Lebenszeit geschenkt, und uns unter anderem "Das Schloss", "Ein Hungerkünstler" und "In der Strafkolonie", denn was wäre gewesen, wenn die Kranktheit 1917 nicht endgültig ausgebrochen wäre? Man hätte Franz K. an die Front geschickt.
Zwar war er in den ersten Jahren des Krieges noch als "unersetzliche Fachkraft" unabkömmlich gestellt - auf Bitten seines Vorgesetzten, und gegen seine eigene Intension - aber schon 1915 wurde er als militärisch "voll verwendungsfähig" eingestuft, und es hätte sicher nicht mehr lang gedauert bis zu seiner Einberufung, wäre er nicht 1917 so schwer erkrankt.
Also hat ihn die TBC möglicherweise vor dem Tod an der Front bewahrt.

Vielleicht aber hätte er auch in der Etappe, in einer Schreibstube dort, überlebt. Und danach den ersten großen Anti-Kriegsroman geschrieben. Möglich wäre auch gewesen: er wandert 1912 nach Palästina aus, das Klima dort unterstützt die Ausheilung seiner Lunge, er lebt in den nächsten Jahrzehnten in einem Kibbutz und publiziert bis zu seinem Tode 1975 acht sonnendurchtränkte, lebensbejahende Erzählungen. Letzteres allerdings ist schwer vorstellbar.

Oder er heiratet im November 1917 die schöne Tilka Reiß, die er ein Jahr zuvor kennen gelernt hat, zeugt vier Kinder (zwei Buben, zwei Mädchen; eine wird später die legendäre Malerin und Weltreisende Franziska Thylia Kafka-Blomstedt), seine TBC wird durch Spontanheilung kuriert (unterstützt durch den Magnetisieur und Spiritist Dr. Valboni-Eisenhans), die Familie emigriert 1935 in die Schweiz (zusammen mit Kafkas Schwestern), Franz bekommt 1938 den Nobelpreis für Literatur zugesprochen, und alle leben glücklich und zufrieden am Genfer See. Und wenn sie nicht gestorben sind...

Tilka Reiß, 1917

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Dienstag, 4. September 2012

Kafka. Ich beschäftige mich in letzter Zeit wieder intensiv mit Kafka.
Lese in seinem Band “Betrachtung”, durchstöbere Skizzen in seinen Oktavheften, traue mich nicht so recht an seine Romane, die ich in meiner Jugend alle abgebrochen habe (da es sich um Fragmente handelt, ist das ja auch nicht so schlimm - und hier bin ich fast verleitet, die feine Ironie zu kennzeichnen, die in diesem Land so schlecht verstanden wird).
Gerade las ich in einem Buch mit Anekdoten über Kafka (R. Stach: “Ist das Kafka?”) die Broskwa-Skizze, die mich sehr beeindruckt hat, und die ich Lust hätte weiterzuführen. Aber wäre das nicht völlig sakrosankt? Kafka fortschreiben? Ich würde geschlachtet werden vom Feuilleton, die Rezensenten würden mir einen Apfel in den Rücken werfen. Die Lektoren sowieso.
Zu der Broskwa-Skizze gibt es eine hübsche Geschichte. 2007 schickten die Macher der Literaturzeitschrift “Edit” diesen halbseitigen Text an vier bekannte Verlagslektoren. Die hatten viele, viele Verbessungsvorschläge… naja, vielleicht hätte Kafka ihnen zugestimmt, er war ja geradezu fanatisch selbstkritisch.

Ich erinnere mich nur vage des Zeitpunkts, an dem ich zum ersten Mal eine Erzählung Kafkas las. Es war “Das Urteil”, ich vermutlich elf oder zwölf Jahre alt und völlig ratlos, aber auch ergriffen. Die Szenerie in dem zwielichtigen Hinterzimmer, dann auf der Brücke, ging mir Jahre nicht mehr aus dem Kopf. Wenig später las ich “Die Verwandlung” und war hingerissen, gepackt und durchgeschüttelt. Die Landarzt-Prosa allerdings langweilte mich, und durch den Process konnte ich mich nicht durchkämpfen, wenn mich auch die Szene auf dem Speicher sehr beeindruckte, sie in meinen Träumen wiederkehrte.

Auf Kafka kam ich durch Gustav Meyrink (den ich mir justamente auf meinen Kindle geladen, nachdem ich ihn, im Gegensatz zu Kafka, rund dreißig Jahre nicht mehr gelesen habe; schon die ersten Zeilen des “Grünen Gesichts” kamen mir unheimlich vertraut vor), mein älterer Bruder hatte mir Romane des Phantasten geliehen, ich las sie mit großer Leidenschaft. In einem der Bücher war wohl eine kurze Biographie Meyrinks abgedruckt, dort erfuhr ich von Franz Kafka, fand später ein Fischer-Taschenbuch des Titels “Das Urteil” im väterlichen Bücherregal und begann zu lesen.
Ich glaube Kafka war der erste ernsthafte Literat, den ich las. Und losgelassen hat er mich nicht mehr.

Es ist merkwürdig. Obwohl ich seine Bücher Jahre nicht mehr hervor holte, hing doch fast immer ein Photo von ihm über meinem Schreibtisch (das Berliner Porträt von 1924).
Merkwürdig auch, dass ich mich Kafka schon immer geradezu persönlich nahe fühlte, schon als Kind und jetzt noch immer. Merkwürdig, weil Kafka scheu war, trotzdem ihn jeder leiden mochte (ich hingegen bin vorlaut, großkotzig, rechthaberisch). Er rauchte nicht, trank, von seinem letzten Jahr abgesehen, kaum einmal ein Bier, lebte Gesund, trieb Sport, ernährte sich gut - kurz: war ein agiler, freundlicher Mensch, der der Lebensreform-Bewegung zuneigte. (Wobei, zuneigen tue ich ihr auch, ins Besondere der des Monte Veritas, aber im wirklichen Leben trinke und rauche ich zu viel, schlafe unregelmäßig, esse nicht sonderlich ausgewogen).
Hätte ihn nicht die Schwindsucht dahin gerafft, wäre er sicherlich 80 oder 90 Jahre alt geworden, und vielleicht erst zu meinen Lebzeiten gestorben, 1973 zum Beispiel, hätte die Hippie-Bewegung mitbekommen, die Beatniks, Rock’n’Roller… Nazis. Ich befürchte, Kafka wäre 1939 in Berlin ansässig gewesen und auch dort geblieben. Doch vielleicht wäre auch sein alter zionistischer Wunsch durch die braune Pest verstärkt worden, und er hätte sich schon 1934 nach Haifa eingeschifft. Hoffentlich.

Ich bin nicht sicher, ob ich mich mit ihm gut verstanden hätte, aber es wäre schön gewesen, ihn kennen zu lernen.

Franz Kafka, Selbstporträt, vermutlich 1911

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Sonntag, 12. August 2012

(Scheußlich sind die Tage unter dem Virenmond. Fett ist mir die alte Erkältung in die Glieder gekrabbelt, festgebissen hat sie sich wochenlang. Erika Fuchs würde übersetzen: Hust, hust, schnief, schnief, hatschi.
Sicher schon der siebte oder achte Infekt in diesem Jahr. Es verfolgt mich dieses leichte Fieber, seit meine Mutter mich ausgespuckt hat. Ich erinnere Schnee im grauen Raum hinter meinen glühenden Augenlidern, ein Gekrissel, das sich auf das ICH legte und es eindeckte nächtelang.
Schon wieder war ich zwei Woche in dieser zeitlosen Welt der Krankheit eingewickelt, und in mir schwappte eine Sehnsucht nach Sanostol empor. Nur schade, dass man sich als ausgebildeter Vater nicht einfach hinlegen kann, dass man vielmehr dem Kind schlapp hinterher hetzen muss, denn das Kind ist nur ein Überträger, das Kind wird nie krank, weil das Kind einen gesunden Lebenswandel hat, und nicht raucht, und nicht trinkt).

Hier bin ich also wieder, zwar mit einem Ziehen und Zwacken in den Gliedern, mit einem entfernten, hölderlin-artigen Frühlingsgefühl in den Knochen, aber noch haben sie mich nicht in den Turm gesteckt.
Ich las die letzten Tage wieder – nach Jahren – seine späten Gedichte, die mich schon hingerissen haben, als ich Zwanzig war. Damals wollte ich meinem eigenen Urteil nicht trauen; ich fragte mich: hat das nicht ein Wahnsinniger geschrieben, ein Mann, dem die Synapsen durchgebrannt sind; sollten nicht die früheren, die klassischen Gedichte besser sein, kann man diesen ewigen FrühlingSommerHerbstUndWinter denn lieben?
Jetzt lese ich sie wieder, die letzten Verlautbarungen des guten Scardanelli, und es schlägt mir mitten ins Herz, schlägt gegen den Takt meiner Herzschläge an.
So eine eisige Klarheit, so ein fokussieren auf die unwesentlichen, auf die echten und übersehenen Dinge, das ist es, was diese späten Hölderlin-Gedichte ausmacht. Während der Herr Hölterlein ausgemacht war... von seiner Welt, Umwelt, Umbra Vitae. Er musste nur mal schnell austreten (das Aas treten), musste nur mal schnell neben sich her treten, in die Welt hinein treten, ganz andere Wege gehen. Und kritzelte ab und an auf Papier, so wie es gut hundert Jahre später der Herr van Hoddis tat, dem man die Papiere wegnahm, von dem nichts scardanelli-artiges übrig blieb, weil seine Lehnsherren in den Irrenasylen nichts von dem Gekritzel verstanden. Sie haben es nicht vernichtet, sie haben es einfach nur weggeschmissen, kurz bevor van Hoddis nach der Vorhölle verschifft wurde.

Ich las das auf einem Kindle (mein neues Interface in die Gutenberg-Galaxis), und es war ganz umsonst, dieser Text, diese Poesie. Die ich mir herunter lud für UMME (Hölderlin nimmt die WUMME und lässt dein Gehirn an die Raufasertapete des Turmzimmers spritzen. Spritz, spritz).
Ah, das schönste Spielzeug, ein E-Book-Reader (don´t follow leaders, watch the e-book-readers). Ich bin so glücklich und begeistert am Anfang dieses Umbruchs zu stehen, in einem Zeitalter zu leben, das es mit dem Gutenbergs aufnehmen kann. Ich habe eine Luther-Bibel in den Händen (89 Cent im Kindle-Shop), ich werde dabei gewesen sein, zu dem Zeitpunkt werde ich dabei gewesen sein, an dem die Welt eine andere wurde, als die größte intellektuelle Revolution des 21ten Jahrhunderts begann. Ihr werdet sagen: Voß, haben wir es nicht auch eine Nummer kleiner. Und ich werde sagen: Nein, ihr Ignoranten.
Ich werde auf eure Bücher spucken. Im Licht meines Kindle-Bildschirms.

Jetzt muss ich wieder husten, der Schleim löst sich schwerfällig, die Nacht ist auch erkältet – Sommer, wer bist du, dein Gesicht habe ich lange nicht mehr gesehen. Nenn mich Herbst, mein Junge, ich habe Stoppeln aus gelbem Kraut im Gesicht, meine Füße sind kalt und rau, meine letzte SMS geht an die kalte Schlampe Winter.

Aber es war ein schöner Tag, auch wenn ich Hitzewallungen hatte, hochgedrückt im Körper vom letzen Aufflammen des Fiebers.
Wir saßen am Wahnsee, wir waren auf einem Fest. Meine Frau hustete wie Franz Kafka im Frühjahr 1924. Aber das Kind, der Überträger, das war glücklich. Es lief mit den anderen Kindern unter Kastanien und Eichen zum Ufer. Von der Terrasse aus beobachtete ich ihn, schaute zu ihm hin, sah den kleinen, blonden Jungen, wie er von den größeren Kindern getragen und herum gewirbelt wurde, sah, wie er lachte und glücklich war.
Das Kind stand an einem alten Baum und zählte bis Zwanzig. Eins, zwei, drei, vier, Eckstein, alles muss versteckt sein. Ich komme!
Und die Nacht senkte sich ganz langsam, und der See glitzerte ein letztes Mal, und die Kinder sprangen in die Dämmerung.
Und ich musste an Kafkas Buch „Betrachtung“ denken, und dass diese erste Miniatur dort das atemlose, sommerwarme Gefühl von elternlosen Kindern besser beschreibt, als ich es je könnte. Das Gefühl von Sand unter den Füßen, den Eindruck, den die Schattenrisse vor dem letzten Licht machen. Am See schwanken die Segelboote auf der dunklen Fläche, und die Takelagen machen dieses Geräusch, für das es noch kein Wort gibt. Die Eltern sind weit entfernt, man hört sie kaum, nur ein verwehtes Lachen und Tuscheln. Hey, dort ist ein Zaun, und in dem Zaun ist ein Loch. Ob es dahinter wohl in eine andere Welt geht?
Ich sah mein Kind, und ich sah, dass es glücklich war, und deswegen war ich glücklich.
Ich stand auf der Terrasse und aß Roastbeef, und dort drüben, gleich hinter dem nächsten Yachtclub, da hatte Kleist ein Verhältnis mit einer Pistole gehabt, und ein Stück weiter, im kalten, kalten Winter hatte Heym nicht aufgepasst.
Aber mein Kind leuchtete mit seinen blonden Haaren in die Nacht hinein. Und war ein Leichtturm des Lebens.

Karl Friedrich Schinkel "Der Morgen"

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Mittwoch, 11. Juli 2012

Kafka war der größte Ladenhüter, den man sich denken kann. Von seinem ersten Buch "Betrachtung", erschienen Ende 1912 bei Rowohlt, und von Kurt Wolff herausgegeben, verkauften sich in den ersten fünf Jahren weniger als 400 Exemplare (meine Güte, da verkaufe ich ja mehr... fast), in einem Zeitraum, in dem Kafka nahezu sein Gesamtwerk publizierte. Von seinem Erstling also keine 100 Stück pro Jahr. Da haben aber einige nicht aufgepasst zu Zeiten der Moderne.

Doch es gibt natürlich eine Pointe, wie auch anders beim Kafka Franzl: welches war eines der teuersten Bücher des 20sten Jahrhunderts? Natürlich die "Betrachtung", 2001 im Antiquariat Wien für schlappe 18.500 DM verkauft. Und diese Ausgabe war nicht etwa signiert, nein, für einen Kafka mit Kaiser Wilhelm muss man schon etwas mehr anlegen; 2005 wurde eine signierte Ausgabe von "Der Heizer" (Kurt Wolff, Leipzig 1913) beim Auktionshaus Hauswedell Nolte für 45.657 Euro versteigert.

Für das Geld hätte Kafka drei bis vier Jahre weniger in der verhassten Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen arbeiten müssen.

Ach, ja, l´argent. Eine ewige Misere.
Im selben Jahr schrieb ein anderer KuK-Schriftsteller, nämlich Robert Musil, über das liebe Geld der Dichter:
Ein vom Publikum favorisierter Schriftsteller hat heute durchschnittlich das Einkommen eines Hoteldirektors, in ganz seltenen Fällen das eines nicht sehr gut gestellten Bankdirektors. Ein vom Publikum nicht favorisierter Schriftsteller hat das Einkommen eines Liftboys, in ganz seltenen Fällen das eines Bankdieners. Häufig bloß das eines Volontärs. Schuld an diesen Zuständen will niemand haben, nicht der Schriftsteller, nicht der Verleger und nicht das Publikum. Wie alle weitgreifenden wirtschaftlichen Konstellationen sind sie unpersönlich oder überpersönlich. Daß sie von größtem Einfluß auf das künstlerische Schaffen sind, ist sicher. Daß sie geändert werden müssen, ist sicher. Wie - darüber habe ich nicht nur kein Urteil, sondern kann auch keines mit Überzeugung äußern, weil ich auf Reisen bin und das redlich übertreibungslose Leben eines Nichtschriftstellers führe. 

Kafka Franzl

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Samstag, 31. März 2012

(Ich habe nachgedacht).

Ist dort draußen etwas? Jemand? Dann erzähle ihm von dieser Welt. Die Einzelheiten. Über die Kühlschränke zum Beispiel, und dass sie Gefrierfächer haben; aber früher, vor 35 Jahren, hatten sie nur so kleine Boxen für Eiswürfel. Dass man damals keine Tiefkühlpizza in diese Eiswürfelfächer hinein legen konnte, aber dass das nicht schlimm war, denn die erste Tiefkühlpizza (von Dr Oetker) kam viel später (in den 70er Jahren) auf den Markt (Salami).
Erzähl von den Glasplatten im unteren Bereich des Kühlschranks, auf denen die Wurst und das Fleisch tiefer gekühlt wurden, weil Glas die Kälte besser aufnimmt und hält als Plastik. Erzähl von der winzigen Glühbirne, die erst anging, wenn man die Kühlschranktür öffnete.
Erzähl von der Kühlschranktür, und wie sie bei den alten Geräten einrastete, und darüber wie die Eltern immer die Kinder ermahnten: Niemals, niemals, sollst du dich in den Kühlschrank setzen, denn dann geht die Tür versehentlich zu, und von Innen bekommst du sie nie wieder auf. Und dann...

... dann musst du ersticken. (Tote Kinder, aber, nein, sie leben noch alle. Sie sitzen auf den Kühlschränken von Bosch und Siemens. Sie hören der elektrischen Kaffeemühle zu. Orange und sehr laut).

Erzähl den Ausserirdischen von den Kühlschränken.

*

Ich habe mir gerade vorgestellt, Max Brod hätte seine Pflicht getan, und ich wäre heute, in einer Flohmarktkiste, auf das dünne Büchlein eines obskuren Schriftstellers gestoßen: "Betrachtung". Ach, und da, unter dem Uta-Danella-Schmöker liegt ja noch eins. Wie heißt denn das? "Die Verwandlung"? Ganz hübscher Titel, ich glaub, das nehm ich auch noch mit. Was kosten die zusammen? Ach, jedes Buch nur 50 Cent? Hamse noch mehr von dem hier? Kafka? Keine Ahnung, nie gehört. Dahinten, bei den Groschenheften liegt vielleicht noch eins? Na, dann will ich mal nachsehen. Ich hab gerade in dieses hier reingeblättert (hält "Die Verwandlung" hoch) - liest sich ganz interessant. Ja. Ah, danke fürs Raussuchen. Mh, "Ein Hungerkünstler". Das ist aber arg angeschmutzt, und der Rücken ist halb abgeplatzt. Ach, das ist ja nett. Drei für einen Euro.
Ja, gerne.
Ach, und hamse ne Plastiktüte, es fängt gleich an zu regnen.

Nebenbei: blättert man durch die Seiten von ebay, oder wühlt in den realen Flohmarktkisten, bekommt man massive Depressionen: selbst mir sind mehr als 90 % der Autoren völlig unbekannt. Lebenswerke, Bände um Bände, damals jedes einzelne Buch mit dem Lohn von drei Stunden Arbeit bezahlt, jedes einzelne Buch: Altpapier.
Geradezu rührend, wie manch uninformierter Mensch im Internet seine Schiller-Gesamtausgabe von 1977 (Buchclubausgabe; immerhin gab´s für die Mitgliedschaft ein Telespiel mit PONG und SQUASH) für schlappe 50 Euro feil bietet. Lachhaft und eben auch rührend. Altpapier.
Keine neue Erkenntnis, aber nichtsdestotrotz frustrierend.

Das erste Buch vom Franzl ("Betrachtung") verkaufte sich so schlecht, dass die Erstausgabe noch zwölf Jahre nach Druck zu haben war. Die Auflagenhöhe war 500 Exemplare. Franzl hatte also weniger als 50 Stück im Jahr verkauft. --- Und jetzt gefällt das mehr als 500.000 Leuten bei Facebook - ihr sollt nicht Kafka mögen, ihr sollt zeitgenössische, ernste Literatur kaufen. Herrgottnochmal.

Der Hl. Franz von Generali


(Und nun lese ich gerade, dass Kafka die Lasker-Schüler nicht ausstehen konnte, weder als Person, noch als Dichterin. Zitat von Franz: "Ich kann ihre Gedichte nicht leiden".
Mir ja auch immer ein völliges Rätsel geblieben, warum fast alle die Else gut finden. Nicht nur das halbgebildete Lehrer-Publikum (und ähnliche Mollusken), sondern größtenteils auch die zeitgenössischen Dichter. Ich höre immer wieder den einen oder die andere schwärmen. In Wirklichkeit sind Else Lasker-Schülers Zeilen aber: ein selbstgefälliges, sich blähendes, mit falschen Gefühlen überzuckertes Geschreibe. Kindisch, pseudoexotisch, wenig ernsthaft oder tiefgründig.
Leichte Kost für die Art von Massen, die nach den bohemehaften, exaltierten Dichtern sucht.)


*

Stattdessen die Vita des Herrn Kafkas ab dem Jahre 1922:

Nachdem im Dezember 1922 an der Charité in Berlin das Penicillin durch Alfred Grotjahn entdeckt wurde, begab sich Franz Kafka dort unverzüglich in Behandlung. Im Zeitraum der Therapie lebte Kafka mit seiner Freundin Dora Diamant in der Grunewaldstraße 13 (Steglitz).
Nach seiner vollständigen Genesung zog er zurück zu seinen Eltern nach Prag. Da er dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen war, arbeitete er nur noch halbtags in der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt und konzentrierte sich auf sein Schreiben. 1930 erschien dann sein achtzigseitiger Kurzroman "Vor der Verhandlung" bei Ernst Rowohlt Berlin.
Im darauf folgenden Jahr zog Kafka, nach dem Tod seines Vaters, erneut nach Berlin, wo er sich auch seiner ehemaligen Geliebten Dora Diamant wieder annäherte. Die nächsten Monate wohnten die beiden in der Cranachstraße 5 in Neu-Friedenau, bevor sie sich gemeinsam mit Kafkas Freund Max Brod nach Palästina einschifften. Dieser Entschluss wurde nicht zuletzt durch den erstarkenden Antisemitismus in der Reichshauptstadt begünstigt.
In Palästina angekommen, lebten die Drei die Zeit bis zum Kriegsausbruch in dem Kibbuz Bet Sera. Kafka arbeitete nebenher als Filmkritiker für deutsche Emigrantenzeitungen und veröffentlichte 1939 - fünf Tage vor Kriegsausbruch - sein Hauptwerk, den mehr als achthundert Seiten zählenden Roman "Das Schloss" in dem kleinen Tel Aviver Verlag Salman Schocken.
1943 trennte sich Kafka von Dora Diamant und zog nach Jerusalem, wo er bis 1947 die Zeitschrift "Stern und Siegel" herausgab, die eine der wichtigsten Publikationsorte für deutschsprachige Schriftsteller in der Emigration wurde. Zugleich versank Kafka in tiefe Depressionen, da er über den Verbleib seiner Familie nichts heraus finden konnte. Erst 1946 erfuhr er über Max Brod, dass alle seine drei Schwestern in der Todesmaschinerie der Nazis umgekommen waren.
Seinen Schwestern setzte er daraufhin ein Denkmal mit dem legendären Spätwerk "Schattenlabyrinth", das Kafka in den Jahren bis 1954 schrieb, und das nach langer Verlagssuche 1957 bei Hanser in München erschien. Das Buch wurde der Überraschungserfolg der Frankfurter Buchmesse 1957, und Kafka wurde in allen großen Kulturbeilagen eingehend und begeistert als die Wiederentdeckung des Jahrzehnts besprochen.
Nicht zuletzt diese späte Anerkennung bewog den mittlerweile 74jährigen nach Europa zurückzukehren. Er wohnte die letzten Jahre seines Lebens im Münchener Stadtteil Grunwald in einer Einlieger-Wohnung der Villa eines wohlhabenden Bekannten.
1962 veröffentlichte Kafka einen letzten Band mit vier späten Erzählungen, und im selben Jahr schrieb er für die FAZ die erste deutschsprachige Kritik über eine Popgruppe, die den Namen "The Beatles" trug.
Franz Kafka starb im Alter von 81 Jahren am 1. Februar 1964 in München.
In seinem Nachlass fand sich kein einziges unveröffentlichtes Manuskript.

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