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Samstag, 10. Januar 2015

Fraglich ist, wie die Zeit verfasst ist, und ob wir aus ihr heraustreten werden.
Ein Kind hat mit etwa zwei oder drei Jahren ein Schwarzes Loch in seine Erinnerung gestellt bekommen (von wem?); ein Cleaner, ein Vacuum zieht ihm die bisherigen Erlebnisse aus seiner Jetztzeit, wischt das Kind von innen aus. Zuvor aber kann sich das Kind zurückerinnern, funktioniert das Langzeitgedächtnis auch im Alter von 1 1/2 Jahren, kann das Kind fern zurückliegende Geschehnisse repetieren. Danach nicht mehr - als wäre ein geschlossenes Tor nötig, um es von der weiteren Rückerinnerung abzuhalten, über die Geburt hinaus.
Mein Sohn erzählte im Alter von zwei Jahren einmal, dass er sich an ein früheres Leben erinnern könne. Meines Wissens hatte niemand jemals zuvor mit ihm über das Konzept der Reinkarnation gesprochen, aber vielleicht hatte er das Thema irgendwo in der Nachbarschaft oder im Kindergarten aufgeschnappt.
Diese Ausweglosigkeit der Wiedergeburt: kein Paradies, keine Jungfrauen, keine Stille, kein Traum. Nur Trauben in jedem Leben, wieder und wieder. Eine nie enden wollende Mühsal. Vielleicht sehen Säuglinge deshalb so häufig wie kleine Greise aus, Omis und Opis auf Durchreise.
Wen haben sie gesehen, wen werden wir sehen?
Und warum fallen in meinem Haushalt unwillkürlich Plattenstapel vom Klavier, kurz nachdem meine Tochter geboren ward, kurz nachdem die Geister vorbeischauten?


Ektoplasma oder Schnupfen?

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Samstag, 29. September 2012

Was ich mich immer gefragt habe: wieso weinen Kinder mehr als Erwachsene?
Ein Kind weint bei den verschiedensten Gelegenheiten, schämt sich nicht seiner Thränen, läßt sich von Schmerz, Trauer, Unlust, Zorn, von Neid, von Enttäuschung zum Weinen bringen.
Plötzlich aber, mit der sogenannten Pubertät, versiegen die Tränen fast ohne Übergang. Nun könnte man sagen, das sei eine Frage der Erziehung, aber wenn ich mich zurück erinnere, kann ich das nicht als Wahrheit erkennen. Vielmehr machte sich eine andere Art von Bewusstsein in meinem Selbst breit, das eben nicht mehr zu allen Anlässen weinte, das seither nur bei den großen Lebenskatastrophen verleitet war, Tränen zu vergießen. Und es scheint mir, als wäre das bei den anderen Menschen in meiner Welt nicht anders.
Ist das ein modernes Phänomen? Oder hat sich wenig geändert über die Jahrhunderte? Es schaut so aus, als würde es keinen Unterschied machen. Es weinen nur die Kinder. Und das ist ja auch eine gute Eigenschaft, denn das Weinen reinigt, zieht die Schleier des Zorns, des Neids, des Schmerzens beiseite.
Wieso also vergießt der ausgewachsene Mensch nur noch so wenig Tränen?
Ich kann mir keinen Reim darauf machen, nur dass dieser Bruch das größte Mysterium des Erwachsen werdens ist, daran besteht für mich kein Zweifel.

Wie oft habe ich als Kind geweint, auf der Kante meines Bettes sitzend, wie selten weine ich noch im Angesicht der Berge von Leid, die sich seitdem vor mir aufgetürmt haben.
Aber vielleicht ist die Antwort ganz einfach: ein Kind braucht Schutz, und nichts bringt die Erwachsenen mehr dazu ein Kind in Schutz vor all dem Leid zu nehmen, als eben das Weinen dieses Kindes. Als Erwachsener steht man dann alleine. Weinen ist nicht mehr nötig. Denn Schutz gibt es nicht mehr. Hinaus geworfen in das Leben, mit trockenen Augen, zurück gelassen in der Welt.

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Sonntag, 12. August 2012

(Scheußlich sind die Tage unter dem Virenmond. Fett ist mir die alte Erkältung in die Glieder gekrabbelt, festgebissen hat sie sich wochenlang. Erika Fuchs würde übersetzen: Hust, hust, schnief, schnief, hatschi.
Sicher schon der siebte oder achte Infekt in diesem Jahr. Es verfolgt mich dieses leichte Fieber, seit meine Mutter mich ausgespuckt hat. Ich erinnere Schnee im grauen Raum hinter meinen glühenden Augenlidern, ein Gekrissel, das sich auf das ICH legte und es eindeckte nächtelang.
Schon wieder war ich zwei Woche in dieser zeitlosen Welt der Krankheit eingewickelt, und in mir schwappte eine Sehnsucht nach Sanostol empor. Nur schade, dass man sich als ausgebildeter Vater nicht einfach hinlegen kann, dass man vielmehr dem Kind schlapp hinterher hetzen muss, denn das Kind ist nur ein Überträger, das Kind wird nie krank, weil das Kind einen gesunden Lebenswandel hat, und nicht raucht, und nicht trinkt).

Hier bin ich also wieder, zwar mit einem Ziehen und Zwacken in den Gliedern, mit einem entfernten, hölderlin-artigen Frühlingsgefühl in den Knochen, aber noch haben sie mich nicht in den Turm gesteckt.
Ich las die letzten Tage wieder – nach Jahren – seine späten Gedichte, die mich schon hingerissen haben, als ich Zwanzig war. Damals wollte ich meinem eigenen Urteil nicht trauen; ich fragte mich: hat das nicht ein Wahnsinniger geschrieben, ein Mann, dem die Synapsen durchgebrannt sind; sollten nicht die früheren, die klassischen Gedichte besser sein, kann man diesen ewigen FrühlingSommerHerbstUndWinter denn lieben?
Jetzt lese ich sie wieder, die letzten Verlautbarungen des guten Scardanelli, und es schlägt mir mitten ins Herz, schlägt gegen den Takt meiner Herzschläge an.
So eine eisige Klarheit, so ein fokussieren auf die unwesentlichen, auf die echten und übersehenen Dinge, das ist es, was diese späten Hölderlin-Gedichte ausmacht. Während der Herr Hölterlein ausgemacht war... von seiner Welt, Umwelt, Umbra Vitae. Er musste nur mal schnell austreten (das Aas treten), musste nur mal schnell neben sich her treten, in die Welt hinein treten, ganz andere Wege gehen. Und kritzelte ab und an auf Papier, so wie es gut hundert Jahre später der Herr van Hoddis tat, dem man die Papiere wegnahm, von dem nichts scardanelli-artiges übrig blieb, weil seine Lehnsherren in den Irrenasylen nichts von dem Gekritzel verstanden. Sie haben es nicht vernichtet, sie haben es einfach nur weggeschmissen, kurz bevor van Hoddis nach der Vorhölle verschifft wurde.

Ich las das auf einem Kindle (mein neues Interface in die Gutenberg-Galaxis), und es war ganz umsonst, dieser Text, diese Poesie. Die ich mir herunter lud für UMME (Hölderlin nimmt die WUMME und lässt dein Gehirn an die Raufasertapete des Turmzimmers spritzen. Spritz, spritz).
Ah, das schönste Spielzeug, ein E-Book-Reader (don´t follow leaders, watch the e-book-readers). Ich bin so glücklich und begeistert am Anfang dieses Umbruchs zu stehen, in einem Zeitalter zu leben, das es mit dem Gutenbergs aufnehmen kann. Ich habe eine Luther-Bibel in den Händen (89 Cent im Kindle-Shop), ich werde dabei gewesen sein, zu dem Zeitpunkt werde ich dabei gewesen sein, an dem die Welt eine andere wurde, als die größte intellektuelle Revolution des 21ten Jahrhunderts begann. Ihr werdet sagen: Voß, haben wir es nicht auch eine Nummer kleiner. Und ich werde sagen: Nein, ihr Ignoranten.
Ich werde auf eure Bücher spucken. Im Licht meines Kindle-Bildschirms.

Jetzt muss ich wieder husten, der Schleim löst sich schwerfällig, die Nacht ist auch erkältet – Sommer, wer bist du, dein Gesicht habe ich lange nicht mehr gesehen. Nenn mich Herbst, mein Junge, ich habe Stoppeln aus gelbem Kraut im Gesicht, meine Füße sind kalt und rau, meine letzte SMS geht an die kalte Schlampe Winter.

Aber es war ein schöner Tag, auch wenn ich Hitzewallungen hatte, hochgedrückt im Körper vom letzen Aufflammen des Fiebers.
Wir saßen am Wahnsee, wir waren auf einem Fest. Meine Frau hustete wie Franz Kafka im Frühjahr 1924. Aber das Kind, der Überträger, das war glücklich. Es lief mit den anderen Kindern unter Kastanien und Eichen zum Ufer. Von der Terrasse aus beobachtete ich ihn, schaute zu ihm hin, sah den kleinen, blonden Jungen, wie er von den größeren Kindern getragen und herum gewirbelt wurde, sah, wie er lachte und glücklich war.
Das Kind stand an einem alten Baum und zählte bis Zwanzig. Eins, zwei, drei, vier, Eckstein, alles muss versteckt sein. Ich komme!
Und die Nacht senkte sich ganz langsam, und der See glitzerte ein letztes Mal, und die Kinder sprangen in die Dämmerung.
Und ich musste an Kafkas Buch „Betrachtung“ denken, und dass diese erste Miniatur dort das atemlose, sommerwarme Gefühl von elternlosen Kindern besser beschreibt, als ich es je könnte. Das Gefühl von Sand unter den Füßen, den Eindruck, den die Schattenrisse vor dem letzten Licht machen. Am See schwanken die Segelboote auf der dunklen Fläche, und die Takelagen machen dieses Geräusch, für das es noch kein Wort gibt. Die Eltern sind weit entfernt, man hört sie kaum, nur ein verwehtes Lachen und Tuscheln. Hey, dort ist ein Zaun, und in dem Zaun ist ein Loch. Ob es dahinter wohl in eine andere Welt geht?
Ich sah mein Kind, und ich sah, dass es glücklich war, und deswegen war ich glücklich.
Ich stand auf der Terrasse und aß Roastbeef, und dort drüben, gleich hinter dem nächsten Yachtclub, da hatte Kleist ein Verhältnis mit einer Pistole gehabt, und ein Stück weiter, im kalten, kalten Winter hatte Heym nicht aufgepasst.
Aber mein Kind leuchtete mit seinen blonden Haaren in die Nacht hinein. Und war ein Leichtturm des Lebens.

Karl Friedrich Schinkel "Der Morgen"

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