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Dienstag, 2. Oktober 2012

(Ein Gläschen Südwein neben meinem Notebook. Südwein, Süßwein, Desertwein – schöne, gluckernde Worte. Im Moment trinke ich einen Spätburgunder gemischt mit Sherry. Ich weiß, das hört sich barbarisch an, schmeckt aber gut).

Was mich immer schon gewundert hat ist, dass sich alle – jedenfalls die Leute in den üblichen Medien – darüber beklagen, dass die Geburtenrate in Mitteleuropa schwindet. Ich kann das Problem nicht erkennen, vielmehr ist das doch ein unfassbarer Vorteil für den Kontinent, der seit dem letzten Jahrhundert deutlich überbevölkert ist. Alle Landschaften sind zersiedelt, durchschnitten von Myriaden von Straßen, zugepflastert und versiegelt mit Beton und Asphalt.
Noch in meiner Kindheit, selbst noch zu der Zeit, als ich nach Berlin kam, waren die Städte umgeben von Brachland, Wiesen, Wäldern. Unbehauste Natur. Jetzt stehen dort Einkaufszentren und Baumärkte. Wenn endlich wieder, in dreißig, vierzig Jahren, Europa leerer wird, könnten wir ganze Landstriche der Wildnis zurück geben. Endlich Platz.
Stattdessen jammern alle über die Rente. Aber wenn durch den Rückgang der Bevölkerung auch die Kaufkraft schwindet, werden die Waren des täglichen Lebens durch mangelnde Nachfrage wieder günstiger werden. Und die Renten werden sogar dazu reichen, ein Haus in Brandenburg zu kaufen, denn diese Häuser in den verlassenen Dörfern werden schon in zwanzig Jahren kaum mehr als zwei, drei Monatsgehälter kosten.
Aber anstatt dass diese Gesellschaft die Möglichkeiten der Leere nutzt, baut sie weiter.
Zur Zeit ist eine Initiative entstanden, die die Leerflächen des Kulturforums am Potsdamer Platz schließen will. Sowohl die Matthäuskirche als auch die Neue Nationalgalerie sollen von Blockbebauung eingefasst werden, und auch das weite Areal vor der Gemäldegalerie soll weichen. Als hätten die Alten Angst vor der Leere, der Weite, als würde es sie an ihr eigenes Verschwinden erinnern.
Wieso erfreuen wir uns nicht an der Leere, lassen auch Brachflächen wieder zu, die fast alle seit der Wende verschwunden sind. Kein Mensch braucht all diese Büros.
Und selbst wenn wir uns das in den Städten nicht leisten wollen, weil die Alten günstige Infrastruktur brauchen; auf dem Lande könnten wir die Wildnis zurück kehren lassen. Man würde ganze Dörfer in der Uckermark räumen, die letzten Bewohner in den Speckgürtel von Berlin umsiedeln – zahlt man den Leuten ein wenig Geld, wäre das kein großes Problem. Die ganz Alten sterben bald, die Jüngeren wollen lieber heute als morgen weg, wenn sie es sich leisten können.
Und sollten dann die Dörfer der Uckermark geräumt sein, wird das ganze Gebiet umzäunt (ein freundlicher Eiserner Vorhang) und hinein kommt man nur ohne Motor-Fahrzeuge, ohne den Plunder des modernen Lebens. Zu Fuß oder auf dem Pferd darf man dann in das neue, unbekannte Land ziehen. In die WÄLDER.
Wölfe gibt es dort ja schon; man könnte noch Luchse ansiedeln, ein paar Wisente, ein paar Großtrappen. Der Wald wäre sich selbst überlassen, und schon nach fünfzig Jahren sähe es in dieser Zone aus, wie im frühen Mittelalter. Ein Dickicht, ein Märchenwald, eine Wildnis.
Und dort würde ich gerne meinen Lebensabend verbringen, in einer Blockhütte, an einem See. Der Himmel weit und klar, die Tannen ein einziges, dunkles Rauschen, und in der Nacht heulen die Wölfe.
Es hört sich romantisch an, es scheint ein weltabgewandter Traum zu sein, aber es wäre möglich, noch zu unserer Lebenszeit.


Stattdessen der nächste Baumarkt, das nächste Maisfeld für die nächsten Großraum-Autos. Wachstum, Fortschritt, Niedergang.

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In nichts kann ich mich zur Zeit so vertiefen, wie in Schach. Neben dem Schreiben ist es das Einzige, bei dem ich in den flow tauchen kann. Ich leihe mir ein Schachbuch nach dem anderen aus der Bibliothek und entdecke taktische Möglichkeiten, die ich auf diesen 64 Feldern nicht für möglich gehalten hätte. Das Spiel ist eine Mischung aus Krieg und Tanz. Und ich stolpere mittlerweile nicht mehr ungelenk durchs Feld oder über den Tanzboden. Stufe 4 von Chess Titans nutze ich nur noch, um verschiedene Angriffsstrategien zu üben; kaum zu glauben, dass dieses Level mir vor einigen Wochen noch einige Schwierigkeiten bereitet hat.
Besonders gut gefällt mir zur Zeit die Vorgehensweise Karpows im Kandidatenmatch 1974 (ich schrieb bereits davon). Dieses brachiale Reinhauen mit zwei Türmen und der Dame in die Königsflanke; wenn der König nicht erfahren genug ist, hat er nicht den Hauch einer Chance.
Karpow war sowieso ein großartiger Schachspieler, nicht ohne Grund ist er jahrelang Weltmeister gewesen. Doch galt er immer als ein etwas farbloser, zurückhaltender Spieler (habe ich gelesen). Dabei geht er mit einer unglaublichen Eleganz vor, zwar kühl und wohldurchdacht, und auch ganz ohne spektakuläre Opfer und dergleichen, aber doch mit einer scheinbaren Leichtigkeit, die mich völlig fasziniert (jedenfalls in den Partien, die ich bislang durchgespielt habe).
Ich kann mich gut an ihn erinnern, als er in dem schwarzweißen Fernsehgerät auftauchte, mit dem in den 70ern Jahren auch Jochen Mass und Muhammad Ali in unser Wohnzimmer übertragen wurde. Seinerzeit war Schach eine populäre Sportart (ein Kampf der Gehirne im Kalten Krieg), über alle Weltmeisterschaftskämpfe von Kasperow gegen Karpow wurde in verschiedenen Fernsehsendungen berichtet. Ich habe jetzt noch dieses geheimnisvolle, fremde Gesicht von Karpow vor Augen – ein Mann aus der Welt hinterm Eisernen Vorhang. Ich mochte dieses Gesicht. Das Kind, das ich war, mochte dieses Gesicht. Vielleicht habe ich wegen diesem Gesicht damals angefangen Schach zu spielen (und schnell wieder aufgegeben). Und es ist nur folgerichtig, ist geradezu eine späte Verbeugung, dass ich wieder mit Karpows Partien beginne.

Die Dame stand vorher auf e3

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Samstag, 15. September 2012

Heute kam mein neues Brett (von Weible aus Ahorn und Palisander) nebst Staunton-Figuren. Ich will gar nicht sagen was das auf Ebay gekostet hat, aber viel war es nicht (das Bildungsbürgertum ist ausgestorben, solche Dinge werden nunmehr verschleudert). Und nun sitze ich vor dem Brett, spiele eine Großmeisterpartie Karpow-Kortschnoi aus dem Jahr 1974 nach (Kandidatenturnier zur Weltmeisterschaft), sitze auf Karpows Seite (weiß) und grübel nach dem zehnten Zug darüber nach, was Anatoli denn vor haben könnte.



- Ich glaube, Karpow wird seinen Turm-Bauern auf h5 ziehen und ihn damit mittelfristig opfern, während Kortschnoi seinen Springer sicher auf b4 zieht, um mit dem Turm angreifen zu können. Und was passiert? - In der Wirklichkeit des Jahres 1974 bringt Karpow erst mal seinen Läufer auf b3 in Sicherheit (was ich erst einen Zug später getan hätte, und vermutlich hätte mich das in die Bedrouille gebracht... wir werden sehen), und Kortschnoi öffnet die C-Linie für den Turm, wie ich es mir schon dachte, allerdings nicht mit Springer auf b4 sondern auf e5.

Dazu eine neue Schubert-Platte, die gestern mit der Post kam: Demus und Badura-Skoda spielen das zweihändige Werk Schuberts auf einem Streicher-Fortepiano von 1841. Seinerzeit in der großartigen BASF/Harmonia-Mundi-Reihe rausgekommen, in meiner Kindheit, als ich noch Dschingis Khan hörte.
Oje. Das ist hier aber eine heftige Simulation von Bildungsbürgertum. Gleich schreib ich noch ein Gedicht. Dabei bin ich in Hinterhöfen und Gassen aufgewachsen und gelesen habe ich am Liebsten Donald-Duck-Hefte und Enid-Blyton-Bücher. Allerdings habe ich damals schon gerne Django Reinhardt und Gisela May gehört (während die Eltern Rotwein in sich reinkippten und zu tanzen begannen).

Doch nun weiter im Spiel, ich muss Kortschnoi schlagen. Und im Hintergrund die Goldberg-Variationen, gespielt von Wilhelm Kempff, schnörkellos, makellos. (Und draußen tänzelt der Herbst durch die Straßen, er hat ein graues Trikot an, seine Choreographie patscht durch Pfützen, rutscht auf gelben Blättern entlang).

Kortschnoi gegen Karpow, 1978

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Dienstag, 28. August 2012

In den letzten Monaten beschäftige ich mich zum ersten Mal seit meiner Kindheit wieder ernsthaft mit Schach. Denn irgendwann reichte mir das ewige Memory, Mensch-ärgere-dich-nicht und Mix-Max mit meinem Sohn.
Allerdings spiele ich nicht mit den von meinem Vater geerbten Figuren, die wiederum er von seinem Vater bekam, sondern schlage mich mit dem Chess-Titans-Programm auf meinem neuen Notebook (mein bisheriges war so alt, dass Schach noch nicht im Lieferumfang von Windows dabei war). Und ich muss sagen, es macht mir einen Heidenspaß, vor allem natürlich, wenn ich das Elektronengehirn so brutal vernichte, dass die Kühlung nur noch winselt:

Chess Titans, Stufe 4

Ich kann mich gut erinnern, wie mein Vater mir das Schachspiel mit etwa sechs oder sieben Jahren beigebracht hat, und wie ich verlor, und verlor, und verlor. Bis ich gegen meinen großen Bruder spielte und immerhin ab und an gewann. Dabei war mein Vater gar kein guter Schachspieler, soweit ich mich erinnere, er spielte eher in Angedenken seines früh verstorbenen Vaters, der wohl ein leidenschaftlicher Spieler war, der sogar zur Zeit des Volkssturms auf dem Marktplatz vor seinem Lieblingscafé sitzen blieb, um eine Partie nach der anderen zu spielen. (Es ging die Familienlegende, er wäre für diese Unverschämtheit zwei oder drei Tage von der Gestapo inhaftiert worden).

Und jetzt bin ich wieder dabei, schade nur, dass ich die letzten dreißig Jahre so gut wie nie mehr gespielt habe und wenn, dann angetrunken in irgendwelchen Kneipen. Also werde ich leider kein guter Schachspieler mehr werden, was mir in den letzten Tagen auch von meinem neuen Begleiter aufgezeigt wurde, einem Mephisto Maestro, der mich umgehend in fünf, sechs Zügen eingetütet hatte. Mittlerweile komme ich immerhin ins Endspiel, aber selbst auf mittlerer Stufe habe ich noch kein einziges Mal gewonnen.
Das Chess-Titans-Programm ist derweil mein Sparingspartner. Fallobst, dass man niedermetzeln kann.

Chess Titans, Stufe 4

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