Dienstag, 31. Juli 2012

Neue Notebooks sind nichts für halbe Autisten. Alles ändert sich, alles fühlt sich anders an. Die Tastatur klappert mit hohlerem Klang, das Trackpad ist strukturiert und reibt an den Fingerspitzen des Neurastenikers, die Farben sind zu grell und zu klar, als würden einem ein Tag am Meer aus dem Bildschirm entgegen schwappen.
Und alles will installiert sein, auch diese ganzen kleinen merkwürdigen Programme, die alle Nase lang um Zustimmung bitten for this & that.
Aber ich habe jetzt ein vernünftiges Schach im Speicher und eine Webcam vor der Nase. Kein schöner Anblick, wenn man gerade über Grundeinstellungen verzweifelt, die man das letzte Mal vor mehr als zehn Jahren gesehen hat, und die sich seitdem grundlegend verändert haben


Andererseits habe ich jetzt 500 Gigabyte im Trockenboden, aber was soll ich dort speichern? Videos von an Leinen wehenden Hemden und Hosen?
Es ist alles so komplex geworden, dass ich mehr oder minder mit Autopilot durch die Sicherheitsabfragen und Einstellungen segele. Es wird schon nicht so schlimm kommen, denn es kommt niemals so schlimm. Die Datenautobahn weist geradeaus in Richtung Utopia.
Früher war es mehr eine Landstraße, oder ein Feldweg. Mein erster Mikroprozessor steckte in einem Telespiel vom Bertelsmann-Buchclub. PONG für mich und meinen Bruder; mein Großvater musste extra dafür Mitglied werden, damit wir die Prämie kassieren konnten. Aber was hatten wir für einen Spaß: Teletennis, Eishockey, Squash. Mich faszinierte diese neue Welt so sehr, dass ich es fertig brachte, zwei, drei Stunden am Stück "Trainingswand" zu spielen.
Doch welch Herabsetzung dieser Sensation, als mein zweitbester Freund ein Jahr später eine Saba-Konsole bekam, mit Steckmodulen. Panzerschlacht! Barriere! Labyrinth! Was für phantastische Spielmöglichkeiten taten sich da in der abrockten Altbauwohnung des stolzen Thorstens auf. Wir verbrachten ganze Nachmittage vor dem Farbfernsehgerät seiner Eltern (ein Farbfernseher!), die sich auch am Sonntagnachmittag in Netzhemd und Negligé in die Kissen sinken ließen.
Auf der Glotze stand eine Lampe aus Nylonfäden, die an den Enden leuchteten, und der Hund fing ganz wahnsinnig an zu bellen, wenn die Hundetürglocke ertönte, die niemand außer dem ungewaschenen Köter hören konnte. Hochfrequenzschall.

Später kam dann andere, bessere Hardware. Atari, Mattel Intellivision, Colecovision. Dann der erste PC mit DOS (kann es sein, dass diese Kisten nur 384 MB Speicher hatten?), später ein Laptop mit Windows. Das erste Modem - dieses Pfeifen und Fiepen wird bald auch aus aller Leute Erinnerung verschwunden sein, dieses nervöse Rotwelsch der Platinen.

Und mittlerweile habe ich ein Schachprogramm auf meinem Notebook, das vermutlich mehr Speicherplatz verbracht als alle Geräte, die ich zwischen 1977 und 1997 besaß. Und dieses Schach ist nur ein kleines Gimmick. Viele User werden es deinstallieren, wegwerfen nach einmaligem Gebrauch, so wie auch früher die Gimmicks von Yps weggeworfen wurden.
Immerhin steht auf meinem Schreibtisch seit damals der Ritter mit der fliegenden Faust. Die Urzeitkrebse schwimmen auch noch irgendwo im Keller umher, und die Rose von Jericho warten in der Waschküche auf ein bisschen Feuchtigkeit.

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Montag, 30. Juli 2012

(Die Sommerpause ist hiermit beendet. Ich habe lange nicht mehr eine so zähe Zeit erlebt, in der ich dergleich wenig schrieb. Ich weiß, andere würden das bei sich als eine hochproduktive Phase wahrnehmen, für mich aber kamen die letzten Wochen einem Writer´s block nahe. Also jetzt: Reset und Neustart. Der Arbeitsspeicher ist zwar noch etwas heiß gelaufen und die Kühlung zickt, aber was hilft´s. Wie Rainald Goetz schon sagte: Don´t cry, work.)

Ich habe vor einigen Tagen wieder die späte Gedichte Hölderlins gelesen, aus der Scardanelli-Zeit, als er im Turm saß und die Welt nicht reinlassen wollte. Nur ab und an zwang ihm ein edler (oder wenig edler) Besucher, ein Gaffer des vermeintlichen Unglücks, eine Handschrift ab, ein Gedicht. Und Hölderlin schrieb über die Jahreszeiten. Über Jahrzehnte schrieb er immer wieder nur und ausschließlich über den Lauf von Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Ich hatte immer Zugangsschwierigkeiten bei des Dichters Poemen, mir fehlte das richtige Billet für seine hochgezüchteten, graezisierenden Hymnen und Oden, mit denen er heute noch die Philologen beglückt, als ich aber eines Tages die späten Gedichte las, die man in den frühen 90ern noch suchen musste, war ich hingerissen. Und fragte mich gleich, ob ich das nur sei, weil der arme Hölderlin mich in seinem Irresein so sehr faszinierte. Waren das denn wirklich gute Gedichte? War das nicht eine erbärmliche Zerfallserscheinung?
Ich las diese Arbeiten über die Zeit immer wieder, und gerade vorgestern lagen sie erneut eisklar vor mir: es gibt aus dem 19ten Jahrhundert keine anderen dieser Qualität. Kühl, sternennah, von einer metallenen Todesahnung durchzogen, mit einem Blick auf die Welt, der nicht mehr von der Welt ist. Große Kunst bis auf das Mark reduziert. Sicher auch aus einem in sich mäandernden Geist hervor gebracht, aber doch formvollendet.
Der brave Hölderlin, in seinem Turm im schrecklichen Tübingen, mit kurzen, in die Stirn gekämmten Haaren. Nach Façon der Mode ganz veraltet die Frisur. Dabei hatte er jenen revolutionären Schnitt getragen, der in Frankreich kurz nach 1789 kreiert wurde, der das Erkennungszeichen der Les Incroyables war, den Dandys der neuen französischen Zeitrechnung („7. Brumaire im Jahre III“). Man raffte den Zopf des verachteten Ancient regime über dem Kopf und kappte ihn mit einer groben Schere, so dass das Schädeldach nur noch Stoppeln trug und die restlichen Locken an den Schläfen hinab hingen. Auch Novalis trug seine Haare in diesem Stil. Fichte in jungen Jahren ebenso. Das waren alles Punkrocker der Frühromantik.
Und jetzt tappte Hölderlin voller Unrast in seinem Turmzimmer hin und her und hatte eine verspätete, bonapartische Frisur. Wie sie auch ein schmallippiger Chevalier hätte tragen können.

Hölderlin

Einer der Unglaublichen

Novalis

Währenddessen hier in meiner Kammer Chansons von Georges Brassens laufen. Ein parisblauer Abend könnte das heute sein. Draußen dickt die Nacht ein, und in die Oberfläche der Seine fädeln sich die Regenschnüre. In das Selbstmordwasser.
Hinten, jenseits der blechbezogenen Dächer, hustet der Eifelturm seine bonbonfarbenen Lichtkaskaden in den Konfettihimmel, eine Kooperation von Pissarro und Van Gogh (der alte Holländer).
Nein, nein, draußen wimmern nur Berliner Katzen, und der Himmel ist ganz und gar Rammstein und Udo Jürgens.

Brassens habe ich lange nicht mehr gehört, aber ich durchstöberte letzte Woche in einer schwarzen Nacht das Internet und fand ein paar Videos von ihm auf Youtube. Was für eine Gestalt, was für ein Held meiner frühen Berliner Jahre.
Ich hörte ihn zum ersten Mal auf dem Kassettenrecorder meines Bruders, in einer muffigen Wohnung nah des Südsterns. Ich war gerade aus der Provinz gekommen, und mein Bruder hatte mir nicht nur einen Lyrikreader der Freien Universität in die Hand gedrückt, in dem ich Grünbein fand, Happel, Kling, Rosenlöcher (Schneebier!), sondern mir auch Musik vorgestellt, die ich nicht kannte: Brassens, Vissotzky, Lewschenko.
Zusammen mit den Platten von Suicide, Wire, Charlie Parker, Schubert und Element of Crime wurde das mein Soundtrack für die Großstadt. (Fahrten in der U-Bahn unter den Resten der Mauer hindurch, echte Proletarier mit Flaschen voller Bärenquell – das Sternburg der Nachwendezeit).

Vielleicht sollte ich mir auch so eine Schnurbart stehen lassen, wenn ich mir schon nicht den Zopf absäbele wie Herr Hölderlin?
Aber damit sähe ich nicht wie ein französischer Chansonier aus, sondern eher wie ein missglückter Cowboy. Wobei: auszusehen wie ein missglückter Rinderhirte, wäre natürlich auch nicht schlecht.

Oder ein Vollbart, wie ihn sich Björn Kuhligk und Jan Kuhlbrodt gerade haben wachsen lassen. Aber das juckt ja fürchterlich. Nein, ich bleibe bei Koteletten. Für einen Bart bin ich zu romantisch. Ich bin glatt rasiert und incroyable. Diese Bärte sind so Gründerzeit.

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Samstag, 21. Juli 2012

Arm sind sie nicht, aber armseelig, diese Reichen hinter ihren Hecken und Mauern.
Ich musste die letzten Stunden oft an sie denken, nachdem ich eine Seite im Netz angeschaut hatte, auf der sich per Schnappschuss die Erbengemeinschaft der Ausbeuter präsentiert: LINK
Kaum zu glauben, dass es wirklich Spaß machen kann, seine Statussymbole auszustellen, Genuss daraus zu ziehen, dem finanziell verarmten Publikum den vergoldeten Arsch zu zeigen. Aber sie lächeln, sie haben ein Vergnügen gefunden. Sie schämen sich nicht.
Sie schüren mein unnötiges Mitleid, diese Reichen, aber natürlich faszinieren mich auch ihre Abbilder, denn in meiner Welt kommen sie niemals vorbei, kann ich sie nirgends sehen. Die Klassen sind mittlerweile so von einander separiert, dass mir - bis auf ein, zwei Erben - niemand einfallen würde, der mehr als ein Mittelklasse-Einkommen hat, sie sind entschwunden, sie nehmen nicht mehr teil, diese Reichen. Interessant ist auch, dass mir kein bedeutender, zeitgenössischer Schriftsteller aus dieser Gesellschaftsschicht bekannt ist. Sie scheinen allesamt zu verblöden an ihren Pools, in ihren Karossen, auf ihren Yachten. Nichts müssen sie mehr fürchten, keine Laterne, keine Steuern, kein einziges "Buh". Sie leben hinter verschlossenen Türen.

Sie erkennen die Welt nicht, gewinnen keine Erkenntnis, stehen neben den Dingen, nicht über ihnen. Können zwar auch die Photos des Planeten Erde betrachten, die sie wie ich im Netz finden, begreifen aber nicht die unglaubliche Perspektive, die diese Aufnahmen eröffnen.
Noch vor zweihundert Jahren war der höchste Blickpunkt der von einem Berg. Dann wurden Fesselballon und Photokamera erfunden, und der Blick weitete sich; das Felderflickenwerk wurde sichtbar, das Gewimmel der Vegetation, die Menschen in all ihrer Winzigkeit (Nadar schoss das erste nachweisbare Luftbild 1858). Später kamen höher schwebende Maschinen hinzu, Luftschiffe, Flugzeuge; bessere Kameras wurden gebaut. Aber immer noch war nur ein Ausschnitt der Welt zu sehen, bis dann endlich 1946 das erste künstliche Auge ins Weltall geschossen wurde (an Bord einer V2, die von der amerikanischen Basis White Sands aufstieg).
Wir konnten uns natürlich schon vorher vorstellen, wie der Erdball im Weltraum leuchtet, aber jetzt konnten wir es auch erkennen, zu einem Zeitpunkt, der nicht einmal fünfundzwanzig Jahre vor meiner Geburt lag.

Derweil die reichen Kinder Champagner saufen, der das gleich aussehende Etikett wie der von ALDI hat.

Nadar, Luftbild von Paris, 1858

James Wallace Black, Luftbild von Boston, 1860

Erstes sicher datiertes Luftbild aus Deutschland, Zehdenick 1887

Hugo vom Hagen, Luftbild von Berlin, um 1886


Die Erde von einer V2 aus photographiert, 1946

Das erste Panoramabild der Erde, 1948, ebenfalls von einer V2 aus

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Freitag, 20. Juli 2012

Nach einer durchsoffenen Nacht (zusammen mit Björn, Tom und einem Überschuss Weinbrand vom Spätkauf, zu dem wir von einer Vernissage in Neukölln Abstecher machten), hatte ich die heftigste Panikattacke meines Lebens.
Die Vernissage war gelaufen und ich nach Hause gegangen, schwankte durch die Nacht, kam an leeren Ecken vorbei, am Innsbrucker Platz, an dem mir eine Woche zuvor noch ein gleichgültiger Fuchs entgegen getrottet war, fand die Wohnung und trank dort weiter, derweil ich mir Videoclips mit Musik meiner Jugend im Internet anschaute.
Frau und Kind waren ja Zelten, ich zwar keine Dreißig mehr, aber fest davon überzeugt, dass ich die alten Unarten schon wegstecken würde. Dann geisterte ich zum Bett und fiel in einen so schwarzen Schlaf, dass ich mich nicht mehr an das Einschlafen erinnern konnte, als ich am nächsten Morgen mit ausgedörrten Gliedern und fremden Gehirn erwachte.
Schon im Badezimmerspiegel, der mir fröhlich entgegen leuchtete, konnte ich die Verschiebung des Selbst erkennen, Gummifilter vor der Kameralinse, wie in dem Fassbinder-Film „Angst vor der Angst“, den ich am Tag zuvor angefangen hatte zu schauen. Ein leichtes Kribbeln in den Armen, von dem übermäßigen Sauerstoff, den mir die Vorangst in die Lungenbläschen trieb. Und die alte Fremdheit.
Aber alles noch roger, no problemo, Companero. Bis dann die bekannte Panik, der tückische Freund, von der Mitte des Leibes durch die plötzlich auseinander gerissenen Fleischlappen eilte.
Ich konnte gerade noch ein Jackett überstreifen, die Schuhe an die nackten Füße binden und nach draußen taumeln. Währenddessen etwas in meinem Körper, in meinem Ätherleib, in dieser undefinierbaren Scheiße dort drinnen hoch brauste und mich besitzen wollte, spätestens vor der Haustür auf der Straße dann auch Besitz von mir ergriff.
Mein Gedanke war: Krankenhaus, es geht zu Ende. Über dem wirren Geist der Panik ein Rest von Ich, das abwägte, das sich abfand mit dem nun bald einsetzenden Herzinfarkt. Dabei war es ja keine Neuigkeit; Panikanfälle hatte ich seit meiner frühen Jugend immer wieder ertragen müssen, das war mir in das Selbst gegossen, ein meist ruhiger Tümpel, der ab und an zu blubbern begann. Doch die letzten Jahre war es besser geworden, durch Alter und Psychoanalyse. Durch eine wissend stoische Haltung, die mich befähigte, diese Panik, die alle paar Monate (manchmal auch alle paar Wochen) auftrat, über mich hinweg branden zu lassen. (A burst of sound. This can not be happened).
Aber heute war es anders, löschte jeden kritischen Verstand in mir aus. Als ich durch die gepflegte Gartenanlage des Krankenhauses stolperte, umfasste mich plötzlich etwas schweres, trübes, das mir den Oberkörper zusammen schnürte, ich kam kaum noch weiter, die Umwelt war aus Aspik, ich stöhnte auf, mit letztem Atem, und sah den Eingang zur Notaufnahme, wusste aber, dass ich dort nicht mehr hingelangen würde. Neben mir spazierte ein Patient an den Blumenbeeten entlang und ich stammelte „Ich brauche einen Arzt“. Er schaute mich an und sagte gleichgültig „Ich bin kein Arzt“.
Also trieb ich meinen Körper weiter voran, durch den Aspik der Luft, hin zur Rettungsstelle. Und kam dort an, endlich, mit letzter Kraft, klammerte mich am Empfangstresen fest und murmelte „Mein Herz“.
Ich wurde sofort in einen Raum mit fünf Liegen gebracht, die mit Vorhängen voneinander getrennt waren (wie in einem alten Film: Schwester kommt gleich und bringt Morphin gegen die Schmerzen der Schrapnellverletzung). Man klebte mir Wegwerfplättchen auf die schweißnasse Brust und schloss mich ans EKG an, nahm mir Blut ab, um die Cholesterin- und Leberwerte zu ermitteln, die im Falle eines Herzversagens üblicherweise vervielfacht sind.
Nichts geschah, mein Herz pochte wieder ruhiger, ich bekam Atem, und sagte Amen, lieber Gott, nur ein Panikanfall, danke, Herrscher der Welt. Ich bekam Atem.
Neben mir, hinter den dünnen Vorhängen, lagen zwei andere Männer. Der eine hatte von seiner Chipkarte, die wohl mit einem Tragbaren EKG verbunden war, wenige Stunden zuvor einen Herzalarm mittels Piepton angesagt bekommen. Der war aber ein falscher Alarm gewesen, so dass der Patient jetzt mit dem Arzt diskutierte, ob er nicht nach Hause gehen könne, er kenne das ja schon, sei nicht so schlimm, alles roger. Der Arzt stimmte ihm zu, nachdem er mit dem Herzspezialisten der Klinik telefoniert hatte.
Hinter dem rechten Vorhang lag ein Kandidat wie ich, dem nur die Panik ins Fleisch gestiegen war, und dem jetzt seine resolute Ehefrau Wasser brachte, ihm gut zuredete. Er hingegen sagte immer wieder, er würde sich so merkwürdig fühlen, er könne sich an gar nichts mehr erinnern, ihm sei ganz fremd geworden, sich und der Welt gegenüber. Die Frau beruhigte fortwährend, das wird schon wieder, das wird schon wieder. Und ich hatte keine Frau an meiner Seite, meine Familie war in der Uckermark, was mir ein Grund für die Attacke gewesen sein dürfte, denn man fliegt ruhiger in freundlicher Umgebung.

Ich lag dort noch Stunden, bis zum frühen Abend, und hin und wieder kam ein freundlicher Arzt vorbei, um mich nach meiner Vorgeschichte zu befragen. Ich gab an, dass diese Unpässlichkeit vermutlich doch nur ein Panikanfall sei, und die Lage entspannte sich. Ich lag in der Notaufnahme, der EKG-Monitor machte leise Bling, und ich fand die Ruhe wieder. Endlich ein bisschen Ruhe und Erholung. Nichts mehr zu tun und noch am Leben.
Gegen sechs Uhr wurde mein Nachbar auf die Psychatrische geschickt und ich nach Hause.
Draußen schien die Sonne, das Leben war noch da, die Finsternis umfing mich nicht mehr, und ich lief mit weichen Knien zum Supermarkt um Süßigkeiten zu kaufen.
Mein schönstes Ferienerlebnis.

Jetzt sitze ich hier in meiner Kammer, an meinem Sekretär, und schreibe das erste Mal seit dem Anfall. Noch sitzt mir die Erschöpfung in den Gliedern, aber alles fügt sich wieder in meinem Kopf zusammen. Wie fragil dieses Ich ist, wusste ich schon lange, aber es ist immer wieder eine große Geburtstagsüberraschung, das Platzen des inneren Ballons zu fühlen. Wahrzunehmen, dass alles zu Ende, wenn auch noch nicht ans Sterben geht, wahrzunehmen, wie alles, was ich als meine Identität empfinde, zerstieben kann, und nichts zurück bleibt, als ein weiches, halb zerquetschtes Tier, eine Minusgestalt.
Doch in dem Moment, in der die Welle bricht und mich unter sich begräbt, reißt etwas sich in mir hoch, zwischen den eng stehenden Schleusen der Panik, zwischen denen die Todeskraft entlang strudelt, reißt sich also etwas hoch auf den Vorsprung über meinem Bewusstsein, das so real ist, dass ich es als Nukleus meines Selbst erkennen muss. Kein Gefühl ist intensiv wie dieses, keines schlägt mich derart zurück in die Ursprünge meiner Person, hin in die elternfreie Wiege, in das Krankenhausbettchen, in die stille, sprachlose Nacht, zurück hinter die Schranke der Erinnerung.
Ironisch, dass mich das dort hinbringt, wo ich am wenigsten sein will, in ein Krankenhaus.
Aber die Zeit schreitet fort, Panther Reh, und nichts bleibt in den Händen als Staub zurück, nicht einmal die Hände kann ich Herrn Gryphius reichen. Nicht einmal Staub kann verwehen. Sekundenschlaf, Erinnerungsströme, Zeitverwirbelung. A burst of sound. This can not be happened…

Nach der Umarmung Pans dann eine stille Woche im Klischee. Bücher und Kräutertee. Korrespondenzen und Regen vor den Fenstern. Zwei Tage nach dem Ereignis bekam ich per Post meine neue Lesebrille, ein zwanzig Euro teures Modell eines Internethändlers, und endlich konnte ich wieder schnell und flüssig lesen. Was für eine Sensation, was für ein Vergnügen. Seitdem ein Buch nach dem anderen und das Verlangen nach einer noch stärkeren Brille.

Der Gott Pan

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Samstag, 14. Juli 2012

Vermutlich die wichtigste Band für mein Gehirn. (Ich wollte immer sein wie Alan Vega, bis ich ihn sah, 1991 im Quartier Latin, auf der Potsdamer Straße (jünger als ich jetzt) . Er kippte zehn Minuten nach Beginn von der Bühne. Besser als Beethoven.




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Freitag, 13. Juli 2012

(Frau und Kind sind gerade los gefahren, in die Uckermark, mit einem Zelt im Gepäck. Ich hoffe, dass es nicht allzu sehr regnet. Hier ist es fünf Minuten still geblieben, dann habe ich Cembalosuiten von Händel aufgelegt - die Sammlung von 1733, gespielt von Edgar Krapp auf einem Kirckman-Nachbau von 1787 - ich hoffe, die Nachbarn mögen Barock).

Gestern Nacht, als ich mich versuchte in den Schlaf hinein zu wälzen, aber ihn nicht finden konnte, dachte ich wieder einmal über den Tod nach, so wie ich es fast täglich tue. Und es kamen mir zwei Gedanken, für die ich nochmal aufstand, um sie niederzuschreiben:

Weil wir den Tod in Verbindung mit dem Schlaf setzen, und weil wir ob der geschlossenen Lider kurz vor dem Schlaf nichts als Schwärze sehen, glauben wir, dass der Tod Dunkelheit ist und Leere und Abwesenheit. Das ist aber nur eine durch Unwissenheit vorgegebene einspurige Assoziation. Es scheint mir, als sei die Angst vor dem Tod in der Angst vor dem Schlaf begründet und nicht umgekehrt. (Vielleicht spielt auch noch die Erinnerung an die Zeit im Mutterleib mit hinein).

Denn was soll kommen nach dem Tod, wenn nicht das Licht?
Wir können uns Gott als Körper vorstellen - dieser Körper mag das Universum sein, das All, oder noch alles darüber hinaus sich befindliche - und wir sind die denkenden Zellen dieses Leibs, die wie in einem Nervennetz ihre Gedanken zu dem Gehirn Gottes schicken, das klarerweise zudem selbst denkt, dessen Gedanken wir aber nicht fassen können, weil wir nur Sender sind. Erst nach dem Eintritt des Todes werden wir auch zu Empfängern sowohl der Gedanken Gottes, als auch der Gedanken aller anderen Zellen (die fleischliche Abschirmung fällt ja weg). Das ist wohl das, was man gemeinhin Noosphäre nennt.

Gott in Frankreich, 13tes Jhdt

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Mittwoch, 11. Juli 2012

Kafka war der größte Ladenhüter, den man sich denken kann. Von seinem ersten Buch "Betrachtung", erschienen Ende 1912 bei Rowohlt, und von Kurt Wolff herausgegeben, verkauften sich in den ersten fünf Jahren weniger als 400 Exemplare (meine Güte, da verkaufe ich ja mehr... fast), in einem Zeitraum, in dem Kafka nahezu sein Gesamtwerk publizierte. Von seinem Erstling also keine 100 Stück pro Jahr. Da haben aber einige nicht aufgepasst zu Zeiten der Moderne.

Doch es gibt natürlich eine Pointe, wie auch anders beim Kafka Franzl: welches war eines der teuersten Bücher des 20sten Jahrhunderts? Natürlich die "Betrachtung", 2001 im Antiquariat Wien für schlappe 18.500 DM verkauft. Und diese Ausgabe war nicht etwa signiert, nein, für einen Kafka mit Kaiser Wilhelm muss man schon etwas mehr anlegen; 2005 wurde eine signierte Ausgabe von "Der Heizer" (Kurt Wolff, Leipzig 1913) beim Auktionshaus Hauswedell Nolte für 45.657 Euro versteigert.

Für das Geld hätte Kafka drei bis vier Jahre weniger in der verhassten Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen arbeiten müssen.

Ach, ja, l´argent. Eine ewige Misere.
Im selben Jahr schrieb ein anderer KuK-Schriftsteller, nämlich Robert Musil, über das liebe Geld der Dichter:
Ein vom Publikum favorisierter Schriftsteller hat heute durchschnittlich das Einkommen eines Hoteldirektors, in ganz seltenen Fällen das eines nicht sehr gut gestellten Bankdirektors. Ein vom Publikum nicht favorisierter Schriftsteller hat das Einkommen eines Liftboys, in ganz seltenen Fällen das eines Bankdieners. Häufig bloß das eines Volontärs. Schuld an diesen Zuständen will niemand haben, nicht der Schriftsteller, nicht der Verleger und nicht das Publikum. Wie alle weitgreifenden wirtschaftlichen Konstellationen sind sie unpersönlich oder überpersönlich. Daß sie von größtem Einfluß auf das künstlerische Schaffen sind, ist sicher. Daß sie geändert werden müssen, ist sicher. Wie - darüber habe ich nicht nur kein Urteil, sondern kann auch keines mit Überzeugung äußern, weil ich auf Reisen bin und das redlich übertreibungslose Leben eines Nichtschriftstellers führe. 

Kafka Franzl

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Mittwoch, 11. Juli 2012

In der Stille zu leben ist nicht mehr möglich. Je älter ich werde, um so mehr umfasst mich das Leben, mit all seinem Lärm. Ich hoffe auf das Alter, und dass die Geräusche des Lebens absterben werden.

Heute einige Entwürfe zum vierten Roman zu Papier gebracht. Dann noch ein Gedicht geschrieben und festgestellt, dass ich wohl Romancier geworden bin. Wo ist das hin? Die Lyrik. Vermutlich ist sie hier in diesem Blog versickert.

Und ich bin ganz kraftlos. Die KITA des Kindes hat seit zwei Wochen eine Ferienschließzeit. Die letzte Energie fließt in die Prosaarbeiten. In die fröhliche Frohn. Der Blog muss warten. - Stattdessen als Pausenbild eine Reklameanzeige, die ich in einem Spiegel von 1976 fand. Ich dachte zuerst, es sei eine Bierwerbung:

Holsten knallt am dollsten

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Mittwoch, 4. Juli 2012

Ich fühle mich so müde wie ein alter Mann. Der Schlaf war kurz, die Maßnahme hat mein Gehirn durch Nichtbenutzung abgenutzt, und auch zum Arbeiten bin ich nicht gekommen. Ich war nicht einmal motiviert Gedichte zu lesen.
An solchen Tagen, wenn ich in diesen großen Ordner eingeheftet werde, der sich Realität nennt, wenn dieser große Ordner mich in die Irrenanstalt des wirklichen Lebens einweist, in der es nichts zu tun gibt, außer zu warten und das Gehirn gut zu lüften, immer dann wird mir klar, wie grau und grauenhaft die meisten Leben sein müssen. Wenn der Mensch nichts zu tun hat, dann flieht er dem Fernseher entgegen, der noch nicht einmal das Selbst aufsaugen kann, denn das hat die Langeweile schon ausgelöffelt.
An Tagen wie diesen wird mir deutlich, wie privilegiert ich eigentlich bin, mit all der Arbeit die mich erfüllt, die mich ausfüllt (und mit der ich mich abfülle), wie schrecklich es sein muss, arbeitslos zu sein. (Wobei die anderen, mit denen ich in jenem ausgekeimten Raum mit fleckiger Auslegware saß, sich tapfer hielten, selbst die, die sich schon vor langer Zeit aufgegeben haben, saßen dort ihre Stunden ab, obwohl es ja ein Leichtes gewesen wäre, von einem gutwilligen Arzt ein Attest zu bekommen, das von der Orientierungs- und Aktivierungsmaßnahme entbinden würde, und sei es nur durch einen vorgetäuschten Schnupfen. Aber, nein, sie schlagen auf um acht Uhr morgens und lernen tagelang, wie man eine Bewerbungsmappe gestaltet).

Am Nachmittag erwartete mich dann ein Umschlag auf dem Schreibtisch: das Freigabeexemplar der Georg-Heym-Anthologie „Ich bin von dem grauen Elend zerfressen“ war aus der Druckerei gekommen, und nun hielt ich es in den Händen, den Rucksack mit meiner Frühstücksbox und der Wasserflasche noch auf dem Rücken. Meine erste Herausgabe! Wenn ich nicht so müde gewesen wäre, hätte ich mich unbändig gefreut. So freute ich mich auch, aber etwas verhaltener und in dem Wissen, dass Schlafentzug präzise die Erinnerung löscht; Opfer von Unfällen und Verbrechen wird heutzutage empfohlen, die Nacht nach der Tat oder dem Geschehen nicht zu schlafen, dann würde sich die traumatische Erinnerung schwächer einprägen.

Doch jetzt gerade liegt der Band wieder neben mir auf dem Schreibtisch, und morgen wird er auch noch dort liegen, und am Wochenende. Und am Wochenende werde ich ausgeschlafen sein. Ich werde mich erinnern können.
Und ihr dort draußen müsst das Buch alle, alle kaufen. Denn es ist ein phantastisches Buch geworden, eine Anthologie zum 100sten Todestag Georg Heyms. Mit dreißig Gedichten von ihm, die von dreißig zeitgenössischen Dichterinnen und Dichtern erwidert wurden, so von zum Beispiel Max Czollek, Stephan Reich, Birgit Kreipe, Jinn Pogy, Hendrik Jackson, Jan Wagner, Björn Kuhligk, Tom Schulz und Katharina Schultens.
Und hier ist der Link zum Verlag: Lyrikedition 2000. Und so sieht es aus:


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Dienstag, 3. Juli 2012

Wieder saßen die Dichter an einem Kneipentisch in Kreuzberg. Und tranken zu viel. Ich versuchte mit der schlechten Kamera zu knipsen, aber keine Dichterin und kein Dichter wollte sich an diesem Abend ablichten lassen. Sind sie alle nur schüchtern geworden mit den Jahren, oder sind es die Jahre selbst, die sie davor zurück schrecken lassen?
Die Dichter sind Wilde, sie sitzen in einem Kreuzberger Kraal und wollen nicht photographiert werden, denn sie fürchten, dass dieser kleine, merkwürdige Apparat ihre Seele stehlen, zugleich mit ihrem Abbild ihr Selbst aufsaugen könnte.
Stattdessen wurde ich abgelichtet, meine Seele saß fest an ihrem angestammten Ort, zwischen den Muskelfasern meines Herzens.

Florian Voß


Später bleischwerer Schlaf, wie die heiligen zwei Georgs schreiben würden, wären sie nicht in allertiefsten Schlaf verfallen. Dann mit den Vögelein aus dem Bett und frischem Muts zur Maßnahme, weil das Jobcenter mich natürlich doch noch gekriegt hatte. Verblüffend, wie schnell diese Sachbearbeiter plötzlich reagieren konnten, als es um die erfreulichen Dinge des Lebens ging; keine drei Tage nachdem ich bei der ersten Maßnahme fort geschickt worden war, kam mit schnellem Boten (nein, es war nicht der des Herrn Nicolas Berggruen) eine Aufforderung ins Haus geflattert, dass ich mich in fünf Tagen in einem Seitengebäude des Ullsteinhauses einzufinden habe.

Und hier sitze ich nun, in einem leeren Computerraum ohne Netzwerkverbindung, und ich schaue aus dem Fenster und betrachte eine Weile ein begrüntes Vordach, eine kleine Wildnis, die lange nicht mehr zurecht gestutzt worden ist. Hohe Gräser flattern im Abluftwind eines Lüfttungsschachts. Auch dichtes, weiches Moos wächst dort. Ein paar Waschbetonplatten  markieren Wege über das Dach, werden aber schon bald von Flechten vollständig überwuchert sein.
Ich warte auf den EDV-Experten (was für eine altertümliche Bezeichnung), der mir die Internetverbindung wieder zusammen basteln soll, denn die Dozentin der "Orientierungs- und Aktivierungs-Maßnahme" gestattet mir, ein bisschen Lektoratsarbeit zu erledigen, nachdem sie am ersten Tag mitbekam, dass meine Kompetenzen nicht durch sieben Stunden "Lebenslauftraining" aufgefrischt werden mussten.
Nur: wie soll ich Gedichte lesen, mit einem derart schweren Schädel?
Also schaue ich erst einmal wieder aus dem Fenster, und das was ich denke ist: Bäume sind schön.

Man muss ab und an solche simplen Erkenntnisse sich vergegenwärtigen. Natürlich sagt man oft "Das ist aber ein schöner, alter Baum" oder "Ich liebe dieses grüne Blätterdach der Allee, einer Kathedrale gleich" - na gut, zweiteres sagt man vielleicht nicht allzu oft - aber diese Grunderkenntnis "Bäume sind schön", die gerät aus dem Blick. (Besonders wenn man nüchtern ist).
Und jetzt ist auch der EDV-Mann da gewesen. Und jetzt kann die Arbeit endlich beginnen.


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Samstag, 30. Juni 2012

Die schönsten Platten waren natürlich die der ARCHIV-Serie der Deutschen Grammophon Gesellschaft. Es gab nichts, was ich in meiner Kindheit zu Gesicht bekam, das eine derartige Distinguiertheit ausstrahlte, nichts, was dem Besitzer einen dermaßen großen, goldenen (und dabei natürlich unsichtbaren) Orden der Bildung ans Revers heftete.
Mein Großvater hatte einen kleinen Stapel dieser LPs. Sie standen neben der – so sagte man mir – sehr teuren HiFi-Anlage im Klavierzimmer, und durften genauso wenig von einer Kinderhand berührt werden wie die Anlage von Sony. Ganz selten nur wurde eine der Platten aufgelegt, denn mein Großvater hatte schon lange vor meiner Geburt das Klavier spielen eingestellt und danach auch keine Berechtigung mehr gesehen, andere Pianisten zu hören.
Auch seine künstlerische Arbeit war genauso unbarmherzig von ihm eingestellt worden, wie Jahrzehnte später das Rauchen – von einem Tag auf dem anderen. Während meiner gesamten Kindheit stand sein letztes, unvollendetes Werk zwischen Klavier und Stereoanlage; ein Kinderporträt aus Ton, das noch auf dem Arbeitsstativ steckte und einstaubte.
Er hatte früh mit der Bildhauerei angefangen, war aber immer zu kritisch gewesen, zum einen, weil sein Vater ein angesehener Maler gewesen war, zum anderen, weil er nicht genug Geld für seine sechsköpfige Familie damit verdienen konnte. Aber überall standen noch Steinköpfe und Holzfigurinen in den Zimmern, und im winzig kleinen Garten ein lebensgroßer Akt aus Granit, der, wie ich viel später erfuhr, meine Großmutter darstellte. So verbachte ich jeden Sommer im Haus eines Künstlers, der kein Künstler mehr war. Der aber immer noch Gedichte schrieb, wie er es wohl seit seiner Jugend getan hatte, und die er zusammen mit Arbeiten anderer semiprofessioneller Schriftsteller in einer selbst edierten Zeitschrift veröffentlichte. Die Zeitschrift hieß „Phönix“, und er setzte und druckte sie mit einem der ersten Heimcomputer, einem dunkelgrauen Ungetüm ohne Bildschirm, das mit einem Staubfang abgedeckt in seinem Arbeitszimmer stand.
Wenn wir in den Sommerferien bei den Großeltern logierten, schliefen mein Bruder und ich dort auf zwei alten Betten aus lackiertem Stahlrohr, die wie die Flügel des Tores zur Hölle quietschten. Und mein Großvater verbot mir, den Staubfang wegzuziehen, um diese dunkle Maschine zu betrachten, denn die hätte so viel gekostet wie ein Kleinwagen. So kam es, dass mir erst später klar wurde, dass mein Großvater vermutlich zu den zwei Dutzend Privatleuten in Den Haag gehörte, die schon 1974 einen eigenen Computer hatten. Anfang der 80er kaufte er sich dann die erste elektrische Schreibmaschine mit Display und Speicher, ein Gerät von Sony. Da hatte ich gerade selbst angefangen zu schreiben, und ich beneidete ihn sehr um dieses Gerät. Nach seinem Tod ist es vermutlich für zehn Gulden bei einem Trödler verkauft worden.
Vor einigen Jahren habe ich mir beinahe die gleiche Schreibmaschine bei Ebay ersteigert, aber was würde ich damit angefangen haben, letztendlich, ich war mir nicht einmal sicher, ob es noch das passende Thermopapier gegeben hätte.
Stattdessen sammele ich nun schon seit einigen Jahren die ARCHIV-Platten der Deutschen Grammophon, die man für ein, zwei Euro auf dem Flohmarkt bekommt. Ich liebe nach wie vor ihr schlichtes, distinguiertes Design, und mittlerweile höre ich sie auch, ich habe ja keine Kinderhände mehr (und ich verwahre sie außer der Reichweite meines Sohnes) . Die dort archivierte Musik entspricht genau meinem Geschmack; Klassik in „Historisch informierter Aufführungspraxis“. Bach auf dem Cembalo, Mozart auf dem Hammerklavier, Dowland auf der Knickhals-Laute, aufgenommen in den späten 50ern, als bei allen anderen Schallplattenfirmen Bach auf dem Klavier gespielt wurde, Mozart ebenfalls, und Dowland auf der Gitarre. Was für akustische Sensationen müssen das gewesen sein im Jahre 1957. Haydn auf einem Graf-Fortepiano, Lieder von Ludwig Senfl, begleitet mit Zinken und Pommern! ARCHIV, dein Name sei der Name der schönsten aller Platten!


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Donnerstag, 28. Juni 2012

Gerade, nachdem ich den Abend in meiner stillen Kammer verbrachte hatte, die auch still geblieben war, weil offenbar die deutschen Fußballdeppen verloren haben, und in der ich zehntausend Zeichen in die schäbige Tastatur meines Laptops Baujahr 1998 gehackt habe; gerade nachdem ich die Kammer mit teerverklebten Lungen und rotweindurchschossener Leber verließ, musste ich an Radio 100 denken.
Ich hatte in der Anthologie "Vogel oder Käfig sein", die die Samisdat-Druckerzeugnisse der späten DDR Revue passieren lässt, einige Gedichte von Rüdiger Rosenthal gelesen, der mir kein Begriff war. Beim Googlen entdeckte ich, dass er wohl das lyrische Schreiben nach der Wende eingestellt und stattdessen Journalist geworden war. Unter anderem bei Radio 100.
Auch das ist völlig verschwunden, kaum noch ein Gerücht, schon zwanzig Jahre her. Ich war gerade in Berlin angekommen, hauste in der düsteren Parterrewohnung meines Bruders, der für ein geschätztes Jahr nach Leningrad gegangen war (so hieß das damals noch, mein Sohn), und zählte die Weberknechte an den Wänden des Flurs, trank den Maitre Philippe aus der Flasche und rauchte Senoussi. Und hörte jeden Abend, bevor ich ins Café Anfall ging (oder ins Niagara, oder in den Heidereiter) diesen einen Sender: Radio 100. Das beste Radioprogramm, dass jemals über den Äther ausgestrahlt wurde.
Auch wenn ich nicht mehr sagen kann, was eigentlich genau gesendet wurde, ist schon zu lange her, nur so ein Klumpen Erinnerung ist übrig geblieben, in dem Stimmen sind und Musik. Feeling B wurde dort gespielt, und die ersten deutschsprachigen Platten von Element of Crime. Und Kassettensampler aus der Independent-Szene. Merkwürdige Krachmusik aus dem tiefsten West-Berlin. Und es gab Kulturprogramme für Anarchisten, für Radikale und für Schwule & Lesben (Eldoradio hieß die Sendung und war vermutlich die erste ihrer Art europaweit).
Ich glaube, um 17 Uhr wurden Kultur- und Szenenachrichten gebracht, und die Sendung hieß "Teeschock". Oder hieß die eine "Teerausch" und die andere "Kulturschock"?
Und da war noch viel mehr, aber es verschwimmt mir im Kopfe.
Das eine weiß ich aber noch: wenn eine Straßenschlacht in Kreuzberg oder Friedrichshain stattfand, dann wurde in den Verkehrsnachrichten von Radio 100 auf die gesperrten Straßen hingewiesen: "Liebe Leute, auf der Oranien- und Wienerstraße ist alles zu wegen eines Polizeieinsatzes. Bitte umfahrt den Bereich weitläufig, und, Freunde, geht da bitte nicht hin". (Mach ne Faust aus deiner Hand...)


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Dienstag, 26. Juni 2012

Am gestrigen Morgen stand ich also um Punkt 8.28 Uhr an der Tür, hinter der die Maßnahme wartete. Ich strich mein Haar glatt und ging hinein. Dort saßen knapp zwanzig Arbeitslose um ein Tisch-Hufeisen und starrten mich an. Und der Kursleiter teilte mir zerknirscht mit, dass ich überzählig sei. Denn das Jobcenter würde zu solchen Kursen immer die doppelte Anzahl Teilnehmer verpflichten, in der Erwartung, dass das lasche, arbeitsscheue Pack nur zur Hälfte auftauchen würde. Da aber der arbeitslose Arbeitnehmer von Angst getrieben ist, heutzutage, waren zu diesem Kurs schon vor dem festgelegten Beginn die nötige Anzahl erschienen, so dass ich mir wenige Minuten später mein sinnloses Erscheinen im Sekretariat bestätigen lassen und wieder nach Hause fahren konnte. Und ich fuhr mit meinem Fahrrad durch die Kleingartenanlagen (die Wolken jagten über den Himmel), zwischen der Maßnahmenmisere und meinem Heimathafen, und ich war ernsthaft betrübt. Man wollte mich mal wieder nicht haben. So schade ist das.

Den Tag verbrachte ich dann mit Lesen und Vaterpflichten. Und war sehr froh, am Abend endlich zusammen brechen zu können. Das Leben der Boheme ist hart. Und ich schlief 14 Stunden am Stück einen rauen und schwermetallfarbenen Schlaf, aus dem ich an diesem Morgen ausgemangelt erwachte, um ein wenig zu weinen.
Danach war Korrespondenz zu erledigen, das Kind wollte unterhalten werden, das Wetter war trübe.
Ich las zwischendrin bei Facebook, dass eine Freundin den Jahreszeiten eine neue Abfolge gegeben hatte: Frühling, Arschloch, Herbst und Winter. Aber damit war ich nicht einverstanden, vielmehr müsste man sagen, die Klimakatastrophe beschere uns einen ewigen Herbst. Trakl hätte diese Katastrophe geliebt. Und nebenbei: müsste der Kölner Dom nicht schon halb unter Wasser stehen; gab es nicht in meiner Jugend dieses Spiegel-Titelbild, dass uns so ikonographisch an den Untergang gemahnte?

Am Nachmittag ließ ich mir eine neue Brille anpassen, aus Glas, bei Fielmann, für 35 Euro. Danach wieder auf den Spielplatz, auf dem die Mütter genervt in den Himmel blickten und die Kinder zaghaft mit den Schuhspitzen im Spielsand scharrten. Die wilden Kirschen neben den Kleinkindschaukeln waren noch grün, der Körper, den ich mit mir herumtrug, war ein Schlachtfeld, über das der Krieg schon fort gezogen war, und das nun wüst und eingestampft unter dem Himmel aus weißem Hemd lag.

Ich ging zurück zu meinen Büchern und las über die Spitzel. Und es gab einiges, was mir einfiel, was mich anfiel, als ich über diese Spitzel mir Gedanken machte:
Es sind die Randfiguren, und eben nicht die zentralen Spitzel der Szene vom Prenzlauer Berg gewesen, die sich nach der Wende literarisch durchsetzten konnten; Hilbig und Grünbein haben den Büchnerpreis bekommen, Wawerzinek den nach Ingeborg Bachmann benannten. Wer hätte das gedacht, in den alten Kreisen hinter den sieben Bergen, dass S.C.Happy einmal alle nicht nur überholen, nein überrunden würde.
Mir ist er 1992 als versoffenes Subjekt vorgestellt worden. Der hätte nichts zu sagen, der da, der gerade auf der leeren Bühne der Volksbühne tanzte und Reden schwang, in die leeren Logen hinein, der nicht bei den wichtigen Leuten im Roten Salon oder in der Kantine das Maul aufriss, auf dieser wichtigen Premierenfeier, der lieber den Stühlen etwas erzählte.
So kann man sich irren.

Die zwei Spitzel hingegen, die Hoffnung der gesamtdeutschen Literatur, die einen Nachwendesommer lang herum gereicht wurden, Herr Anderson und Herr Schedlinski sind abserviert (sie werden platziert), der eine verstummt, der andere nahezu. Nichts genaues weiß man nicht. Sie scheinen ihr Geld zu verdienen, sie haben ein Privatleben, sie äußern sich nicht zum Sachverhalt.
Mit dem einen saß ich vor einigen Jahren am Kneipentisch, nach einer Lesung (nicht seiner), und er schien mir ganz guter Dinge. Er erzählte, er hätte eine Gryphius-Erstausgabe im Regal stehen. Und er sprach leise. Und mich überkam ein leichtes Gruseln, wie ich so neben ihm saß.

Das war vor Jahren. Kaum etwas ist übrig geblieben von der einstigen Szene. Ganz historisch ist das alles geworden. Die zwei Spitzel sind vom westdeutschen Feuilleton dazu verwendet worden, die ganze Szene unter den Teppich zu kehren. Papenfuß, Matthies, Jansen, Faktor; wer spricht noch von ihnen? Nur Kolbe hat sich auf ein Treibgutstück retten können.
(Oder liege ich falsch, sehe ich das alles nicht richtig, ist mein nachgeborener, westdeutscher Blick zu astigmatisch? Und wären diese, meine Augen seine, hätte Nicolas Berggruen das genau so gesehen?)

Aber geradezu paranoid macht mich die eine Überlegung: es wird in allen Verlautbarungen zu der Zeit, in den frühen 90ern, als ich gerade nach Berlin gekommen war und als naseweiser Jungdichter im Café Westphal stand, und in die Dämmerung hinein blickte, aus der nur zwei, drei bleiche Köpfe ragten, die vielleicht die angefüllten Schädel von Dichter waren, zu der Zeit also wird immer nur von zwei Spitzeln berichtet, dabei kann man in den übriggebliebenen Akten und Karteikarten nachlesen, dass es einige mehr gegeben haben musste, in der Prenzlauer-Berg-Connection. Doch wer waren sie? Das ist nicht mehr gefragt worden, denn irgendwann im Jahre 1993 waren alle Kombattanten so ermattet von dem Kampf in den Blättern, war auch das Marktgeschehen in den Kulturbeilagen plötzlich auf andere Affairen fokusiert, dass alle ins Schweigen zurück fielen.
Und wieder überkommt mich ein leichtes Gruseln, denn sie sind ja alle noch da, die Schuldigen und die Unschuldigen, aber ich weiß nicht mehr, wer auf welcher Seite der Barrikade nächtigt. Ich könnte auf Lesungen stehen, in der Literaturwerkstatt oder in irgendeinem Club, und neben mir steht ein ehemaliger Spitzel, der mir ein Bier reicht. Oder mir von seiner Gryphius-Erstausgabe flüstert.

(Und die einzigen, die vielleicht bescheid wüssten, wären die Herren (und Damen) vom Verfassungsschutz (deren Akten ich auch einmal gerne einsehen würde), denn sie hatten vielleicht die längsten Finger im Jahr 1990, und sie haben die besten Argumente auch heute noch, die Hunde schnüffeln zu lassen).

Und schrieb dies ein Schuldiger oder ein Unschuldiger?

das zimmer mit den zwei fenstern
der tote mantel dieser
nicht näher bestimmbare geruch
das hockende telefon das alles
in einem gewissen missverhältnis

die immer rätselhafteren
flecken an der wand der
verschwollene sessel die schwarze
kaffeekanne die umgekippten bücher die
vertrocknete goethepflanze

das alles war zu erwarten das
leichte fieber der lampe der
leer gestikulierende spiegel daneben
der lange kalender die fortschritte für
freitag die vaterschaftsklage

& weitere einzelheiten überall
ungenutzte elektrostecker die
dummen geräusche von unten die
türen in ihren geölten angeln
haben eine antwort auf alles

(aus „die rationen des ja und des nein“ von rainer schedlinski, aufbau 1988)

DAS LYRISCHE ICH
(Photo: Andres Rueda)

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Sonntag, 24. Juni 2012

Ich denke über Rainer Schedlinski und Sascha Anderson nach.
Schon am Nachmittag, in der Domäne Dahlem, auf einer grünen, blumendurchwehten Wiese, dachte ich über die Spitzel nach. Ich lag dort im schwarzen Jackett in der trüben Sonne, die durch ein halbdruchlässiges Wolkenlaken durchglimmte, das Wetter war schwül, mein Gehirn schwer angeschlagen von der noch immer in meinem Körper herum geisternden Erkältung, meine Frau lag neben mir und sprach von der Zukunft, während sie ein Holzmesser aus einem Rindenstück schnitzte, das für unseren Sohn bestimmt war, der hinter den Büschen, der grünen Wand aus Buschwerk, in Bäumen kletterte; dort also lag ich und dachte über den Prenzlauer Berg nach. Und war ratlos. Und denke weiter darüber nach, und werde morgen Abend berichten, wenn ich von der Maßnahme zurück komme, die mir das Jobcenter eingebrockt hat, und zu der ich die nächsten fünf Tage erscheinen muss, acht Stunden täglich, und in der man mir voraussichtlich beibringen wird, wie ich mich richtig und anständig und standesgemäß für ein Bewerbungsgespräch kleide, und wie ich mit MS-Dos umgehen muss, wenn ich einen hübschen, geradezu eilfertigen Bewerbungsbrief schreiben will. Auch darüber werde ich morgen berichten.

MIELKES DICHTERPULT
(Photo: Volker Plass)

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Freitag, 22. Juni 2012

Sommeranfang – selten in so grauen Tagen fest gehangen und dem Herbst entgegen gefiebert. Jetzt für 399 D-Mark nach Mallorca fliegen. Nach Port de Soller. Das wäre schön, das würde mir diesen hässlichen Sommer versüßen, diesen Sommer der schlechten Nachrichten, diesen Sommer ohne Treibstoff.

Vielleicht aber wäre ich ja auch fett geworden und würde einen Stone-Washed-Anzug tragen (hellgrün) mit dicken Schulterpolstern. Denn die Mode hat sich wenig verändert seit 1985. Keinerlei neue Impulse hier im Westen, in den letzten 27 Jahren. Die Frauen tragen noch immer Wildlederstiefeletten und asymetrisch geschnittene Jacken mit Applikationen.
Aber es ist nicht alles schlecht im Jahr des Herrn 2012, man kann mittlerweile sogar die Laptops bezahlen. Mein neuestes von Sinclair hat nur 2399 DM gekostet (ich hab es mit den Resten der ersparten Berlin-Zulage gekauft), und es hat ein integriertes Modem. Das wollte ich schon lange haben, denn seit vorletztem Jahr gibt es Internet auch für Privatpersonen. Die Telekom legt ja schon seit 2010 Anschlüsse für schlappe 199 DM. Und die Minute Internet kostet gerade mal 39 Pfennig. Demnächst werde ich dann wohl meine erste E-mail schreiben, an meinen Freund Mark, der im Rechenzentrum der FU arbeitet (in der Fakultät für Konfliktforschung).
Die Welt hängt derweil durchgehend am Abgrund, nachdem dieser unangenehme Stellvertreter-Krieg zwischen Pakistan und Indien stattgefunden hat, sie verharrt, diese Welt, seit zwei Jahrzehnten, und niemand regt sich, alle leben so vor sich hin und belauern die Gegenseite.
Falls sie sich nicht mehr erinnern können, oder noch zu jung sind, den großen Indischen Krieg erlebt zu haben, hier ein paar Eckdaten:
Nachdem der sowjetische Staats- und Parteichef Andropow gestorben war, wurde Andrej Gromyko neuer Generalsekretär – er hatte sich gegen einen noch unbekannten Herausforderer, einen gewissen Gorbatschow, durchgesetzt – und mit seiner Ernennung wurde der Kalte Krieg so eiskalt, das der vorherige Kalte Krieg im Rückblick geradezu frühlingshafte wirkte. Die UDSSR intensivierte ihren Krieg in Afghanistan, und die USA intensivierte ihre Unterstützung der Taliban. Die Russen zogen sich vorläufig 1988 aus dem verwüsteten Land zurück, und die Taliban marschierten wenig später in Pakistan ein und übernahmen auch dort die Macht. 1990 vereinigten sich beide Länder unter dem Druck der Gotteskrieger, und der neue Staat bekam den Namen Mogulistan und lieferte sich umgehend blutige Grenzscharmützel mit Indien, das mittlerweile von den Sowjets hochgerüstet wurde, unter den Argusaugen Chinas.
Wer genau im April 1991 die schmutzige Bombe im Zentrum Bombays zündete, wird wohl niemals geklärt werden können, aber in Folge kam es zu einem atomaren Schlagabtausch zwischen den beiden Ländern. Insgesamt acht mogulistanische und zwölf indische Mittelstreckenraketen verheerten die Region. Mehr als 25 Millionen Todesopfer waren zu beklagen und unzählige Verwundete.
Nach diesem, nur zwei Tage andauernden, Krieg besetzten die Sowjets erneut den afghanischen Teil Mogulistans und US-Truppen das ehemalige Pakistan. Kaschmir wurde unter UN-Verwaltung gestellt und fungierte als Puffer.
Seither stehen sich die zwei Blöcke nicht nur in Europa, sondern auch auf dem indischen Subkontinent gegenüber.
Die fortwährende Hochrüstung der letzten Jahrzehnte hat zudem alle Wirtschaftskraft der Kontrahenten aufgefressen, sodass es 1994 zu einer massiven Weltwirtschaftkrise kam.
Natürlich geht es uns noch gut hier im Westen, auch wenn seit über zehn Jahren das Benzin rationiert und jeden Sonntag autofrei ist. Es gibt noch immer genug Waren in den Supermärkten; vielleicht ist das Angebot von Luxusartikeln etwas eingeschränkt – aber Tilsiter schmeckt ja ebenfalls, es muss nicht immer französischer Käse sein.
Was mich persönlich am Meisten stört, ist die Abwicklung der zwei privaten Fernsehsender (RTL und SAT 1). Auf den öffentlich-rechtlichen laufen Tag aus, Tag ein die immer gleichen Wiederholungen (Hollywood ist von der Wirtschaftskrise schwer mitgenommen worden), und die Nachrichten vermelden jeden Abend die gleichen Erfolgsmeldungen vom Krieg in Ozeanien.

Vorhin gerade habe ich eine Ansprache des Bundespräsidenten Grass im ZDF gehört – eine Sondersendung, die vor dem Informationsmagazin der Bundeswehr ausgestrahlt wurde – und Grass sprach davon, dass wir den Gürtel noch enger schnallen müssen, weil die neuerlichen Unruhen im Nahen Osten auch Auswirkungen auf unsere Wirtschaft haben könnten.
Seitdem der US-amerikanische Präsident Schwarzenegger – den ich, am Rande erwähnt, noch in seinem letzten Film „Conan“ gesehen habe, und der unlängst seine dritte Amtszeit angetreten hat – seit also Schwarzenegger ein striktes Embargo über Saudi-Arabien verhängte (die islamistische Regierung dort war mehrfach in die israelischen Grenzgebiete einmarschiert, aber von den Truppen Israels immer wieder zurück geschlagen worden), ist der Ölhahn noch weiter zugedreht, und hier in Berlin munkelt man, dass es bald auch einen autofreien Samstag geben soll.
Bundeskanzler Scharping hat zwar keine Mobilmachung ausgerufen, aber den kasernierten Einheiten der Bundeswehr ist jeglicher Ausgang oder gar Urlaub gestrichen worden. Wir werden wohl bald gen Ozeanien marschieren.

Habe ich schon erwähnt, dass sich seit 2004 der Fernseher nicht mehr ausschalten, nur leiser stellen lässt. Und dieser Fernseher, ein Volksprodukt von Siemens, muss in jedem deutschen Haushalt fest in der Wohnzimmerwand installiert sein.
Ah, jetzt gerade senden sie das neue Lied von Dieter Bohlen: „Die Wacht am Hindukusch“.
Eine so schöne Melodie . . .

Bundespräsident Grass mit Generalsekretär Anderson

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Mittwoch, 20. Juni 2012

WERBUNG

Ich möchte alle Leser und Leserinnen dieses Blogs noch mal auf meinen aktuellen Gedichtband aufmerksam machen.




Der Blog ist kostenlos, das Buch kostet auch nicht viel.

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Dienstag, 19. Juni 2012

Wie wäre er denn gewesen, der Westen, im Jahr des Herrn 2012? Wenn die Mauer nicht gefallen wäre.
Eilmeldung Reuters, vom 27. Oktober 1989: nach der Chinesischen Lösung in Leipzig und Berlin, sind gestern die letzten Widerstände der DDR-Opposition zusammen gebrochen. Es kam zu Massenverhaftungen. Viele Bürgerechtler wurden in zuvor angelegten Lagern eingeliefert. Unsere Korrespondenten sind ohne Nachricht dieser Entrechteten, und auch die genauen Todeszahlen des Massakers auf dem Alexanderplatz entziehen sich weitgehend unserer Erkenntnis. Aus Oppositionellenkreisen wird aber von mehreren Hundert Ermordeten berichtet. Seit Montagabend herrscht Friedhofsruhe über dem stalinistischen Teil Deutschlands.

Die DDR ist also nicht zusammen gebrochen und hat sich in den darauf folgenden Jahrzehnten, ebenso wie die anderen Ostblockländer, abgeschottet. Nur in Rumänien gab es 1994 einen Volksaufstand, der aber von Sowjetischen Truppen blutig niedergeschlagen wurde. In der Zone heißt seit 1997 der Generalsekretär des ZK Egon Krenz (nach einem innerparteilichen Putsch gegen Honecker, bei dem seine Frau Margot auf ungeklärte Weise ums Leben kam). In der BRD regiert der agile Wolfgang Schäuble seit 1998 mit der Mehrheit einer schwarz-grünen Koalition (Joseph Fischer wurde als Außenminister als einziger aus dem rot-grünen Kabinett unter Lafontaine übernommen, und ist nunmehr seit rund zwanzig Jahren der ewige Vizekanzler). Bundespräsident ist Rezzo Schlauch. Er wurde von der CDU/CSU mitgewählt, die so ihr Interesse an einer Zusammenarbeit mit den Grünen verdeutlichen wollte. (Die FDP unter Gösta Ostermann scheiterte bei den letzten Bundestagswahlen an der Fünf-Prozent-Hürde, die Freien Wähler unter Eike Siebenhaar zogen hingegen zum ersten mal mit knapp neun Prozentpunkten ins Parlament im Bonner Wasserwerk ein)

Eine Misere also, die westdeutsche Politik, insbesondere weil Altkanzler Kohl alle Tage seinen Senf dazu gibt, ebenso wie Altkanzler Schmidt, der ihm alle Tage widerspricht.
Aber es gibt ja auch den Lifestyle des Westens, der bügelt einiges aus. Zum Beispiel die hoch subventionierte Literaturszene in Westberlin, die fast allen Dichtern und Bohemiens ein Einkommen sichert. Unlängst wurde sogar eine eigene Literatursparte mit festangestellten Schriftstellern im Schillertheater eröffnet. Oberbürgermeister Frank Steffelt sprach aus diesem Anlass von "einem großen kulturellen Schritt der freien Welt". Auch der Ehrenvorsitzende der Berliner CDU, Eberhard Diepgen, konnte sich nicht verkneifen, auf die prekäre Lage der Schriftsteller in der sogenannten DDR hinzuweisen. Nach seinem Grußwort wurde ein Kassiber des Dichters Tom Schulz verlesen, der eine mehrjährige Haftstrafe im Gefängnis Bautzen absitzt, nachdem er seinen berühmt-berüchtigten Gedichtband im westdeutschen Hanser-Verlag veröffentlicht hatte. Sein Buch "Gehn´se weiter, Herr Gefreiter" hatte die eisgraue Nomenklatura der DDR so erzürnt, dass es zu einem, von der "Aktuellen Kamera" übertragenen, Schauprozess kam, in dem Schulz zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde.

Im Westen hingegen ist das Leben schön. Besonders in Westberlin. Man darf überall rauchen (kiffen auch, der Besitz und Konsum steht seit 1996 nicht mehr unter Strafe), die Wohnungen sind billig - ich wohne mit meiner Familie in SO 36, Blick über die Mauer ins braunkohlegefärbte Treptow, 6-Zimmer-Küche-Außenklo, Ofenheizung, 480 Euro warm. Ach, nein, 670 DM natürlich, denn den Euro gibt es ja nicht (beziehungsweise den ECU), das sind ja alles nur Planspiele des damaligen Bundeskanzlers Kohl geblieben, kurz bevor er 1994 abgewählt wurde.
Mit meinem Job beim SFB (Redakteur für Hörspiel und Radiokunst) und der obligaten Berlin-Zulage, lässt sich diese Miete leicht tragen, und für winterliche Ferien in Griechenland reicht es allemal (der Kurs der Drachme steht günstig zur Zeit). Ausserdem habe ich letztes Jahr zum dritten Mal das große Berlinstipendium bekommen, zusammen mit 59 anderen Dichtern. Die 40.000 DM sind noch nicht ganz aufgebraucht.
(... tbc ...)

Der Ostberliner Dichter Tom Schulz,
kurz vor seiner Verhaftung

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Montag, 18. Juni 2012

Ich lag auf dem Sofa und dachte nach, schaute auf die Sonnenreflexe, die von den Fenstern des Hauses vis a vis auf das Bleiglas der Flügeltür geworfen wurden. Gewitterlicht. Kurz zuvor war ein kleines Unwetter über uns hinweg gezogen. Jetzt glitzerte das gespiegelte Licht hell und kalt auf den alten, matten Scheiben.
Ich dachte zurück an die elterliche Wohnung meiner Jugend, in Karlsruhe, Gartenstraße 33, in der es auch eine Flügeltür gab, ich kann mich nur nicht mehr erinnern, ob Bleiglas in ihr gefasst war. Ich glaube schon. Aber welche Farbe hatte es, welche Form?

Meine Gedanken wanderten, wie man so sagt, und ich stellte mir vor, wie es wohl sei, einmal wieder an der Tür unserer alten Wohnung zu klingeln und die neuen Bewohner um eine Besichtigung zu bitten. Ich würde ihnen ein, zwei Photographien aus der frühen 80ern mitbringen, um ihnen zu zeigen, wie es dort ausgehen hatte. Ich würde dann staunend durch die völlig fremde Wohnung gehen, vorbei an der nun weiß oder beige gestrichenen Küche, in der auch nicht mehr der alte Junkers-Durchlauferhitzer hängen würde.

Mir kam dieses eine Photo in den Sinn, auf dem man unsere Küche sehen kann: helle Holzstühle und dunkelbraun getünchte Wände. Bauernmalerei auf dem eingelassenen Wandschrank, der zum Hof hin ein kleines Gitterfenster hatte, mehr eine winzige Speisekammer war, in der man sogar zwischen den zwei rechtwinklig aufeinander stoßenden Regalen stehen konnte, wenn man nicht allzu dick war.

Und auf diesem Bild, an dem weiß emallierten Gasherd, steht mein Vater, so alt wie ich jetzt, und brät mit großer Geste Bratkartoffeln. Keiner briet sie so wie er, mit Salamistücken, Silberzwiebeln und Oregano.
Er kochte nicht oft, aber wenn, war das ein Ereignis, allein deshalb, weil die Küche danach wie ein Schlachtfeld aussah, und da mir der Abwasch als Haushaltsarbeit oblag, seit ich zehn oder elf geworden war, musste ich die Sauerei wieder weg putzen. Ober diese Bratkartoffeln lohnten es.

So zu liegen auf der Couch, die Gedanken schweifen zu lassen (was eine abgegriffene aber passende Metapher ist), das sollte man nicht nur beim Psychoanalytiker tun. Das ist ein angenehmes Gefühl, das ich mir viel zu selten gestatte, zu dem ich auch meist zu nervös bin. Hingegen in meiner Jugend konnte ich ganze Nachmittage auf dem Sofa oder der Matratze verbringen, ohne das mir die Zeit lang wurde. (Heute würde ich in spätestens einer halben Stunde eingeschlafen sein).

Morgen muss ich Bratkartoffeln machen. Für meinen Sohn.


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Sonntag, 17. Juni 2012

Auf Wolken, ich lief auf Wolken. Und in mir floss der Sonnenschein durch alle meine dünnen Adern.
Ich war gerade dreizehn Jahre alt geworden, als ich zum ersten Mal Haschisch rauchte, in einem Treppenhaus, zusammen mit Joe und noch einem anderen Freund. Wir waren auf dem Weg zu einem Rollenspielabend, und wir waren sehr junge Kiffer.
Das war eine Zwischenzeit. Die Playmobilsammlung war verkauft (das Geld in einen Grundig-Radiorecorder angelegt, der noch heute neben meinem Bett steht, und mit dem ich zur Nacht ab und an Kulturradio oder den Deutschlandfunk höre), auch die Star-Wars-Figuren standen eingemottet im Schrank, aber ich spielte noch leidenschaftlich gerne Fantasy-Rollenspiele, vor allem das erste deutsche Spielsystem "Midgard" - lange Jahre lief ich in Gestalt eines Barden durch finstere Verliese, umringt von Ghouls und Drachen, auf der Suche nach Gold und Zaubertränken. Der Barde hieß Atrun, soweit ich mich entsinnen kann.
Die Ex-Wunderkinder um Joe (und mich) trafen sich auf dem Speicher seines großelterlichen Hauses, denn dort hatten wir Raum und Ruhe. Joe hatte aus Sperrmüll einen Hochsitz gebaut, der sicherlich fünf oder sechs Quadratmeter maß, und auf dem wir lagerten, hingestreckt auf alte, staubige Matratzen, überdacht von vergilbten Laken und Stoffen.
Dort spielten wir Haschen im virtuellen Mittelalter des "Schwarzen Auges" oder in der Vorzeit des "Dungeon and Dragons". Und kifften dabei. Und hörten Ougenweide.
Ougenweide hatte ich mitgebracht. In der Jugendbibliothek im Prinz-Max-Palais hatte ich sie entdeckt, dort gab es ein Regal mit Musikkassetten, die man nach Hause ausleihen konnte, im Gegensatz zu den Schallplatten, die nur vor Ort gehört werden durften, damit sie pfleglich behandelt wurden. Die ersten drei Kassetten, die ich auslieh, waren The Velvet Underground (der Bandname gefiel mir), Black Uhuru (mein großer Bruder hörte Punk und Reggae zu der Zeit) und eben das "Liederbuch" von Ougenweide, auch da weckte der Name meine Neugier.
Auf dieser Platte hörte ich zum ersten Mal ein Gedicht von Walter von der Vogelweide, durch diese Gruppe begriff ich zum ersten Mal, dass es auch Musik jenseits von Pop, Rock und Jazz gab. Was für eine Offenbarung: das Mittelalter schien sich ganz anders anzuhören (jedenfalls hielt ich mit dreizehn das, was ich dort hörte, für Musik des Mittelalters). Was ich damals noch nicht wusste war: auch die Musik auf dieser einen anderen Kassette, das Viola-Dröhnen der Velvet Underground ging zurück auf die Estampies der Trouveres. Erst mit Anfang zwanzig wurde mir die Traditionslinie klar - Conon de Béthune (und andere Trouveres des 13ten Jahrhunderts), Erik Satie, John Cage, La Monte Young, John Cale, The Velvet Underground!

Später, als ich mir auch das Kiffen abgewöhnt hatte, hörte ich die Orginale, die Ensembles, die die Musik des Mittelalters historisch informiert spielten. "Studio der frühen Musik", "Sequentia", "Hesperion XX" und viele andere. Aber noch immer höre ich ab und an gerne die Musik von Ougenweide. Und eines der liebsten Stücke war mir immer: "Ouwe" (das mit dem Vogelweide-Text).



(Und nachgedichtet habe ich das Gedicht später dann ja auch noch):

"Owê war sint verswunden alliu mîniu jâr!"
O Weh, wohin sind verschwunden all meine Jahr
träumte mir mein Leben, oder ist es wahr
Was ich wähnte, dass es wäre, ist es Wirklichkeit
habe ich geschlafen, verschlafen all die Zeit
Nun bin ich wach, es ist mir gänzlich unbekannt
was mir vertraut war, so wie die eigne Hand
Meiner Kindheit Land: dort ward ich aufgezogen
all das ist mir nun fremd, als wäre es erlogen
die Kinder die ich kannte, sind träge jetzt und alt
Verödet ist das Feld, zerhauen ist der Wald
Wenn nicht das Wasser flösse, wie es schon damals floß
dann wäre ich mir sicher, mein Unglück wäre groß
Der mich einst bestens kannte, grüßt lässig nun und träge
mit Mißgunst sind gepflastert alle meine Wege
So denke ich an manchen freudenvollen Tag
entfallen ist er mir, ins Wasser geht der Schlag
O Weh jetzt immer mehr

O Weh, wie jämmerlich die jungen Leute sind
vormals war´n sie so frohgemut, wie heute nur ein Kind
jetzt kennen sie nur Sorgen, ich frage mich wieso
wohin ich nun auch schaue, es scheint mir keiner froh
Das Tanzen und das Singen vergehn in Sorgen gar
nie hat ein Christ gesehen so jämmerliche Jahr
Schaut hin, wie all den Frauen ihr Haarkranz steht
und jeder stolze Ritter in Bauernlumpen geht
Unsanfte Briefe, die man aus Rom uns sendet
sind nur zum Trauern gut und gegen Freud gewendet
das schmerzt mich inniglich (wir lebten einst recht wohl)
dass ich nun für mein Lachen das Weinen tauschen soll
Die Vögel in der Wildnis stehn stumm vor unsrer Klage
Wen wunderts, dass ich an den Freuden schier verzage
was sprech ich dumpfer Mann in meinem bösen Zorn
wer diesem Leben folgt, hat´s andere schon verloren
O Weh jetzt immer mehr

O Weh, wie Süße hier vergiftet unser Leben
im Honig sehe ich die bittre Galle schweben
Die Welt ist außen schön: weiß, grün und rot
und innen ist sie schwarz, so finstern wie der Tod
Wen sie verführte, der sehe seine Tröstung
geringe Büße schon bringt gänzliche Erlösung
Bedenkt es, Ritter, das ist euer Ding
ihr tragt den goldnen Helm und manchen Rüstungsring
dazu das feste Schild und das geweihte Schwert
Hilf Gott, dass ich auch sei des großen Segens wert
So will ich armer Mann verdienen reichen Sold
doch mein ich nicht der Höfe und nicht der Herren Gold
Der Seligkeiten Krone will ich nun ewig tragen
die konnt ein Legionär einst mit dem Speer erjagen
Könnt ich die Kreuzfahrt machen übers Meer
so würde ich dann singen: nimmer mehr
dann nimmer mehr o Weh


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Samstag, 16. Juni 2012

Immer noch krank. Immer noch Regen. Vielleicht hilft ja Conon de Béthune - der Barbar des Minnesangs.
Wie weit dieses goldene Mittelalter der 1970er Jahre entfernt ist, da ich solche Musik zum ersten Mal entdeckte, gefiltert durch die Folkmusik der Gruppe Ougenweide, die ich im elterlichen Radio hörte, oder in der Hippie-Kommune, die Parterre in unserem Haus wohnte. Man wusste nie so genau, wieviele bärtige Männer und flachsblonde Frauen zu dieser Wohngemeinschaft gehörten, immer hingen neue Gestalten auf den Korbstühlen in der Küche rum und tranken Tschai mit Kandiswürfeln.
Dort hörte ich Musik, die ich später wiederfand. Sandy Denny, Nick Drake und eben die mittelalterlich gefütterte Folkmusik von Ougenweide. Zeitgleich wurden in den Studios von Teldec oder der Deutschen Grammophon die Orginale eingespielt. Das beruhigende Dröhnen des hohen Mittelalters, goldene Zeit der europäischen Kultur. Ich saß auf einem Steine und deckte Bein mit Beine. (So traurig dieser Abend). Aber nein, es ist zwar fast schon dunkel, tief trübe ist das Wetter draußen zwischen grauem Himmel und grauen Häusern, doch ist es nicht ganz drei Uhr. Die Stille dickt im Zimmer ein, nur in der Wohnung über mir trappeln Füße ohne Körper.
Merkwürdig diese 70er Jahre, mit all den Gammlern in Schafsfellmänteln, in der Fußgängerzone von Lüneburg, die ihre langen Bärte in den Sonnenwind hielten und Schmuck verkauften in kleinen Bauchläden. Dieser Müßiggang auch in der Musik. Das Treiben, das nicht Wollen, das Finden.
Und selbst die Sozialdemokraten in den Ämtern fanden das gut, wollten es den Hippies nicht austreiben, jedenfalls nicht mir massiven Maßnahmen.
All die Ritter und Knappen sind jetzt in den Verliesen der Jobcenter fest gesetzt, und ihre Kinder, nein, ihre Enkel reiten für McKinsey.
Kaum zu glauben, dass Ensemlbes wie das "Studio der frühen Musik" bis in den Massenmarkt hinein verkauften, und nicht nur auf Mittelaltermärkten (die es noch gar nicht gab) oder im Foyer der Konzertfestsäle. Hippies auch sie, langhaarige Intellektuelle, die die Geheimnisse der Troubadoure ans Licht fidelten.
Stattdessen - in 2012 - Ausrichtung zum Nützlichsein. Bärte nur noch gestutzt, oder besser gar keine bei den Unternehmensberatern. Keine Geheimnisse mehr, nur klare Ziele, die sich leer hinter der Zielgerade erstrecken. Nur ab und an spielt noch wer die Liebeslieder des Conon de Béthune auf youtube.




Ougenweide

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