Seit ich Wermut im März abgeschlossen habe, ist kaum noch etwas entstanden. 20 - 25 Gedichte, einige Blogeinträge, ein paar Entwürfe für den neuen Roman.
Eigentlich sollte sich das wie ein Schreibkrise anfühlen, aber zum ersten Mal seit Jahren treibt es mich nicht an den Sekretär. Das liegt vermutlich daran, dass eine Werkphase abgeschlossen ist, die die letzten 15 Jahre umfasst. Schon in den zwei Dutzend Gedichten der letzten vier Monate habe ich versucht, einen neuen Ton zu finden, eine neue Art die Sprache zu (re)konstruieren. Und in dem Roman, der mir bevorsteht, will ich die Worte weiter treiben, als ich dichtender Schäfer es bislang vermocht habe.
Mich fangen die stringent erzählten Geschichten mehr und mehr zu langweilen an, ich muss eine andere Segmentierung des Textes versuchen. Aber wie? Denn eine Geschichte will ich schon erzählen, so etwas wie Oswald Wieners Die Verbesserung von Mitteleuropa würde mir nicht reichen. Wie konstruiert man also ein Textkonvolut, das lose genug ist, um assozativ zu wirken, und verbunden genug, um den potenziellen Leser nicht vor den Kopf zu stoßen?
Probleme der Avantgarde im Dritten Jahrtausend.
Wenn ich mich in der Literatur der letzten 100 Jahre umschaue, denke ich, dass Arno Schmidt einen der interesantesten Ansätze hatte; seine Snapshot-Technik der 50er und frühen 60er Jahre ist ungebrochen fortschrittlich, nur sein Tonfall wirkt mittlerweile etwas staubig.
Robert Anton Wilson hat seine Illuminatus-Bücher auch recht geschickt geschnitten, und Harold Norses Beat Hotel könnte immer noch ein Vorbild sein.
Aber letztendlich ist es doch sehr überraschend, auf wie wenig nichtlineare Romantechniken man zurück greifen kann.
Ich muss also weiter nachdenken und alles aus mir selbst schöpfen. Es ist noch nicht Zeit für den Schreibtisch.
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Mittwoch, 24. Juli 2013
Dienstag, 2. Juli 2013
Letzte Woche Sand von Herrndorf gelesen. Bester Roman der letzten zehn Jahre. Allein schon der Anfang, dieses äußere und innere Panorama, das sich da auftut. Und die Figur der Helen Gliese (der Name der Sterne in Skorpion und Waage), selten eine so gute Charakterisierung in einem zeitgenössischen Roman gelesen. Darüber hinaus bin ich mir allerdings unsicher, ob Cetrois und Polidorio die selbe Person ist. Wäre dramaturgisch naheliegend. Aber ich glaube mich zu erinnern, dass Cetrois an der Auffahrt der Villa vorbei taumelt, in der zur gleichen Zeit Polidorio den blasierten Schriftsteller besucht.
Vermutlich ist der karierte Anzug des Rätsels Lösung. Ich muss den Roman in diesem Sommer ein zweites Mal lesen.
Was mich erneut verunsichert hat, war die so plastische Beschreibung der Wüste. Natürlich war sie plastisch, Herrndorf war ja im vorletzten Jahr dort. Die Verunsicherung betrifft auch nur mich selbst, denn in meinem nächsten Roman (mit dessen Entwürfen ich mich gerade beschäftige) wird die Wüste (Nevadas) eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Blöd nur, dass die einzigen Dünen, die ich jemals gesehen habe, bei Scheveningen an der Nordsee liegen. Ich hoffe, ich werde es besser als Karl May hinbekommen.
Seit gestern Morgen dann zum dritten Mal Arbeit und Struktur in einem Rutsch gelesen. Neben Sand sein bestes Werk, wie ich finde. Noch selten einen derart eindringlichen Text gelesen. Nun warte ich auf seine letzten Einträge die, befürchte ich, bald erscheinen werden.
Parallel dazu Leben von David Wagner. Natürlich lange nicht so gut und tiefsinnig, es fehlen in dem Buch die Reflektionen, das Innenleben; aber als eigenständiger Text gar nicht mal schlecht. Ich habe es jedenfalls bis zum Ende gelesen, und mich nicht darüber geärgert, dass Wagner dafür den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen hat. Interessant auch, dass wie in unserer Jugend offensichtlich partiell den gleichen Musikgeschmack hatten: Joy Division, The Cure, Souixsie and the Banshees. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Hätte bei ihm eher auf Duran Duran, maximal auf Depeche Mode getippt.
Vermutlich sollte ich Leben erneut lesen, wenn Herrndorfs Blog in meinem Kopf wieder etwas verblasst ist. Vermutlich ist das in Wirklichkeit ein gutes Buch.
Mittlerweile natürlich in einer reichlich morbiden Stimmung (noch morbider als sowieso schon immer). Stehe alle halbe Stunde auf dem Balkon in der Sonne, rauche Camel Filter (Marke meines verstorbenen Vaters) oder West (Marke meiner verstorbenen Mutter) und sinniere über den eigenen Tod. Momento Mori. Auch nichts Neues.
Ansonsten ein paar Gedichte geschrieben und über den Roman nachgedacht, den ich wahnsinnig gerne Licht & Blindheit nennen würde. Geht natürlich nicht.
Immerhin ist mir gestern im Halbschlaf eingefallen, wie ich das Motivationsproblem der zentralen Figur lösen kann: mit dem Angebot, ihr einen Computerchip ins Gehirn zu verpflanzen.
Sehr unsicher bin ich mir aber noch über die Struktur des Ganzen. Soll ich mit Spannungsbogen und Plotpoint arbeiten (so wie bedingt im letzten Manuskript - Wermut), oder bastle ich ein riesiges Gestrüpp verschiedener Segmente aus Zeit und Raum zusammen? Und wie behandle ich die wörtliche Rede im frühen 18ten Jhdt, euro Gnaden?
Vermutlich ist der karierte Anzug des Rätsels Lösung. Ich muss den Roman in diesem Sommer ein zweites Mal lesen.
Was mich erneut verunsichert hat, war die so plastische Beschreibung der Wüste. Natürlich war sie plastisch, Herrndorf war ja im vorletzten Jahr dort. Die Verunsicherung betrifft auch nur mich selbst, denn in meinem nächsten Roman (mit dessen Entwürfen ich mich gerade beschäftige) wird die Wüste (Nevadas) eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Blöd nur, dass die einzigen Dünen, die ich jemals gesehen habe, bei Scheveningen an der Nordsee liegen. Ich hoffe, ich werde es besser als Karl May hinbekommen.
Seit gestern Morgen dann zum dritten Mal Arbeit und Struktur in einem Rutsch gelesen. Neben Sand sein bestes Werk, wie ich finde. Noch selten einen derart eindringlichen Text gelesen. Nun warte ich auf seine letzten Einträge die, befürchte ich, bald erscheinen werden.
Parallel dazu Leben von David Wagner. Natürlich lange nicht so gut und tiefsinnig, es fehlen in dem Buch die Reflektionen, das Innenleben; aber als eigenständiger Text gar nicht mal schlecht. Ich habe es jedenfalls bis zum Ende gelesen, und mich nicht darüber geärgert, dass Wagner dafür den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen hat. Interessant auch, dass wie in unserer Jugend offensichtlich partiell den gleichen Musikgeschmack hatten: Joy Division, The Cure, Souixsie and the Banshees. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Hätte bei ihm eher auf Duran Duran, maximal auf Depeche Mode getippt.
Vermutlich sollte ich Leben erneut lesen, wenn Herrndorfs Blog in meinem Kopf wieder etwas verblasst ist. Vermutlich ist das in Wirklichkeit ein gutes Buch.
Mittlerweile natürlich in einer reichlich morbiden Stimmung (noch morbider als sowieso schon immer). Stehe alle halbe Stunde auf dem Balkon in der Sonne, rauche Camel Filter (Marke meines verstorbenen Vaters) oder West (Marke meiner verstorbenen Mutter) und sinniere über den eigenen Tod. Momento Mori. Auch nichts Neues.
Ansonsten ein paar Gedichte geschrieben und über den Roman nachgedacht, den ich wahnsinnig gerne Licht & Blindheit nennen würde. Geht natürlich nicht.
Immerhin ist mir gestern im Halbschlaf eingefallen, wie ich das Motivationsproblem der zentralen Figur lösen kann: mit dem Angebot, ihr einen Computerchip ins Gehirn zu verpflanzen.
Sehr unsicher bin ich mir aber noch über die Struktur des Ganzen. Soll ich mit Spannungsbogen und Plotpoint arbeiten (so wie bedingt im letzten Manuskript - Wermut), oder bastle ich ein riesiges Gestrüpp verschiedener Segmente aus Zeit und Raum zusammen? Und wie behandle ich die wörtliche Rede im frühen 18ten Jhdt, euro Gnaden?
*
In den letzten
Wochen immer wieder mal über den Bachmann-Preis nachgedacht. Zum dem
Schluß gekommen: seit sicher zehn Jahren unnötige Veranstaltung.
TV
ist eh scheiße. Und wären endlich alle Literaturverwurstungsshows
im TV verwurstet und runtergespült, wäre der Bachmann-Preis
Geschichte, ebenso wie alles was zum Beispiel Thea Dorn verbricht bis
zum Erbrechen, dann würde vielleicht, vielleicht die wirklich
relevante Literatur unserer Generation wahrgenommen werden.
Urteil
natürlich schwer getrübt durch die Kränkung, trotz zweimaligem
Bewerbs dort nicht eingeladen worden zu sein.
Immerhin
haben sie vor Jahren Herrndorf zum Tanz aufgefordert, wenn er am Ende
des Abends auch nicht das Blumenbuket zugeworfen bekam.
Von
Kränkungen gesprochen: seit der Umsonst-Aktion auf Amazon hat sich
die eBook-Ausgabe von Bitterstoffe kein einziges Mal verkauft.
Kein einziges Exemplar. Völliges Scheitern. Und die Fahnen hängen
schlapp in der absoluten Windstille.
Aber:
mein vierter Gedichtband wird im Oktober erscheinen. Cover und Klappe
sind schon fertig (Lektorat steht noch aus, was mich ein bisschen
unruhig macht):
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Freitag, 18. Januar 2013
Ich habe mich ja
immer als ein Lyriker begriffen, der auch Prosa schreibt.
Nur schreibe ich
seit Langem kaum noch Poetry (dafür einen Roman nach dem
anderen). Ein paar Reisegedichte, die minderer Qualität sind, obwohl
ich sie oft überarbeitet habe, was sonst nicht meine Vorgehensweise
ist (und die ich deshalb bislang nicht publizieren wollte), ein paar
einzelne Strophen in (meinem) alten Stil.
Letztlich sind mir
seit 2008 nur drei lange Zyklen geglückt, mit denen ich dachte eine
neue, für mich revolutionäre Phase einzuleiten; aber nun schaut es
so aus, als wäre ich mit diesen paar Texten am Ende meines Lateins
angekommen (Hink @ Nunk). Ein letztes Aufblähen vor dem
Zusammensacken. Pfffffff... .. .
Seitdem warte ich
auf einen neuen Zugang zum lyrischen Schreiben, und im Wartesaal, in
meiner verrauchten Kammer, erstelle ich dreihunderttausend Zeichen
Prosa pro Jahr. Merkwürdig genug, aber in diesem Genre fällt es mir
leidlich leicht, neue Formen aus mir herauszustanzen.
Ich könnte
natürlich auf hohem Niveau meinen Gedichtstil weiterführen, Buch um
Buch heraus hauen; vermutlich würde ich sogar erfolgreicher sein
damit, denn das Publikum liebt den konsistenten Stil, das
wiedererkennbare Gleiche; das Publikum liebt Durs Grünbein (Meine
Güte, was war das für ein großer Dichter... vor zwanzig Jahren).
Doch mir macht so was keinen Sinn. (Immer diese schwer goutierbare
Ironie, die sich in Front des Publikums störrisch ins Sprechen
einnistet).
Aber wohin könnte
ich schlappen, schleichen, schlendern, welche Poetologie ist nicht
verbraucht, aufgebraucht, weggeschlürft? Selbst die Gedichte Thomas
Klings wirken auf mich mittlerweile wie eine altbackene
Hochzeitstorte. Kling, der verspätete Heidebewohner, der Bargfelder
ehrenhalber.
Stattdessen, je
älter ich werde, langt mich der späte Celan an. Aber diesen Schild
kann ich nicht tragen, dafür sind meine Flossen zu linkshändig.
Was also tun? (Auch
Väterchen Frost, mit seinem Spitzbart von 1923, hat keine Antwort zu
bieten). Weiter in den Eingeweiden bohren (Hoppla, da ist es ja
schon, das schwarze, poetische Katzengold)? Bäumen und Nachbarn neue
Namen geben? Mimimi-cri in der Hülle (Hölle) legendärer,
sagenhafter Dichter treiben?
Meinen nächsten
Gedichtband mit dem Satz „Hundert Jahre nach Morgue die
neueste Sensation“ bewerben? Zurück in die Zukunft?
Ernst gesprochen:
alles ist zertrümmert und wieder aufgerichtet worden. Dieser Tage
werden von den Kollegen erneut Oden geschrieben, oder Wortlisten
geschickt hochgezurrt, bis so oder so die poetische Visage ganz
gebotoxt ausschaut. Was habe ich damit zu schaffen? - Meine Gedichte
sind müde.
Zur Hölle mit dem
Publikum, ich muss nachdenken.
(Und ansonsten: die
nächsten 15.000 Zeichen Wermut. Und im Herbst werden die drei
Zyklen erscheinen, man möge mir verzeihen (und mit schweren
Eisenhämmern...). Titel: In
Flip-Flops nach Armageddon).
*
Immerhin: wenn ich
schon keine Gedichte mehr schreibe, lesen tue ich sie
nichtsdestotrotz (Trotz. Trotz. Trotz. Wie die Worte entschwinden).
Mehr als in den letzten Jahren, in denen ich Romane gefressen habe,
was ich wiederum in der Zeit zuvor vernachlässigte.
Und was kommt mir
da vor das Auge? Solche verwickelten, auf- und angeleinten,
großartigen Verse (Da sind Böden drin, bis ins vierte
Kellergeschoss, bis ins dritte Parkdeck):
Ich Chi
von Beruf CIH
Central
Intelligence Hometrainer, ich
fange jeden
Morgen. Damit an
meine
Wäschehänge über Breitenweg
zwischen
Battery Park und Metlife an der Zimmerlinde
vor den
Dargebot´nen Fenstern festzubeamen
bis ich
klammerheimlich Chip nach Chip
an den
Scheide-, Schneide-, Schneidertisch gerufen werde [...]
(Wolfram Malte
Fues)
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Donnerstag, 26. April 2012
Heute ist der Jahrestag. Vor 26 Jahren platzte der Reaktor in Wermut (russ.: Tschernobyl). Und die ersten Nachrichten über den Super-GAU wurden in der ARD an meinem sechzehnten Geburtstag vermeldet - es bestand natürlich keine Gefahr für die Bevölkerung, wie uns der Herr Innenminister Zimmermann versicherte. Merkwürdig nur, dass es in Süddeutschland kurz darauf keinen Salat mehr zu kaufen gab, und auch die Pilzsaision würde ins (leicht radioaktive) Regenwasser fallen. Wildschweine und Rehe wurden fortan alt und fett. Und zuvor waren in Karlsruhe schon die Kinderspielplätze gesperrt, und der Sand wurde einige Wochen später ausgetauscht.
Vier Jahre zuvor hatte ich zum ersten Mal diese Abkürzung gehört: GAU. Im Erdkundeunterricht wurde der Nutzen der Atomkraft durchgenommen, und der Herr Lehrer versicherte, dass natürlich keine Gefahr für die Bevölkerung entstehen könne, eine GAU nur in der Theorie möglich sei.
Als ich nachfragte, renitenter Zwölfjähriger der ich war, beharrte er auf seinen Vorgaben. Und ich beharrte darauf, dass es mir nicht einleuchten würde, dass ein GAU nicht passieren könne.
Ich hatte viele unfähige Lehrer in meiner Jugend, nicht nur dieser erste Erdkundelehrer war völlig vernagelt, auch eine spätere Lehrerin des Fachs machte sich lächerlich, als sie vor der versammelten Klasse behauptete, die Antarktis sei eine Ansammlung von kleineren Inseln, auf dem nur der Eisschild über dem Meeresspiegel ruhen würde. Als ich widersprach und vorschlug, doch einmal im Atlas nachzuschauen, denn da sei sicher ein Querschnitt des Kontinents abgebildet, eines Kontinents, der auch eisfrei noch immer größer als Australien sei, da putzte sie mich runter und ließ, sie war sich ihrer fachlichen Kompetenz so sicher, den Atlas aufschlagen. Und in dem schönen, dunkelblauen Diercke-Schulatlas war er natürlich, der Querschnitt, und er zeigte, dass es sich nicht um Inseln sondern um Gebirge eines Kontinents handelte, und das schon eine sehr große Welle hätte kommen müssen, um über die Berge hinweg die zentrale Tiefebene zu überfluten (wenn man einmal annahm, der Eisschild sei nicht vorhanden). Ich hatte also Recht behalten und wurde zur Strafe vor die Tür geschickt.
Die gute Frau Duelli, ich habe sie in Erinnerung behalten. Genauso wie meinen Deutschlehrer Herrn Albertini, der mir eine Vier gab in der Zeit, in der ich zu Hause schon Theaterstücke schrieb. Ein Pädagoge sondergleichen. (Den einzigen wirklich guten Lehrer, dem ich auf all meinen Oberschulen begegnete, war der Geschichtslehrer Herr Schumacher; der war gut, der hat mir was beigebracht).
Ich hoffe, die zukünftigen Lehrer meines Sohnes werden nicht ganz so schlecht sein, und ihm meine schulische Karriere ersparen, die in absteigender Linie Gymnasium, Real- und Hauptschule umfasste.
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Vier Jahre zuvor hatte ich zum ersten Mal diese Abkürzung gehört: GAU. Im Erdkundeunterricht wurde der Nutzen der Atomkraft durchgenommen, und der Herr Lehrer versicherte, dass natürlich keine Gefahr für die Bevölkerung entstehen könne, eine GAU nur in der Theorie möglich sei.
Als ich nachfragte, renitenter Zwölfjähriger der ich war, beharrte er auf seinen Vorgaben. Und ich beharrte darauf, dass es mir nicht einleuchten würde, dass ein GAU nicht passieren könne.
Ich hatte viele unfähige Lehrer in meiner Jugend, nicht nur dieser erste Erdkundelehrer war völlig vernagelt, auch eine spätere Lehrerin des Fachs machte sich lächerlich, als sie vor der versammelten Klasse behauptete, die Antarktis sei eine Ansammlung von kleineren Inseln, auf dem nur der Eisschild über dem Meeresspiegel ruhen würde. Als ich widersprach und vorschlug, doch einmal im Atlas nachzuschauen, denn da sei sicher ein Querschnitt des Kontinents abgebildet, eines Kontinents, der auch eisfrei noch immer größer als Australien sei, da putzte sie mich runter und ließ, sie war sich ihrer fachlichen Kompetenz so sicher, den Atlas aufschlagen. Und in dem schönen, dunkelblauen Diercke-Schulatlas war er natürlich, der Querschnitt, und er zeigte, dass es sich nicht um Inseln sondern um Gebirge eines Kontinents handelte, und das schon eine sehr große Welle hätte kommen müssen, um über die Berge hinweg die zentrale Tiefebene zu überfluten (wenn man einmal annahm, der Eisschild sei nicht vorhanden). Ich hatte also Recht behalten und wurde zur Strafe vor die Tür geschickt.
Die gute Frau Duelli, ich habe sie in Erinnerung behalten. Genauso wie meinen Deutschlehrer Herrn Albertini, der mir eine Vier gab in der Zeit, in der ich zu Hause schon Theaterstücke schrieb. Ein Pädagoge sondergleichen. (Den einzigen wirklich guten Lehrer, dem ich auf all meinen Oberschulen begegnete, war der Geschichtslehrer Herr Schumacher; der war gut, der hat mir was beigebracht).
Ich hoffe, die zukünftigen Lehrer meines Sohnes werden nicht ganz so schlecht sein, und ihm meine schulische Karriere ersparen, die in absteigender Linie Gymnasium, Real- und Hauptschule umfasste.
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| Die Antarktis eisfrei (Karte von Cristellaria) |
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