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Samstag, 26. März 2016


" [...] und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem nach 1949 zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil".

Ich habe ja auch einen Migrationshintergrund. Einen unsichtbaren. Doch mit zunehmendem Alter fange ich an ihn ernst zu nehmen. Muss nicht mehr innerlich lachen, nur noch lächeln, wenn ich über meine Lage in der Fremde nachdenke.

Meine Mutter übersiedelte 1963, als Zwanzigjährige und kaum Deutsch sprechend, von Den Haag kommend nach Lüneburg, Niedersachsen, wo ich sieben Jahre später geboren wurde.
Sie hatte dort ein Engagement am Ballett des Stadttheaters bekommen.
Sie war anders als die Deutschen, die Deutschen waren Nazis und grobe Schlachtergesellen, sie war eine Waldelfe von der Waldorfschule (die sie in den 40er und 50er Jahren in Den Haag besucht hatte, was sie um so fremder werden ließ, im Lande Adenauers und Erhards).

Da mein Vater späterhin die meiste Zeit Anstellungen an Theatern anderer Städte hatte, die Familie aber, bis ich neun Jahre alt war, in Lüneburg wohnen blieb (in einer winzigen, dämmrigen Wohnung, in einem 500 Jahre alten Haus), zog sie mich die meiste Zeit alleine groß. Und sprach mit schwerem Akzent, machte grammatikalische Fehler, die ich heute selbst noch mache; bei jeder M- oder N-Endung muss ich kurz in mich gehen, mich konzentrieren, um mich für den korrekten Form zu entscheiden. Weet je wel?

In unserer Familie wurde warm zu Abend gegessen, nicht am Mittag, so wie es all die Familien der Freunde hielten, und es gab indonesisches Essen, als die Freunde dieses Land noch nicht mal auf dem Globus fanden. Und wenn wir erst bei dem (angeheirateten) halbindonesischen Onkel zur Reistafel eingeladen waren; die deutschen Wirsingköpfe der 70er Jahren machten sich keine Vorstellung, wie scharf Gerichte sein konnten.

Lakritz, Pfefferminz, Erdnussbutter, echter Käse. Reiskräcker, englisches Teegebäck, Fla, Patatje Oorlog. All das sind mir Kindheitserinnerungen. Mit Schweinshackse und Mettigel habe ich nichts zu schaffen.
Doch das waren nur Äußerlichkeiten. Was mein Selbst viel mehr prägte waren die holländischen Kinderbücher, die mir meine Mutter jeden Abend vorlas (Paulus de Boskabouter!) und der scharfe Verstand meines Großvaters, einem germanophilen Intellektuellen, der die Heirat meiner Eltern in einer Zeit ermöglicht hatte, als einen Deutschen zu heiraten in Holland noch als Landesverrat galt.

Die Abgeklärtheit und weltfraulichkeit meiner Kette rauchenden Großmutter (britische Zigaretten), die gerne Mahjong spielte und ihr Frühstücksbrot mit Messer und Gabel aß.
Das Goldene Zeitalter der Barockmalerei, das Licht der Aufklärung, dass sich viel besser in jenem Land gehalten hatte, als in diesem Deutschland, in dem die Wikingjugend Sonnenwendfeuer abhielt, in dem die Kriegsveteranen mit abgeschossenen Armen durch die enge Fußgängerzone zockelten.

Aber meinen Vater, dem Hamburger, dem Schauspieler, dem Hallodri, dem sollte ich ähnlich sehen, mit dem wurde ich gleichgesetzt. Dabei war ich innerlich doch auch eine verloren gegangene Waldelfe aus den Dünenwäldern von Scheveningen.

Ich bin, das wird mir erst spät bewusst, viel mehr wie meine Mutter. Ein Teil von mir lebt in Den Haag, an der Küste, im Licht der Straßen, im Licht der Passagen. Nahe dem Grab meiner Großeltern, nahe dem Grab meiner Mutter.



Dienstag, 2. Juli 2013

Letzte Woche Sand von Herrndorf gelesen. Bester Roman der letzten zehn Jahre. Allein schon der Anfang, dieses äußere und innere Panorama, das sich da auftut. Und die Figur der Helen Gliese (der Name der Sterne in Skorpion und Waage), selten eine so gute Charakterisierung in einem zeitgenössischen Roman gelesen. Darüber hinaus bin ich mir allerdings unsicher, ob Cetrois und Polidorio die selbe Person ist. Wäre dramaturgisch naheliegend. Aber ich glaube mich zu erinnern, dass Cetrois an der Auffahrt der Villa vorbei taumelt, in der zur gleichen Zeit Polidorio den blasierten Schriftsteller besucht.
Vermutlich ist der karierte Anzug des Rätsels Lösung. Ich muss den Roman in diesem Sommer ein zweites Mal lesen.

Was mich erneut verunsichert hat, war die so plastische Beschreibung der Wüste. Natürlich war sie plastisch, Herrndorf war ja im vorletzten Jahr dort. Die Verunsicherung betrifft auch nur mich selbst, denn in meinem nächsten Roman (mit dessen Entwürfen ich mich gerade beschäftige) wird die Wüste (Nevadas) eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Blöd nur, dass die einzigen Dünen, die ich jemals gesehen habe, bei Scheveningen an der Nordsee liegen. Ich hoffe, ich werde es besser als Karl May hinbekommen.

Seit gestern Morgen dann zum dritten Mal Arbeit und Struktur in einem Rutsch gelesen. Neben Sand sein bestes Werk, wie ich finde. Noch selten einen derart eindringlichen Text gelesen. Nun warte ich auf seine letzten Einträge die, befürchte ich, bald erscheinen werden.

Parallel dazu Leben von David Wagner. Natürlich lange nicht so gut und tiefsinnig, es fehlen in dem Buch die Reflektionen, das Innenleben; aber als eigenständiger Text gar nicht mal schlecht. Ich habe es jedenfalls bis zum Ende gelesen, und mich nicht darüber geärgert, dass Wagner dafür den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen hat. Interessant auch, dass wie in unserer Jugend offensichtlich partiell den gleichen Musikgeschmack hatten: Joy Division, The Cure, Souixsie and the Banshees. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Hätte bei ihm eher auf Duran Duran, maximal auf Depeche Mode getippt.
Vermutlich sollte ich Leben erneut lesen, wenn Herrndorfs Blog in meinem Kopf wieder etwas verblasst ist. Vermutlich ist das in Wirklichkeit ein gutes Buch.

Mittlerweile natürlich in einer reichlich morbiden Stimmung (noch morbider als sowieso schon immer). Stehe alle halbe Stunde auf dem Balkon in der Sonne, rauche Camel Filter (Marke meines verstorbenen Vaters) oder West (Marke meiner verstorbenen Mutter) und sinniere über den eigenen Tod. Momento Mori. Auch nichts Neues.

Ansonsten ein paar Gedichte geschrieben und über den Roman nachgedacht, den ich wahnsinnig gerne Licht & Blindheit nennen würde. Geht natürlich nicht.
Immerhin ist mir gestern im Halbschlaf eingefallen, wie ich das Motivationsproblem der zentralen Figur lösen kann: mit dem Angebot, ihr einen Computerchip ins Gehirn zu verpflanzen.

Sehr unsicher bin ich mir aber noch über die Struktur des Ganzen. Soll ich mit Spannungsbogen und Plotpoint arbeiten (so wie bedingt im letzten Manuskript - Wermut), oder bastle ich ein riesiges Gestrüpp verschiedener Segmente aus Zeit und Raum zusammen? Und wie behandle ich die wörtliche Rede im frühen 18ten Jhdt, euro Gnaden?

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In den letzten Wochen immer wieder mal über den Bachmann-Preis nachgedacht. Zum dem Schluß gekommen: seit sicher zehn Jahren unnötige Veranstaltung.
TV ist eh scheiße. Und wären endlich alle Literaturverwurstungsshows im TV verwurstet und runtergespült, wäre der Bachmann-Preis Geschichte, ebenso wie alles was zum Beispiel Thea Dorn verbricht bis zum Erbrechen, dann würde vielleicht, vielleicht die wirklich relevante Literatur unserer Generation wahrgenommen werden.
Urteil natürlich schwer getrübt durch die Kränkung, trotz zweimaligem Bewerbs dort nicht eingeladen worden zu sein.
Immerhin haben sie vor Jahren Herrndorf zum Tanz aufgefordert, wenn er am Ende des Abends auch nicht das Blumenbuket zugeworfen bekam.

Von Kränkungen gesprochen: seit der Umsonst-Aktion auf Amazon hat sich die eBook-Ausgabe von Bitterstoffe kein einziges Mal verkauft. Kein einziges Exemplar. Völliges Scheitern. Und die Fahnen hängen schlapp in der absoluten Windstille.

Aber: mein vierter Gedichtband wird im Oktober erscheinen. Cover und Klappe sind schon fertig (Lektorat steht noch aus, was mich ein bisschen unruhig macht):



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