Montag, 17. Juni 2013

Der Lyrikmarkt des Poesiefestivals am Samstag war ein Fest. Alle Dichter & Dichterinnen Berlins schwankten im Laufe des Tages und frühen Abends an den Ständen vorbei, ließen sich Bierflaschen von Johannes Frank reichen und von Stephan Reich die Gedichtbände frankieren.
Der Abend danach war lau und blau. Der Himmel übermäßig groß. Die Bettstatt weit entfernt, das nächste Glas Wein in unmittelbarer Nähe.


Aurelie Maurin, Alexander Filyuta

Boris Preckwitz

Dominik Ziller, Johannes Frank

Th. Wohlfahrt, Martin Piekar

Tom Schulz, Marion Poschmann, Klaus Thies

Martin Piekar, Tom Schulz

Klaus Thies, Johannes Frank, Peter Geist

Daniela Seel

Stephan Reich, Jan Skudlarek

Carsten Zimmermann

Ron Winkler

Tom Schulz

Klaus Thies

Stephan Reich


Peggy Neidel

Monika Rinck, Aurelie Maurin

Jens Friebe

Jan Peter Bremer

 Jan Peter Bremer, Ulf Stolterfoht 

Maik Lippert

Orsolya Kalasz
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Samstag, 8. Juni 2013

Hier einige Impressionen von der Eröffnung des diesjährigen Poesiefestivals in der Akademie der Künste. Weintrinker, Dichter, Spaßvögel.


Waschbeton

Ulrich Pelzer

Orsolya Kalász

Steffen Popp, Tom Schulz

Lars-Arvid Brischke, Steffen Popp

Steffen Popp, Thomas Wohlfahrt

Jan Wagner, Thomas Wohlfahrt

Tom Schulz

Ruth Johanna Benrath, Lars-Arvid Brischke, Lucy Fricke

Ursula Krechel, Steffen Popp

Birgit Kreipe, Uljana Wolf, Steffen Popp

Synke Köhler, Ruth Johanna Benrath, Tom Schulz

Synke Köhler, Ruth Johanna Benrath

Steffen Popp, Asmus Trautsch

Asmus Trautsch

Besucher

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Donnerstag, 6. Juni 2013

Wenn es >> Gott << geben sollte, dann ist er ewig. Er hat also sehr viel Zeit, um es vorsichtig auszudrücken. Merkwürdig wäre es dann, würde er eine Welt in nur sieben Tagen erschaffen (oder auch in 5000 Jahren). Viel eher wäre doch vorstellbar, das Er (Sie, Es) sich Zeit nehmen, ein System entwerfen würde, das aus eigenem Antrieb läuft, das ihn überraschen, ihn in Erstaunen versetzen würde.
Was liegt da näher, als davon auszugehen, dass Gott die Evolution erschaffen hat.




Heute Morgen ist die Gratis-Aktion ausgelaufen. Ich habe in drei Tagen 1003 eBooks verschenkt. Vielleicht zehn Prozent der Beschenkten werden das Buch lesen, denn diese Gratis-Bücher sind eine wirklich großartige Möglichkeit, das Jäger-und-Sammler-Gen in uns zu befriedigen, aber wenn der Sammeltrieb gestillt ist, besteht ja kaum noch Notwendigkeit, in die Bitterstoffe reinzuschauen.
Von diesen zehn Prozent wiederum werden vielleicht zehn Prozent eine kurze Rezension schreiben. Ich kann also mit zehn Besprechungen auf Amazon rechnen, aber ob das reichen wird, das Buch nach vorne zu bringen? Ich bezweifle es.
Ab jetzt wird wieder ein Exemplar pro Woche verkauft! Das deutet sich auch schon an. Amazon lässt in den ersten Stunden nach Ablauf der Aktion das eBook weiterhin in den Gratis-Charts stehen, nun jedoch zum regulären Preis. Eine gute Gelegenheit, um einige Bücher zu verkaufen. In den letzten drei Stunden ist aber rein gar nichts passiert. Kein Buch wurde geladen.

Ich habe also 1003 Bücher verschenkt. Und was hat mir das nun gebracht? Ein gutes Gefühl, den Leuten dort draußen etwas geschenkt zu haben!


Bitterstoffe, Rang 41, 6.6.13, 11.30 Uhr

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Mittwoch, 5. Juni 2013

In dem Zeitraum von der Veröffentlichung bis zur Gratisaktion des eBooks Bitterstoffe lagen sieben Tage. In dieser Woche verkaufte ich genau ein Exemplar (und ich weiß auch an wen) - der Gewinn betrug zwei Euro.
Dann begann, vorgestern Morgen, der Schlussverkauf, nein, das herausschleudern für null Euro. Und ich war gespannt, was passieren würde, denn wie sollte man Bitterstoffe finden? Erst wenn das eBook die Gratis-Charts erreichen würde, wäre es für den potenziellen Kunden sichtbar.
Nun hatte ich in verschiedenen Foren gelesen, dass es kaum etwas ausmachen würde, ob man Werbung machte oder nicht.
Ich informierte also nur über meinen Blog (und einen Link bei Facebook) und stellte das Buch zusätzlich in das >> Kindle-Diskussionsforum <<, denn dort scheinen sich die gewieften Schnäppchenjägergesellen zu informieren.

In den Stunden des Morgens und Vormittags geschah wenig, die Anzahl der Ladevorgänge kroch im Zähler langsam, sehr langsam voran. Das Buch dümpelte in den Rängen um 1000. Doch um die Mittagszeit nahm das Ganze an Fahrt auf, und endlich am frühen Abend erreichte es den Platz 81 in den Gratis-Charts. Nun war das Buch sichtbar geworden, nun entwickelten sich die Dinge.
Verblüffend war auch, dass der 81ste Platz schon mit 129 geladenen Exemplaren erreicht wurde. Wenn ich mich recht entsinne, war noch vor wenigen Monaten eine Anzahl von 400, 500 Stück nötig, um die magische Schwelle von Rang 100 zu überschreiten. Das bedeutet nichts anderes, als dass im letzten halben Jahr weniger und weniger kostenlose eBooks bei Amazon eingestellt wurden. Diese Werbeaktion scheint sich totgelaufen zu haben, vermutlich weil sie wenig bringt, wenig einbringt.
Hier ein paar Zahlen, damit ihr euch über die Entwicklung eine Vorstellung machen könnt:

3.6.13
18.30 Uhr - Rang 81 bei 129 Gratisexemplaren
22.30 Uhr - Rang 50 bei 361 Gratisexemplaren
23.00 Uhr - Rang 26 bei 379 Gratisexemplaren

4.6.13
11.30 Uhr - Rang 21 bei 528 Gratisexemplaren
11.50 Uhr - Rang 11 bei 536 Gratisexemplaren
15.00 Uhr - Rang 12 bei 596 Gratisexemplaren

5.6.13
13.30 Uhr - Rang 17 bei 887 Gratisexemplaren
20.50 Uhr - Rang 24 bei 956 Gratisexemplaren

Deutlich zu erkennen ist, dass am heutigen, dritten Gratis-Tag der Rang stagniert, obwohl kaum weniger Exemplare geladen werden, als an den Tagen zuvor. In den oberen Rängen scheinen alle eBooks gut "verkauft" zu werden, so dass man sich gegenseitig im Weg rumsteht.
Die Aktion dauert noch bis Morgen früh an, und ich rechne mit knapp über 1000 verschenkten eBooks. Das ist beinah das Dreifache der seinerzeit verkauften Print-Ausgabe. Wären auch diese 1000 eBooks verkauft worden, hätte ich in drei Tagen mehr als 2000 Euro verdient. Aber das ist natürlich eine Milchjungenrechnung, denn in der ersten Woche, ich erwähnte es, ist nur ein lumpiges Exemplar zu 2.99 Euro über den Ladentisch gegangen.

Die große Frage ist nun, wird das Buch weiter sichtbar bleiben, z.B. über die Verlinkung "Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch"...
Wird sich Bitterstoffe in den nächsten Wochen also besser verkaufen, als in der ersten? Werde ich jetzt reich & berühmt? Und wenn nein, seit ihr schuld? Denn nur ihr alle könnt das Buch kaufen (ich hab es schon). Ach, ihr habt es euch auch alle umsonst geholt? Dann bezahlt in der Währung des Eitelkeitsjahrmarkt: schreibt eine Rezension auf Amazon. Fünf Zeilen und fünf Sterne genügen völlig.
Und hier geht es zum >> BUCH <<
Ich werde die nächsten Wochen berichten, wie sich die Verkaufszahlen entwickeln.


Bitterstoffe, Rang 21, 4.6.13, 11.30 Uhr

Bitterstoffe, Rang 11, 4.6.13, 11.50 Uhr


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Montag, 3. Juni 2013


Und das Abenteuer geht weiter (Flipper flitzt um die Wellenbrecher, Lassie winselt und frisst Strandhafer). Seit heute Nacht kann man Bitterstoffe (für drei Tage) GRATIS als eBook bekommen.
Nun wird sich zeigen, ob die potenziellen Leser diesen Roman jedenfalls geschenkt haben möchten, ihn aus dem Netz saugen und ihn in den GRATIS-Charts nach oben schnellen lassen, denn das wird voraussichtlich die einzige Möglichkeit sein, Aufmerksamkeit in der Amazon-Welt zu erlangen.
Doch selbst wenn das Buch auf die vorderen Plätze der Top 100 kommt, heißt das noch lange nicht, dass es sich danach gut verkaufen wird (oder auch nur mittelmäßig).
Vor einem Jahr schien das noch passabel zu gehen, aber seinerzeit wurde ein gratis gut platziertes Buch bei Amazon auch bei den Verkaufsempfehlungen bevorzugt verlinkt. Das scheint nun weggefallen zu sein, so dass ein Gratis-Buch schnell wieder in der Versenkung verschwindet, vielleicht auch nur verschwinden kann.
Und genau dieses "vielleicht kann" wird die große Überraschung sein. Deshalb müsst ihr euch jetzt schnell Bitterstoffe holen, damit ich euch Ende der Woche berichten kann, ob ich das Zeug zum Bestseller-Autor habe.

Hier geht es zum >> BUCH <<

(Am rechten Rand der Amazon-Seite kann man sich im Übrigen die Kindle-App runterladen, falls dem einen oder anderen ein Reader fehlt).



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Dienstag, 28. Mai 2013

Ich hatte es ja schon vor einigen Monaten angekündigt, und jetzt ist es soweit: heute ist Bitterstoffe als eBook bei Amazon erschienen. Für schlappe 2.99 Euro könnt ihr meinen ersten Roman, der 2009 bei Rotbuch einen kleinen Schiffbruch erlitten hatte, kaufen, lesen und beurteilen (ich wäre für jede Fünf-Zeilen-Rezension dankbar, denn nur diese können das Buch in den Amazon-Listen nach oben schwemmen).

Kollege René Hamann schrieb seinerzeit in der taz: 
Erzählt ist Bitterstoffe in einer angenehm kargen, nüchternen, heruntergeschraubten und doch immer wieder zu poetischen Wirkkraft fähigen Sprache. Eine Beschreibung, eine zweite, und schon ist ein ganzer Emotionskosmos dargestellt


Hier geht es >> zum Buch <<
Und so sieht es aus:




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Samstag, 25. Mai 2013

(Über das Scheitern II)

Im Heyne-Verlag gab es in den frühen 80er Jahren eine Lyrikreihe. Monatlich wurden dort mit einheitlichem, weißem Umschlag Gedichtbände aus der klassischen Moderne oder sogar ein zeitgenössisches Werk publiziert, meist als Lizenzausgabe eines Verlags wie Luchterhand, Piper oder Limes (die seinerzeit noch Lyrik veröffentlichten - unglaublich aber wahr). Die Auflagen lagen teilweise bei 8000 Exemplaren (soviele werden heute nicht mal mehr von einem neuen Durs-Grünbein-Buch gedruckt).
Solche großen Publikumsverlage wie Rowohlt, Fischer und auch eben Heyne hatten Jugendbuchserien wie Panther, Boot oder Scene, die in jeder ihrer Anthologien nicht nur Kurzgeschichten (und zwar manchmal geradezu avantgardistische Kurzgeschichten) brachten, sondern auch Gedichte, und nicht wenige.
An den Kassen der Buchhandlungen lagen nicht nur die neuen Bücher von Michael Ende oder Johannes-Mario Simmel, sondern auch die von Erich Fried und Wolf Wondratschek.
Lyrik hatte Relevanz, Lyrik wurde gekauft. Ich glaube sogar: Lyrik wurde gelesen.
Das war die Athmosphäre, in der ich Gedichte zu schreiben begann, 1983, mit dreizehn Jahren. Und ich war voller Zuversicht, später damit mein Leben gestalten zu können.

Dann kam die Wende von 1989 und der Höllenritt in das Weltreich der sogenannten Globalisierung. In einem unheimlichen Tempo wurden die deutschen Literatur- und Publikumsverlage von zwei Konzernen aufgekauft (Bertelsmann und Holtzbrinck), und alles was nicht marktkonform war, wurde nicht mehr gedruckt. Es wurde einfach nicht mehr gedruckt. Vorbei. McKinsey hatte entschieden, dass das Land keine Gedichte braucht.

Und sie hatten recht: das Land brauchte keine Gedichte. Sie wurden nicht mehr in den großen Verlagen veröffentlicht, und keiner kaufte sie, auch nicht in den kleinen Verlagen, wo fortan die Dichter ein karges Asyl fanden.
Es interessierte niemand. Vorbei.

Hatte ein Debütant in den 80er Jahren üblicherweise noch 500-600 Exemplare von einem Gedichtband verkauft, sind es jetzt 100-200, wenn es gut läuft.
Ich kenne Debütanten, die verkaufen 20-30 Stück von ihrem ersten Buch, an dem sie jahrelang gefeilt haben. Ich kenne bekannte, fast berühmte Dichter, die verkaufen keine 500 Stück mehr, trotz Hymnen im Feuilleton.
Insofern ist die verkaufte Auflage meines dritten Gedichtbands von 110 Exemplaren gar nicht mal so schockierend. Sie ist eher Durchschnitt.

Und das bedeutet: das Gedicht an sich ist völlig marginalisiert, es findet in dieser Gesellschaft nicht mehr statt. Selbst die Kollegen kaufen kaum jeden neuerschienenen Band, sonst müssten die Auflagen höher sein.
Jedoch die 50 bis 150 Stück, die dann eben verkauft werden, stehen in den Regalen dieser Kollegen und vielleicht noch in denen einiger Germanisten.
Das sogenannte Bildungsbürgertum (das geistig ja völlig vernichtet wurde in den letzten zwanzig Jahren) kauft Frank Schätzing und Stephanie Meyer.
Dunkelheit legt sich über das Land.


Kartons

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Donnerstag, 23. Mai 2013

(Über das Scheitern I)

Ich lebe seit nunmehr zwanzig Jahren immer wieder über längere Strecken von Sozialhilfe, Arbeitslosenhilfe, Arbeitslosengeld II, je nachdem wie die Almosen vom Staat gerade heißen.
Das letzte Mal, dass ich nicht am Hungertuch genagt habe, war das zweite Halbjahr 2001; da war mir das Arbeitstipendium des Berliner Senats zuerkannt worden. Ich bekam sechs Monate lang jeweils 2000 Mark überwiesen. Ich war reich. Ich war für eine Weile anerkannt.
Das ist lange her. Mittlerweile lebe ich schon wieder mehr als zwei Jahre von ALG II. Meine Kleidung ist abgetragen (wie ich gerade gestern erneut auf einem Photo feststellen musste, das mein vierjähriger Sohn aufgenommen hatte), ich kann mir keine bessere leisten. Die Gedichtbände der Kollegen sind viel zu teuer für meinen Etat, so dass ich mir nur unzulänglich einen Überblick verschaffen kann. Vor einigen Tagen habe ich mir ein gebrauchtes Buch für über zwanzig Euro gekauft; ich habe sehr lange gezögert: so ein teures Buch! - Dabei brauche ich es für die Recherche zu meinem neuen Roman.

Ich habe bislang vier Bücher veröffentlicht. Drei Gedichtbände, die sich jeweils in 150, 70 und 110 Exemplaren verkauft haben (und das ist die brutale Wirklichkeit). Ein Roman, der in einer Auflage von 3000 Stück gedruckt wurde, der aber nur 380 mal über den Ladentisch ging.
Ich habe gerade meinen dritten Roman abgeschlossen. Er ist einzigartig, das Beste, was ich je geschrieben habe. Er wird sich voraussichtlich kaum mehr als der erste verkaufen.
Mein zweiter Roman ist nie publiziert worden. Seinerzeit, vor rund drei Jahren, wurde er von einer Agentur mit der Begründung abgelehnt, er wäre zu gut geschrieben, das ließe sich schlecht vermarkten.
Für meine Gedichtbände interessiert sich kein Mensch. Die wenigen Leser könnte ich auch einmal im Jahr zu einer Party einladen und ihnen dann kopierte Manuskripte in die Hand drücken (mit Handkuss und besten Empfehlungen).
Ich bekomme keine Stipendien, geschweige denn Preise, obwohl ich mich seit fünfzehn Jahren auf fast alles bewerbe. Ich werde so gut wie nie zu Lesungen eingeladen, zu Festivals erst recht nicht, im Feuilleton kommt meine Arbeit nicht vor.
Verdient habe ich mit dem Schreiben in den letzten zehn Jahren – Lesungshonorare inbegriffen – keine 5000 Euro.
Ich bin jetzt 43 Jahre alt. Ich schreibe seit mehr als dreißig Jahren. Ich bin auf ganzer Linie gescheitert.
Das Leben als Dichter. Eine belegbare Tatsache!

(Aber immerhin kann ich mir noch Bananen und Orangen leisten. Vor hundert Jahren wäre das für einen armen Mann wie mich ein Ding der Unmöglichkeit gewesen).


Südfrüchte

In einer Gesellschaft von Gewinnern ist es der größtmögliche Protest, ein Verlierer zu sein.

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Sonntag, 19. Mai 2013

Seit zehn Tagen muss ich das Bett hüten, wie man in meiner Kindheit gesagt hätte. Ein zäher Infekt will nicht aus mir weichen, und ich schlurfe durch die unterwassergrüne Parterre-Wohnung von Sonnenstrahl zu Sonnenstrahl.
Gestern verbrachte ich den Nachmittag auf dem Sofa im Erker und schaute in den Regenhimmel, auf die feucht glänzenden Blätter der Linde vor dem Haus, auf den neusachlichen Wohnblock gegenüber.
Und schrieb irgendwann ein Gedicht, so wie ich zur Zeit fast immer meine Gedichte schreibe, aus dem Denken heraus, einem Denken, das von Büchern und Erinnerungen, auch von Stimmungen, gefüttert wird.
Ich versuche mich voranzudenken in der Dichtkunst, versuche meine Grenzen auszuloten, vorauszureiten, Avantgarde zu sein. Aber: was ist das? Unverständlichkeit? Geheimnis? Abgewandtheit?
Als ich in den 90er Jahre zum ersten Mal Gedichte Thomas Klings las, kamen sie mir ungemein, unfassbar kompliziert vor, teilweise undurchschaubar. Mittlerweile lese ich sogar Celan-Verse wie SPIEGEL online, gut verständliche Nachrichten aus einer nicht verständlichen Welt. (Nur mit Pound habe ich so meine bedeutenden Schwierigkeiten).
Dadurch kann ich meine eigenen Texte kaum einordnen. Ist das noch knapp in der Schnittmenge des Mainstreams, oder ist das schon das dunkelrote Segment?

In einem neuen Gedicht versuche ich mehrere Themen engzufuhren. Die Theorie der Schattenbiosphäre, die Theorie über die Entstehung des Lebens (also der ersten Zellen) in mikroskopischen Hohlräumen von Steinen, Reinkarnation, Utopia als Lichtort (wobei Utopia wörtlich ja Nichtort bedeutet), und die zyklopischen Tempel von Baalbek (dessen anderer Name Heliopolis war, Sonnenstadt, Lichtort). Das ganze angereichert mit weiteren Klang- und Bedeutungs-Verweisen. Ist das alles noch verständlich ohne Gebrauchsanweisung? Mir schon.


     Nah Baal-Bek
   
     Schattenbiosphäre, Lichtort
     Im Nichtort, Utopia der Geister
     schlägt sich das Empfinden von Tod
     nieder gehalten im Sekundenblatt
     aus Sphärenmusik und Chlorophyll
     Schattenbiosphäre, DNS-los und
     in den Steinkavernen unter der
     mütterlichen Erde aufkochend
   
     Halluzinationen das alles
     schon seit Sekunden, seit Äonen
     schlägt der Zeitstrahl auf und
     fächert sich entlang der Mauer
     des Hades, der Schattensphäre
     Halo um die Sonne im Tunnel
     Heliopolis nicht zu erreichen
     Nichtort, Lichtort, Schattenbahn



Darüber hinaus fange ich in letzter Zeit an, mich mit Photographie als Kunstform zu beschäftigen. Denn als Kunstform scheint sie mir fast ausgereizt, was mich anspornt. Wie kann man die Welt inszenieren, so dass sie auf Lichtbildern bemerkenswert erscheint? Soll man Photos narrativ gestalten, lyrisch, romantisch; oder gerät man dann in einen geradezu pornographischen Kitsch für des verständige Bürgertum? Analog? Digital? Suboptimal?

Gold und Geltung

Gürteltier

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Donnerstag, 16. Mai 2013

Als ganz junge Frau ist die Ingeborg Bachmann mal auf den Mond geflogen, mit einer selbst gebastelten Rakete. Die hatte sogar einen richtig langen Feuerstrahl hintendran und hat immer ganz doll Schrumm-Schrumm-Schrumm gemacht.
Auf den Mond geflogen ist die Ingeborg, weil es dort eine Arztpraxis gab, von Dr. Benn. Der hat sich Ingeborgs Füße angeschaut und gemeint, die komischen grünen Flecken zwischen den Zehen kämen vom vielen Im-Gras-Laufen.
Deshalb war die Ingeborg nämlich gekommen, wegen der komischen Flecken.
Als die Ingeborg wieder weg war, hat der Dr. Benn aus dem Fenster geschaut und ganz melancholisch die blau schimmernde Erde betrachtet. Und dann hat er ein kleines bisschen geweint. Der Dr. Benn war nämlich eine richtige Heulnase.
Eine belegbare Tatsache!


Die fleckige Inge

Der Mann im Mond

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Mittwoch, 15. Mai 2013

Robert Musil war ein ganz harter Hund. Das lässt sich ohne Weiteres belegen.
Musil konnte Kung-Fu und hat einmal Franz Kafka auf die Nase gehauen. Aber Kafka konnte Kendo und haute Musil so doll zurück, dass dem der Rücken noch Wochen später weh tat.
Doch Robert Musil jammerte kein bisschen und auch nicht für eine Sekunde. Musil war nämlich keine Heulnase, sondern ein ganz harter Hund.
Das alles geschah in Berlin. 16. Jänner 1924.
Eine belegbare Tatsache!

Kung-Fu-Robbie

Kendo-Franzl


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Montag, 15. April 2013

     Lichtabdrücke
   
     Die Großmutter gestorben
     in einem verarmten Haus
     mit leergelesenen Büchern
     im ausgeblühten Sommerlicht
     eines filigran gehäkelten
     Fünfziger-Jahre-Abends
   
     Der Großvater verblichen
     zwischen ausgelaugten Blättern
     unter einem Staubregen
     im aufgeblühten Winterlicht
     eines Sechziger-Jahre-Himmels
     aus Schreibmaschinen-Stahl

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Dienstag, 2. April 2013

Vor knapp zwei Wochen habe ich meinen dritten Roman (Wermut) abgeschlossen. Rund 266.000 Zeichen sind es geworden und zugleich ein Parforceritt durch das Bewusstsein eines Mannes in der Zeit von Tschernobyl.
Vor einigen Tagen habe ich einen Auszug in der Verbrecherversammlung gelesen, und als ich dort zum ersten Mal ein Publikum für diesen Text als Spiegel, als Hallraum hatte, ist mir noch deutlicher als zuvor klar geworden, dass der Roman brutal und rück-sichts-los überarbeitet werden muss.
Ich saß dort in der Bar Monarch am Kottbusser Tor, deren Fensterfront sich im ersten Stock des Neuen Kreuzberger Zentrums hin zum Hochbahnhof öffnete. So viel Nacht dort draußen, und so wenig Zuhörer hier drinnen, kaum mehr als fünfzehn Menschen. Aber diese wenigen werden sagen können, sie seien dabei gewesen, seinerzeit, im Jahr des Herrn 2013.

Und nun ist also der Roman fertig, nach exakt zwei Jahren. Und seit zwei Wochen stehe ich da, schreibe kaum und ersteigere Schreibmaschinen bei Ebay, denn ich habe leider wieder meiner alten Leidenschaft nachgegeben, kaufe all die Maschinen, die ich mir früher nie leisten konnte. Jetzt kosten sie nur noch ein paar Euro.
Zur Zeit schreibe ich auf einer unglaublich eleganten Princess Futura, einem wolkengrauen Juwel aus den späten 60ern, mit scharfen, futuristischen Typen.




Und ich schreibe Gedichte darauf; denn wie wäre es anders zu erwarten gewesen: nach der langen Arbeit an einem Roman (die mich fast gänzlich von den Gedichten fernhielt), habe ich mich wieder der Lyrik ergeben.
Poetisiert euch!
Hier ein neuer Text aus dem Monat März:

     Norden
   
     Buntmetall ist der Himmel
     Abendschneise hat sich gleißend
     ein Gleis gestanzt ins sinkende Licht
     Schneeblind bin ich ganz vom Tag
     und Nacht will mir noch mehr
     Nacht einschenken mit Gewitter
     Träumt das Firmament flackernd Alpe
     fällt der Schlaf in die Zwitscherräume
     der Mauern die vor dem Lichtfleck stehen
     Kaltes Papier der Winter glatt und weiß
     Auf den Mauern steht der Wind
     aus dem unfassbar hellen Norden

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