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Donnerstag, 13. Dezember 2012

(Samstag, 8. Dezember 2012, auf dem Weg in die Provinz Baiern)
Auf der Fahrt in Richtung Jena/Paradies schaue ich in die Landschaft, in den Schnee, der sich die letzten Tage über das ganze Land gelegt hat. In den weißen Wäldern könnte man graue, ausgemagerte Wölfe vermuten, in den Schlössern und Herrenhäusern links und rechts der Gleise werden wohl Ritter und bleichhäutige, blutleere Adlige wohnen.
Ein Märchenland wäre das, wenn nur nicht all die Shopping-Malls und Fabrikhallen sich ins Bild schieben würden.
Im Großraumwagen kaum Passagiere, und der Schaffner erinnert mich an irgendwen, doch im Erinnerungsspeicher ist kein Zwilling für ihn verzeichnet.
Die Fahrt geht weiter durch den Thüringer Wald, durch enge, mit Schatten geflutete Täler, weiter über die Prärie der fränkischen Landstriche, bis hin zur Hauptstadt mit Herz, Hauptstadt mit aufgeblähten Herzbeuteln.

Schnee

Im Wald da sind die Wölfe

Herrenhaus

Das Schloss

Im Wald da sind die Dohlen

Kurz nach drei Uhr betrete ich leise den Saal des Einstein-Kulturzentrums, des sich in den alten Gewölbekellern einer ehemaligen Brauerei befindet; all die sonnigen Winterlandschaften, an denen ich die letzten Stunden vorbei gefahren bin, liegen weit hinter mir, denn hier bin ich nun in einem Bunker ohne Mobilfunk-Netz.
Vorne an der Bühne steht Wolfram Malte Fues und diskutiert mit dem spärlichen Publikum über die verschiedenen Möglichkeiten der Lyrik in dieser Zeit, bezieht sich auf Schiller und schaut aus wie Jean Marais, kurz bevor er sich die Maske des Fantomas überstreift. Er hat zweifelsohne Charisma, aber er hat auch zweifelsohne wenig Zuhörer (leider, denn er scheint klug zu sein und hat etwas zu vermitteln). Nicht anders wird es in den folgenden Veranstaltungen der Haidhauser Büchertage sein. Mitten in einer Millionenstadt verirren sich zu jeder Lesung kaum mehr als ein Dutzend Interessierte. Warum das so ist? Ihr fragt besser nicht.

Am frühen Abend gehe ich zurück zum Bahnhof, um nach Frauenried zu fahren, ein winziges Dorf, in dem der Hallinger Markus mit seiner Frau und den fünf Kindern lebt. (Naja, drei sind schon ausgezogen).
Der Dichter wohnt in einem Pfarrhaus, das abseits der anderen Höfe, selbst abseits der Kirche liegt, hinter tiefem Schnee, vor dunklen Tannen. Die Leute im Dorf reden über ihn. Er schreibt über die Leute vom Dorf.

Doch zuvor geht es auf eine Lesung im Nachbarort Weyarn, eine kleine Gruppe von Häusern, die sich um ein übermächtiges Kloster der Deutschritter ducken. In der Dunkelheit der matt glänzenden Nacht meine ich in einem anderen Jahrhundert gelandet zu sein. Ständen keine parkenden Autos vor der kleinen Dorfbücherei, die sich in einem Raum des Ordens befindet, würde ich beim Rauchen vor der Tür auf den Landauer warten, gezogen von zwei falben Schimmeln, der mich zum König bringt. (Versonnen streiche ich mir über den aufgezwirbelten Schnurrbart).

Weyarn

Weyarn, Klosterkirche

Durchgang zum Kloster

Die Lesung von Hallinger und dem Schriftsteller Helmfried von Lüttichau ist verblüffend gut besucht, mehr als zwanzig Leute drängen sich in dem kleinen Raum. Ein Gitarrenduo spielt, die Männer lesen Gedichte, die Bibliothekarin schenkt Wein aus und lacht.
Danach Schweineschnitzel, die als Schweinemedallions verkauft werden, in der hässlichsten Pizzeria diesseits des Atlantiks. Putti mit Weihnachtsgirlanden, angetrunkene Dorfjugend, Kulturschock.

Markus Hallinger, Helmfried von Lüttichau

Julietta Fix, Helmfried von Lüttichau

Später im Pfarrhaus des Dichters noch einige Zigaretten und große Gläser mit Kräuterlikör. Während Markus seine Gedrehten in sich reinzieht, dampfe ich meine E-Zigarette, die ich mir zwar schon vor acht Monaten gekauft habe, die ich aber erst seit einigen Wochen regelmäßig benutze. Nunmehr bekomme ich wieder Luft, aber ganz leicht fällt es mir trotzdem nicht, auf verbranntes, hoch aggressives Nikotin zu verzichten. Denn wenn eine Zigarette des Äquivalent zu Heroin wäre, könnte man das Liquid der E-Zigarette als Methadon bezeichnen. Es hält mich friedlich, aber manchmal befriedigt es nicht vollständig, der letzte Kick fehlt.

Das Hallinger Haus

Am nächsten Morgen (9. Dezember 2012, noch immer in der Provinz Baiern) früh aus den Betten, große Stücke Wurst frühstücken, und dann ab in die Landeshauptstadt zurück.
Meine Lesung um 12 Uhr noch schlechter besucht, als der Vortrag von Professor Fues, aber von den wenigen Leuten – fast alles Schriftsteller – beglückwünschen mich anschließend die Hälfte.
Auch die Lesung von Markus zuvor ein Erfolg, ebenso der ungeplante Auftritt von Frank Schmitter.

Am Nachmittag dann ein Podiumsgespräch zur aktuellen Situation der Lyriker (verarmt und ausgebuht) zusammen mit Markus, Johannes Frank und Bertram Reinicke. Schnell kommt das Thema auf Schreibschulen, und ob man dort das Dichten lernen könne. Eher nicht.
Auch dieses mal kaum Zuhörer. O, München, Hauptstadt der Bildungsbürger scheinst du nicht zu sein. Oder sind alle im Schnee stecken geblieben? Oder wollen sie mich einfach nicht hören?

Publikum

Noch ein kurzes Gespräch mit Johannes, der wenig später zum Flughafen muss, um zurück nach Berlin zu fliegen, der viel früher in der Heimat ankommen wird als ich, was ich ihm ein bisschen neide. Dann eine Gulaschsuppe zu fünf Euro, schließlich zur U-Bahn-Station. Wenig später stapfe ich durch eine aufgegebene Schalterhalle des Münchener Hauptbahnhofs und besteige den ICE.


Regional-Bahnhofshalle, München



In der Helle des Bahnhofs wirbeln Schneewolken aus den Deckenstrahlern. Die Verlassenheit des Reisens an einem Winterabend. Richtung Jena/Paradies, wie es neonrot am Waggonhimmel leuchtet. Die gelassene Verlassenheit des Reisens. In solch Stimmung von Weltschmerz möchte man zwei Sitze weiter nicht die graue, warme Unterwäsche einer mitteldicken Frau sehen, die sich nach Vorne beugt und nach einem Snack angelt.
Abfahrt des Zuges. Eine Stunde später erreicht mich eine SMS von Johannes, dass sein Flug ob des Wetters gestrichen worden sei, und er nun in dieser Stadt festhängen würde. Ach, wie schön kann Bahn fahren sein.

Paradies

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Montag, 5. November 2012

Ich habe Julius Röntgen angeschrieben. Er hat meine Mutter nie kennengelernt. Die beiden standen niemals Hand in Hand vor der Statue auf der Conradbrug. Es wäre zu schön gewesen, nach mehr als sechzig Jahren so eine Wahre Begebenheit zu entdecken. Aber diese zwei Kinder sind in den späten 40er Jahren aneinander vorbei gelaufen. Sind vielleicht nur das eine oder andere Mal zur gleichen Zeit in die Tram Nr. 3 eingestiegen. Und Julius hat Johanna die Zunge rausgesteckt, und meine siebenjährige Mutter hat mit den Augen gerollt.

Aber für mich ist dieses Gedankenspiel wieder eine Erinnerung mehr. So wie die Lesung von Markus eine Erinnerung mehr ist.
Hier die Photos von der - nennen wir es - Aftershow-Party:

Florian Voß (Photo Adrijana Bohocki)

Daniel Falb, Steffen Popp

Adrijana Bohocki, Hendrik Jackson

Markus Hallinger

Karla Reimert, Markus Hallinger, Marte Huke

Der Hallinger Markus

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Sonntag, 4. November 2012


Was nicht aufgeschrieben wird, das ist vergessen.
Die letzten Wochen habe ich kaum geschrieben, weder am Blog noch an anderen Texten. Und all die Erlebnisse, die ich jetzt nicht mehr erinnere, die sind in die Unterwelt meines Selbst abgetaucht. Auch wichtige Ereignisse, wie die Lesung von Hallinger letzte Woche, werden mehr und mehr zu Schemen.
Ohnehin eine faszinierende Sache, was sich einprägt und was nicht. Wenn man sich in einem unspektakulären Moment des Lebens vornimmt, diesen sich einzuprägen, funktioniert das sogar. Nachdem ich die Wohnung meiner gestorbenen Mutter geräumt hatte, vor nunmehr fünf Jahren, fuhr ich zum ehemaligen Haus meiner Großeltern, stand lange davor und ging dann zurück zur Straßenbahnhaltestelle. Dort wartete ich, mit Blick auf die Brücke, die sich über den Stichkanal zur Küste wölbte. Die Statue auf der Brüstung sah noch immer aus, wie meine Großmutter in jungen Jahren mit ihren zwei ältesten Töchtern. Das war schon immer Familienlegende gewesen und hatte sich mir in früher Kindheit eingeprägt, als ich jeden Sommer an dieser Brücke an der Laan van Meerdervoort stand. Die Sonne schien fast golden, der Himmel war weit und holländisch. Und ich prägte mir den Moment ein, dachte kurz über einen Bioladen nach, der am anderen Ende der Straße aufgemacht haben sollte – selbst das erinnere ich noch jetzt – schaute die Gleise entlang. Und seitdem liegt mir diese Szenerie klar vor dem inneren Auge. An das Gesicht meiner verstorbenen Mutter kann ich mich schon nicht mehr so gut erinnern. Hätte ich keine Photos, wäre ihr Antlitz genau nur noch das: ein Antlitz.
Also lasst mich schnell noch über Hallingers Lesung schreiben (mit dem ich zur Zeit eine Partie Schach per Email spiele; er hat mal 1850 Elo gehabt – und er wird mich fertig machen, befürchte ich).
Wir kamen zusammen am vergangenen Sonntagabend im Wedding. Im Parlandopark lasen eine norwegische Dichterin und eben Markus Hallinger, dessen Debütband ich unlängst in der Lyrikediton 2000 herausgegeben habe. Und obwohl ich die Gedichte fast auswendig kannte, ich hatte sie ja lektoriert, verblüfften sie mich erneut, faszinierten mich gesprochen noch einmal mehr.
Gute Gedichte sind das, uneitel und genau, ganz neben der Spur, auf der die meisten Dichter heutzutage fahren. Eigen sind sie. Und der Gedichtband heißt auch so: Das Eigene.
Ich bin sehr froh, dass ich dieses Buch herausgeben durfte.
Die Lesung war gut besucht; in erster Linie waren andere Dichter und Dichterinnen gekommen, was ja eine ähnliche Bedeutung hat, wie vorwiegend asiatisches Publikum in einem chinesischen Restaurant in Berlin: das Essen muss phantastisch sein.

Hendrik Jackson

Marte Huke, Hendrik Jackson

Karla Reimert, Markus Hallinger

Steffen Popp, Adrijana Bohocki, Birgit Kreipe

Steffen Popp, Adrijana Bohocki, Birgit Kreipe

Hendrik Jackson, Markus Hallinger

Hendrik Jackson, Marte Huke

Markus Hallinger

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Gerade habe ich nach einem Photo der Statue auf der Brücke gesucht und sie auf der Homepage eines Mannes gefunden, der 1945 in Den Haag geboren wurde und seine Kindheit um die Ecke der Laan van Meerdervoort verbracht hat. Da meine Mutter 1943 zur Welt kam und ebenfalls ihre Kindheit in diesem Viertel verbrachte, auch täglich mit der Tram Nr. 3 von der Brücke abfuhr, ist es fast schon wahrscheinlich, dass sich die beiden kannten, zusammen auf der Straße gespielt haben, vielleicht sogar die selbe Schule besuchten. Auch dieser Mann, Julius Röntgen, schreibt sehnsüchtig über seine Erinnerung an die Statue. So zentrieren sich viele Gedanken um dieses Bild eines Sommermorgens, eines Winternachmittags auf der Brücke, auf der auch ich so oft stand, mit Blick auf die steinerne Mutter mit ihren zwei steinernen Kindern.
Das Internet ist eine Art von Noosphäre geworden, ein Nullpunktfeld, in dem sich alle personengebundenen Neuronen vereinen. Es ist eigentlich der konkrete Himmel geworden, ein Jenseits aus Nullen und Einsen.

Conradbrug (Photo: Julius Röntgen)

Dirk Wolbers: "Veilig in 't verkeer", 1937 

Meine Mutter, im Alter meines Sohnes

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